{"id":12410,"date":"2013-05-01T00:00:27","date_gmt":"2013-04-30T22:00:27","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=12410"},"modified":"2022-07-26T14:12:12","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:12","slug":"die-liebe-der-frauen-zur-freiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/05\/die-liebe-der-frauen-zur-freiheit\/","title":{"rendered":"&#8222;Die Liebe der Frauen zur Freiheit&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><b>Bernd: Antje, Du bist Journalistin, Politikwissenschaftlerin                 und Philosophin. 1999 hast Du \u00fcber Frauen in der Internationalen                 Arbeiterassoziation, der &#8222;Ersten Internationale&#8220;, promoviert.                 Kannst Du kurz erkl\u00e4ren, was die Erste Internationale war? Was                 ist das Ergebnis Deiner Studie?<\/b><\/p>\n<p><i>Antje: <\/i>Die Erste Internationale war der erste europ\u00e4ische                 Dachverband der ArbeiterInnenbewegung, gegr\u00fcndet 1864 vor allem                 von englischen und franz\u00f6sischen Arbeitergruppen. Sie bestand                 nur bis 1872, also eine relativ kurze Zeit, nur acht Jahre. <\/p>\n<p>Die Erste Internationale ist insofern bekannt und ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigt                 geworden, weil sich dort ideologische oder konzeptionelle Konflikte                 zwischen Marx und Bakunin abgespielt haben. Es ging also um die                 Frage: Welche Richtung nimmt der Sozialismus, eher eine marxistische                 oder eher eine bakunistisch-anarchistische? <\/p>\n<p>Ich habe in diesem Zusammenhang untersucht, wie sich Frauen an                 diesen Diskussionen beteiligt haben. Die haben sich n\u00e4mlich daran                 beteiligt. <\/p>\n<p>Meine Hauptthese ist, dass sie nicht unbedingt interessiert hat,                 was besser gewesen ist, Marxismus oder Anarchismus, sondern dass                 diese Aufteilung in diese beiden Linien eher aus einer m\u00e4nnlichen                 Sicht getroffen wurde. Wenn man die Fragen angeht, die die Frauen                 interessiert haben, kommt man zu ganz anderen Konfliktlinien.               <\/p>\n<p><b>Bernd: Wie bist Du auf dieses Thema gekommen? Wie war der                 Einfluss von Frauen auf den fr\u00fchen Anarchismus?<\/b><\/p>\n<p><i>Antje:<\/i> Ich bin zuf\u00e4llig auf dieses Thema gekommen, sozusagen                 wie die Jungfrau zum Kinde. Ich habe Politikwissenschaft studiert,                 und im ersten Semester war &#8222;Geschichte der Internationalen Arbeiterbewegung&#8220;                 ein Pflichtseminar, an dem ich also teilnahm. Mir wurde ein Referat                 \u00fcber die &#8222;Inauguraladresse&#8220; von Karl Marx zur Gr\u00fcndung der Ersten                 Internationalen Arbeiterassoziation zugeteilt. ((2))               <\/p>\n<p>Ich wusste von all dem gar nichts und habe mich dann da hineingelesen                 und &#8211; wieder zuf\u00e4llig &#8211; ein tolles Buch gefunden: Rudolf Meyer,                 &#8222;Der Emancipationskampf des Vierten Standes&#8220;. ((3))                 Ein dicker W\u00e4lzer, in dem detailliert die Geschichte der Arbeiterbewegung                 nachgezeichnet ist. Und dort stand, dass bei der Gr\u00fcndung der                 Ersten Internationale ein Gru\u00dfwort verlesen worden sei von der                 bekannten franz\u00f6sischen Sozialistin Jeanne Deroin. ((4))               <\/p>\n<p>Das hat er nur so erw\u00e4hnt, aber damit war mein Interesse geweckt.                 Ich wollte wissen, wer das war. So fing das dann an. Aus dieser                 Frage &#8211; &#8222;Wer war eigentlich Jeanne Deroin?&#8220; &#8211; wurde dann letztlich                 eine ganze Doktorarbeit. <\/p>\n<p><b>Bernd: Was bedeutet Feminismus f\u00fcr Dich?<\/b><\/p>\n<p><i>Antje: <\/i>Die Liebe der Frauen zur Freiheit bedeutet f\u00fcr                 mich Feminismus. Eine Sicht auf die Welt, die als Angelpunkt die                 Freiheit der Frauen hat. Damit verbunden sind nat\u00fcrlich einige                 Konflikte mit der Welt, so wie sie bisher bestanden hat, aber                 eben auch die Erfahrung, dass Frauen, wenn sie sich miteinander                 auseinandersetzen, auch etwas ver\u00e4ndern k\u00f6nnen. <\/p>\n<p><b>Johanna: Wie kam es dazu, dass Du Dich zur Feministin entwickelt                 hast?<\/b><\/p>\n<p><i>Antje:<\/i> Ich habe in den 80er Jahren studiert und in dieser                 Zeit auch ein Volontariat als Journalistin gemacht. Das war die                 Zeit, in der sich die Frauenbewegung in Deutschland konsolidiert                 hat. Damals sind die ganzen Gleichstellungsstellen eingerichtet                 worden, oder die &#8222;Frauenbeauftragten&#8220;, wie das damals noch hie\u00df.                 Es ist viel geforscht worden auch in Bezug auf Frauen in der Geschichte,                 auch von mir selbst. <\/p>\n<p>So kam ich da ganz automatisch rein, wobei ich anfangs eine etwas                 distanziertere Haltung hatte. Ich habe mich damals nicht besonders                 benachteiligt gef\u00fchlt. Ich f\u00fchlte mich nicht diskriminiert und                 habe eher als Journalistin \u00fcber diese ganzen feministischen Sachen                 berichtet. Weil es damals in den Redaktionen ja noch kaum Frauen                 gab, wurde die einzige Frau eben \u00fcberall hingeschickt, wo es etwas                 gab, das mit Feminismus zu tun hatte. Das hei\u00dft, ich war eigentlich                 gut informiert, aber ich habe eine Weile gebraucht, um mich selbst                 als Aktivistin zu sehen und nicht nur als wohlwollende Beobachterin.               <\/p>\n<p><b>Johanna: Aber hast Du denn auch Erlebnisse gehabt oder Erfahrungen                 gemacht, die Dich dazu inspiriert haben, so zu denken wie Du denkst?<\/b><\/p>\n<p><i>Antje:<\/i> Ja, es gab ein ziemlich einschneidendes Erlebnis                 f\u00fcr mich, das war bei einer dieser Gelegenheiten, bei einem Kongress                 zum Thema Frauenbewegung, \u00fcber den ich berichten sollte. Und auf                 diesem Kongress war eine Feministin aus Italien als Referentin,                 Chiara Zamboni aus Verona. Ich kam zuf\u00e4llig mit ihr ins Gespr\u00e4ch,                 weil ich Italienisch konnte und mich die Veranstalterinnen deshalb                 zu ihr gesetzt haben. Wir haben uns unterhalten. <\/p>\n<p>Ich war bei solchen Veranstaltungen immer gew\u00f6hnt, dass alle                 mir erz\u00e4hlen wollen, was sie Tolles machen, damit ich dann dar\u00fcber                 schreibe. Bei Chiara Zamboni war das anders. Sie hat mich dauernd                 gefragt: Was meinst Du denn? Sie war ehrlich interessiert daran,                 meine pers\u00f6nliche Meinung zu h\u00f6ren. Da habe ich verstanden, dass                 es beim Feminismus nicht nur darum geht, dass man bestimmte Forderungen                 vertritt, die es schon gibt, sondern dass es bedeutet, sich wirklich                 daf\u00fcr zu interessieren, was andere Frauen zu sagen haben, gerade,                 wenn sie vielleicht etwas anderes sagen, als man selbst. Das habe                 ich bei dem Interesse von Chiara Zamboni gesp\u00fcrt. So hat sie mich                 quasi reingezogen in ihre Art, also die italienische Art des Feminismus.                 Ich habe dann auch angefangen mit den Italienerinnen zusammenzuarbeiten                 und deren Texte zu \u00fcbersetzen und in dieser Art auch im deutschsprachigen                 Raum Feminismus voran zu treiben. <\/p>\n<p><b>Johanna: Interessant. Und wie ist das mit dem Anarchismus?                 Wann hast Du angefangen Dir dar\u00fcber Gedanken zu machen?<\/b><\/p>\n<p><i>Antje:<\/i> Der Anarchismus ist sozusagen durch das Studium                 bei mir angekommen. Ich wusste dar\u00fcber vorher eigentlich nichts                 Gro\u00dfartiges. Durch die Besch\u00e4ftigung mit der Geschichte der ArbeiterInnenbewegung                 bin ich auf den Anarchismus gekommen und habe gemerkt, dass das,                 wie ich finde, eine freiheitlichere Art ist, an gesellschaftliche                 Missst\u00e4nde heranzugehen und \u00fcber eine Neuordnung der Gesellschaft                 nachzudenken. Ich finde, dass es da eben auch viele Parallelen                 zu diesem italienischen Differenzfeminismus gibt, weil es beiden                 nicht darum geht, ein festes Programm voranzutreiben, sondern                 darum, R\u00e4ume zu schaffen, wo man sich freiheitlich auseinandersetzen                 kann \u00fcber das, was man eigentlich m\u00f6chte. <\/p>\n<p><b>Bernd: Verstehst Du Dich auch als Anarchistin bzw. Anarchafeministin?                 Was bedeuten Anarchismus und Anarchie f\u00fcr Dich?<\/b><\/p>\n<p><i>Antje: <\/i>Ja, ich nenne mich schon so, wenn ich in entsprechenden                 Zusammenh\u00e4ngen bin.<\/p>\n<p>Das Wort l\u00f6st aber leicht Missverst\u00e4ndnisse aus. Ich w\u00fcrde mich                 als Anarchistin bezeichnen im Sinne dessen, dass ich nicht glaube,                 dass wirkliche Gesellschaftsver\u00e4nderungen m\u00f6glich sind \u00fcber die                 Ausnutzung staatlicher Strukturen. <\/p>\n<p>Da sehe ich auch viele Parallelen zum Feminismus. Es geht mir                 nicht um eine Gleichstellung von Frauen in Bezug auf das, was                 die M\u00e4nner bisher schon gemacht haben, sondern, was mich interessiert                 sind Ideen von Frauen darauf hin, was man anders machen kann.                 Da sehe ich viele Parallelen zum Anarchismus, der ja eben auch                 nicht den Ansatz hatte, dass sich die Arbeiter in das bestehende                 parlamentarische System integrieren, durch die Gr\u00fcndung von Arbeiterparteien                 oder so, sondern, dass es darum geht, zu verhandeln, wie man das                 Politische \u00fcberhaupt anders denken kann und wie man Regeln auf                 eine andere Weise finden kann, als durch die bestehenden staatlichen                 Strukturen. <\/p>\n<p><b>Bernd: Normalerweise wird Anarchie ja immer noch oft mit Chaos                 und Terror gleichgesetzt. Im Moment haben wir eine Entwicklung,                 dass es zum Beispiel Fernsehtalkshows gibt, wo dann h\u00e4ufig auch                 David Graeber sitzt, also ein bekannter anarchistischer Autor                 und Aktivist. Vielleicht tr\u00e4gt das dazu bei, dass sich die verzerrte                 Sichtweise auf den Begriff &#8222;Anarchist&#8220; zum Positiven hin wandelt.                 Das kann man zumindest hoffen. Wie sch\u00e4tzt Du denn die aktuellen                 libert\u00e4ren Bewegungen ein? <\/b><\/p>\n<\/p>\n<p> <i>Antje:<\/i> Ich bin da ein bisschen zwiesp\u00e4ltig. Ich hatte                 eigentlich gehofft, dass mit dem Ende des &#8222;real existierenden                 Sozialismus&#8220;, der mal als linke Richtung sehr pr\u00e4gend war und                 dominiert hat, dass mit dem Zusammenbruch sich vielleicht eine                 M\u00f6glichkeit h\u00e4tte ergeben k\u00f6nnen, das Thema Sozialismus nochmal                 breiter aufzumachen. Aber das hat, soweit ich es beobachtet habe,                 nicht so wirklich funktioniert. Ich sehe nicht, dass der Anarchismus                 als politische Bewegung da in diese L\u00fccke hineingesprungen w\u00e4re.                 Aber ich glaube, dass doch bestimmte Aspekte davon wirksam sind.                 Also zum Beispiel in der Commons-Bewegung oder auch in der Grundeinkommens-Bewegung,                 da sind mehr anarchistische Impulse drin, als das im starren Marxismus-Leninismus                 fr\u00fcher der Fall war. <\/p>\n<p>Dass der Anarchismus immer wieder mit Bombenwerfen, Chaos und                 Gewalt in Verbindung gebracht wurde, ist auch schon die Folge                 einer eingeschr\u00e4nkten Sichtweise auf den historischen Anarchismus.                 Es gab n\u00e4mlich dar\u00fcber, das ist z.B. ein Ergebnis meiner Forschungen                 gewesen, durchaus auch schon inneranarchistische Auseinandersetzungen                 zur Zeit der Ersten Internationale, wo auch von Frauen wie zum                 Beispiel Virginie Barbet ((5))                 in Frankreich, in Lyon, durchaus Kritik an diesen Gewalt anwendenden                 Strategien ge\u00fcbt haben.<\/p>\n<p><b>Johanna: Wie lange besch\u00e4ftigst Du Dich schon mit den beiden                 Bereichen Feminismus und Anarchismus? <\/b><\/p>\n<p><i>Antje: <\/i>Seit den 80er Jahren, seitdem ich da diese beiden                 Str\u00e4nge zusammengebracht habe.<\/p>\n<p>Und ich versuche, das in andere Bewegungen hineinzubringen. Gerade                 auch im Zusammenhang mit der Frauenbewegung. Da gibt es ja auch                 viele Feministinnen, die sich erhoffen, durch Einfluss auf staatliche                 Mechanismen die Situation der Frauen zu verbessern. Gleichberechtigungs-                 oder Quotenforderungen, oder die Installation von Gender-Mainstreaming,                 das sind ja alles Versuche, durch staatliche Interventionen die                 Situation der Frauen zu verbessern. Ich sehe das kritisch und                 interveniere dann auch immer, wenn sich zu viele Hoffnungen gemacht                 werden, dass man durch die Einrichtung von ein paar Gleichstellungsbeauftragten                 substanziell etwas ver\u00e4ndern k\u00f6nnte. <\/p>\n<p><b>Johanna: Aber Du siehst schon eine gro\u00dfe Verbindung zwischen                 Anarchismus und Feminismus?<\/b><\/p>\n<p><i>Antje: <\/i>Genau. Unter &#8222;richtig verstandenem Anarchismus&#8220;                 und &#8222;richtig verstandenem Feminismus&#8220;, &#8222;richtig verstanden&#8220; nat\u00fcrlich                 mit ironischen Anf\u00fchrungszeichen. <\/p>\n<p>Es gibt nat\u00fcrlich auch unter Anarchisten viele, f\u00fcr die die weibliche                 Freiheit nicht gerade an erster Stelle steht. Es gibt in allen                 gemischten Bewegungen, auch im Anarchismus, welche, die frauenfeindlich                 sind. <\/p>\n<p>Viele halten ja zum Beispiel Proudhon f\u00fcr einen Vordenker des                 Anarchismus. Und der war einer der krassesten Frauenfeinde, die                 die Welt je gesehen hat. Also, wenn Proudhon Anarchist ist, bin                 ich keine Anarchistin. Und genauso gibt es eben auch im Feminismus                 Richtungen, die diese Freiheitlichkeit der politischen Auseinandersetzung                 nicht unbedingt sehen, die glauben, Feministin zu sein, bedeutet,                 bestimmte Positionen zu vertreten, und die nicht akzeptieren oder                 es f\u00fcr eine Schw\u00e4chung der Bewegung halten, wenn andere Frauen                 die Dinge anders sehen. <\/p>\n<p><b>Bernd: Proudhon war historisch betrachtet 1840 der erste Mensch,                 der sich selbst als Anarchist bezeichnet hat. <\/b><\/p>\n<p><b>Er war allerdings auch ein \u00fcbler Antisemit und Frauenhasser.                 In Deutschland ist das heute auch ziemlich bekannt und es ist                 Konsens bei den meisten Anarchistinnen und Anarchisten, dass Proudhon                 keine positive Bezugsperson sein kann. In Frankreich ist das vielleicht                 noch anders. Aber hierzulande spielt Proudhon keine Rolle mehr                 f\u00fcr die anarchistische Bewegung, w\u00fcrde ich sagen.<\/b><\/p>\n<p><i>Antje:<\/i> Ja, w\u00fcrdest Du das so sagen? Ich sehe nur, dass                 in jedem Buch \u00fcber die Geschichte des Anarchismus Proudhon nach                 wie vor vorkommt. Dann wird zwar so gesagt &#8222;Das war ein Frauenfeind                 und das war nicht so toll an ihm&#8220;, aber ich glaube nicht, dass                 jemand eine gute politische Theorie haben kann und gleichzeitig                 &#8211; quasi wie zuf\u00e4llig &#8211; nebenbei auch noch Frauenfeind ist. Was                 mir nicht genug passiert, ist, dass diese Differenzen im Anarchismus                 analysiert werden. <\/p>\n<p>Das bin ja jetzt nicht nur ich, die sagt, Proudhon war kein Anarchist.                 Es war vielmehr so, dass auch damals im 19. Jahrhundert viele                 Anarchisten aus der bakunistischen Richtung gesagt haben: &#8222;Proudhon                 war kein Anarchist&#8220;. Es gab viele Anarchisten, die anfangs nicht                 in die Internationale eintreten wollten, weil die in Frankreich                 so stark vom Proudhonismus dominiert war. Und da sind wir, glaube                 ich, noch durch diesen starken Fokus auf den Gegensatz Marxismus-Anarchismus                 so ein bisschen darauf gepolt, zu denken: Alle, die nicht f\u00fcr                 Marx waren oder die von Marx bek\u00e4mpft wurden, waren Anarchisten.                 Das halte ich f\u00fcr falsch. <\/p>\n<p><b>Bernd: Du findest auch bei Bakunin \u00fcble [sogar auch antisemitische]                 Zitate. Proudhon und Bakunin, das waren Machos des 19. Jahrhunderts                 und sozusagen &#8222;Kinder ihrer Zeit&#8220;. Da hat sich meiner Meinung                 nach heute auch ein deutlicher Wandel vollzogen und auch bei vielen                 Libert\u00e4ren viel im positiven, antisexistischen Sinne ver\u00e4ndert.                 <\/b><\/p>\n<p><i>Antje:<\/i> Ja, das schon. Aber man kann ihn und Proudhon da                 nicht gleichsetzen. Nat\u00fcrlich kann man sagen &#8222;auch Bakunin war                 ein Macho&#8220;, aber er hat auch egalit\u00e4re Positionen vertreten und                 er hat mit Frauen zusammengearbeitet, die das anders gesehen haben                 als er. Bakunin, war zeitgeschichtlich gesehen, im &#8222;Durchschnitt&#8220;,                 das Thema Feminismus hat ihn nicht interessiert, aber er war auch                 nicht dezidiert dagegen. <\/p>\n<p>Proudhon hingegen war auch f\u00fcr seine Zeit extrem antifeministisch,                 er hat Feministinnen aktiv bek\u00e4mpft. <\/p>\n<p>Das sind zwei ganz unterschiedliche Haltungen, die man nicht                 in einen Topf werfen kann. Nur eine Distanzierung von Proudhon                 reicht mir da nicht, sondern man muss schon sehen, dass diese                 Differenzen und die Fehlschl\u00fcsse bei ihm tiefer gehen, auch in                 Bezug auf das Familienbild und so weiter. Das war bei ihm nicht                 zeitbedingt, denn es gab damals schon Alternativen, die auch gro\u00df                 diskutiert worden sind und die im historischen R\u00fcckblick auch                 zu kurz kommen. Also, wie wichtig es auch im Anarchismus war,                 neue Familienmodelle zu diskutieren, das wird noch gar nicht genug                 ber\u00fccksichtigt. Da g\u00e4be es auch noch viel, worauf sich der Anarchismus                 heute positiv beziehen k\u00f6nnte, auch an Vordenkerinnen und Vordenkern.               <\/p>\n<p><b>Johanna: Wie sieht Dein Alltag aus?<\/b><\/p>\n<p><i>Antje: <\/i>Der sieht an jedem Tag ein bisschen anders aus.                 Ich sitze viel am Schreibtisch, aber ich bin auch viel in der                 Redaktion, im B\u00fcro oder reise herum, besuche Konferenzen oder                 halte Vortr\u00e4ge oder vernetzwerke mich in feministischer Weise.                 Ich habe keinen einheitlichen Tagesablauf, sondern entscheide                 das von Tag zu Tag neu. <\/p>\n<p><b>Johanna: Bei den Recherchen \u00fcber Dich ist mir aufgefallen,                 dass Du als Redakteurin der Zeitschrift &#8222;Evangelisches Frankfurt&#8220;                 arbeitest. Kirche und Feminismus, das hat ja auch Komplikationen.                 Wie kommt es, dass Du f\u00fcr eine Kirchenzeitung schreibst? <\/b><\/p>\n<p>Antje: Also, ich habe ja mal Theologie studiert und wollte Pfarrerin                 werden. Ich habe dann aber schnell gemerkt, dass ich nicht f\u00fcr                 die Kirche sprechen will. Aber ich habe kein Problem, f\u00fcr die                 Kirche zu arbeiten, weil: Ich w\u00fcrde schon sagen, dass ich fromm                 bin. <\/p>\n<p>Aber das l\u00f6st normalerweise genauso viele Missverst\u00e4ndnisse aus,                 wie wenn ich sage, dass ich Anarchistin bin. F\u00fcr mich geht es                 zusammen, aber ich sehe, dass es f\u00fcr viele Leute nicht zusammen                 geht. Ich bin in der kirchlichen Frauenbewegung gro\u00df geworden                 und ich fand die eigentlich auch immer sehr gut. Ich finde, das,                 was in kirchlichen Frauengruppen passiert, ist oft sehr interessant                 und f\u00fcr mich auch meist interessanter, als das, was in &#8222;klassischen&#8220;,                 eher staatlich orientierten Gleichstellungsbewegungen passiert.               <\/p>\n<p><b>Johanna: Versp\u00fcrst Du den Wunsch, etwas in der Kirche zu ver\u00e4ndern?<\/b><\/p>\n<p><i>Antje:<\/i> Ja, wenn die Kirche will, helfe ich ihr gerne,                 sich zu ver\u00e4ndern. Wenn sie nicht will, muss sie dann halt ohne                 mich auskommen. Ich habe grunds\u00e4tzlich eine Skepsis bis ablehnende                 Haltung in Bezug auf Institutionen. Das gilt f\u00fcr den Staat genauso                 wie f\u00fcr die Kirche, insofern es eine Institution ist. Und ich                 bin nicht sehr zuversichtlich, was das Ver\u00e4nderungspotential von                 Institutionen betrifft. Ich habe auch keinen gro\u00dfen Ehrgeiz, die                 Institutionen zu retten. Das ist ja etwas, was sich viele versprechen,                 also: &#8222;Mehr Frauen in die Parteien, dann \u00fcberleben die wieder&#8220;.                 Da sehe ich meine Aufgabe eher nicht. <\/p>\n<p><b>Johanna: Wie wurdest Du zur Bloggerin?<\/b><\/p>\n<p>Antje: Ich habe das Internet von Anfang an geliebt. Ich finde                 es phantastisch, die M\u00f6glichkeit zu haben, Sachen, die man publizieren                 m\u00f6chte, einfach publizieren zu k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Es ist ja auch etwas, das die Arbeiterbewegung und die Frauenbewegung                 interessiert hat, die Frage &#8222;Wie kommen wir in die Mainstream-Medien?&#8220;.                 Gar nicht n\u00e4mlich. Deswegen waren in der Arbeiterbewegung auch                 immer die Drucker so wichtig, weil die den Zugang zu den Druckmaschinen                 hatten, und damit die M\u00f6glichkeit, \u00fcberhaupt etwas zu ver\u00f6ffentlichen.<\/p>\n<p>Das Internet macht das frei f\u00fcr alle. Deswegen habe ich schon                 fr\u00fch angefangen, meine Texte und \u00fcberhaupt alles was ich produziert                 habe, ins Internet zu stellen. Und ich habe dann, sobald das Bloggen                 erfunden wurde, auch damit angefangen, weil dort auch die M\u00f6glichkeit                 besteht zu diskutieren, Kommentare zu haben und sich zu vernetzen.                 Ich finde das klasse, auch gerade im Zusammenhang mit der Perspektive,                 dass sich Soziale Bewegungen unabh\u00e4ngiger von den Institutionen                 und Mainstream-Medien machen k\u00f6nnen. <\/p>\n<p><b>Johanna: Du schreibst ja auch f\u00fcr die gewaltfrei-anarchistische                 Monatszeitung <i>Graswurzelrevolution<\/i>. M\u00f6chtest Du mit Deiner                 Internetseite ((6)) und Deinen                 Artikeln eine bestimmte Zielgruppe ansprechen? <\/b><\/p>\n<p><i>Antje: <\/i>Ja, aber nicht so sehr zielgerichtet. Im Internet                 ist es ja so, dass die, die sich f\u00fcr etwas interessieren, dadurch                 auch zusammenkommen k\u00f6nnen. Also, ich freue mich, wenn das, was                 ich schreibe, auf Resonanz st\u00f6\u00dft, und wenn Leute das lesen, gut                 finden und weiter verteilen. Aber ich schreibe nicht f\u00fcr eine                 bestimmte Zielgruppe, sondern ich ver\u00f6ffentliche das in der Hoffnung,                 dass Leute, die an \u00e4hnlichen Sachen interessiert sind, wie ich,                 sich dann da zusammenfinden k\u00f6nnen. <\/p>\n<p><b>Johanna: Und Du freust Dich auch, wenn Leute ihre Meinung                 \u00e4ndern und Deine Denkweisen annehmen?<\/b><\/p>\n<p><i>Antje:<\/i> Ja, aber ich freue mich auch, wenn ich durch Beitr\u00e4ge                 anderer dazu angeregt werde, meine Meinung zu \u00e4ndern. Das ist                 ja immer ein gegenseitiger Prozess. <\/p>\n<p><b>Johanna: Erlebst Du \u00f6fters Anfeindungen aufgrund Deiner Denkweisen                 und T\u00e4tigkeiten?<\/b><\/p>\n<p><i>Antje: <\/i>Weniger, als man vermuten k\u00f6nnte. Wenn man im Internet                 feministisch unterwegs ist, hat man immer auch mit bl\u00f6den Kommentaren                 zu tun. <\/p>\n<p>Aber unterm Strich \u00fcberwiegt die positive Resonanz. Auch, wenn                 ich sage &#8222;ich bin Anarchistin&#8220;, gibt es eigentlich eher positive                 Nachfragen. Im Internet mache ich allerdings auch eine rigide                 Kommentarpolitik. Also, Leute, die sich unh\u00f6flich ausdr\u00fccken,                 oder die unsachlich sind und wo mir der Ton nicht gef\u00e4llt, die                 l\u00f6sche ich. Mit denen setze ich mich nicht auseinander. Dann bleiben                 automatisch die interessanteren Leute \u00fcbrig. <\/p>\n<p><b>Bernd: In der <i>Graswurzelrevolution<\/i> Nr. 377 vom M\u00e4rz                 2013 ist ein Leitartikel von Dir \u00fcber den feministischen &#8222;Aufschrei&#8220;                 erschienen. Du siehst diese antisexistische Kampagne als &#8222;Vorboten                 einer neuen Art gesellschaftlicher Debatte&#8220;?<\/b><\/p>\n<p><i>Antje:<\/i> Ja, ich fand diese Aktion sehr interessant, weil                 sie gezeigt hat, wie ein Thema unter den Bedingungen des Internet                 diskutiert werden kann, n\u00e4mlich so, dass gerade unterschiedliche                 Perspektiven daraus sichtbar werden. Es gab ja nicht die eine                 <i>#aufschrei<\/i>-Position, sondern es war die M\u00f6glichkeit, dass                 viele Frauen von ihren Erlebnissen erz\u00e4hlt haben, dass viele Leute                 dazu gebloggt haben, die einen radikaler, die anderen ein bisschen                 mainstreamiger, die einen kritisch dagegen, was dann wiederum                 andere dazu gebracht hat, diese Sachen zu widerlegen und ihre                 Sichtweise darzustellen. <\/p>\n<p>So ergab sich ein Gesamtbild, bei dem deutlich herauskam, dass                 Alltagssexismus ein wichtiges Thema ist und auch nach wie vor                 ein bestehendes Problem. Aber es gab eben nicht die eine Initiative,                 die dazu ein Positionspapier erarbeitet hat, oder die eine Forderung,                 hinter der sich alle versammeln mussten. Das finde ich toll, weil                 so meiner Meinung nach politische Diskurse sein m\u00fcssen. Am Ende                 steht dann nicht ein festes Ergebnis, sondern eine Gesellschaft,                 die ein Thema bearbeitet hat, und alle sind hinterher ein bisschen                 woanders, als sie vorher waren, aber nicht an einem einheitlichen                 Punkt. <\/p>\n<\/p>\n<p><b>Bernd: W\u00fcrdest Du sagen, dass das auch daran liegt, dass die                 neue Medien, in diesem Fall auch Twitter, neue M\u00f6glichkeiten schaffen,                 um solche Kampagnen \u00fcberhaupt zu starten und zu verbreiten?<\/b><\/p>\n<p><i>Antje:<\/i> Ja, genau, und eben M\u00f6glichkeiten, die an den etablierten                 Institutionen vorbei gehen. Bisher wurden politische Kampagnen                 ja immer von irgendjemandem gestartet, von irgendeiner NGO oder                 von einer Partei. Jetzt war es so, dass zwei Frauen nachts im                 Gespr\u00e4ch die Idee hatten, wir k\u00f6nnten doch dieses Hashtag ((7))                 machen. Ob das dann gro\u00df wird entscheidet sich daran, ob die vielen                 anderen darauf eingehen oder ob sie es links liegen lassen. In                 dem Fall hat es bei vielen den Wunsch ausgel\u00f6st, sich daran zu                 beteiligen, und deshalb ist es so gro\u00df geworden. Obwohl niemand                 sich das ausgedacht hat als Kampagne. <\/p>\n<p><b>Bernd: Du hast 2007 zusammen mit anderen das Internetforum                 f\u00fcr Philosophie und Politik &#8222;Beziehungsweise weiterdenken&#8220; ((8))                 gegr\u00fcndet. Zusammen mit Dorothee Markert hast Du B\u00fccher der italienischen                 Feministinnen der Gruppe <i>Libreria delle donne di Milano<\/i>                 und der Philosophinnengruppe <i>Diotima<\/i> \u00fcbersetzt. Kannst                 Du dazu etwas sagen?<\/b><\/p>\n<p><i>Antje:<\/i> Ja, das sind die, von denen ich anfangs schon berichtet                 habe. Also, Chiara Zamboni ist eine davon, und Luisa Muraro, die                 diesen Differenzfeminismus italienischer Art vertreten und damit                 eben nicht meinen, dass man nun \u00fcber irgendwelche angeblichen                 biologischen Unterschiede zwischen Frauen und M\u00e4nnern nachdenkt,                 sondern dass die weibliche Differenz eingebracht werden soll in                 eine bestehende politische Debatte. Dass es sozusagen positiv                 zum Hebel gemacht wird, dass Frauen bisher ausgeschlossen waren,                 zum Beispiel aus den meisten Institutionen. Das spricht mich sehr                 an, weil es von dieser weiblichen Perspektive des Ausgeschlossen-gewesen-Seins                 noch einmal einen anderen Blick gibt auf das, was alle so f\u00fcr                 selbstverst\u00e4ndlich halten, wie zum Beispiel die parlamentarische                 Demokratie. Das neuste Buch von Diotima, das wir \u00fcbersetzt haben,                 hat den Titel &#8222;Macht und Politik sind nicht dasselbe&#8220;. <\/p>\n<p>Da beobachten sie, dass das, was wir so normalerweise unter Politik                 verstehen, eigentlich nur noch diese Machtinstitutionen-Parteienpolitik                 ist.<\/p>\n<p>Sie vertreten die Auffassung, dass Politik eigentlich etwas anderes                 ist, n\u00e4mlich dort stattfindet, wo Menschen sich dar\u00fcber austauschen,                 wie sie die Welt haben wollen und welche Regeln da gelten sollen.                 Das ist Politik, und Machtstrategien behindern das eigentlich                 oft eher, als dass sie das f\u00f6rdern.<\/p>\n<p>Von daher geht es auch nicht darum, zu sagen &#8222;Frauen \u00fcbernehmt                 jetzt auch diese Machtpositionen&#8220;, sondern wir \u00fcberlegen: Wenn                 wir jetzt diese Machtpositionen bekommen, und das ist ja zunehmend                 der Fall, wie handeln wir dann da? Nicht, indem wir uns einfach                 anpassen an die Spielregeln, so wie sie da schon immer gegolten                 haben, sondern indem wir eine Praxis finden, wie wir auch innerhalb                 dieser Strukturen dem treu bleiben k\u00f6nnen, was wir eigentlich                 wollen.<\/p>\n<p><b>Bernd: Gehen wir mal thematisch in eine andere Region der                 Welt, nach Russland. In Moskau gab es ja im Februar 2012 eine                 spektakul\u00e4re Protestaktion der libert\u00e4r-feministischen Punkband                 Pussy Riot. Sie haben in der gr\u00f6\u00dften russischen Kirche, der Christ-Erl\u00f6ser-Kathedrale,                 ein zweimin\u00fctiges Punklied gesungen und damit den Klerus, das                 Putin-Regime und die Verflechtung von beiden angegriffen. F\u00fcr                 diese Direkte Aktion sind zwei Aktivistinnen im August 2012 wegen                 &#8222;Rowdytums aus religi\u00f6sem Hass&#8220; zu zwei Jahren Straflagerhaft                 verurteilt worden. Unterst\u00fctzerInnen und Bandmitglieder werden                 kriminalisiert. Wie sch\u00e4tzt Du das ein und was sagst Du dazu?                 <\/b><\/p>\n<p><i>Antje:<\/i> Ich denke, das ist eine skandal\u00f6se Geschichte,                 die da passiert ist. Aber ich frage mich auch, wie singul\u00e4r die                 ist. Ich denke, dass in vielen diktatorischen Regimes der Welt                 st\u00e4ndig Menschen f\u00fcr relativ harmlose Interventionen gefangen                 genommen oder anderen Repressalien ausgesetzt werden.<\/p>\n<p>Das Symptomatische ist, dass dieser Fall so eine Welle ausgel\u00f6st                 hat. Das finde ich einerseits gut. Andererseits wei\u00df ich nicht,                 wie tiefgr\u00fcndig das ist. Ich kenne jetzt die Situation in Russland                 nicht so genau und kenne Pussy Riot eigentlich nur aus den Medien.                 Ich frage mich, ob nicht Leute, die sich hier vor ihrer eigenen                 Haust\u00fcr vielleicht nur \u00fcber wenig aufregen oder wenig selbst machen,                 dann so ein bisschen die eigenen W\u00fcnsche auf Pussy Riot projizieren.                 Ob die Aktionen von Pussy Riot wirklich so bedeutend sind, wei\u00df                 ich nicht, jedenfalls denke ich, dass es vergleichbare Repressionen                 leider ganz viele gibt.<\/p>\n<p><b>Bernd: Vergleichbar mit Pussy Riot sind vielleicht auch die                 provokanten Direkten Aktionen von &#8222;Femen&#8220;? Viele neue feministische                 Bewegungen und Aktionen kommen ja aus Osteuropa. Femen wurde 2008                 in der Ukraine gegr\u00fcndet. Es haben sich aber auch in Tunesien,                 Frankreich, Brasilien und anderen L\u00e4ndern Femen-Gruppen gebildet.                 Im April 2013 gab es eine viel beachtete Protestaktion der seit                 Anfang 2013 auch in Deutschland aktiven Femen gegen den Putin-Besuch                 auf der Hannover-Messe. Wie sch\u00e4tzt Du solche Aktionsformen und                 feministische Bewegungen wie Femen ein?<\/b><\/p>\n<p><i>Antje: <\/i>Der Feminismus ist eben sehr differenziert und                 zum Teil auch kontrovers untereinander. Das wird auch an Femen                 deutlich, und das finde ich gut. Mir pers\u00f6nlich liegen Nackte-Busen-Proteste                 nicht so sehr, weil ich denke, dass man auf diese Weise immer                 auch auf diese sexistischen Klischees anspielt und dann nat\u00fcrlich                 auch eine Aufmerksamkeit in der Presse erregt, weil diese Nacktheit                 mit dabei ist. Das ist nicht mein Stil, sag ich mal, aber ich                 kann akzeptieren, dass andere das machen. Ich finde gut, wenn                 viele unterschiedliche feministische Aktionen passieren. Problematisch                 aber fand ich den Femen-Protest vor der Moschee ((9)).               <\/p>\n<p>Problematisch und eigentlich sogar inakzeptabel wird Femen f\u00fcr                 mich da, wo sie sich nicht gegen das Patriarchat richten, sondern                 den Anspruch erheben, f\u00fcr andere Frauen zu sprechen, in dem Fall                 f\u00fcr die angeblich so unterdr\u00fcckten Musliminnen. Das ist schr\u00e4g.<\/p>\n<p><b>Bernd: Kannst Du dazu genaueres sagen?<\/b><\/p>\n<p><i>Antje: <\/i>Die haben ja im April vor der Berliner Ahmadiyya-Moschee                 diese Aktion gemacht. Die Ahmadiyya ist eine Richtung im Islam,                 die relativ frauenfreundlich ist und wo es auch viele Feministinnen                 gibt. <\/p>\n<p>Da haben sich Femen-Aktivistinnen dann sozusagen islamisch verkleidet                 und &#8222;dem Islam&#8220; pauschal Frauenfeindlichkeit vorgeworfen. Das                 geht nicht, auch angesichts der Tatsache, dass wir gleichzeitig                 momentan eine starke muslimische feministische Welle erleben.<\/p>\n<p>Musliminnen haben sich dann ja auch direkt dazu ge\u00e4u\u00dfert und                 sich von der Aktion distanziert. Also, auch im Islam gibt es gerade                 ein ansteigendes feministisches Bewusstsein.<\/p>\n<p>Und ich finde immer, dass sich das nicht gegeneinander ausspielen                 l\u00e4sst. Ich bin immer daf\u00fcr, wenn Frauen mit verschiedenen Positionen                 kontrovers diskutieren und sich streiten, aber ich bin dagegen,                 wenn dann die einen Frauen beanspruchen, f\u00fcr alle Frauen auf der                 Welt zu sprechen. Also, Femen finde ich gut, solange sie \u00fcber                 ihre Situation, meinetwegen in Osteuropa, sprechen und da die                 angemessenen Aktionsformen finden. Aber ich finde nicht, dass                 eine Feministin f\u00fcr alle Frauen sprechen kann. Und schon gar nicht,                 wenn diese anderen Frauen selbst etwas anderes sagen. <\/p>\n<p><b>Bernd: Welche Perspektiven von Feminismus und Anarchismus                 siehst Du allgemein? <\/b><\/p>\n<p><i>Antje: <\/i>Ich w\u00fcrde sagen, eine gemeinsame Perspektive ist                 die Frage: Wie organisieren wir Gesellschaft, angesichts der Tatsache,                 dass die klassischen Institutionen an Bedeutung und Einfluss verlieren?                 Wie machen wir selbstorganisierte Politik, wenn die Parteien immer                 bedeutungsloser werden? Und da sehe ich auch eine gro\u00dfe \u00dcberschneidungsmenge.                 Also, wie moderieren wir gesellschaftliche Prozesse? Wie diskutieren                 wir? Was st\u00e4rken wir, wenn wir sehen, dass das bisherige System                 schlichtweg nicht funktioniert? Das kann man auch auf die \u00d6konomie                 \u00fcbertragen.<\/p>\n<p>Auch da ist ja die Krise v\u00f6llig offensichtlich. Wie finden wir                 andere Formen des Wirtschaftens? <\/p>\n<p>Da geht ja auch ganz viel zusammen, wenn man zum Beispiel an                 F\u00fcrsorgearbeit denkt, und da weiter zu denken, als nur in die                 blo\u00dfe &#8222;Wir wollen auch mitmachen&#8220;-Richtung. Das finde ich spannend                 und deshalb finde ich anarchistische Impulse f\u00fcr den Feminismus                 ganz wichtig. Und andersherum nat\u00fcrlich auch. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bernd: Antje, Du bist Journalistin, Politikwissenschaftlerin und Philosophin. 1999 hast Du \u00fcber Frauen in der Internationalen Arbeiterassoziation, der &#8222;Ersten Internationale&#8220;, promoviert. Kannst Du kurz erkl\u00e4ren, was die Erste Internationale war? Was ist das Ergebnis Deiner Studie? 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