{"id":12423,"date":"2013-05-01T00:00:56","date_gmt":"2013-04-30T22:00:56","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=12423"},"modified":"2022-07-26T14:22:24","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:24","slug":"ding-dong","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/05\/ding-dong\/","title":{"rendered":"Ding Dong"},"content":{"rendered":"<p>Aber es hat schon seine Gr\u00fcnde, dass beim Bekanntwerden der Todesnachricht hunderte junge Leute im Londoner Stadtteil Brixton eine spontane Stra\u00dfen-Party steigen lie\u00dfen, der landesweit viele weitere folgten; oder dass eine Facebook-Kampagne daf\u00fcr sorgte, dass der uralte Film-Schlager &#8222;Ding dong, the witch is dead!&#8220; (&#8222;Ding dong, die Hex ist tot!&#8220;) an die Spitze der Download-Charts geklickt wurde. Von der Anarcho-Band Chumbawamba aus dem englischen Leeds wurde postwendend eine bereits vor Jahren eingespielte CD an alle versendet, die daf\u00fcr vorher subskribiert hatten; auch darin wird das langersehnte Dahinscheiden der &#8222;Eisernen Lady&#8220; gefeiert.<\/p>\n<h3>Woher kommt diese Freude am Tod eines Menschen?<\/h3>\n<p>Nun, die Verblichene hat einiges daf\u00fcr getan. Sie ist ein Symbol f\u00fcr, aber sie war auch ein m\u00e4chtiger Akteur bei der Renaissance des Raubtier-Kapitalismus in den letzten Jahrzehnten. &#8222;Maggie&#8220; Thatcher wurde ber\u00fchmt f\u00fcr die Umkremplung Gro\u00dfbritanniens: die brutale Zerschlagung der Arbeiterbewegung, die r\u00fccksichtslose Vernichtung der traditionsreichen Bergarbeiter-Kultur in England, die Privatisierung staatlicher Unternehmen zu Schleuderpreisen, die Abschaffung der in Gro\u00dfbritannien ohnedies schwachen Ans\u00e4tze eines Sozialstaats.<\/p>\n<p>Schon als Kulturministerin hatte sie sich in den 70er Jahren den Beinamen &#8222;Thatcher the Milk-Snatcher&#8220; (Thatcher, die Milch-Diebin) verdient, als sie das Recht der Grundsch\u00fclerInnen auf eine Flasche Gratis-Milch abschaffte.<\/p>\n<p>Das historische &#8218;Verdienst&#8216; dieser Politikerin besteht darin, bereits vor 30 Jahren gezeigt zu haben, wohin jene neoliberale Politik f\u00fchrt, die heute den Planeten weitgehend im Griff hat: zu Massenarbeitslosigkeit und Massenverarmung. Ihr Lieblingssatz &#8222;There is no alternative&#8220; (&#8222;Es gibt keine Alternative&#8220;) hat mit dem Siegeszug ihrer Wirtschaftspolitik weltweit auch zu einer Entdemokratisierung der politischen Systeme beigetragen.<\/p>\n<p>Zweifellos, einen wirkungsvolleren Staatsfeind hat das letzte Viertel des 20. Jahrhunderts nicht gekannt. Was bedeutet das f\u00fcr die Staatsablehnung des Anarchismus? Sind die Zerst\u00f6rungen von M\u00f6glichkeiten staatlichen Handelns nicht zu begr\u00fc\u00dfen? <i>Bollocks! <\/i>(Um Pete Postlethwaite&#8217;s gro\u00dfe Anti-Thatcher-Rede aus dem Film &#8222;Brassed off&#8220; zu zitieren.) AnarchistInnen wollen den Staat zugunsten einer freien Gesellschaft abbauen; sie streben Gleichheit und Gerechtigkeit an.<\/p>\n<p>Zur Gesellschaft sagte Margaret Thatcher in einem weiteren ber\u00fchmt gewordenen Statement: &#8222;&#8230; who is society? There is no such thing!&#8220; (&#8222;Wer ist diese Gesellschaft? Es gibt kein solches Ding!&#8220;)<\/p>\n<p>Es gab f\u00fcr sie nur Individuen, die hemmungslos Reicht\u00fcmer anh\u00e4ufen durften, in der Not aber im Stich gelassen werden sollten. Egoismus war ihr Mantra. <i>Diese<\/i> Staatsfeindschaft l\u00e4uft auf das Gegenteil von Anarchie hinaus: auf Sozialdarwinismus. Als sie ihr politisches Lebenswerk mit der &#8222;Kopfsteuer&#8220; kr\u00f6nen wollte, die auf der Idee einer gleich hohen Besteuerung jedes Menschen, unabh\u00e4ngig von Einkommen oder Verm\u00f6gen, basierte, hatte sie den Bogen endlich \u00fcberspannt: Die stark anarchistisch gef\u00e4rbten &#8222;poll tax riots&#8220; von 1990 trugen dazu bei, dass Thatcher von ihrer eigenen Konservativen Partei fallengelassen wurde und noch im selben Jahr zur\u00fccktreten musste.<\/p>\n<p>Der Staat Gro\u00dfbritannien hat der Verstorbenen Thatcher auf ihr vorab erteiltes Gehei\u00df hin nun quasi ein Staatsbegr\u00e4bnis geg\u00f6nnt &#8211; mit milit\u00e4rischen &#8222;Ehren&#8220; und gro\u00dfem Pomp.<\/p>\n<p>Die Staatsm\u00e4nnerInnen dieser Erde \u00fcbertrafen sich in salbungsvollem Ges\u00fclze \u00fcber das wohltuende Wirken dieser Frau. So bezeichnete US-Pr\u00e4sident Obama Thatcher als &#8222;eine der gro\u00dfen Verfechterinnen der Freiheit und wahre Freundin Amerikas&#8220;.<\/p>\n<p>Bundesau\u00dfenminister Westerwelle meinte, ihr Name stehe &#8222;f\u00fcr die unersch\u00fctterliche Kraft der Freiheit&#8220;.<\/p>\n<p>Solche W\u00fcrdigungen sind wesentlich unappetitlicher als die anfangs geschilderten Heiterkeitsausbr\u00fcche der Thatcher-GegnerInnen, weil sie n\u00e4mlich die Opfer der Thatcher&#8217;schen Politik noch mit Hohn \u00fcbersch\u00fctten. Jeder einzelne englische Kumpel, der in den 80er Jahren vom Thatcherismus in den Suizid getrieben wurde (und es waren viele!), hat mehr Mitgef\u00fchl verdient als diese eiskalte Vollstreckerin!<\/p>\n<p>In den Diskussionsforen des Internet wurde treffend bemerkt, das Begr\u00e4bnis der Verstorbenen w\u00e4re ihr nur dann angemessen gewesen, wenn seine Durchf\u00fchrung unter privaten Bestattern ausgeschrieben und an den billigsten Anbieter vergeben worden w\u00e4re. Wenn der von Thatcher so \u00fcbel zugerichtete britische Staat das (f\u00fcr 10 Mio. Pfund Steuergelder) \u00fcbernahm, dann dr\u00fcckte er, nein: dr\u00fcckte die Staatenwelt damit aus, wie wichtig Thatchers politisches Verm\u00e4chtnis ihr ist: Mit der Selbstauslieferung der Staaten an die \u00f6konomisch M\u00e4chtigen haben sie sich in eine Situation man\u00f6vriert, in der es f\u00fcr sie anscheinend wirklich &#8222;no alternative&#8220; mehr gibt.<\/p>\n<p>Das muss mit immer absurderen \u00c4u\u00dferungen ideologisch verbr\u00e4mt werden: Nun wird also &#8222;Thatcher the Milk-Snatcher&#8220; als Freiheitsk\u00e4mpferin belobhudelt. Kapital ist ja so ein scheues Reh; es will bei Laune gehalten werden. Deshalb regiert &#8218;Thatcher&#8216; in Wahrheit auch noch nach ihrem Abgang.<\/p>\n<p>Bei fr\u00fcherer Gelegenheit habe ich schon einmal auf die alte Skat- und Doppelkopf-Weisheit hingewiesen, wonach ein &#8222;scheues Re(h)&#8220; mit einem &#8222;energischen Kontra&#8220; beantwortet werden sollte. Das t\u00e4te heute not. Der Thatcherismus, der z.B. bei der europ\u00e4ischen Finanzkrise durchgesetzt wird, ist in jedem Punkt so wirtschaftspolitisch falsch, wie er unmoralisch ist. Es gilt ihn zu bek\u00e4mpfen &#8211; ob die Eiserne Lady nun, wie in ihren letzten dementen Tagen, im Ritz-Hotel liegt, oder unter der Erde.<\/p>\n<p>Religi\u00f6se Menschen meinen, Thatcher sei jetzt mit ihrem 2006 verstorbenem Freund, dem chilenischen Menschenschl\u00e4chter Augusto Pinochet, vereint.<\/p>\n<p>Andere argumentieren, dort unten in der Unterwelt gebe es noch viel zu tun f\u00fcr die Eiserne Lady. Man rechnet mit einer Privatisierung der H\u00f6lle und der Stilllegung unrentabler Feuerungsanlagen. Wieder andere haben ihren poetischen Elan in einen piet\u00e4tvollen Abschiedsgru\u00df gesteckt, dem ich mich gerne anschlie\u00dfe: &#8222;Iron Lady &#8211; Rust in Peace!&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aber es hat schon seine Gr\u00fcnde, dass beim Bekanntwerden der Todesnachricht hunderte junge Leute im Londoner Stadtteil Brixton eine spontane Stra\u00dfen-Party steigen lie\u00dfen, der landesweit viele weitere folgten; oder dass eine Facebook-Kampagne daf\u00fcr sorgte, dass der uralte Film-Schlager &#8222;Ding dong, the witch is dead!&#8220; (&#8222;Ding dong, die Hex ist tot!&#8220;) an die Spitze der Download-Charts &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/05\/ding-dong\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Ding Dong - graswurzelrevolution","description":"Aber es hat schon seine Gr\u00fcnde, dass beim Bekanntwerden der Todesnachricht hunderte junge Leute im Londoner Stadtteil Brixton eine spontane Stra\u00dfen-Party steige"},"footnotes":""},"categories":[677,1042,1027],"tags":[],"class_list":["post-12423","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-379-mai-2013","category-ohne-chef-und-staat","category-wir-sind-nicht-alleine"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12423","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12423"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12423\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12423"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12423"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12423"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}