{"id":12495,"date":"2013-06-01T00:00:45","date_gmt":"2013-05-31T22:00:45","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=12495"},"modified":"2022-07-26T14:22:23","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:23","slug":"die-libertaere-szene-in-moskau-ist-gespalten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/06\/die-libertaere-szene-in-moskau-ist-gespalten\/","title":{"rendered":"Die libert\u00e4re Szene in Moskau ist gespalten"},"content":{"rendered":"<p>Zwei separate Bl\u00f6cke marschierten unter den anarchistischen Fahnen                 in der Mai-Demonstration 2013 in Moskau. In einem, dem &#8222;gesamtanarchistischen&#8220;                 Block, fanden sich AnarchistInnen verschiedener Richtungen: Teile                 der Autonomen und der Antifa, Anarchosyndikalis-tInnen, AnarchafeministInnen,                 VerfechterInnen der Rechte der sexuellen Minderheiten usw. Diese                 Leute riefen: &#8222;Unser Vaterland ist die ganze Menschheit&#8220;. <\/p>\n<p>Der andere Block nannte sich &#8222;schwarz-rot&#8220;: Er vereinigte andere                 Teile der Autonomen und der Antifa, Aktivisten, die den Kampf                 f\u00fcr die Rechte der LGBT ((1))                 ablehnen, &#8222;linke&#8220; Kommunisten und &#8211; man h\u00f6re und staune &#8211; Militante                 aus dem &#8222;nationalrevolution\u00e4ren&#8220; Milieu! Diese proklamierten nicht                 nur einfach und ausschlie\u00dflich den &#8222;Klassenkampf&#8220;, sondern riefen                 auch: &#8222;Nein zum Diktat der Minderheit!&#8220; Und jemand griff die &#8222;nationalrevolution\u00e4re&#8220;                 Parole auf: &#8222;Freiheit, Nation, Revolution&#8220;.<\/p>\n<h3>Bruch<\/h3>\n<p>Die Moskauer libert\u00e4re Szene ist tief gespalten. Und dieser Bruch                 entstand nicht pl\u00f6tzlich und \u00fcber Nacht. <\/p>\n<p>Als formaler Anlass diente schlie\u00dflich die Frage, ob in den anarchistischen                 Demonstrationen die LGBT-Fahne akzeptabel sei. Ende des vorigen                 und Anfang dieses Jahres wurden Leute angegriffen, die in den                 libert\u00e4ren Demo-Bl\u00f6cken Regenbogenfahnen hissten: attackiert durch                 Teilnehmer der eigenen Demo, was danach zu heftigen Debatten in                 diversen Internetforen f\u00fchrte. <\/p>\n<p>Die Gegner der Besch\u00e4ftigung der AnarchistInnen mit der LGBT-Problematik                 brachten verschiedene Argumente vor. Einige meinten, das seien                 alles Fragen, die von der sozialen Revolution ablenkten (als w\u00e4ren                 diese Kritiker mit der Realisierung der Revolution im heutigen                 Russland schon fast fertig!). <\/p>\n<p>Andere urteilten offen homophob oder auch antifeministisch. Und                 die Dritten meinten, LGBT entspreche nicht den Traditionen und                 dem Empfinden des russischen &#8222;Volkes&#8220; und sei einfach eine Entlehnung                 aus dem &#8222;Westen&#8220;. Und genau das ist der Punkt. Denn hier, hinter                 dem Vorwand des Kampfes gegen LGBT, versteckt sich ganz eindeutig                 der russische Nationalismus, der sich in den letzten Jahren im                 libert\u00e4ren Milieu dieses Landes immer mehr verbreitet hat.<\/p>\n<p>Die offenen Neonazis beobachten die Entwicklungen bei ihren Gegnern                 aufmerksam. Sie verstehen ganz gut, worum es geht. &#8222;Es ist offensichtlich,                 dass es bei den Anarchisten eine tiefgehende Spaltung gibt.<\/p>\n<p>Im Ergebnis dieser Spaltung wurden alle Schwulen, Fans von Regenbogen-Flaggen,                 Freunde des \u201aVaterlandes der ganzen Menschheit&#8216; und andere Freaks                 vertrieben und mussten in ihrer separaten\u2026 Kolonne gehen. Ich                 tat so, als sei ich ein Zuschauer, und sprach\u2026 mit einigen Vertretern                 der Kolonne der Anarchisten (gemeint sind die &#8222;Schwarz-Roten&#8220;,                 d.Verf.). Und ich bemerkte keine antifaschistisch-idealistischen                 Vorstellungen von Migranten und keine Regenbogen-Rhetorik der                 fr\u00fcheren Jahren mehr.&#8220; In derart zufriedenem Ton kommentierte                 ein Rechtsradikaler das Geschehen auf der Nazi-Website &#8222;Prawyje                 Nowosti&#8220; (&#8222;Rechte Nachrichten&#8220;).<\/p>\n<p>Einige Politologen vergleichen das geistige Klima im heutigen                 Russland mit dem in der Weimarer Republik. Jeder Vergleich hinkt,                 dieser aber hat etwas f\u00fcr sich. Die jungen Generationen hierzulande                 werden im Geiste des exaltierten russischen Patriotismus erzogen.               <\/p>\n<p>Der Tschetschenienkrieg, die Hysterie gegen die &#8222;Kaukasier&#8220;,                 &#8222;Schwarzen&#8220; und &#8222;Migranten&#8220;, der Mythos von der im Felde des kalten                 Krieges unbesiegten, aber durch Verrat ruinierten Gro\u00dfmacht, die                 patriotische Indoktrination in der Schule, die aufdringliche Darstellung                 der Kriminalit\u00e4t als &#8222;ethnisch motiviert&#8220; und haupts\u00e4chlich durch                 MigrantInnen ver\u00fcbt, die offenen Erkl\u00e4rungen der Politiker und                 das Gerede in der Presse davon, dass nichtslawische ZuwandererInnen                 die russische nationale Tradition und Lebensweise missachten und                 die russische Kultur zerst\u00f6ren, dass b\u00f6se Ausl\u00e4nder adoptierte                 russische Kinder t\u00f6ten und die Nichtregierungsorganisationen &#8222;ausl\u00e4ndische                 Agenten&#8220; sind &#8211; diese und \u00e4hnliche Dinge haben das Lebensgef\u00fchl                 und die Psyche der russischen Spie\u00dfer aufs \u00dcbelste deformiert.                 Und eine neue Generation von AktivistInnen brachte und bringt                 solche Stimmungen auch in die libert\u00e4re Bewegung ein.<\/p>\n<p>Wir, die Anarchosyndikalisten, geh\u00f6rten wahrscheinlich zu den                 ersten, die das Problem erkannten. Im Jahre 2008 erkl\u00e4rte ein                 neues junges Mitglied unserer Gruppe pl\u00f6tzlich, dass er den Kosmopolitismus                 f\u00fcr faschistisch und kapitalistisch halte, dass die &#8222;ethnische                 Kultur&#8220; aus dem nat\u00fcrlichen &#8222;Boden&#8220; erwachse und vor der Vermischung                 mit anderen unbedingt zu bewahren sei. <\/p>\n<p>Er begann das Bild der zuk\u00fcnftigen &#8222;freien&#8220; Gesellschaft als                 einer F\u00f6deration der &#8222;ethnischen&#8220; Kommunen zu propagieren und                 erkl\u00e4rte weiter, dass in jedem Land ein kosmopolitisiertes, &#8222;unethnisches&#8220;                 Element regiere und dass die soziale Revolution eine &#8222;v\u00f6lkische&#8220;                 sein solle. <\/p>\n<p>Der Mann und ein paar seiner Anh\u00e4nger wurden aus der Organisation                 ausgeschlossen, fanden aber eine gewisse Sympathie in der &#8222;libert\u00e4ren                 Szene&#8220;. Man weigerte sich, die Geschichte ernst zu nehmen, und                 versuchte, sie zu einem Ergebnis rein pers\u00f6nlicher Konflikte herunterzuspielen.               <\/p>\n<h3>Das alles war aber nur ein Vorgepl\u00e4nkel <\/h3>\n<p>Sehr bald wurde klar, dass mehrere AktivistInnen mehr oder weniger                 dazu neigten, den Nationalismus teilweise zu tolerieren oder zu                 akzeptieren, indem sie hofften, dies k\u00f6nnte ihnen einen Ausweg                 aus dem politisch-subkulturellen Ghetto in die konservativ eingestellte                 russische Gesellschaft bahnen.<\/p>\n<p>Einige Antifas brummten, sie h\u00f6rten immer wieder, dass sie nur                 Migranten und &#8222;Asiaten&#8220; verteidigten, ohne die &#8222;ethnische Kriminalit\u00e4t&#8220;                 zu ber\u00fccksichtigen, und sie seien dieser Situation endlich m\u00fcde.                 Einer der &#8222;prominenten&#8220; Vertreter der Antifa erkl\u00e4rte in einem                 Interview: &#8222;Der Diskurs, der lange Zeit in der antifaschistischen                 Bewegung gef\u00fchrt wurde und sich in der Tat nicht von der Rhetorik                 der westlichen Linken unterschied, ist nicht zu rechtfertigen.&#8220;               <\/p>\n<p>Er sprach \u00fcber eine &#8222;konstruktive Entwicklung hin zum Verst\u00e4ndnis                 der Ethnie&#8220;, was die Zeitschrift &#8222;Nowyj Smysl&#8220; zu dem Kommentar                 veranlasste: &#8222;In der russischen antifaschistischen Bewegung tritt                 klar eine neue Tendenz hervor, die &#8211; im Unterschied zum klassischen                 westlichen Antifaschismus &#8211; die Bedeutung des nationalen Faktors                 nicht verneint.&#8220; <\/p>\n<p>2009 und 2010 wurden dann zwei Kampagnen organisiert: &#8222;Die Russen                 gegen den Faschismus&#8220; und &#8222;F\u00fcr den russischen Wald&#8220;, wobei man                 versuchte zu zeigen, dass die Linken bessere Patrioten sind als                 die Neonazis.<\/p>\n<p>Weitere Entwicklungen in dieser Richtung wurden dann durch Prozesse                 in der rechtsradikalen Szene beg\u00fcnstigt. 2011 und 2012 entdeckten                 Teile der Neonazis in Russland das Modell der westlichen &#8222;Autonomen                 Nationalisten&#8220;: Sie versuchten, v\u00f6lkische Themen und Parolen mit                 &#8222;linker&#8220;, sozialrevolution\u00e4rer und sogar klassenk\u00e4mpferischer                 Rhetorik zu vereinigen. <\/p>\n<p>So entstand z.B. eine Organisation &#8222;Wolniza&#8220; (altrussisches Wort                 f\u00fcr die Gruppe der in der Freiheit lebenden Menschen). Sie verurteilte                 die globalisierte Vereinheitlichung, die &#8222;Entpers\u00f6nlichung&#8220; und                 &#8222;Entwurzelung&#8220; der V\u00f6lker und proklamierte den &#8222;dritten Weg&#8220; als                 einen &#8222;nicht autorit\u00e4ren und nicht kosmopolitischen Sozialismus&#8220;.                 &#8222;Das ist ein dritter Weg zwischen dem klassischen liberalen Kapitalismus                 und dem marxistisch-leninistischen Staatskapitalismus, zwischen                 dem imperialistischen Chauvinismus und dem antinationalen Kosmopolitismus,                 die Hand in Hand gehen und zwei Seiten ein und derselben Medaille                 sind.&#8220;<\/p>\n<p>Trotz dieser eindeutigen Erkl\u00e4rungen kam in der libert\u00e4ren, antifaschistischen                 und linken Szene die Behauptung auf, dass einige Teile der Rechten                 &#8222;sich nach links entwickelten&#8220; und man mit ihnen zusammenarbeiten                 solle. <\/p>\n<p>Der &#8222;Dialog&#8220; zwischen beiden Seiten erleichterte sowohl die v\u00f6lkische                 Rechtsentwicklung von Teilen der &#8222;Libert\u00e4ren&#8220; als auch die &#8222;linke&#8220;                 Tarnung seitens der listigen Neonazis, die mit diesem Schachzug                 das linke Milieu tief infiltrieren konnten. 2013 erkl\u00e4rte &#8222;Wolniza&#8220;                 ihre Aufl\u00f6sung und wurde durch eine neue Gruppe, die &#8222;Schwarz-Rote                 Front&#8220;, ersetzt, die ein auf den ersten Blick sozialrevolution\u00e4res                 oder sogar libert\u00e4res Programm proklamierte. <\/p>\n<p>Dieser erste Eindruck entpuppt sich jedoch als tr\u00fcgerisch, sobald                 man zu den folgenden Zeilen kommt: &#8222;Internationalismus ist die                 Zusammenarbeit der Unterdr\u00fcckten verschiedener Ethnien (einschlie\u00dflich                 der Leute, die pers\u00f6nlich eine ethnische Identit\u00e4t ablehnen) in                 Kampf gegen den gemeinsamen Feind &#8211; das Weltkapital und die es                 bildenden Staaten. Die Ausarbeitung einer gemeinsamen Ethik, die                 in der Solidarit\u00e4t gr\u00fcndet und auf Zusammenarbeit ausgerichtet                 ist, <i><b>unter Anerkennung und Ber\u00fccksichtigung der Verschiedenartigkeit                 der V\u00f6lker<\/b><\/i>&#8222;. <\/p>\n<p>Diese &#8222;Front&#8220; war Ko-Organisatorin der eingangs erw\u00e4hnten Kolonne                 der Mai-Demonstration in Moskau.<\/p>\n<p>Die libert\u00e4re Szene in Moskau versuchte lange Zeit, diese gef\u00e4hrlichen                 Tendenzen zu ignorieren. Die &#8222;Autonome Aktion&#8220; (AD) schlug sogar                 eine Mediation zwischen unserer Gruppe KRAS (Anarcho-SyndikalistInnen,                 Sektion der IAA in Russland) und den &#8222;ethnischen Revolution\u00e4ren&#8220;                 (MPST) vor, die aus unseren Reihen rausgeschmissen worden waren.                 Als wir jeglichen Dialog mit den Rechtsradikalen ablehnten, stand                 dann die Moskauer AD mehrheitlich auf der Seite der MPST, indem                 man uns als &#8222;Radaumacher&#8220; verleumdete. <\/p>\n<p>Wir standen so gut wie allein, wenn wir die &#8222;patriotisch orientierten&#8220;                 Kampagnen der Antifa kritisierten. Nun aber scheint es, als beginne                 ein Teil der Bewegung, die Gefahr zu verstehen. Dies bezeugen                 die Konflikte um die Regenbogen-Fahnen und die zwei verschiedenen                 &#8222;libert\u00e4ren&#8220; Demonstrationskolonnen in Moskau. Einige Leute aus                 &#8222;unserer&#8220; Kolonne nannten die &#8222;schwarz-rote Kolonne&#8220; einfach &#8222;schwarz-rot-<i><b>braun<\/b><\/i>&#8222;.                 Das alles kann als positive Entwicklung betrachtet werden. Wie                 weit wird sie gehen? Aus heutiger Sicht ist das schwer zu sagen.                 Aber wie man in Russland sagt: &#8222;Die Hoffnung stirbt zuletzt.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei separate Bl\u00f6cke marschierten unter den anarchistischen Fahnen in der Mai-Demonstration 2013 in Moskau. In einem, dem &#8222;gesamtanarchistischen&#8220; Block, fanden sich AnarchistInnen verschiedener Richtungen: Teile der Autonomen und der Antifa, Anarchosyndikalis-tInnen, AnarchafeministInnen, VerfechterInnen der Rechte der sexuellen Minderheiten usw. Diese Leute riefen: &#8222;Unser Vaterland ist die ganze Menschheit&#8220;. Der andere Block nannte sich &#8222;schwarz-rot&#8220;: Er &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/06\/die-libertaere-szene-in-moskau-ist-gespalten\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Die libert\u00e4re Szene in Moskau ist gespalten - graswurzelrevolution","description":"Zwei separate Bl\u00f6cke marschierten unter den anarchistischen Fahnen in der Mai-Demonstration 2013 in Moskau. 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