{"id":12499,"date":"2013-06-01T00:00:47","date_gmt":"2013-05-31T22:00:47","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=12499"},"modified":"2022-07-26T14:22:23","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:23","slug":"eine-unfassbare-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/06\/eine-unfassbare-geschichte\/","title":{"rendered":"Eine unfassbare Geschichte"},"content":{"rendered":"<p>14. April 2013, 13:30 Uhr: An einem Baustellenzaun am Hofberg                 10 in Linz sind 30 Plakate der Wiener K\u00fcnstlerin, Filmemacherin                 und Roma-Aktivistin Marika Schmiedt zu sehen &#8211; verst\u00f6rende Collagen                 \u00fcber die aktuelle Diskriminierung der Roma in ganz Europa. <\/p>\n<p>Auf einem Plakat kr\u00fcmmt sich ein Mensch \u00fcber einem Hakenkreuz,                 eingerahmt von der Europaflagge. <\/p>\n<p>Ein zweites Plakat zeigt eine Ikea-Fassade und das Verkehrsschild                 &#8222;No Gypsy&#8220;. Es bezieht sich auf einen Vorfall, der sich im Sommer                 2012 vor einer englischen Ikea-Filiale ereignete, bei dem ein                 Besucher von einem Security-Mitarbeiter gefragt wurde, ob er Roma                 sei, und wenn ja, dann d\u00fcrfe er hier mit seinem Wohnwagen nicht                 parken. <\/p>\n<p>Auf einem weiteren Plakat kombiniert Schmiedt einen Aufruf zum                 &#8222;Schutz der Magyaren&#8220; mit der ber\u00fcchtigten Toraufschrift &#8222;Arbeit                 macht frei&#8220; des KZ Sachsenhausen. Sie spielt damit auf die neofaschistische                 ungarische Partei Jobbik an, deren Hauptthema im aktuellen Wahlkampf                 neben der Bek\u00e4mpfung der so genannten &#8222;Zigeunerkriminalit\u00e4t&#8220; auch                 der &#8222;Schutz der Magyaren&#8220; (d.h. der Ungarn) ist. &#8222;Auch \u201aMa\u00dfnahmen                 zur Geburtenkontrolle&#8216; bei Romafrauen, um die \u201aausufernden demographischen                 Verschiebungen zum Nachteil des Magyarentums&#8216; aufzuhalten, wurden                 bereits vorgeschlagen&#8220;, berichtet Marika Schmiedt hierzu in ihrem                 Blog.<\/p>\n<p>Eine andere Collage zeigt den ungarischen Ministerpr\u00e4sidenten                 Victor Orban auf einer Salami mit der Aufschrift &#8222;Gypsy Cooked                 Salami&#8220; und den Inhaltsstoffen &#8222;Hungarian Roma&#8220; &#8211; offenbar ein                 besonderer Stein des Ansto\u00dfes.<\/p>\n<p>Denn w\u00e4hrend die K\u00fcnstlerin vor Ort noch die Anordnung der Plakate                 begutachtet, rei\u00dft pl\u00f6tzlich eine Stadtf\u00fchrerin der Austria Guides                 aufgebracht eines der Plakate herunter und beschuldigt Marika                 Schmiedt des Rassismus gegen\u00fcber Ungarn. Nur mit M\u00fche kann die                 Stadtf\u00fchrerin davon abgehalten werden, weitere Plakate zu zerst\u00f6ren.                 Als Schmiedt den Angriff per Handy dokumentieren will, schl\u00e4gt                 ihr der erboste Begleiter der Stadtf\u00fchrerin selbiges aus der Hand,                 und die Stadtf\u00fchrerin k\u00fcndigt Schmiedt eine Anzeige wegen Volksverhetzung                 bei der \u00f6sterreichischen Staatsanwaltschaft an. <\/p>\n<p>Zwei Tage sp\u00e4ter sind alle Plakate verschwunden &#8211; entfernt von                 der Linzer Polizei. Auf telefonische Nachfrage erkl\u00e4rt ein Polizeibeamter                 zun\u00e4chst, die Anzeige sei &#8222;vom Verfassungsschutz beurteilt worden,                 der entschieden h\u00e4tte, es handle sich um rassistische Bilder,                 die entfernt werden m\u00fcssten. Ein entsprechender Auftrag dazu sei                 ergangen, die Polizei sei deshalb aktiv geworden.&#8220; <\/p>\n<h3>Plakataktion als Programmteil des Altstadtfestes in Linz<\/h3>\n<p>Bei den politischen Fotocollagen am Bauzaun handelt es sich nicht                 um eine ungenehmigte Plakataktion. Marika Schmiedts Poster waren                 Teil einer Kunstveranstaltung des Vereins &#8222;Altstadt Neu&#8220;, ihre                 Anbringung am Bauzaun von Bauherr und Baufirma genehmigt, die                 Ausstellung selbst wurde vom Linzer Kulturdirektor Dr. Stieber                 er\u00f6ffnet, in Anwesenheit des Linzer B\u00fcrgermeisters Dr. Dobusch                 und der Stadtr\u00e4tin Schobesberger.<\/p>\n<p>Sie alle kennen und sch\u00e4tzen Marika Schmiedt als eine \u00f6sterreichische                 Romni, die sich seit fast 15 Jahren politisch und k\u00fcnstlerisch                 mit der Diskriminierung von Sinti und Roma in Europa auseinandersetzt.                 Mehrere Mitglieder ihrer Familie waren im Dritten Reich in Konzentrationslagern                 ermordet worden. <\/p>\n<p>Die Auseinandersetzung mit dieser Familiengeschichte, die sie                 unter anderem in dem 2001 entstandenen Dokumentarfilm &#8222;Eine l\u00e4stige                 Gesellschaft&#8220; thematisierte, lie\u00df sie erkennen, wie eng scheinbar                 l\u00e4ngst vergangene Nazi-Rhetorik und -Symbolik mit heutigen Diffamierungen                 gegen\u00fcber Sinti und Roma verwoben ist. &#8222;F\u00fcr mich ist es schrecklich                 und unertr\u00e4glich, diese Parallelen zur NS-Vergangenheit zu sehen&#8220;,                 erkl\u00e4rte Schmiedt 2012 in einem Interview.<\/p>\n<p>Genau mit diesen Mustern sprachlicher und auch visueller Manipulation                 setzt sich Marika Schmiedt in ihren k\u00fcnstlerischen \u00c4u\u00dferungen                 auseinander. Konfrontativ. Mit starken Bildern, deren Botschaft                 man in wenigen Sekunden erfasst, ob es einem gef\u00e4llt oder nicht.                 Die Ungarn-Kritik auf den Plakaten der aktuellen &#8211; zerst\u00f6rten                 &#8211; Ausstellung steht ganz in dieser Tradition. Auf ihnen werden                 aber weder alle Ungarinnen und Ungarn kritisiert, noch beschr\u00e4nkt                 sich die Ausstellung ausschlie\u00dflich auf die Verh\u00e4ltnisse in Ungarn.<\/p>\n<p>Der Kulturdirektor der Landeshauptstadt Linz, Dr. Stieber, der                 ebenfalls dazu aufgefordert wurde, die Plakate entfernen zu lassen,                 positioniert sich daher auch eindeutig: &#8222;Bei dem von Ihnen angesprochenen                 Projekt von Marika Schmiedt handelt es sich um eine satirische                 Auseinandersetzung mit dem Thema der Ausgrenzung von Roma und                 Sinti, die in einem demokratischen Staat erlaubt sein muss (&#8230;)                 Ich sehe in der Aktion von Frau Marika Schmiedt au\u00dferdem keine                 Diffamierung des gesamten ungarischen Volkes, sondern nur eine                 legitime kritische, wenn auch subjektive Auseinandersetzung mit                 einer bestimmten Art von Politik.&#8220; <\/p>\n<p>Auch die Austria Guides distanzierten sich umgehend und ausdr\u00fccklich                 von ihrer Fremdenf\u00fchrerin und berichteten, ebenfalls seit geraumer                 Zeit &#8222;die gr\u00f6\u00dften Schwierigkeiten&#8220; mit besagter Person zu haben.<\/p>\n<h3>Confrontage als Kunstform<\/h3>\n<p>&#8222;ARTBRUT&#8220; nennt Marika Schmiedt ihre Kunst &#8211; frei \u00fcbersetzt etwa                 &#8222;unverbildete, rohe Kunst&#8220;. Mit dem Begriff &#8222;art brut&#8220; bezeichnete                 der franz\u00f6sische Maler Jean Dubuffet 1945 eine Kunst, die &#8222;von                 Phantasie und Tollheit beseelt ist und sich nicht in den alten                 Gleisen der katalogisierten Kunst bewegt&#8220;. Zu ihren Gestaltern                 z\u00e4hlten nach Dubuffet Au\u00dfenseiter wie z.B. psychisch Kranke und                 Strafgefangene.<\/p>\n<p>Dass Marika Schmiedt diesen Begriff f\u00fcr ihre Kunst verwendet,                 kann als Provokation verstanden werden, ordnet jedoch gleichzeitig                 ihre Werke klar ein: Sie will mit ihrer skandaltr\u00e4chtigen Symbolik                 konfrontieren, sie will, dass die Menschen spontan unangenehm                 ber\u00fchrt sind und sich so &#8211; im besten Fall &#8211; unmittelbar, weil                 emotional ber\u00fchrt, mit den Aussagen der K\u00fcnstlerin auseinandersetzen.                 &#8222;Confrontage&#8220; nennt sie ihre Collagen, die &#8222;das Schweigen durchbrechen                 und den Rassismus enth\u00fcllen&#8220; sollen.<\/p>\n<p>Nun k\u00f6nnte man argumentieren, der zerst\u00f6rerische Umgang mit Marika                 Schmiedts Ausstellung sei nur eine konsequente Fortsetzung ihrer                 Confrontage durch diejenigen, die sich konfrontiert sehen &#8211; und                 somit der m\u00f6glicherweise aussagekr\u00e4ftigste Teil der ganzen Plakataktion.               <\/p>\n<p>K\u00f6nnte man, wenn nicht genau dieser Teil der Ereignisse in den                 offiziellen \u00f6sterreichischen Medien bislang weitgehend ignoriert                 w\u00fcrde. Wenn Marika Schmiedt nicht &#8211; unbemerkt von der breiten                 \u00d6ffentlichkeit &#8211; in rechtspopulistischen Blogs im In- und Ausland                 pers\u00f6nlich angegriffen und als Rassistin diffamiert w\u00fcrde. Wenn                 nicht Polizei und Staatsanwaltschaft &#8211; trotz Aufforderung &#8211; bis                 zum Redaktionsschluss f\u00fcr diese GWR \u00fcber eine juristische Begr\u00fcndung                 f\u00fcr ihr Vorgehen schwiegen. Wenn nicht mit derselben &#8211; unbekannten                 &#8211; Begr\u00fcndung auch die Auslieferung des zugeh\u00f6rigen Ausstellungskatalogs                 gestoppt worden w\u00e4re.<\/p>\n<p>Als das Wiener Stadtmagazin &#8222;Falter&#8220; Anfang Mai noch einmal bei                 der Linzer Polizei nachfragt, mit welcher rechtlichen Grundlage                 die Polizei die Plakate entfernt habe, rudert man dort offenbar                 zur\u00fcck und gibt an, es werde nun untersucht, wie es zu der Entscheidung                 kam. <\/p>\n<h3>Rechtliche Grundlage f\u00fcr die Plakatentfernung bleibt ein R\u00e4tsel<\/h3>\n<p>Bekannt ist bislang nur, dass offenbar besagte Stadtf\u00fchrerin                 die Rechtsanw\u00e4ltin Dr. Eva Maria Barki beauftragte, Anzeige gegen                 &#8211; ja, gegen wen eigentlich? &#8211; zu erstatten. Dass sie diesbez\u00fcglich                 aktiv wurde, hat Barki selbst best\u00e4tigt. Doch kann man ein Plakat                 wegen Volksverhetzung anzeigen? <\/p>\n<p>Eva Barki kann es offenbar.<\/p>\n<p>Jedenfalls haben weder die Veranstalterinnen der Ausstellung,                 die Stadtwerkstatt Linz und die Galerie Hofkabinett, noch Marika                 Schmiedt bis heute eine Anzeige erhalten, obwohl dies doch eine                 logische Konsequenz h\u00e4tte sein m\u00fcssen. Die Plakate dagegen wurden                 umgehend in Verwahrung genommen.<\/p>\n<p>Rechtsanw\u00e4ltin Barki, die sich selbst als &#8222;beherzte und konstruktive                 K\u00e4mpferin f\u00fcr die Wahrheit, die Menschenrechte und besonders f\u00fcr                 die Fairness gegen\u00fcber Ungarn&#8220; bezeichnet, l\u00e4sst ihre wahre Gesinnung                 in einem \u00f6ffentlichen Vortrag, den sie am 13. April 2011 in Wien                 hielt, auf bemerkenswerte Weise erkennen:<\/p>\n<p>In diesen Vortrag, der bei Youtube in voller L\u00e4nge zu sehen ist,                 kritisiert sie die angeblich zu lasche Haltung der EU zur Meinungsfreiheit,                 die angeblich laute: &#8222;Beleidigen darf man, man darf nur nicht                 diskriminieren&#8220;. <\/p>\n<p>Dann f\u00e4hrt sie fort: &#8222;Wer die Praxis kennt, der wei\u00df, was das                 hei\u00dft! Im Klartext: Diskriminiert werden die Guten, beleidigen                 darf man die B\u00f6sen. Wer sind die Guten, die man nicht diskriminieren                 darf? Das sind die Islamisten, das sind die Roma &#8230; wenn man                 dagegen etwas sagt, dann ist das eine Diskriminierung, und das                 ist verboten.&#8220; Nicht verboten sei es dagegen, Ungarn zu verh\u00f6hnen.                 Denn &#8211; so Barkis krude Argumentation &#8211; die Ungarn seien nach EU-Verst\u00e4ndnis                 &#8222;die B\u00f6sen&#8220; und k\u00f6nnten somit per definition nicht diskriminiert                 werden, d.h., rassistische \u00c4u\u00dferungen gegen\u00fcber Ungarn seien demnach                 nicht strafverfolgbar. Und dagegen wehre sie sich.<\/p>\n<p>Starker Tobak &#8211; und sehr aufschlussreich, denn exakt in diesen                 antiromaistischen und nationalistisch-ungarischen Kontext muss                 man auch die Motivation der Rechtsanw\u00e4ltin einordnen, gegen die                 Baustellenzaun-Ausstellung vorzugehen. Auf welchem Wege sie die                 Entfernung der Plakate durchsetzen konnte, ist allerdings bis                 heute nicht gekl\u00e4rt. <\/p>\n<p>Dass der \u00f6sterreichische Verfassungsschutz tats\u00e4chlich involviert                 war, kann angezweifelt werden. Die Linzer Polizei stellt es so                 dar, sie hat allerdings auch behauptet, die Entsorgung der Plakate                 sei mit Marika Schmiedt abgesprochen gewesen &#8211; was diese sichtlich                 emp\u00f6rt bestreitet. <\/p>\n<p>Die Stadtwerkstatt Linz als Veranstalterin der Ausstellung hat                 jetzt selbst Anzeige erstattet, weil ihr durch die &#8211; mit ihr nicht                 abgesprochene &#8211; Entfernung der Plakate und deren Vernichtung durch                 die Polizei ein finanzieller Schaden entstanden sei. Au\u00dferdem                 bittet sie um eine schriftliche Stellungnahme, mit welcher rechtlichen                 Grundlage die Collagen durch die Polizei entfernt wurden. Die                 zerst\u00f6rte Plakatausstellung hatte \u00fcbrigens den Titel: &#8222;Die Gedanken                 sind frei&#8220;.<\/p>\n<h3>Nachtrag<\/h3>\n<p>Am 8. Mai berichteten die <i>Ober\u00f6sterreichischen Nachrichten<\/i>,                 die Polizei bedauere mittlerweile ihr Vorgehen. Auf Anfrage der                 APA (Austria Presse Agentur) lie\u00df das Landespolizeikommando Ober\u00f6sterreich                 mitteilen, ein Linzer Journalist habe sich an den Journaldienst                 des Landesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz gewandt und den Verdacht                 ge\u00e4u\u00dfert, Schmiedts Collagen seien rassistisch und verhetzend.<\/p>\n<p>Daraufhin h\u00e4tten sich Polizeibeamte zum Ort der Ausstellung begeben                 und mit PassantInnen gesprochen, die durch die Plakate &#8222;sehr verst\u00f6rt&#8220;                 gewesen seien. <\/p>\n<p>Somit habe f\u00fcr die Polizei Linz eine &#8222;G\u00fcterabw\u00e4gung&#8220; vorgelegen.                 Und die sah so aus, dass sie die Emp\u00f6rung Einzelner \u00fcber Schmiedts                 Plakate h\u00f6her bewerteten als die Freiheit der Kunst und die Meinungsfreiheit                 der K\u00fcnstlerin.<\/p>\n<p>Die Beamten entfernten die Plakate und nahmen sie &#8222;in Verwahrung&#8220;,                 wie es in der Stellungnahme hei\u00dft. <\/p>\n<p>Es sieht also momentan so aus, als h\u00e4tte die Linzer Polizei eigenm\u00e4chtig                 gehandelt, jedoch zun\u00e4chst versucht, es so darzustellen, als sei                 die Aufforderung durch den \u00f6sterreichischen Verfassungsschutz                 erfolgt. Dieser hat also mitnichten festgestellt, dass Schmiedts                 Collagen rassistisch sind. Vielmehr scheinen Beamte der Linzer                 Polizei dies quasi spontan am Bauzaun entschieden und dementsprechend                 gehandelt zu haben. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>14. 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