{"id":12524,"date":"2013-06-01T00:00:01","date_gmt":"2013-05-31T22:00:01","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=12524"},"modified":"2022-07-26T14:22:24","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:24","slug":"chavez-revolution-als-spektakel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/06\/chavez-revolution-als-spektakel\/","title":{"rendered":"Ch\u00e1vez: Revolution als Spektakel"},"content":{"rendered":"<p>Bei einer libert\u00e4r-sozialistischen Einsch\u00e4tzung des emanzipatorischen                 Gehalts von Ch\u00e1vez&#8216; Regierung wird hier mehrmals auf das grunds\u00e4tzliche                 Fehlen einer qualitativen Aufarbeitung des Zusammenbruchs des                 Staatssozialismus, dem Fall der Mauer 1989, Bezug genommen werden.               <\/p>\n<p>Autorit\u00e4re MarxistInnen haben gegen\u00fcber AnarchistInnen quasi                 die gesamten Neunzigerjahre hindurch das Fehlen der Sowjetunion,                 wenn schon nicht als Vorbild, so doch als wichtiges Korrektiv                 f\u00fcr den Bewegungsspielraum von Befreiungsbewegungen oder antiimperialistischen                 Regierungen in der &#8222;Dritten Welt&#8220; bem\u00e4ngelt. Ohne diese Korrektivfunktion                 sei dem Kapitalismus im Gegensatz zum vorher dominierenden fordistisch-sozialstaatlichen                 Regime die weltweite Durchsetzung des neoliberalen Regimes gelungen.               <\/p>\n<p>Nun, die Ch\u00e1vez-Regierung (1999-2013) und all die mehr oder weniger                 links-sozialdemokratischen Wahlsiege in S\u00fcdamerika (von Argentinien                 \u00fcber Brasilien, Ecuador, Bolivien, Chile) haben diese These widerlegt:                 Ganz ohne die Sowjetunion erfreuten sich Konzeptionen nach dem                 Muster des Staatssozialismus bereits im zweiten Jahrzehnt nach                 dem Zusammenbruch des osteurop\u00e4ischen Staatssozialismus besonders                 in Latein- und S\u00fcdamerika h\u00f6chster Beliebtheit. <\/p>\n<p>Sogar so sehr, dass zahlreiche deutschsprachige Antifa- und Ex-AutonomenpublizistInnen                 wie etwa Raul Zelik, Ingrid Scherf oder Dario Azzellini zu mehr                 oder weniger deutlichen ApologetInnen der Ch\u00e1vez-Regierung wurden.                 Sie haben jede anarchistische Versuchung fahren lassen und keine                 grunds\u00e4tzliche Kritik am Ch\u00e1vismus ((1)).               <\/p>\n<p>Innerhalb der weltweiten Bewegung gegen kapitalistische Globalisierung                 waren es dann Symbolfiguren des Trotzkismus wie etwa Tariq Ali,                 der in seinen j\u00fcngeren Publikationen immer wieder den Verzicht                 etwa des Zapatismus in Chiapas, die politische Macht in Mexiko-Stadt                 zu ergreifen, mit Verweis auf Effizienz und Erfolg der Ch\u00e1vez-Regierung                 als politische Abdankung und naiv kritisierte. ((2))               <\/p>\n<p>Ch\u00e1vez &#8211; das war Balsam auf die seit dem Mauerfall gebeutelten                 Seelen des autorit\u00e4ren Marxismus. H\u00f6chstens sein B\u00fcndnis mit dem                 indiskutablen Ahmadinejad-Regime war schwer ins Bild der &#8222;Komplexit\u00e4t&#8220;                 (Azzellini) zu integrieren, gelang dann aber mit dem Mythos der                 &#8222;Multipolarit\u00e4t&#8220; au\u00dfenpolitischer Beziehungen der Ch\u00e1vez-Regierung.               <\/p>\n<p>Selbst der Anarchosyndikalist Noam Chomsky schlug sich auf Ch\u00e1vez&#8216;                 Seite, als er sich bei seinem einzigen Besuch in Venezuela 2009,                 der ganze zwei Tage dauerte, nicht entbl\u00f6dete, Ch\u00e1vez ins Angesicht                 zu sagen: &#8222;Ich kann sehen, wie eine bessere Welt geschaffen wird                 und ich kann die Person sprechen, die sie inspiriert hat.&#8220; ((3))<\/p>\n<p>Ch\u00e1vez bedankte sich seinerseits mit umfangreichen Fernseh\u00fcbertragungen                 von Chomskys Reden und permanenter Publicity f\u00fcr die B\u00fccher des                 US-amerikanischen Intellektuellen.<\/p>\n<h3>Populistische und sozialdemokratische Regierungen in Lateinamerika<\/h3>\n<p>Der uruguayische Anarchist Daniel Barret analysierte die wahlpolitische                 &#8222;Linkswende&#8220; im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts in Lateinamerika                 und unterschied dabei zwei Regierungstypen, die daraus hervorgegangen                 und an die parlamentarisch-demokratische Macht gekommen waren:                 eine sozialdemokratische (Lula in Brasilien, Cristina Kirchner                 in Argentinien usw.) und eine populistische Regierungsform (Ch\u00e1vez                 in Venezuela, Evo Morales in Bolivien, Rafael Correa in Ecuador):<\/p>\n<p>&#8222;In den sozialdemokratisch gef\u00fchrten L\u00e4ndern gibt es weder den                 Wunsch noch die Absicht, eine neue Welt zu schaffen, w\u00e4hrend das                 in den populistischen Staaten der Fall ist. Deswegen erzeugen                 populistische Regierungen gr\u00f6\u00dfere Hoffnungen und Erwartungen.                 Die Rhetorik der populistischen Regierungen ist deutlich revolution\u00e4rer                 als die sozialdemokratischer Regierungen. Die Sozialdemokraten                 akzeptieren die Logik des Spiels von Opposition und Regierungswechsel.                 Dagegen liegt im Kern des populistischen Modells die Entfaltung                 eines historischen Projekts [in Venezuela: der bolivarische Prozess;                 der Sozialismus des 21. Jahrhunderts; d.A.]; d.h. ein Projekt                 von unendlicher L\u00e4nge. Deswegen ist es f\u00fcr die Populisten so schwer,                 an eine Abgabe der Macht auch nur zu denken.&#8220; ((4))<\/p>\n<p>Damit ist bereits zu einem Gro\u00dfteil die blutige Auseinandersetzung                 direkt nach den Neuwahlen in Venezuela in der Folge von Ch\u00e1vez&#8216;                 Tod erkl\u00e4rt, als dessen Nachfolger Nicol\u00e1s Maduro knapp mit 50,08                 Prozent die Wahlen gewann. <\/p>\n<p>Diese Konstellation hat das Potential, sich k\u00fcnftig zu wiederholen                 und zu den m\u00f6rderischen Wahlkriegen zu entgleisen &#8211; mit regelm\u00e4\u00dfigen                 51 zu 49-Prozent-Ergebnissen, dem Anzweifeln des korrekten Ablaufs                 durch den knapp unterlegenen Oppositionellen oder gleich dessen                 Selbstproklamation als eigentlicher Wahlsieger, schlie\u00dflich gewaltsame                 Auseinandersetzungen -, die man aus Afrika kennt. <\/p>\n<p>Daniel Barret zeigt in seiner Analyse eine noch schlimmere Konsequenz                 auf:<\/p>\n<p>&#8222;Die politischen Dynamiken, die diese verschiedenen Regierungsformen                 charakterisieren, haben eine enge Beziehung zu den sozialen Bewegungen.                 Knapp ausgedr\u00fcckt: Der sozialdemokratische Reformismus, einmal                 an die Macht gekommen, verliert langsam seine Anziehungskraft,                 dessen Unterst\u00fctzerInnen und die sozialen Bewegungen zu Aktionen                 aufrufen zu k\u00f6nnen. Der Populismus dagegen erzeugt viel mehr Begeisterung                 und entfaltet eine daher umso gr\u00f6\u00dfere F\u00e4higkeit f\u00fcr die staatliche                 Kooptation von sozialen Bewegungen.&#8220; ((5))<\/p>\n<p>F\u00fcr die venezolanische anarchistische Zeitung <i>El Libertario<\/i>                 und seinen langj\u00e4hrigen Redakteur Rafael Uzcategui sind diese                 Einsichten Barrets gepr\u00e4gt durch Erfahrungen, nach denen eine                 unabh\u00e4ngige und starke soziale Bewegung durch Sozialrevolten gegen                 Ende der Neunzigerjahre zuerst zum Massaker der Sicherheitskr\u00e4fte                 vom 27.\/28. Februar 1999 der Regierung P\u00e9rez mit mehreren hundert                 Toten und dann zum Wahlerfolg Ch\u00e1vez&#8216; von 1999 gef\u00fchrt hatte (nachdem                 sein versuchter Milit\u00e4rputsch durch Guerillaaktionen 1992 noch                 gescheitert war). Seither sind, so Uzcateguis Einsch\u00e4tzung, der                 Gro\u00dfteil der sozialen Bewegungen staatlich kooptiert und der unabh\u00e4ngig                 gebliebene Rest marginalisiert und denunziert worden &#8211; typischer                 Weise als f\u00fcnftes Rad am Wagen des US-Imperialismus und der Rechten,                 oder gleich als Faschisten und Konterrevolution\u00e4re: das ganze                 Diffamierungsprogramm aus dem alten 20. Jahrhundert.<\/p>\n<h3>Personenkult und Militarisierung der demokratisch gew\u00e4hlten                 Regierung<\/h3>\n<p>Durch die unausgesetzte Propaganda eines angeblichen &#8222;Sozialismus                 des 21. Jahrhunderts&#8220; stellt die autorit\u00e4re Linke bei der Rezeption                 der Ch\u00e1vez-Regierung nicht einmal mehr die Frage nach den Kontinuit\u00e4ten                 des autorit\u00e4ren Staatssozialismus sowjetischer Pr\u00e4gung sowie nach                 den Kontinuit\u00e4ten autorit\u00e4rer Traditionen Lateinamerikas und Venezuelas                 selbst. Dabei springt bei Ch\u00e1vez der groteske Personenkult als                 hervorstechendes Merkmal dieser Kontinuit\u00e4ten geradezu ins Auge.               <\/p>\n<p>Die autorit\u00e4re Linke hat den Personenkult als Merkmal des autorit\u00e4ren                 Staatsozialismus kaum strukturell analysiert und aufgearbeitet                 (wenn man vielleicht von Gerd Koenen absieht ((6)),                 der sich nicht mehr als Kommunist begreift). <\/p>\n<p>Als nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Staatssozialismus                 in Venezuela mit Ch\u00e1vez erstmals wieder ein &#8222;progressives&#8220; Regime                 mit Personenkult entstand, liefen ihm Anh\u00e4ngerInnen der autorit\u00e4ren                 Linken auf das Peinlichste mit fliegenden Fahnen hinterher. Der                 Personenkult ist ein fester Bestandteil der militaristischen Kultur                 in Lateinamerika und in Venezuela. ((7))               <\/p>\n<p>Er begann bereits mit dem Kult um Sim\u00f3n Bolivar (1783-1830) selbst.                 Sein Krieg gegen die spanische Kolonialmacht im 19. Jahrhundert                 war ein Unabh\u00e4ngigkeitskrieg. Und so setzte sich der mit einem                 starken Mann verbundene Militarismus (Caudillismo) im Bewusstsein                 eines Gro\u00dfteils der venezolanischen Bev\u00f6lkerung fest. <\/p>\n<p>Es war der General und Diktator Juan Vicente G\u00f3mez, der bis zu                 seinem Tod 1936 diesen Personenkult um Bolivar wieder aufnahm                 &#8211; und Bolivar-Statuen in jeder Stadt und in jedem Dorf Venezuelas                 errichten lie\u00df. Diktator G\u00f3mez ist der Vater des venezolanischen                 Staates. Er organisierte erstmals eine professionelle Armee mit                 fl\u00e4chendeckend-nationalem Operationsgebiet. <\/p>\n<p>Doch schnell fand der Kult um Bolivar auch in etatistisch-progressiven                 Kreisen Verbreitung. Bereits die demokratische Regierung um R\u00f3mulo                 Betancourt, dem Parteichef der Acci\u00f3n Democratica (AD) von 1945-48,                 kritisierte zwar G\u00f3mez als Lakai ausl\u00e4ndischer \u00d6lkonzerne, f\u00fchrte                 aber in seiner angeblichen Regierung der &#8222;zweiten Unabh\u00e4ngigkeit&#8220;                 den Bolivar-Kult fort. Der venezolanische Anarchist Rafael Uzcategui                 f\u00fchrt dazu aus: <\/p>\n<p>&#8222;Die AD-Regierung von 1945-1948 basierte auf einem zivil-milit\u00e4rischen                 B\u00fcndnis mit der Nationalarmee, bei dem die Armee zum \u201aInstrument                 des Volkes&#8216; wurde. Betancourt unterschied sich von der traditionellen                 politischen Klasse durch seine nationalistische Rhetorik, seinen                 Antiimperialismus und seine symbolische Identifikation mit der                 Bev\u00f6lkerung und begann auf diese Weise den venezolanischen Populismus&#8220;                  ((8)) &#8211; den Ch\u00e1vez auf seine                 Weise wiederum nur fortsetzte.<\/p>\n<p>Alles, was angeblich den 21. Jahrhundert-Sozialismus Ch\u00e1vez&#8216;                 ausmacht, war daher l\u00e4ngst schon dagewesen. Der militaristische                 Caudillo in Lateinamerika hat nach Ansicht der venezolanischen                 AnarchistInnen um <i>El Libertario<\/i> folgende Kennzeichen: erstens                 den Kult um den m\u00e4nnlichen milit\u00e4rischen Helden (Ch\u00e1vez); zweitens                 die st\u00e4ndige Propaganda der damit verbundenen Macho-Werte; drittens                 die unhinterfragte Anerkennung einer theoretischen Weisheit des                 Caudillo und seiner kollektiven F\u00fchrungsrolle; viertens die Konzeption                 einer Politik als aus der Not geboren, bei der angeblich alles                 neu beginnt, sobald ein neuer Caudillo wie auch immer die Macht                 erlangt; und f\u00fcnftens die Propaganda f\u00fcr eine Wertsch\u00e4tzung des                 Milit\u00e4rs als angeblicher Apparat mit nicht korrumpierbaren Idealen                 wie Reinheit, Erl\u00f6sung und Effizienz, dessen Institutionen \u00fcber                 die Zivilgesellschaft wachen, die wiederum als antagonistisch                 oder untergeordnet wahrgenommen wird. ((9))<\/p>\n<p>Auch wenn die venezolanischen AnarchistInnen die demokratischen                 Wahlen Ch\u00e1vez&#8216; nicht infrage stellen, so werfen sie ihm doch vor,                 dass er seit 1999 unter dem Schleier linker Rhetorik den parlamentarisch-demokratischen                 Prozess militarisiert hat. Typisch daf\u00fcr seien Symptome wie seine                 Selbstbezeichnung als &#8222;Comandante-presidente&#8220; und seine Diskurse                 bei Wahlk\u00e4mpfen, die wie traditionelle Kriegsf\u00fchrung erschienen                 (so verglich er etwa den Wahlkampf 2004 mit der Schlacht von Santa                 In\u00e9s von 1859). <\/p>\n<p>Die Ideologie basiert auf dem national zusammenschwei\u00dfenden &#8222;\u00e4u\u00dferen                 Feind&#8220;, den USA, die eine angeblich unipolare Welt dominierten                 &#8211; was sp\u00e4testens seit dem Aufstieg Chinas, der EU und der \u00d6lstaaten                 nicht mehr stimmt. Die f\u00fcr Ch\u00e1vez mobilisierbaren Massen bezeichnete                 er als &#8222;B\u00fcrger-Soldaten&#8220;, die dann zusammen mit Polizei und Geheimdiensten                 Jagd auf den &#8222;inneren Feind&#8220; machen, was all jene sind, die vom                 offiziellen Kurs abweichen. <\/p>\n<p>Seit 2004 ist der Hauptslogan der venezolanischen Armee &#8211; in                 un\u00fcbersehbarer N\u00e4he zu Castro in Cuba &#8211; &#8222;Land, Sozialismus oder                 Tod&#8220;. Bei offiziellen Zeremonien kleidete sich Ch\u00e1vez in Milit\u00e4runiform                 mit rotem Barett. <\/p>\n<p>Bereits innerhalb von vier Jahren seiner Regierung, 1999-2003,                 wurden 310 ausgebildete Milit\u00e4rs in Managerposten gehoben, bei                 Staatsunternehmen, in autonomen Instituten, regierungseigenen                 Finanzierungsfonds, Ministerien, staatlichen Verwaltungsposten                 und B\u00fcrgermeister\u00e4mtern. Wahlkampagnen wurden milit\u00e4rstrategisch                 durchorganisiert: Es gibt &#8222;Wahlschlacht-Einheiten&#8220; (UBE; Unidades                 de Batalla Electoral), Bataillone, Milizen, Fronten, Patrouillen,                 zivil-milit\u00e4rische Reserveeinheiten etc. <\/p>\n<p>Von staatlich gegr\u00fcndeten Organisationen mit &#8222;partizipativer                 B\u00fcrgerbeteiligung&#8220; wird seit 2008 ein paramilit\u00e4risches Training                 verlangt, das inzwischen in die armeeeigene &#8222;National-Bolivarische                 Miliz&#8220; integriert worden ist. Seit 2009 wurde auf Anweisung von                 Ch\u00e1vez ein eigenes Frauen-Milit\u00e4rkorps geschaffen usw. usf. <\/p>\n<p>Nach Angaben von SIPRI in Stockholm stieg zwischen 2004 und 2008                 Venezuela vom 55. Platz der Waffenimporteure weltweit auf den                 18. Platz; von 2 Milliarden Dollar Waffenk\u00e4ufen in diesem Zeitraum                 wurden f\u00fcr 1,9 Milliarden Dollar Waffen aus Russland gekauft.                  ((10))<\/p>\n<h3>Gesellschaft als Spektakel: Die Unf\u00e4higkeit, Propaganda und                 Realit\u00e4t zu unterscheiden<\/h3>\n<p>Die notwendige Erg\u00e4nzung zu Personenkult und innerer Militarisierung                 ist eine Regierungspropaganda, die sympathisierende MitstreiterInnen                 derart manipuliert, dass sie nicht mehr in der Lage sind, zwischen                 Propaganda und Realit\u00e4t zu unterscheiden, ja dass sie sogar die                 Propaganda dem Blick auf die Realit\u00e4t vorziehen. <\/p>\n<p>Aufgrund dieses Mechanismus&#8216; ist es nicht \u00fcberraschend, dass                 ein venezolanischer Anarchist wie Uzcategui auf die Analysen Guy                 Debords und des Situationismus zur\u00fcckgreift, um die Propaganda                 der Ch\u00e1vez-Regierung zu charakterisieren:<\/p>\n<p>&#8222;Das Spektakel ist die ununterbrochene Rede, die die gegenw\u00e4rtige                 Ordnung \u00fcber sich selbst h\u00e4lt, ihr lobpreisender Monolog. Es ist                 das Selbstportrait der Macht in der Epoche ihrer totalit\u00e4ren Verwaltung                 der Existenzbedingungen.&#8220; ((11))<\/p>\n<p>Obwohl Ch\u00e1vez in mehreren Reden die Autonomie der Gewerkschaften                 zugesichert hat, hat seine Regierung immer dann neue Gewerkschaften                 von oben gegr\u00fcndet, wenn unabh\u00e4ngige Gewerkschaften in der Lage                 waren, aus ihrer Unabh\u00e4ngigkeit heraus stark zu werden und Forderungen                 zu stellen (Strategie der Zersplitterung in unendlich viele, ohnm\u00e4chtige                 Gewerkschaften). <\/p>\n<p>Obwohl die Propaganda der Regierung immer wieder darauf hinwies,                 dass das Basislohnniveau der Arbeiterklasse Venezuelas im lateinamerikanischen                 Vergleich stark gestiegen sei &#8211; was richtig ist &#8211; wurde dabei                 gleichzeitig immer wieder verschwiegen, dass die Inflationsrate                 Venezuelas die h\u00f6chste in ganz Lateinamerika ist (2009 lag sie                 bei 30,9 %; die zweith\u00f6chste hatte 2009 Nicaragua mit 13,7 %!).                 Dieser relativen Verarmung entspricht die hohe Kriminalit\u00e4tsrate,                 die in Venezuela vordringlich die Armen trifft: 2007 gab es in                 Caracas 130 Morde pro 100.000 EinwohnerInnen (vgl. Rio de Janeiro                 an 2. Stelle: 63 pro 100.000!). 1999, bei Ch\u00e1vez Amtsantritt gab                 es 5870 Morde landesweit; 2009 waren es 14.470! <\/p>\n<p>Obwohl Ch\u00e1vez bei jeder Gelegenheit seinen Antiimperialismus                 hinausposaunte, war etwa in der \u00d6lindustrie die Nationalisierung                 vor seinem Amtsantritt umfassender als sie es heute ist: Tats\u00e4chlich                 ist mit Ch\u00e1vez eine mit der kapitalistischen, weltmarktorientierten                 Globalisierung konform gehende Flexibilisierung bei \u00d6lproduktion                 und -export eingetreten. So schreibt Uzcategui:<\/p>\n<p>&#8222;Erst nach der Wahl von Hugo Ch\u00e1vez unterzeichnete die venezolanische                 Regierung die erste \u00dcbereinkunft \u00fcber \u201agemischte Unternehmen&#8216;,                 bei denen transnationale Konzerne wie British Petroleum, Chevron                 [USA] oder Repsol YPF Anteilseigner (bis zu 49%) zusammen mit                 dem venezolanischen Staat in den verschiedensten Hydrocarbon-Firmen                 wurden.&#8220; <\/p>\n<p>Wer da meint, es sei mit den 51 % Staatsanteil doch die Unabh\u00e4ngigkeit                 gesichert, dem\/der sei gesagt, dass in all diesen Unternehmen                 wichtige Entscheidungen mit Zustimmung von 75 % der Anteilsstimmen                 gef\u00e4llt werden und daher sogar interne Kritiker sagen, dass &#8222;unsere                 \u00d6lpolitik in die H\u00e4nde der multinationalen Konzerne \u00fcbergegangen                 ist.&#8220; ((12)) <\/p>\n<p>Beim Gas wurde unter Ch\u00e1vez&#8216; Entwicklungsprogramm technischer                 Modernisierung der Ausbeutung von bisher unzug\u00e4nglichen Bodensch\u00e4tzen                 die F\u00f6rderung der Gasvorkommen \u00fcberhaupt erst begonnen. <\/p>\n<p>Die monet\u00e4ren Einnahmen Venezuelas r\u00fchren daher nicht aus einer                 qualitativen Entwicklung des Agrarbereichs und der mittelst\u00e4ndischen                 Produktion, sondern aus \u00d6l-, Gas- und Kohleexport-Renten, die                 eine extreme Abh\u00e4ngigkeit des Landes vom Weltmarkt bedeuten.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich gehen diese, einer typisch marxistischen Modernisierungsideologie                 unterliegenden Ausbeutungsprojekte auf Kosten der Lebensbedingungen                 und des Widerstands indigener Bev\u00f6lkerungsgruppen in Venezuela,                 die Ch\u00e1vez jederzeit bereit war, zu unterdr\u00fccken. <\/p>\n<p>Um ein Beispiel zu nennen: Eine Delegation der Wayuu, der gr\u00f6\u00dften                 indigenen Gruppe im Grenzgebiet Venezuela-Kolumbien, einem Gebiet                 mit neu ausgewiesenen Kohleabbauminen (mitsamt den bei solchen                 Projekten \u00fcblichen vorgesehenen riesigen Enteignungen an Land,                 Wald und Fl\u00fcssen), trug im Jahre 2007 ihren Protest zum Intergalaktischen                 Treffen der EZLN in Chiapas. Uzcategui erz\u00e4hlt, wie sie mit ihren                 Forderungen nach Solidarit\u00e4t empfangen wurden:<\/p>\n<p>&#8222;Die zapatistischen Genossen sagten uns: \u201aCaramba! Dort in Venezuela                 sprechen sie sehr positiv davon, die Abgeordneten und Minister.&#8216;                 Wir antworteten: \u201aNein. Es ist das genaue Gegenteil. Die Abgeordneten                 unterst\u00fctzen Corpozulia [staatlicher Kohlef\u00f6rderkonzern; d.A.],                 sie unterst\u00fctzen die transnationalen Konzerne. Wir wollen hier                 erkl\u00e4ren, dass wir weder Anh\u00e4nger noch Gegner von Hugo Ch\u00e1vez                 sind: Wir sind indigene AntiimperialistInnen und AntikapitalistInnen.                 Wenn wir mit Ch\u00e1vez&#8216; GegnerInnen gemeinsame Sache machen w\u00fcrden,                 dann w\u00e4ren wir Teil der konservativen Opposition und w\u00fcrden \u00f6ffentlich                 Anschuldigungen erheben. Wenn wir Ch\u00e1vez-Anh\u00e4ngerInnen w\u00e4ren,                 w\u00fcrden wir Karrieren als Abgeordnete in der Nationalversammlung,                 der Staatsverwaltung oder in Stadtr\u00e4ten machen. Wir aber verteidigen                 unser eigenes Interesse, und das ist das Land.&#8220; ((13))<\/p>\n<p>W\u00e4hrend also die Zapatistas noch zuh\u00f6rten, kritisierten anwesende                 US-amerikanische Solidarit\u00e4tslinke die indigenen Delegierten:<\/p>\n<p>&#8222;Zu Beginn einer Rede, die wir in der Universit\u00e4t von San Crist\u00f3bal,                 Chiapas, hielten, wurden einige Amerikaner sehr aggressiv. Sie                 waren hundertprozentige Anh\u00e4nger von Ch\u00e1vez. Sie sagten, wir seien                 Rechtsextreme, denn wie k\u00f6nnten wir sonst solche Sachen sagen,                 wo doch in Wirklichkeit in Venezuela alles in Ordnung ist.&#8220; ((14))<\/p>\n<p>Hier haben wir den tristen Tatbestand einer Verwechslung von                 Propaganda und Realit\u00e4t, dem vor allem Teile der linken Solidarit\u00e4tsbewegungen                 in den USA und Europa zum Opfer fallen. <\/p>\n<p>Deutlich wird dabei, dass es diesen marxistischen Linken keine                 Sekunde um das geht, was Indigene pers\u00f6nlich erlebten und selbst                 bezeugten, sondern dass sie der blinde Glaube an Personenkult                 und Staatspropaganda zum Rassismus verleitet, den sie nicht einmal                 selber bemerken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei einer libert\u00e4r-sozialistischen Einsch\u00e4tzung des emanzipatorischen Gehalts von Ch\u00e1vez&#8216; Regierung wird hier mehrmals auf das grunds\u00e4tzliche Fehlen einer qualitativen Aufarbeitung des Zusammenbruchs des Staatssozialismus, dem Fall der Mauer 1989, Bezug genommen werden. 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