{"id":12527,"date":"2013-06-01T00:00:16","date_gmt":"2013-05-31T22:00:16","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=12527"},"modified":"2022-07-26T14:22:24","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:24","slug":"das-atomkraftwerk-bei-kaliningrad","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/06\/das-atomkraftwerk-bei-kaliningrad\/","title":{"rendered":"Das Atomkraftwerk bei Kaliningrad"},"content":{"rendered":"<p>Im Moment ist der Energiebedarf in Kaliningrad dank eines vor                 erst zwei Jahren erbauten Erdgaskraftwerks zu 100% gedeckt. Und                 auch aus anderen Gr\u00fcnden ist es wenig \u00fcberraschend, dass die EinwohnerInnen                 Kaliningrads das Atomkraftwerk ablehnen: Es w\u00fcrde die Menschen                 der Gefahr eines neuen Fukushima aussetzen und atomaren M\u00fcll produzieren,                 der noch eine Million Jahre vor sich hin strahlen w\u00fcrde. Und das                 Geld flie\u00dft in die Taschen der Atomindustrie.<\/p>\n<p>Seit 1990 hat die Atomindustrie mindestens drei Mal versucht,                 den Bau eines AKWs bei Kaliningrad durchzusetzen. Aber jedes Mal                 widersetzte sich die Regionalregierung. <\/p>\n<p>Dies \u00e4nderte sich nach der von der Zentralregierung in Moskau                 eingef\u00fchrten politischen Reform. Statt wie bisher durch \u00f6ffentliche                 Wahlen bestimmt zu werden, werden die Gouverneure jetzt durch                 einen Entscheid des Pr\u00e4sidenten eingesetzt. Und der erste von                 der Zentralregierung in Moskau ernannte Gouverneur Kaliningrads,                 Georgij Boos, beschloss alsbald, das Atomkraftwerk bauen zu lassen.                 Drei Jahre sp\u00e4ter musste er in Folge der gr\u00f6\u00dften politischen Proteste,                 die Kaliningrad in den letzten zwanzig Jahren gesehen hatte, seinen                 Posten r\u00e4umen.<\/p>\n<p>Ecodefense, die erste unabh\u00e4ngige und wohl bekannteste Umweltgruppe                 Kaliningrads, startete 2007 eine Kampagne gegen die AKW-Pl\u00e4ne.                 Nach zahlreichen Protesten erkl\u00e4rte die Regionalregierung, sie                 habe nun ihre Meinung ge\u00e4ndert und wolle kein AKW mehr bauen.                 Ein Jahr sp\u00e4ter stellte sich jedoch heraus, dass die Regionalregierung                 die Bev\u00f6lkerung betrogen und mit Rosatom einen Vertrag \u00fcber das                 Atomkraftwerk unterzeichnet hatte.<\/p>\n<p>Ecodefense beauftragte ein darauf spezialisiertes Unternehmen,                 eine Meinungsumfrage in Kaliningrad durchzuf\u00fchren. <\/p>\n<p>Es zeigte sich, dass 67% der EinwohnerInnen Kaliningrads das                 Atomkraftwerk ablehnten und die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit die Erschlie\u00dfung                 erneuerbarer Energiequellen anstelle der Atomkraft bef\u00fcrwortet.                 Die Pl\u00e4ne f\u00fcr den Bau einer Windkraftanlage wurden jedoch von                 der Regionalregierung aufgegeben, nachdem Rosatom gekommen war,                 um das AKW zu bauen.<\/p>\n<h3>Stromexport als Wirtschaftsfaktor?<\/h3>\n<p>Die j\u00fcngste Studie zum Baltischen AKW legt nahe, dass das lokale                 Energienetz gar nicht in der Lage ist, die gewaltigen vom AKW                 zu produzierenden Energiemengen zu \u00fcbertragen. Zudem kam die Studie                 zu dem Schluss, das Projekt sei zu teuer und der Preis f\u00fcr die                 Energie aus diesem Kraftwerk werde h\u00f6her sein als die Preise anderer                 Stromlieferanten der Region. ((3))               <\/p>\n<p>Das Projekt zielte von Anfang an auf den Export, ungeachtet der                 Tatsache, dass die angrenzenden EU-L\u00e4nder Litauen und Polen das                 Angebot, Strom aus dem Baltischen AKW zu importieren, abgelehnt                 haben. ((4)) <\/p>\n<p>In den letzten vier Jahren haben Rosatom und Inter RAO, eine                 Gesellschaft, die russischen Strom ins Ausland verkauft, immer                 wieder versucht, ein Unternehmen irgendwo in Europa daf\u00fcr zu gewinnen,                 den in einem AKW bei Kaliningrad produzierten Strom abzunehmen                 oder in das Projekt zu investieren. All diese Versuche blieben                 erfolglos. Dennoch gibt die russische Atomindustrie nicht auf.                 Ende 2012 hie\u00df es, Rosatom f\u00fchre Gespr\u00e4che mit einem deutschen                 Energieversorger \u00fcber den Export von Strom aus Kaliningrad. Selbst                 wenn diese Meldung stimmte, scheint es recht unwahrscheinlich,                 dass Deutschland ernsthaft dar\u00fcber nachdenkt, Atomstrom aus Kaliningrad                 zu kaufen: Schlie\u00dflich produziert es gen\u00fcgend Strom, um seinen                 eigenen Bedarf zu decken und andere L\u00e4nder zu beliefern, und ist                 zudem im Begriff, aus der Atomkraft auszusteigen.<\/p>\n<p>Obwohl die Aussichten also im Moment eher mau sind, versuchen                 die russische Regierung und ihre Atomindustrie weiterhin, europ\u00e4ische                 L\u00e4nder dazu zu bewegen, den von einem AKW bei Kaliningrad zu produzierenden                 Strom abzunehmen. Darum geht es bei diesem ganzen Projekt &#8211; und                 es ist viel Geld im Spiel. Umweltinitiativen in Russland, Litauen                 und Polen m\u00fcssen die Situation aufmerksam beobachten und versuchen,                 die Lobbyarbeit der russischen Atomindustrie in den Ostseeanrainerstaaten                 zu unterbinden.<\/p>\n<h3>Demokratiedefizite<\/h3>\n<p>Von Anfang an hat die russische Atomindustrie demokratische Grunds\u00e4tze                 der \u00f6ffentlichen Beteiligung ausgehebelt. Als im Jahr 2009 die                 offiziellen \u00f6ffentlichen Anh\u00f6rungen zu diesem Projekt stattfanden,                 hinderten Veranstalter und Polizei zahlreiche B\u00fcrgerInnen an der                 Teilnahme. 2013 gab es erneut \u00f6ffentliche Anh\u00f6rungen. <\/p>\n<p>Sie befassten sich mit weiteren Atomreaktoren f\u00fcr die Region                 Kaliningrad. Diesmal wurde die \u00f6ffentliche Beteiligung noch st\u00e4rker                 beschnitten. Die Veranstalter gaben bekannt, dass die B\u00fcrgerInnen                 ihre Teilnahme an der Anh\u00f6rung schriftlich beantragen und im Voraus                 schriftlich mitteilen m\u00fcssten, was sie w\u00e4hrend der Veranstaltung                 sagen w\u00fcrden. Anhand dieser Antr\u00e4ge w\u00fcrden die Veranstalter dann                 \u00fcber die Zulassung zur Anh\u00f6rung entscheiden.<\/p>\n<p>Rosatom organisierte nur in einer einzigen sehr kleinen Stadt                 eine \u00f6ffentliche Anh\u00f6rung und weigerte sich, \u00f6ffentliche Anh\u00f6rungen                 in anderen St\u00e4dten, ob in weiteren Kleinst\u00e4dten der Region oder                 auch in Kaliningrad selbst, abzuhalten &#8211; selbst in von dem Projekt                 unmittelbar betroffenen Gebieten. ((5))               <\/p>\n<h3>Sicherheit? Fehlanzeige!<\/h3>\n<p>Die niedrigen Sicherheitsstandards der russischen Atomindustrie                 sind weithin bekannt &#8211; ebenso wie die Tatsache, dass sie bei der                 Dekontaminierung der radioaktiv verseuchten Gebiete in Russland                 komplett versagt hat. <\/p>\n<p>Die zahlreichen Korruptionsskandale bei Rosatom in den letzten                 beiden Jahren haben deutlich gezeigt, dass der russischen Atomindustrie                 nicht zuzutrauen ist, dass sie ihre AKWs qualitativ hochwertig                 ausr\u00fcstet. So wurde z.B. im Februar 2012 ein zu Rosatom geh\u00f6riges                 Unternehmen beschuldigt, minderwertige Anlagenteile an Atomkraftwerke                 innerhalb und au\u00dferhalb Russlands verkauft zu haben. ((6))               <\/p>\n<p>Auch nach der Katastrophe von Tschernobyl 1986 betreibt die russische                 Atomindustrie unbeirrt Reaktoren des Typs, der in Tschernobyl                 im Einsatz war, w\u00e4hrend alle anderen L\u00e4nder sie abgeschaltet haben.                 Im Ural spielt sich eine radioaktive Dauerkatastrophe ab: Infolge                 der Explosion in der Atomanlage Majak 1957 ((7))                 sind etwa 20.000 Quadratkilometer bis heute verseucht. Die Gegend                 ist nach wie vor bewohnt &#8211; Rosatom m\u00f6chte kein Geld f\u00fcr die Umsiedlung                 der Menschen ausgeben.<\/p>\n<h3>Umweltvertr\u00e4glichkeitspr\u00fcfung: Ein Trauerspiel<\/h3>\n<p>Die f\u00fcr das Baltische AKW durchgef\u00fchrte Umweltvertr\u00e4glichkeitspr\u00fcfung                 entspricht nicht den gesetzlichen Anforderungen. Der Bau des Baltischen                 Atomkraftwerks wurde ohne die erforderlichen technischen, baulichen                 und geologischen Pr\u00fcfungen und Studien begonnen und wird auch                 ohne sie fortgef\u00fchrt. Eine seismische Bewertung des Standorts                 hat niemals stattgefunden. ((8))<\/p>\n<p>\u00dcberdies enth\u00e4lt die technische Projektdokumentation keinen Plan                 f\u00fcr die Wiederaufbereitung der radioaktiven Abf\u00e4lle oder die Stilllegung                 der Reaktoren &#8211; beides w\u00e4re nach russischem Recht erforderlich.<\/p>\n<p>Obwohl das Baltische AKW im Einflugbereich des internationalen                 Flughafens Kaliningrad liegen wird, ist die Auslegung der Reaktoren                 niemals im Hinblick auf den m\u00f6glichen Absturz eines gr\u00f6\u00dferen Flugzeugs                 getestet worden. ((9)) <\/p>\n<p>Die litauische Regierung bem\u00e4ngelt zudem, das Baltische AKW-Projekt                 sei nicht den Sicherheitspr\u00fcfungen gem\u00e4\u00df der zwischen der EU und                 weiteren Staaten vereinbarten Methode unterzogen worden.<\/p>\n<p>Das Baltische AKW soll mit zwei Reaktoren des Typs WWER-120010                 ausgestattet werden. Solche Reaktoren sind in Russland noch nie                 betrieben worden. Daher gibt es auch keine Erfahrungswerte zu                 ihrer technischen Sicherheit. Wir haben es hier also mit einem                 Experiment zu tun. Wir sollten nicht vergessen, dass auch die                 Katastrophe von Tschernobyl das Ergebnis eines in der Nacht zum                 26. April 1986 an einem Atomreaktor durchgef\u00fchrten technischen                 Experiments war.<\/p>\n<p>Mit dem Baltischen Atomprojekt sind viele ungel\u00f6ste Probleme                 verbunden: Es ist wirtschaftlich unsinnig, unsicher, undemokratisch                 und wird von der \u00d6ffentlichkeit abgelehnt.<\/p>\n<p>Eine Baugenehmigung h\u00e4tte niemals erteilt werden d\u00fcrfen. Denn                 Tschernobyl und Fukushima d\u00fcrfen sich nicht wiederholen. Das muss                 unser Ziel sein &#8211; und wir k\u00f6nnen es erreichen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Moment ist der Energiebedarf in Kaliningrad dank eines vor erst zwei Jahren erbauten Erdgaskraftwerks zu 100% gedeckt. 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