{"id":12534,"date":"2013-06-01T00:00:25","date_gmt":"2013-05-31T22:00:25","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=12534"},"modified":"2022-07-26T14:12:12","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:12","slug":"lutz-schulenburg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/06\/lutz-schulenburg\/","title":{"rendered":"Lutz Schulenburg"},"content":{"rendered":"<h3>Lutz Schulenburg (geboren am 21. April 1953 &#8211; gestorben am 1.                 Mai 2013)<\/h3>\n<p>Lutz war eine herausragende Pers\u00f6nlichkeit des Anarchismus in                 Deutschland. <\/p>\n<p>Er wuchs als Arbeiterkind in Hamburg-Bergedorf auf. Als Jugendlicher                 brach er die Schule ab, ging auf Trebe, radikalisierte sich in                 der 68er-Bewegung und schloss sich als 15-J\u00e4hriger einer Anarchozelle                 in Hamburg an. Kurz darauf kam Hanna Mittelst\u00e4dt dazu. Zwischen                 den beiden entwickelte sich eine gro\u00dfe Liebe, die schlie\u00dflich                 das ganze Leben hielt. <\/p>\n<p>Diese Liebe gab Lutz Kraft und war mitverantwortlich f\u00fcr seine                 beeindruckende Produktivit\u00e4t. Bis heute haben die zahlreichen,                 von ihm verantworteten Publikationen nicht nur die kleine Minderheit                 der AnarchistInnen im deutschsprachigen Raum inspiriert. \u00c4hnlich                 wie bei den anarchistischen Verleger-Liebespaaren Helga Weber                 und Wolfgang Zucht vom gewaltfrei-anarchistischen Verlag &#8222;Weber,                 Zucht und Co.&#8220; und bei Bernd und Karin Kramer vom Berliner Karin                 Kramer Verlag , entstand aus der Liebesbeziehung des Hamburger                 Paares eine Vielzahl liebevoll gemachter und mitrei\u00dfender Werke.               <\/p>\n<p>&#8222;Es fing sehr lustig an. Wir hatten Sehns\u00fcchte und Fragen. Die                 mussten wir beantworten. Dazu, dachten wir, helfen uns auch bestimmte,                 ausgew\u00e4hlte internationale Texte, die wir verbreiten wollten.                 Wir hatten auch eigene Texte, wir wollten eingreifen. So hat alles                 angefangen. Eigentlich in gewisser Weise als Selbsthilfeprojekt.                 Da wir als Libert\u00e4re immer eine extreme Minderheitenposition innerhalb                 der Linken vertreten haben, war das nicht einfach&#8220;, so Lutz in                 einem Interview, das ich mit ihm und Hanna 2004 in Leipzig gef\u00fchrt                 habe. ((1)) <\/p>\n<p>Ich geh\u00f6re zu den gl\u00fccklichen Menschen, die alle Ausgaben der                 von Lutz herausgegebenen Anarchozeitungen gelesen haben. Anfang                 der 1990er Jahre hat er mir alle mir noch fehlenden Ausgaben von                 <i>MAD<\/i>, <i>Revolte<\/i> und <i>Die Aktion<\/i> in zwei Riesenpaketen                 geschickt, so dass ich sie im Rahmen meiner Dissertation \u00fcber                 &#8222;Libert\u00e4re Presse in Ost- und Westdeutschland&#8220; analysieren konnte.                  ((2)) <\/p>\n<p>Ab September 1971 hat Lutz die anarchistische <i>MAD<\/i> zun\u00e4chst                 mit dem Untertitel &#8222;Materialien, Analysen, Dokumente&#8220; herausgebracht,                 bis 1973 die gleichnamige <i>MAD<\/i> gerichtlich gegen <i>MAD<\/i>                 vorging.<\/p>\n<p>Lutz: &#8222;Man konnte das nat\u00fcrlich auch als &#8218;M\u00e4\u00e4d&#8216; aussprechen,                 also wie die satirische Zeitschrift. Es war ein sachlicher Titel                 und hatte Untertitel wie &#8218;Anarchistische Hefte&#8216;. Mit diesem Zeitungsprojekt                 haben wir angefangen, und daraus hat sich dann der Verlag entwickelt.                 Eines Tages haben wir das verbotene Bommi-Baumann-Buch &#8218;Wie alles                 anfing&#8216; neu herausgegeben, gemeinsam mit 150 Verlagen, Buchhandlungen                 und namhaften Pers\u00f6nlichkeiten. Damals hat Otto Schily das noch                 verteidigt. Wir hatten mit unterschrieben. Dann hatte wahrscheinlich                 ein Gesch\u00e4ftspartner dieser &#8218;lustigen Zeitschrift&#8216; gesagt: &#8218;Ihr                 seid auch daf\u00fcr, dass das Buch von Bommi Baumann wieder erscheint?&#8216;                 Dann sagten die: &#8218;Nein, nein, nein!&#8216; Die haben sofort eine einstweilige                 Verf\u00fcgung gegen uns erwirkt, wegen Namensgleichheit und pipapo.&#8220;               <\/p>\n<p>Daraufhin ging der MAD-Verlag 1974 endg\u00fcltig in der Edition Nautilus                 auf. Die Zeitschrift <i>MAD<\/i> wurde bereits 1973 in <i>Revolte<\/i>                 umbenannt.<\/p>\n<p>1981 gr\u00fcndete Lutz <i>Die Aktion<\/i> als bis zuletzt unregelm\u00e4\u00dfig                 erscheinende &#8222;Zeitschrift f\u00fcr Politik, Literatur, Kunst&#8220;. <\/p>\n<p>Lutz: &#8222;Wir sind mit den Produktionsmitteln gewachsen, mussten                 sie uns erobern. Das erste Heft der MAD, da war nur der Umschlag                 Offset, das andere haben wir noch abgenudelt. Wir haben also alle                 diese Stadien der Aneignung der Produktionsmittel und der F\u00e4higkeiten                 durchgemacht, bis hin zur Umstellung auf Computer. Insofern sind                 wir mit den Mitteln gewachsen. Vieles hat sich dadurch verquickt.                 Deswegen sind wir leidenschaftliche Anh\u00e4nger der Selbstorganisation.                 (&#8230;) Die erste Brosch\u00fcre in der Reihe &#8218;Flugschriften&#8216; war eine                 Sammlung \u00fcber den Betriebskampf mit vielen Stimmen aus Frankreich,                 England &#8230; Das war eine Zusammenstellung, mit internationalem                 Blick, weil der Schwerpunkt der autonomen und radikalen Klassenk\u00e4mpfe                 nicht in Deutschland lag. Sie hie\u00df &#8218;Dranbleiben, einmal klappt&#8217;s                 bestimmt&#8216;. Das sollte auch ein Beispiel daf\u00fcr sein, welche Formen                 auf einer internationalen Ebene schon von der Klasse eingesetzt                 werden. Und das stand konfrontativ zu den Leuten, die sich heute                 in Regierung oder sonst wo rumtummeln, die doch eine andere Meinung                 hatten, wie der Arbeiterkampf, der Kampf der Jugend, oder anderer                 sozialer Schichten zu f\u00fchren w\u00e4ren. Deswegen waren wir zwar nach                 allen Seiten hin offen, aber eingekesselt. Diesen Kessel Buntes                 gab es immer schon. (\u2026) Da waren die Libert\u00e4ren immer ein st\u00f6render                 Faktor. Im R\u00fcckblick muss man sagen, dass wir leider nicht f\u00e4hig                 waren, eine dauerhafte Vermittlung unserer Vorstellungen zu organisieren.                 Wir dachten alle mehr oder weniger, es geht nur voran. Dass es                 auch zur\u00fcck geht, hatten wir im \u00dcberschwang unserer Leidenschaften                 nicht beachtet. Es sind dann viele gegangen, und das hatte auch                 viel damit zu tun, dass die Erwartung vom stetigen Vorw\u00e4rts stark                 verbreitet war. Da haben wir, als MAD-Kollektiv, einen vorsichtigeren,                 mittleren Kurs gefahren: Theorie ist wichtig, das Denken, das                 Wissen, die Erfahrungen m\u00fcssen bewahrt und eingebracht werden.&#8220;<\/p>\n<p>Mit Zeitschriften und B\u00fcchern wollte Lutz die Welt ver\u00e4ndern.                 Und das ist ihm gegl\u00fcckt. Dabei war er erfrischend undogmatisch                 und verlegte keineswegs nur libert\u00e4r-sozialistische Agitprop-B\u00fccher.               <\/p>\n<p>Die eher &#8222;unpolitischen&#8220; Nautilus-Bestseller &#8222;Tann\u00f6d&#8220; und &#8222;Kalteis&#8220;                 erreichten 2006 und 2007 Millionenauflagen und erm\u00f6glichten es                 der Edition Nautilus, ein eigenes, wundersch\u00f6nes Verlagshaus in                 Hamburg zu kaufen. Dass diese beiden Krimis vom Fernseh- und Zeitungs-Feuilleton                 so gefeiert wurden, ist vielleicht eher Zufall. Meines Erachtens                 sind die B\u00fccher von Andrea Maria Schenkel keineswegs die interessantesten                 aus dem Hause Edition Nautilus. Aber wie der 1985 erstmals erschienene                 Nautilus-Bestseller &#8222;Dinner for one&#8220; haben sie geholfen die Existenz                 des Verlags zu sichern und andere B\u00fccher gegenzufinanzieren.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich gibt es wichtigere Nautilus-B\u00fccher, auch wenn sie sich                 weit schlechter verkaufen. Um nur einige zu nennen: der Durruti-W\u00e4lzer                 von Abel Paz, Emma Goldmans &#8222;Gelebtes Leben&#8220;, Louis Mercier Vegas                 Erz\u00e4hlung &#8222;Reisende ohne Namen&#8220; und David Graebers Standardwerk                 &#8222;Direkte Aktion&#8220;.<\/p>\n<p>Gl\u00fccklich bin ich, dass ich meinen Freund Horst Stowasser dazu                 bewegen konnte, sein lange vergriffenes &#8222;Freiheit pur&#8220; zu aktualisieren,                 es zu erg\u00e4nzen und dann als 500-Seiten-W\u00e4lzer 2006 in der Edition                 Nautilus zu ver\u00f6ffentlichen. &#8222;Anarchie&#8220; ist nicht nur f\u00fcr mich                 eine der wichtigsten Schriften des 21. Jahrhunderts. <\/p>\n<p>Zu den herausragenden B\u00fcchern der Edition Nautilus geh\u00f6rt auch                 &#8222;Das Leben \u00e4ndern, die Welt ver\u00e4ndern!&#8220; Diese 480-seitige Sammlung                 von Dokumenten und Berichten zur 1968er-Revolte hat Lutz pers\u00f6nlich                 zusammengestellt und herausgegeben. Auf Einladung unserer &#8222;Bankrott&#8220;-Infoladengruppe                 hat er dieses Werk 1998 ebenso in der Baracke M\u00fcnster vorgestellt                 wie die ebenfalls bei Nautilus erschienenen zapatistischen &#8222;Botschaften                 aus dem lakandonischen Urwald&#8220; von Subcomandante Marcos. <\/p>\n<p>Wenn ich in Hamburg auf Einladung von GenossInnen Vortr\u00e4ge gehalten                 habe oder auf den Buchmessen in Leipzig und Frankfurt war, dann                 traf ich dort immer auch Lutz. Und das war eine besondere Freude.                 Denn viel \u00f6fter, als wir uns gesehen haben, haben wir telefoniert,                 in der Regel alle zwei, drei Wochen, seitdem ich im November 1998                 meine Stelle als Koordinationsredakteur der <i>Graswurzelrevolution<\/i>                 angetreten habe.<\/p>\n<h3>&#8222;Was suchst du Ruhe, wenn du zur Unruhe geboren bist.&#8220; (Thomas                 von Kempen, 1379-1471)<\/h3>\n<p>Lutz war ein begnadeter Verleger. Wenn er der Meinung war, dass                 Nautilus-B\u00fccher in der GWR besprochen werden sollten, dann rief                 er mich an und brauchte nur wenige Sekunden, bis er mich so weit                 hatte, eine Besprechung f\u00fcr die GWR zu organisieren oder pers\u00f6nlich                 eine zu schreiben. <\/p>\n<p>Letzteres war mit einem gewissen Risiko behaftet. Im Oktober                 2001 hatte ich in den <i>Libert\u00e4ren Buchseiten<\/i> der GWR 262                 das Nautilus-Buch &#8222;Die libert\u00e4re Revolution&#8220; von Heleno Sana zerrissen.                 Das schmierte mir Lutz jahrelang bei jeder Gelegenheit aufs Butterbrot.                 Der \u00c4rger \u00fcber eine einzelne, kritische Rezension konnte ihn fast                 schon mehr wurmen, als ihn die unz\u00e4hligen positiven Rezensionen                 von Nautilus-B\u00fcchern in der <i>Graswurzelrevolution<\/i> begeistern                 konnten.<\/p>\n<p>Lutz war ein warmherziger und neugieriger Mensch mit Sinn f\u00fcr                 Ironie, Selbstironie und schwarz-roten Humor. Aber eben auch ein                 hanseatischer Sturkopf, ein Ruheloser, ein Getriebener. Unsere                 oft langen Telefongespr\u00e4che vermisse ich. Sie waren in der Regel                 ein anregender Spa\u00df, den wir uns immer wieder gerne g\u00f6nnten. <\/p>\n<p>Das anarchistische Prinzip der Gegenseitigen Hilfe war f\u00fcr Lutz                 keine Phrase. Er lebte und handelte solidarisch und verlor das                 Ziel einer herrschaftsfreien Gesellschaft nie aus den Augen. Lutz                 war ein Vision\u00e4r. Als ich ihm sagte, dass die <i>Graswurzelrevolution<\/i>                 nach der Pleite der CARO-Druckerei am 1. Januar und dem Tod von                 Sigrid Brodrecht (GWR-Vertrieb) 5 am 10. Februar 2013 in eine                 finanzielle Krise zu rutschen droht, sagte er mir nicht nur zu,                 dass Nautilus fortan mehr Anzeigen in der GWR schalten wird. <\/p>\n<p>Ihn hat immer gewurmt, dass seine <i>Aktion<\/i> trotz Vierfarbdruck,                 sch\u00f6ner Aufmachung und spannenden Inhalten nie die 1000er-Auflagen-H\u00fcrde                 \u00fcbersprungen hat. Was liegt also n\u00e4her, als &#8222;sein Kind&#8220; der vergleichsweise                 auflagenstarken <i>Graswurzelrevolution<\/i> beizulegen? Anfang                 2013 vereinbarten wir, dass <i>Die Aktion<\/i> ab der n\u00e4chsten                 Ausgabe als bezahlte Beilage in der GWR liegen sollte.<\/p>\n<p>Zur Verwirklichung dieses Vorhabens kam es dann aber nicht mehr,                 weil Lutz nach seiner Hirnblutung keine <i>Aktion<\/i> mehr machen                 konnte. <\/p>\n<h3>Lutz&#8216; Beerdigung<\/h3>\n<p>Am 17. Mai 2013 wurde Lutz auf dem Friedhof in Hamburg-Diebstreich                 beerdigt. Es war eine bewegende Trauerfeier, die von Hanna und                 Lutz&#8216; Hamburger FreundInnen und GenossInnen organisiert wurde.                 Etwa 200 Menschen verabschiedeten sich von einem Lebensgef\u00e4hrten,                 Bruder, Freund, Verleger, Anarchisten und Perlentaucher.<\/p>\n<p>Vielleicht h\u00e4tte das gro\u00dfe Holzkreuz im Trauersaal mit einer                 schwarz-roten Fahne verdeckt werden sollen? Andererseits h\u00e4tte                 Lutz sich wahrscheinlich in einem Anflug von Sarkasmus \u00fcber den                 Anblick des langj\u00e4hrigen Weggef\u00e4hrten Karl Heinz Roth am\u00fcsiert,                 der als Trauerredner vor dem Holzkreuz wirkte wie ein syndikalistischer                 Pfarrer.<\/p>\n<p>Lutz h\u00e4tte sicher gro\u00dfe Freude an dieser w\u00fcrdevollen Trauerfeier                 gehabt, die bei sch\u00f6nem Wetter ihren Ausklang mit einer Zusammenkunft                 im Verlag hatte. Hier kamen sich auch viele FreundInnen und GenossInnen                 von Lutz nahe, die sich bisher nur vom Sehen oder H\u00f6rensagen kannten.                 Lutz verbindet \u00fcber den Tod hinaus. Sein schwarz-roter Faden wird                 aufgenommen und auch nach seinem Tod wird weiter an der Idee eines                 libert\u00e4ren Sozialismus gestrickt.<\/p>\n<p>Als Hanna, Lutz und ich am 7. September 2009 nach der Beerdigung                 von Horst Stowasser gemeinsam die R\u00fcckreise von Neustadt antraten,                 habe ich den beiden auch von Martin S. (siehe Kasten) erz\u00e4hlt.                 Wir waren uns einig, dass es wichtig ist, eine libert\u00e4re Trauerkultur,                 wie sie bei der bewegenden Beerdigung von Horst vorgelebt wurde,                 weiter zu etablieren.<\/p>\n<p>Die Beerdigung von Lutz war ganz in diesem Sinne.<\/p>\n<p>Die von Cornelia Schramm im Rahmen der Trauerfeier f\u00fcr Lutz vorgelesenen                 Ausz\u00fcge aus Beileidsbriefen und die ergreifenden Trauerreden,                 die am Sarg unter anderem von Lutz&#8216; Arzt Hans Schulz, von den                 DadaistInnen Michael Erlhoff und Uta Brandes, vom Deutschlandfunk-Redakteur                 Hajo Steinert und den anarchistischen Weggef\u00e4hrten KP Fl\u00fcgel und                 Robert Brack gehalten wurden, sollen zum gro\u00dfen Teil in der n\u00e4chsten                 Ausgabe der <i>Aktion<\/i> erscheinen. Und die wird im September                 voraussichtlich der GWR 381 beigelegt. Deshalb werde ich darauf                 hier nicht n\u00e4her eingehen. <\/p>\n<h3>Nur soviel<\/h3>\n<p>Am meisten geheult habe ich bei der ergreifenden Rede von Corinna                 Sievers. Als sie erz\u00e4hlte, hatte ich den Eindruck, Lutz, dieser                 gro\u00dfe Menschenfreund, stehe mitten im Saal: <\/p>\n<p>&#8222;Zwei Menschen, die verschiedener nicht sein k\u00f6nnen, Lutz Schulenburg                 und ich. Er: Anarchist, Atheist, gl\u00fchender Verehrer des Surrealismus.                 Ich: b\u00fcrgerliche Katholikin im Herzen, Verehrerin des Barock.                 Und doch hat er mich mit offenen Armen in seinem Verlag aufgenommen.&#8220;               <\/p>\n<p>Corinna Sievers, die Kieferorthop\u00e4din, die seit 2011 Nautilus-Autorin                 ist, erz\u00e4hlte anr\u00fchrend, wie sie Lutz kennen gelernt hat: &#8222;Es                 war wie immer, Autorin schickt unverlangt Manuskript an Verlag.                 Wochenlang nichts. Dann eine Mail. Man w\u00fcnscht mich in Hamburg                 zu sehen. Ja nat\u00fcrlich, ich komme. Ob wir zusammen zu Abend essen                 werden, schreibt der Verleger. Noch sind wir uns nicht begegnet.                 &#8218;Mit Vergn\u00fcgen&#8216;, antworte ich, &#8218;ich wohne im Hotel &#8218;Vier Jahreszeiten'&#8220;.               <\/p>\n<p>Dort gebe es dieses k\u00f6stliche Essen &#8222;Vier Jahreszeiten-Ente vom                 Grill&#8220;. F\u00fcr Freitagabend k\u00f6nne sie dort einen Tisch reservieren.                 Hannas Antwort habe einen ganzen Tag ben\u00f6tigt:<\/p>\n<p>&#8222;Sie habe den Verleger gefragt. Wenn es denn unbedingt sein m\u00fcsse,                 esse Lutz auch &#8218;Ente vom Grill&#8216;. Es m\u00fcsse aber nicht unbedingt                 sein. &#8218;Wir essen lieber zu Hause Eintopf in unserem Wohnzimmer,                 der auch Verlag ist. Jedenfalls finde ich nichts pers\u00f6nlicher.'&#8220;<\/p>\n<p>Warum sie das Manuskript ausgerechnet ihm geschickt habe, habe                 Lutz sie gefragt. Darauf habe sie geantwortet, dass sie gerne                 in einem Verlag mit Jochen Schimmang und Anna Rheinsberg sein                 m\u00f6chte. &#8222;Aha.&#8220; Wie politisch dieser Mensch sei, habe sie zu diesem                 Zeitpunkt noch gar nicht gewusst. <\/p>\n<p>&#8222;Ich wei\u00df gar nicht, wie viele von den Anwesenden das Gl\u00fcck hatten,                 von Lutz auf die Wange gek\u00fcsst zu werden.&#8220; Sie jedenfalls habe                 dieses Gl\u00fcck gehabt. &#8222;Es waren die nassesten Wangenk\u00fcsse und die                 l\u00e4ngsten: 180 Sekunden. Ich habe Hanna davon erz\u00e4hlt. Sie sagte,                 sie wisse das. &#8218;Ich habe Lutz tausendmal gesagt, er soll sich                 die Lippen abtrocknen.&#8216; Lieber Lutz, ich bin sehr froh, dass Du                 mich gek\u00fcsst hast. Und ich w\u00fcrde alles daf\u00fcr geben, noch einmal                 von Dir gek\u00fcsst zu werden.&#8220;<\/p>\n<p>Lieber Lutz, wir vermissen Dich und werden Dich nicht vergessen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lutz Schulenburg (geboren am 21. April 1953 &#8211; gestorben am 1. Mai 2013) Lutz war eine herausragende Pers\u00f6nlichkeit des Anarchismus in Deutschland. Er wuchs als Arbeiterkind in Hamburg-Bergedorf auf. Als Jugendlicher brach er die Schule ab, ging auf Trebe, radikalisierte sich in der 68er-Bewegung und schloss sich als 15-J\u00e4hriger einer Anarchozelle in Hamburg an. 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