{"id":12539,"date":"2013-06-01T00:00:43","date_gmt":"2013-05-31T22:00:43","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=12539"},"modified":"2022-07-26T14:12:11","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:11","slug":"vertonter-anarchistischer-radikalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/06\/vertonter-anarchistischer-radikalismus\/","title":{"rendered":"Vertonter anarchistischer Radikalismus"},"content":{"rendered":"<p>Propagandhi &#8211; viel g\u00e4be es zu schreiben \u00fcber diese Institution                 harter, anarchistischer Gitarrenmusik. <\/p>\n<p>Ich bediene mich hier des Begriffs &#8222;harte, anarchistische Gitarrenmusik&#8220;,                 da die musikalische Einordnung dieser vier Kanadier &#8211; entgegen                 der politischen -eher schwer f\u00e4llt. <\/p>\n<p>1993 war mit dem Album &#8222;How to Clean Everything&#8220; stilistisch                 alles eher beim melodischen Punkrock\/Skatepunk angesiedelt, wiewohl                 es hier trotz der eing\u00e4ngigen Melodien bereits hoch politisch                 zur Sache ging (&#8222;We stand for something more than a faded sticker                 on a skateboard&#8220; ((1)); aus:                 &#8222;Anti-Manifesto&#8220;). <\/p>\n<p>Das Folgealbum &#8222;Less Talk, More Rock&#8220; (1996), dessen Titel ironisch                 auf den starken Politcharakter von Propagandhi-Musik hinweist,                 war musikalisch \u00e4hnlich wie ihr Deb\u00fct, inhaltlich bot es die \u00fcbliche                 Portion anarchistischen Radikalismus, und es ist wohl kein Zufall,                 dass ausgerechnet auf &#8222;Less Talk, More Rock&#8220; auf einem ganzen                 Track nur geredet wird (mit Ramsey Kanaan des anarchistischen                 Buchverlags AK Press\/PM Press ((2))                 als Sprecher). <\/p>\n<p>Das Logo, das auf die CD gedruckt wurde, ist seither in allen                 m\u00f6glichen Anarchoforen zu finden oder macht als Aufn\u00e4her und Button                 in Szenekreisen seine Runden: ein A im Kreis, um das die politischen                 Grundpositionen der Band geschrieben stehen. &#8222;<i>pro-feminist.                 animal-friendly. anti-fascist. gay-positive<\/i>&#8222;. Dennoch: Diese                 vier Schlagworte k\u00f6nnen nur andeuten, wof\u00fcr Propagandhi steht.               <\/p>\n<p>Bereits als jugendlicher Anh\u00e4nger der (damals in der Gegend in                 der ich aufwuchs betont linksradikalen und sich \u00fcberschneidenden)                 Skateboard- und Punkrock\/Hardcore-Subkultur, beeindruckte mich                 die F\u00e4higkeit dieser Band, politisch alles abzudecken, was mir                 wichtig war (und ist) und dies, wie es scheint, noch zu 100%:                 Anarchismus, Feminismus, Antifaschismus, Antiimperialismus, Veganismus\/Tierrechte,                 Antirassismus, Antikapitalismus, Menschenrechte, Religionskritik,                 Antimilitarismus\/-krieg, Homosexuellenrechte\/LGBT, Zapatismus\/indigener                 Widerstand (vor allem im kanadischen Kontext), \u00d6kologie, you name                 it &#8230;<\/p>\n<p>Nun, \u00fcber ein Jahrzehnt sp\u00e4ter, gehe ich immer noch auf Propagandhi-Konzerte,                 h\u00f6re ihre Platten und kann den Einfluss, den diese Band auf meine                 fr\u00fche politische Sozialisation hatte, nicht hoch genug sch\u00e4tzen.<\/p>\n<p>Doch es bleibt nicht bei nostalgischen R\u00fcckblenden in meine fr\u00fche                 Jugend. <\/p>\n<p>In der Arena prangte \u00fcber dem gro\u00dfen Propagandhi-Banner die schwarze                 Fahne der Direkten-Aktions-Tierrechtsgruppe Sea Shepherd ((3)).               <\/p>\n<p>Dies f\u00fchrt mich in Gedanken zur\u00fcck in die Zeit, die ich j\u00fcngst                 in Melbourne verbrachte, wo die Sea-Shepherd-Flotte ihre Basis                 hat, wenn es gerade keine Walfangschiffe mit Butters\u00e4ure einzudecken                 oder schlicht zu rammen\/versenken gilt.<\/p>\n<p>Wiederum kommt die Erkenntnis: hier bin ich richtig &#8211; immer noch!                 Und auf einem Propagandhi-Konzert kann ich sogar mit meinem Anarchists                 Against the Wall T-Shirt herumlaufen, ohne bl\u00f6d angemacht zu werden!                  ((4))<\/p>\n<p>So trittfest Propagandhi politisch sind, so wandlungsf\u00e4hig sind                 sie musikalisch. Das haben sie sp\u00e4testens mit ihrem Album &#8222;Today&#8217;s                 Empires, Tomorrow&#8217;s Ashes&#8220; (2000) bewiesen. <\/p>\n<p>Der Sound entwickelte sich vom melodisch-eing\u00e4ngigen Punkrock                 hin zu progressivem Hardcore mit Thrash- und Metal-Elementen.                 Inhaltlich ist es meiner Meinung nach das st\u00e4rkste und direkteste                 Album. Die meisten Texte kommen ohne metaphorische Kunstgriffe                 aus, sind konfrontativ, w\u00fctend, laut. (&#8222;I stand not by my country,                 but by people of the whole fucking world. No fences, no borders.                 Free movement for all. Fuck the border. It&#8217;s about fucking time                 to treat people with respect.&#8220; ((5));                 aus: &#8222;Fuck The Border&#8220;) <\/p>\n<p>Ein gewichtiger Grund f\u00fcr die musikalische Umorientierung war                 sicher der neue Bassist Todd Kowalski. Kowalski war in der Punk\/Hardcore-Politszene                 Winnipegs schon durch Bands wie Swallowing Shit oder I Spy bekannt.               <\/p>\n<p>Beide Bands sind auch politisch interessant. Swallowing Shit                 war musikalisch im Crustpunk\/Grindcore beheimatet und inhaltlich                 haupts\u00e4chlich darauf aus, konservative\/rechte Bev\u00f6lkerungsgruppen                 zu provozieren (mit Songs wie &#8222;Burn Winnipeg to the Fucking Ground&#8220;,                 &#8222;Pro-Abortion Anti-Christ&#8220; oder &#8222;Lyrics That May Offend The Honkeys&#8220;                  ((6)) war das ein Kinderspiel).               <\/p>\n<p>I Spy war eine Hardcore-Band, in der politische Botschaften zumeist                 \u00fcber pers\u00f6nliche, teils recht einf\u00fchlsame aber nicht minder w\u00fctende                 Geschichten Kowalskis transportiert wurden. ((7))<\/p>\n<p>Das Propagandhi-Album &#8222;Potemkin Speed Limits&#8220; (2005) war das                 letzte, das auf dem Label Fat Wreck Chords des NOFX-Bassisten                 Fat Mike ver\u00f6ffentlicht wurde. Fat Wreck Chords zu verlassen war                 wohl eine Entscheidung, die l\u00e4nger schon \u00fcberf\u00e4llig war, passten                 Propagandhi doch nicht mehr wirklich (oder noch nie?) in das Fat-Wreck-Profil.                 &#8222;Supporting Caste&#8220; (2009) und &#8222;Failed States&#8220; (2012) erschienen                 dann u.a. im Propagandhi-Label G7 Welcomming Committee Records                  ((8)). Musikalisch kn\u00fcpfen sie                 an den progressiven Sound an, der 2000 eingeschlagen wurde, politisch                 blieb alles &#8211; wie war es anders zu erwarten? &#8211; beim Alten, nicht                 jedoch, ohne aktuelle Themen aufzugreifen. <\/p>\n<p>Der Song &#8222;Cognitive Suicide&#8220; auf &#8222;Failed States&#8220; etwa richtet                 sich gegen Geschlechternormierung, der Albumtitel persifliert                 die bekannte Kategorisierung der US-Au\u00dfenpolitik mit dem dezenten                 Hinweis, auf die Verkn\u00fcpfung von Krieg und Staat \u00fcberhaupt.<\/p>\n<p>Wenn es irgendeine Band gibt, die ihre politischen Ideale wohl                 nie aufgeben oder verw\u00e4ssern wird (wie z.B. Against Me! oder But                 Alive \u2026 [jetzt Kettcar]), &#8211; das ist meine Gewissheit in solchen                 Momenten wie vor kurzem in der Arena -, dann ist es Propagandhi.                 Daher ist Propagandhi auch im Grunde die einzige Band, wo man                 mich bei Konzerten dort antrifft, wo ich sonst nie bin: beim Merchandise-Stand!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Propagandhi &#8211; viel g\u00e4be es zu schreiben \u00fcber diese Institution harter, anarchistischer Gitarrenmusik. 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