{"id":12547,"date":"2013-06-01T00:00:20","date_gmt":"2013-05-31T22:00:20","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=12547"},"modified":"2022-07-26T14:12:12","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:12","slug":"chaordnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/06\/chaordnung\/","title":{"rendered":"Chaordnung"},"content":{"rendered":"<h3>Der Weg ins Thema<\/h3>\n<p>Fragen \u00fcber Fragen!<\/p>\n<p>Meine Kritikerinnen werden mir antworten: Nun, werden sie sagen, Du willst Dich nur reinwaschen, Du Unschuldslamm.<\/p>\n<p>Ich werde antworten: will ich auch. Es ist mein Rachfeldzug gegen alle Ordentlichen.<\/p>\n<p>1. Ich bin von Haus aus unordentlich, sagen meine Kritikerinnen. Ich werde noch unordentlicher, wenn mein Umfeld ebenfalls unordentlich ist.<\/p>\n<p>Also, je ordentlicher mein Umfeld ist, desto leichter f\u00e4llt es mir, ordentlich zu sein. Meine Frau sagt, ich sei ein Missy. Ein Missy ist jemand, bei dem die Plastikt\u00fcten und die abgeknabberten Apfelkerne das Niveau steigen lassen. Missy sein hei\u00dft s\u00fcchtig sein. Es ist \u00fcbler als Dope, Alk oder Sex. Dope macht high, Alk macht bl\u00f6d und Sex macht schlapp, aber Dreck macht wahnsinnigen \u00c4rger.<\/p>\n<p>2. Was ist eigentlich Ordnung und was Unordnung?<\/p>\n<p>3. Wieso ist das eigentlich ein Thema? F\u00fcr mich. F\u00fcr andere, f\u00fcr alle.<\/p>\n<p>4. Meine private kleine Umfrage hat ergeben, dass Unordnung ein Problem f\u00fcr die Frauen ist und Ordnung ein Problem f\u00fcr uns M\u00e4nner.<\/p>\n<p>5. Es gibt verschiedene Unordnungen: die erste: alles ist unordentlich, vor allem mein Arbeitsplatz, aber ich wei\u00df schnell, wo ich etwas finde.<\/p>\n<p>Wenn ich folglich einen schmalen Ordner suche, dann wei\u00df ich erstens, dass er rot ist, zweitens neben meinem Autoschl\u00fcssel liegt und diese wiederum unter meiner Jacke, die ich auf den Haufen Papiere gelegt habe.<\/p>\n<p>Eine Kombination dieser Art und schon habe ich das Gesuchte gefunden. Hier ist der Wegweiser nicht das Regal, und der Buchstabe, unter dem der Ordner steht, sondern ein pers\u00f6nliches, nicht vorhersehbares Ordnungssystem, das eher einem chaotischen \u00e4hnelt. Es funktioniert oft besser als das Regalsystem. Mich macht dieses System extrem kreativ und produktiv, meine Freundin bringt dieses System um ihren Verstand.<\/p>\n<p>6. Es gibt Unordnung, die ich Versiffung nenne. Das merke ich daran, dass stinkende Zigarettenstummel und biologische verfaulte Reste mitten in einem Haufen alter Zeitungen vor sich her rotten. Das ist das typische Outfit unserer Zigarettenecke. Diese Beleidigung f\u00fcr mein Architektenauge wird nur noch getoppt, wenn es in den Aschenbecher geregnet hat.<\/p>\n<p>7. Unordnung ist ferner meine Arbeitshose im Theater oder eine stinkende alte Unterhose beim Verf\u00fchren meiner Freundin. Von diesen Unordnungen rede ich an dieser Stelle nicht. Sie fallen in das Gebiet der suchtm\u00e4\u00dfigen Verslummung.<\/p>\n<p>8. Wer regt sich auf? Meistens sind es Frauen, die sich \u00fcber die Unordnung ihrer M\u00e4nner aufregen. Nicht immer, aber erstaunlich oft. Meine Beobachtungen gehen dahin, dass Frauen unter Frauen nicht eine Spur ordentlicher sein k\u00f6nnen als M\u00e4nner unter M\u00e4nner, die nach meiner Beobachtung, wenn auch gezwungen und steif, doch ein erstaunliches Ma\u00df an K\u00fcchenordnung z. B. hinbekommen. In gewisser Weise ist es also ein Beziehungsproblem.<\/p>\n<p>9. Die Unordentlichen laufen Gefahr, als Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr viele Konflikte herhalten zu m\u00fcssen. Und allzu oft hat mich das Stigma verfolgt: der sp\u00fclt nie ab, der r\u00e4umt nie seine Tasse weg.<\/p>\n<p>10. Wegr\u00e4umen ist nicht sichtbar. Stehenlassen schon. Deswegen wiegt die eine Tasse, die stehen bleibt mehr als tausend andere wegger\u00e4umte. Das Los der traditionellen Hausfrau.<\/p>\n<p>11. Das andere Thema, welches ich auch in die Unordnung schiebe, ist die Tatsache, dass Werkzeug, vornehmlich, auf der Hazienda fl\u00e4chenm\u00e4\u00dfig verstreut wird, nicht zur\u00fcckgebracht wird, und schlicht weg ersten einmal verschwindet, bis es verrostet unter Laub nach Monaten oder Jahren wieder auftaucht. Das Erstaunliche ist, dass, wenn ich die herumliegenden Teile einsammle, gleichg\u00fcltig, was es ist, ob Fahrrad, Schuhe, Kneifzangen oder Schraubenpakete &#8211; es wird gar nicht vermisst.<\/p>\n<p>12. Beispiele: Wir hatten f\u00fcr kurze Zeit einen Tischlermeister in der Werkstatt. Nach wenigen Tagen war in der Tischlerei kein Durchkommen mehr, weil er alle Leisten und Sp\u00e4ne einfach im Raum liegen lie\u00df. Als ich ihm sagte, dass er aufr\u00e4umen m\u00fcsse, hat er alles nach drau\u00dfen vor die T\u00fcr getragen und es drau\u00dfen im Regen liegen lassen.<\/p>\n<p>13. Beispiel: Wir haben in der Gemeinschaft ein gemeinsames Telefon. An diesem Telefon war auch mein PC angeschlossen. Niemand hat sich um St\u00f6rungen gek\u00fcmmert. Jeder hat auf meinem PC gearbeitet, er war st\u00e4ndig kaputt.<\/p>\n<p>14. Beispiel: Ich suche eine Kneifzange: Ich finde sie in der Tischlerei nicht, obwohl ich mindestens vier St\u00fcck gekauft hatte. Ich denke dar\u00fcber nach, wer auf der Burg gerade baut, der nicht, der nicht aber der. Brauchte er eine Kneifzange. Ja, das k\u00f6nnte sein. Ich gehe hin, und finde zwar keine Zange, aber eine Kreiss\u00e4ge. Ich gehe zur n\u00e4chsten Privatbaustelle.<\/p>\n<p>Irgendwo im Saal, wo gar keine Baustelle mehr ist, finde ich die Zange.<\/p>\n<p>15. Beispiel: Seit langer Zeit stecken die Messer in einem Block, oder liegen in der Ablage. Von einem auf den anderen Tag sind sie verschwunden. Weg, bis sie nach langem Suchen unten irgendwo im Fach gefunden werden. Das ist ein g\u00e4ngiges Beispiel, wie aus gew\u00fcnschter Ordnung eine Unordnung und \u00c4rger wird.<\/p>\n<h3>Was w\u00fcnsche ich mir?<\/h3>\n<p>Achtung vor den Arbeitsbereichen des Anderen, das Bewusstsein eine Arbeit zu beginnen und sie zu beenden, Im Grunde ist das schon alles.<\/p>\n<h3>Wo also ist das Problem?<\/h3>\n<p>Das Problem f\u00e4ngt fr\u00fch an:<\/p>\n<p>Ich kenne kaum ein Kinderzimmer, welches das Pr\u00e4dikat ordentlich verdient. Es scheint verhext zu sein: Die Mutter dr\u00e4ngt auf Ordnung, der Junge geht in die Revolte und bleibt unordentlich aus Trotz. Die Mutter sagt gar nichts. Weil sie selbst unordentlich ist oder Angst vor dem Konflikt hat, und der Junge macht einfach weiter.<\/p>\n<p>Der Protest des Kindes gegen die Mutter oder den Vater, der auf diesem Feld wahrscheinlich am einfachsten ausgetragen wird, geht in der Beziehung zur Ehefrau weiter. Die Projektionen der Beziehungspartner durch elterliche Erwartungen ist allgemein bekannt. Dieses Spiel der ger\u00fcgten Unordnung und der Protest dagegen geht also weiter. Und der \u00c4rger steigt, je weiter die Liebe und die Erotik so langsam im Alltag versiegen. Nur mittlerweile sind wir keine kleinen Kinder mehr, sondern Erwachsene, oder?<\/p>\n<h3>Ich w\u00fcnsche mir<\/h3>\n<p>Weder alleine noch in Gemeinschaft ist Unordnung und Suchen zu akzeptieren. Ordnung hat mit der eigenen Verantwortung und \u00dcbersicht zu tun.<\/p>\n<p>Ordnung im eigenen Hirn.<\/p>\n<p>Ordnung hat vordergr\u00fcndig mit Flei\u00df zu tun. Faulheit mit Unordnung, obwohl der zweite Gedanke diese Zuordnung auf den Kopf stellt. Unordnung ist eigentlich zeitaufwendiger als Ordnung.<\/p>\n<p>Unordnung macht nicht gl\u00fccklich. Aber Ordnung auch nicht.<\/p>\n<p>Was muss gelernt werden:<\/p>\n<p>Eine T\u00e4tigkeit hat einen Anfang und ein Ende. Am Anfang steht die Arbeitsvorbereitung, am Ende die saubere Werkstatt und das weggelegte Werkzeug. In der K\u00fcche haben wir seit Monaten eine Disziplin\u00fcbung, die so geht: Jeder macht das Geschirr, welches er benutzt hat, wieder sauber und stellt es weg. Das zu lernen und zu verinnerlichen, ging bei mir und bei meinen m\u00e4nnlichen Freunden erstaunlich schnell. Die K\u00fcche war erstaunlich sauber.<\/p>\n<h3>Recht und Ordnung<\/h3>\n<p>Da ist es wieder, diesmal in der politischen Anpassung. Die Unordnung bedeutet so viel wie Revolution oder Meuterei. Hier ist Unordnung oder besser Nichtordnung eigentlich B\u00fcrgerpflicht. Ordnung bedeutet insbesondere in diesem Zusammenhang Kontrolle. Kontrolle \u00fcber Menschen und deren Disziplinierung.<\/p>\n<p>Ordnung bedeutet hier \u00dcbersichtlichkeit und im Rahmen des Gewaltmonopols auch brachiale Durchsetzung der Gesetze. Um diese Ordnung geht es hier allerdings zurzeit noch nicht.<\/p>\n<p>Ist die Natur ordentlich oder unordentlich? Die Natur ist ordentlich, wir Menschen bringen sie durcheinander. Oder? Aber die Natur ist im Sinne der Chaostheorie das Paradebeispiel f\u00fcr Chaos &#8211; nicht vorher bestimmbar. Geht es um Unordnungsprinzipien?<\/p>\n<h3>Unordnung macht \u00c4rger!<\/h3>\n<p>Interessant ist die Frage des sich \u00c4rgernden \u00fcber die Unordnung des anderen. Warum ist jemand unordentlich, und warum regt das jemand dar\u00fcber auf?<\/p>\n<p>Die Frage Werkzeug weg und nicht zur\u00fcck, ist ein anderes Thema, zu dem wir noch kommen. Sich n\u00e4mlich dar\u00fcber zu \u00e4rgern ist relativ leicht nachzuvollziehen.<\/p>\n<p>Aber warum \u00e4rgert es Juliane, wenn ich meine Tasse nicht wegr\u00e4ume? Sie hat keinen Nachteil davon und wird auch nicht behindert. Warum also? Der Verdacht liegt nahe, dass es um die Beziehung zwischen Juliane und mir geht. (Den Namen habe ich taktvoll ge\u00e4ndert). Bei einem anderen regt sie sich n\u00e4mlich nicht auf. Z. B. bei der neuen Liebe!<\/p>\n<p>Wir d\u00fcrfen in aller Gelassenheit konstatieren, dass alle einen unterschiedlichen Level von Ordnung und Unordnung im pers\u00f6nlichen und im Arbeitsbereich haben. In unserem kommunalen Milieu haben wir die Konventionen schon l\u00e4ngst hinter uns gelassen. Es ist unwichtig, wie jemand aussieht oder was er anhat. Ist das so? Im Westen ja, im Osten nein? Oder umgekehrt oder spielt die Geschichte keine Rolle?<\/p>\n<p>Ist es so, dass Frauen meistens immer alles sch\u00f6ner haben wollen und M\u00e4nner alles praktischer &#8211; vor allem wollen sie produzieren?<\/p>\n<p>Ich beschreibe mein Verhalten zu diesem Thema:<\/p>\n<p>Ich stehe morgens in der Regel zeitig auf, fr\u00fchst\u00fccke wenig, trinke Kaffee und bin zwischen dem Eingie\u00dfen und Brotschmieren bereits bei meiner Arbeit und telefoniere. Die Arbeit, die Produktion, das Schaffen ist mir deshalb wichtig, weil ich mich dar\u00fcber darstelle. Mein Schaffen bin ich. Nicht Meine Kleidung, meine Bude, mein Auto. Alles ist mir nicht so wichtig, wie das kreative Schaffen.<\/p>\n<p>Es ist gleichzusetzen mit meiner sexuellen Potenz. Ist die verschwunden, bin ich todungl\u00fccklich und wenn ich dies mit der Arbeit nicht mehr ausgleichen kann, dann habe ich eine Sinnkrise. Ha, werden meine Leserinnen jetzt sagen, der spinnt ja, wir k\u00f6nnen Menschen doch nicht \u00fcber Arbeit definieren und schon gar nicht \u00fcber sexuelle Potenz.<\/p>\n<p>Da antworte ich aber: kommt ihr erst einmal in meine Jahre, da macht ihr ganz erstaunliche Erfahrungen. Das Dumme an der Sache ist nur, dass kein Mann dem anderen etwas \u00fcber die Krisen nach 60 erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>\u00dcber ein sauberes Hemd habe ich noch nie eine tiefe Befriedigung erhalten k\u00f6nnen. Ich habe mich h\u00f6chstens ge\u00e4rgert, dass bei einem kurzen Besuch in der Tischlerei bereits Staub und Sp\u00e4ne darauf sind und Leim am \u00c4rmel klebt. \u00dcber die Arbeit bekomme ich Anerkennung, die mir etwas wert ist. In mir ist ein unb\u00e4ndiger Gestaltungswille.<\/p>\n<p>Wenn jemand meine Bude sieht, dann wird er das nicht verstehen k\u00f6nnen. Wenn ich jedoch meine Bilder heraushole, dann ist mein Gestaltungswille sehr wohl zu erkennen und wenn jemand sich die M\u00fche machen w\u00fcrde, mich auf der Baustelle zu besuchen, dann auch dort. Wenn, ich muss es zugeben, oft vergeblich, denn ich muss zwischen Vielen vermitteln.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df, dass, wenn ich alleine mit ausreichend Zeit gestalte, sieht das Ergebnis meist sehr anschaulich aus. Meine Plakate, die ich hin und wieder entwerfe, zeugen davon. Die Kommune bietet mir jetzt wegen des unglaublich vielen Platzes, alle meine kreativen Launen auszuspielen. Wer kann schon eine Bibliothek einrichten, eine Tischlerei, wer kann G\u00e4ste beherbergen, wer mit lieben Leuten zusammenleben?<\/p>\n<p>Mich st\u00f6rt auch nicht, wenn die Maus \u00fcber den Tisch l\u00e4uft. Ich werde jedoch grantig, wenn die Maus meinen Apfel anknabbert.<\/p>\n<h3>Ordnung ist Macht und Kontrolle<\/h3>\n<p>Je gr\u00f6\u00dfer jedoch das Feld ist, in dem ich mich kreativ bewege, umso eher verliere ich den \u00dcberblick und damit die Ordnung.<\/p>\n<p>Die Kunst des kommunalen Lebens ist folglich, eine Balance zu finden in dem Bereich, der mich etwas angeht und die Disziplin, anderes sein zu lassen. Auch in der Kommune gibt es Bereiche, die mich nichts angehen und von denen ich mich fernhalten muss. Verluste sind hinzunehmen.<\/p>\n<p>Letztendlich sollte sich jeder die Frage stellen, ob mit etwas mehr Gelassenheit die Unordnung des anderen hingenommen werden kann, anstatt sich den Alltag mit N\u00f6rgeln zu verderben.<\/p>\n<p>Im \u00dcbrigen sind die Ossis, was dieses Thema angeht, ganz besonders genau. Die sogenannten &#8222;festen Bilder&#8220; jedoch sind ein anderes Thema und geh\u00f6ren in das Gebiet der Kommunikation.<\/p>\n<p>Na ja, die Unordnung ja nun auch:<\/p>\n<p><i>&#8222;Nur ein Genie beherrscht das Chaos.&#8220;<\/i> (Einstein)<\/p>\n<p><i>&#8222;Nichts kann existieren ohne Ordnung &#8211; nichts kann entstehen ohne Chaos.&#8220;<\/i> (Einstein)<\/p>\n<p><i>&#8222;Chaos ist solange Chaos, als man nicht begreift, dass es eine h\u00f6here Ordnung ist.&#8220;<\/i> (Gerd Gerken)<\/p>\n<p><i>&#8222;Ich sage euch: Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern geb\u00e4ren zu k\u00f6nnen.&#8220;<\/i> (Friedrich Nietzsche)<\/p>\n<p><i>&#8222;Auch ein perfektes Chaos ist etwas Vollkommenes.&#8220;<\/i> (Genet)<\/p>\n<p>Chaos ist die Quelle allen Lebendigen. (Uwe M\u00fctze)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Weg ins Thema Fragen \u00fcber Fragen! 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