{"id":12611,"date":"2012-11-03T00:00:22","date_gmt":"2012-11-02T22:00:22","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=12611"},"modified":"2022-07-26T14:12:16","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:16","slug":"ein-grosser-menschenfreund","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/11\/ein-grosser-menschenfreund\/","title":{"rendered":"Ein gro\u00dfer Menschenfreund"},"content":{"rendered":"<p>Peter Lilienthal wurde am 27.11.1929 in Berlin als Sohn j\u00fcdischer Eltern geboren. 1939 floh er mit seiner Mutter und Gro\u00dfmutter vor den Faschisten nach Uruguay. Er wuchs vaterlos in dem Hotel auf, das seine Mutter in Montevideo betrieb. \u00dcber die dort gestrandeten Exilanten kam er in Ber\u00fchrung mit den Geschehnissen in der Welt. Bereits in seinen Jugendjahren kam er \u00fcber seinen Lehrer in Kontakt mit anarchistischen Theorien und entwickelte aus den h\u00e4ufigen Kinobesuchen seine Liebe zum Film. Er gr\u00fcndete einen Schmalfilmclub und unternahm erste Filmversuche. Nach einer Banklehre studierte er in Berlin im Nachkriegsdeutschland Film.<\/p>\n<p>Beim SWF bekam er danach eine Anstellung und nutzte die damals noch vorhandenen Sendepl\u00e4tze mit seinem Kollegen Michael Ballhaus, um mit experimentellen Versuchen die M\u00f6glichkeiten des Fernsehens intellektuell auszuloten. Hier arbeitete er sich u.a. an der zeitgen\u00f6ssischen spanischsprachigen Literatur ab.<\/p>\n<p>Sein erster Kinofilm &#8218;Malatesta&#8216; skizzierte 1970 das Leben des ber\u00fchmten italienischen Anarchisten im Londoner Exil nach und sorgte beim Sender SFB f\u00fcr einen Skandal &#8211; es war die Zeit der sogenannten &#8218;Studentenunruhen&#8216;.<\/p>\n<h3>Er war Mitbegr\u00fcnder des Verlags der Autoren<\/h3>\n<p>Auch seine n\u00e4chsten Kinofilme hatten dezidiert politische Inhalte und spielten in Lateinamerika: \u00fcber die Emanzipation einer jungen Chilenin in der Allende-Zeit (LA VICTORIA), \u00fcber die brutalen Folgen des Milit\u00e4rputsches in Chile (ES HERRSCHT RUHE IM LAND) und \u00fcber das Engagement eines Nationalgardisten f\u00fcr die sandinistische Revolution in Nicaragua (DER AUFSTAND). Hier entstand auch seine Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Antonio Skarmeta.<\/p>\n<p>Aus der Perspektive der Unterdr\u00fcckten und hier meistens an den gebrochenen Biografien von Einzelschicksalen klagt er die Unterdr\u00fcckung an, zeigt aber auch Entwicklungsm\u00f6glichkeiten und Handlungspotentiale auf. Seine Utopie: ein Leben ohne Herrschaft und Gewalt.<\/p>\n<p>&#8222;Ich zeige die Geschichte von Menschen, die keine Heldenaureole um sich haben, die sich nicht \u00e4u\u00dfern k\u00f6nnen, die stumm vor dem schrecklichen Geschehen stehen und eigentlich nichts zu sagen haben.&#8220; (Peter Lilienthal, 1963)<\/p>\n<p>In seinem 1979 mit dem Goldenen B\u00e4ren ausgezeichneten Film &#8218;DAVID&#8216; arbeitet er die Vernichtung der Juden im Nazideutschland auf und fragt nach den Urspr\u00fcngen von Rassismus und Hass. David ist 18 Jahre alt und Jude. Er lebt mit seiner Familie in Berlin. Am Tag nach der Reichspogromnacht wird sein Vater verhaftet, misshandelt und eingesperrt. Noch glaubt die Familie glimpflich davon zu kommen, doch dann werden Davids Eltern deportiert. David taucht unter, versteckt sich vor den Nazis und sucht verzweifelt einen Weg, um aus Deutschland zu fliehen. Peter Lilienthals Film basiert auf Joel K\u00f6nigs autobiografischen Aufzeichnungen &#8222;Den Netzen entkommen&#8220;.<\/p>\n<p>Auch in vielen Dokumentarfilmen wandte er sich den Unterdr\u00fcckten und Gebrochenen, aber auch starken Charakteren zu, die ihr Leben selbst unter widrigsten Umst\u00e4nden zu meistern versuchen. In seinem letzten Film CAMILO wurde die Intention und das stetige Engagement dieses &#8218;rastlosen Nomaden&#8216; deutlich. Die urspr\u00fcngliche Fragestellung von Peter Lilienthal in diesem Dokumentarfilm \u00fcber zwei Soldaten aus dem Irakkrieg war: Warum schicken V\u00e4ter ihre S\u00f6hne in den Krieg?<\/p>\n<p>Anhand zweier Einzelschicksale wird nicht nur die M\u00f6glichkeit aufgezeigt, sich staatlicher Herrschaft zu widersetzen, sondern auch gleichzeitig \u2013 im Subtext \u2013 die doppelte Ausbeutung mittel- und lateinamerikanischer Staaten durch die USA aufgezeigt, die die mittellosen S\u00f6hne aus diesen L\u00e4ndern mit Zukunftsversprechungen als Soldaten f\u00fcr ihre Kriege anwerben. CAMILO ist auch die R\u00fcckkehr zu Lilienthals lateinamerikanischen Wurzeln, ein Blick auf das heutige Nicaragua, so weit weg von den sandinistischen Tr\u00e4umen aus DER AUFSTAND.<\/p>\n<p>Zeit seines Lebens hat sich Peter Lilienthal f\u00fcr eine gewaltfreie und herrschaftslose Gesellschaft eingesetzt. Mit seinen k\u00fcnstlerischen Mitteln versucht er aus der Perspektive der Unterdr\u00fcckten Gewaltmechanismen aufzuzeigen, aber auch Menschen zu ermutigen, mit Phantasie sich f\u00fcr eine bessere Gesellschaft zu engagieren. Jenseits von Ideologien und nationalstaatlichem Denken steht das Schicksal der Menschen in seinem k\u00fcnstlerischen und gesellschaftlichen Schaffen im Mittelpunkt der Reflexion. Diese Haltung besticht auch in seiner p\u00e4dagogischen Arbeit &#8211; erst in der DFFB und sp\u00e4ter als Gr\u00fcndungsdirektor der Abteilung Film in der Akademie der K\u00fcnste, der er mit seinen internationalen Sommerakademien einen besonderen Stempel aufdr\u00fcckte. Aber auch in den Seminaren und Workshops, die er heute noch mit Sch\u00fclerInnen, StudentInnen oder Filmschaffenden abh\u00e4lt. Hier stehen oft die pers\u00f6nlichen Biografien im Vordergrund und Peter Lilienthal l\u00e4dt ein zur Reflektion \u00fcber die Bedingungen und M\u00f6glichkeiten des eigenen Handelns.<\/p>\n<p>Er versucht seine Kolleginnen und Kollegen zu organisieren (Filmverlag der Autoren) und in Netzwerken (Europ\u00e4ische Filmakademie) deren Interessen zu st\u00e4rken. In anderen Netzwerken (Connection e.V., Graswurzelrevolution, DFG-VK u.a.) engagiert er sich &#8211; ganz in der Tradition von Carl von Ossietzky &#8211; als konsequenter Pazifist gegen Militarismus und jegliche Form von Militarisierung. Der Film &#8218;Camilo &#8211; Der lange Weg zum Ungehorsam&#8216; hat beispielsweise seinen Ursprung in einer Kampagne von amnesty international f\u00fcr den Kriegsdienstverweigerer Camilo Mejia.<\/p>\n<p>Peter Lilienthal ist ein gro\u00dfer Menschenfreund. Es ist gro\u00dfartig, dass ihm nun f\u00fcr sein Lebenswerk und sein konsequentes Handeln f\u00fcr die Menschenrechte die Ossietzky-Medaille verliehen wird.<\/p>\n<p>Wir gratulieren ganz herzlich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peter Lilienthal wurde am 27.11.1929 in Berlin als Sohn j\u00fcdischer Eltern geboren. 1939 floh er mit seiner Mutter und Gro\u00dfmutter vor den Faschisten nach Uruguay. Er wuchs vaterlos in dem Hotel auf, das seine Mutter in Montevideo betrieb. \u00dcber die dort gestrandeten Exilanten kam er in Ber\u00fchrung mit den Geschehnissen in der Welt. 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