{"id":12728,"date":"2004-01-29T00:00:32","date_gmt":"2004-01-28T22:00:32","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=12728"},"modified":"2022-07-26T14:24:37","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:37","slug":"gewaltloser-widerstand-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/01\/gewaltloser-widerstand-3\/","title":{"rendered":"&#8222;Gewaltloser Widerstand&#8220;"},"content":{"rendered":"<h3>Feiertagsproteste stoppen keine Kriege. Der neue Imperialismus ist bereits \u00fcber uns gekommen.<\/h3>\n<p>Im Januar vorigen Jahres versammelten sich Tausende von uns aus der ganzen Welt im brasilianischen Porto Alegre und erkl\u00e4rten einmal mehr: &#8222;Eine andere Welt ist m\u00f6glich.&#8220; Ein paar tausend Meilen weiter n\u00f6rdlich dachten in Washington George Bush und seine Berater das gleiche.<\/p>\n<p>Unser Projekt war das Weltsozialforum. Ihr Ziel war es, das voranzubringen, was viele als das &#8222;Projekt f\u00fcr das neue amerikanische Jahrhundert&#8220; sehen.<\/p>\n<p>In den gro\u00dfen St\u00e4dten Europas und Amerikas, wo solche Dinge noch vor ein paar Jahren nur gefl\u00fcstert worden w\u00e4ren, spricht man nun offen von den guten Seiten des Imperialismus und davon, dass man ein starkes Imperium braucht, um eine aufs\u00e4ssige Welt zu \u00fcberwachen. Die neuen Missionare wollen Ordnung auf Kosten der Gerechtigkeit. Disziplin auf Kosten der W\u00fcrde. Und \u00dcberlegenheit um jeden Preis. Gelegentlich werden einige von uns eingeladen, das Problem auf &#8222;neutralen&#8220;, von den Medienkonzernen gestellten Plattformen zu &#8222;diskutieren&#8220;. \u00dcber den Imperialismus zu diskutieren ist ein bisschen wie \u00fcber das F\u00fcr und Wider von Vergewaltigung zu diskutieren. Was k\u00f6nnen wir dazu sagen? Dass uns so was wirklich fehlt?<\/p>\n<h3>Im Krieg gegen den Terror wird Armut mit Terrorismus vermischt<\/h3>\n<p>Jedenfalls ist ein neuer Imperialismus bereits \u00fcber uns gekommen. Er ist eine umgemodelte, modernisierte Fassung dessen, was wir einst kannten. Erst-mals in der Geschichte hat ein einziges Imperium mit einem Waffenarsenal, das die Welt an einem Nachmittag ausl\u00f6schen kann, die vollst\u00e4ndige, unipolare wirtschaftliche und milit\u00e4rische Hegemonie. Es wendet verschiedene Waffen an, um unterschiedliche M\u00e4rkte aufzubrechen. Es gibt kein Land auf Erden, das sich nicht im Fadenkreuz amerikanischer Marschflugk\u00f6rper und IWF-Scheckb\u00fccher befindet. Argentinien steht f\u00fcr den Musterknaben des neoliberalen Kapitalismus, Irak f\u00fcr das schwarze Schaf.<\/p>\n<p>Arme L\u00e4nder, die geopolitisch von strategischem Wert f\u00fcr das Imperium sind, die einen halbwegs interessanten &#8222;Markt&#8220; oder eine privatisierbare Infrastruktur haben oder die, Gott beh\u00fcte, wertvolle nat\u00fcrliche Ressourcen wie \u00d6l, Gold, Diamanten, Kobalt oder Kohle besitzen, m\u00fcssen tun, was ihnen gesagt wird, oder sie werden zu milit\u00e4rischen Zielen. Jene mit den gr\u00f6\u00dften nat\u00fcrlichen Reicht\u00fcmern sind am meisten gef\u00e4hrdet. Wenn sie nicht bereitwillig ihre Ressourcen der Konzernmaschinerie ausliefern, werden zivile Unruhen initiiert oder Kriege vom Zaun gebrochen. In diesem neuen Zeitalter des Imperiums, da nichts mehr so ist, wie es scheint, d\u00fcrfen Manager interessierter Firmen au\u00dfenpolitische Entscheidungen beeinflussen. Das Center for Public Integrity in Washington hat festgestellt, dass neun von 30 Mitgliedern des Verteidigungsausschusses der US-Regierung mit Unternehmen verbandelt waren, denen zwischen 2001 und 2002 R\u00fcstungsauftr\u00e4ge in H\u00f6he von 76 Milliarden Dollar erteilt wurden.<\/p>\n<p>Der fr\u00fchere US-Au\u00dfenminister George Shultz war Vorsitzender des Komitees f\u00fcr die Befreiung Iraks. Er sitzt auch im Verwaltungsrat der Bechtel-Gruppe. \u00dcber einen Interessenkonflikt im Kriegsfall gegen Irak befragt, sagte er: &#8222;Ich wei\u00df nicht, ob Bechtel daraus besonderen Nutzen ziehen w\u00fcrde. Aber wenn dort Arbeit zu tun ist, dann ist Bechtel der Firmentyp, der das machen k\u00f6nnte. Aber niemand betrachtet das als etwas, von dem man profitiert.&#8220; Nach dem Krieg schloss Bechtel einen Vertrag \u00fcber 680 Millionen Dollar f\u00fcr den Wiederaufbau im Irak ab.<\/p>\n<p>Diese brutale Blaupause ist immer wieder verwendet worden &#8211; quer durch Lateinamerika, Afrika, Mittel- und S\u00fcdostasien. Sie hat Millionen Menschenleben gekostet. Nat\u00fcrlich wird jeder Krieg des Imperiums zum gerechten Krieg erkl\u00e4rt. Das h\u00e4ngt zum gro\u00dfen Teil von der Rolle der Medienkonzerne ab. Es ist wichtig zu verstehen, dass die Medienkonzerne das neoliberale Projekt nicht blo\u00df unterst\u00fctzen. Sie sind das neoliberale Projekt. Das ist keine moralische Position, die sie sich ausgesucht haben, sondern strukturell bedingt. Sie ist f\u00fcr das \u00f6konomische Funktionieren der Massenmedien wesentlich.<\/p>\n<p>Die meisten Nationen haben genug Leichen im Keller. Deshalb haben es die Medien nur selten n\u00f6tig zu l\u00fcgen. Was betont und was weggelassen wird, z\u00e4hlt. Nehmen wir zum Beispiel an, Indien w\u00e4re als Ziel f\u00fcr einen gerechten Krieg ausgew\u00e4hlt worden. Die Tatsache, dass seit 1989 in Kaschmir 80.000 Menschen get\u00f6tet worden sind, die meisten von ihnen Muslime, und die meisten von ihnen durch indische Sicherheitskr\u00e4fte (was einen Jahresdurchschnitt von ungef\u00e4hr 6.000 ergibt); die Tatsache, dass im M\u00e4rz 2003 \u00fcber 2000 Muslime auf den Stra\u00dfen in Gujarat ermordet, dass Frauen von Gruppen vergewaltigt, Kinder bei lebendigem Leibe verbrannt und 150.000 Menschen aus ihren H\u00e4usern vertrieben wurden, w\u00e4hrend die Polizei und die Administration zuschauten und sich mitunter aktiv beteiligten; die Tatsache, dass niemand f\u00fcr diese Verbrechen bestraft und die verantwortliche Regierung wieder gew\u00e4hlt wurde &#8211; all das w\u00fcrde den internationalen Zeitungen perfekte Schlagzeilen zur Vorbereitung eines Krieges liefern.<\/p>\n<p>Als n\u00e4chstes w\u00fcrden unsere St\u00e4dte von Marschflugk\u00f6rpern dem Erdboden gleichgemacht, unsere D\u00f6rfer mit Stacheldraht umz\u00e4unt, US-Soldaten w\u00fcrden durch unsere Stra\u00dfen patrouillieren und Narendra Modi, Pravin Togadia oder irgendein anderer prominenter Fanatiker m\u00fcsste sich &#8211; wie Saddam Hussein &#8211; im US-Gewahrsam zur besten Fernsehsendezeit sein Haar nach L\u00e4usen durchsuchen und seine Zahnf\u00fcllungen \u00fcberpr\u00fcfen lassen.<\/p>\n<p>Aber solange unsere &#8222;M\u00e4rkte&#8220; offen sind, solange Enron, Bechtel, Halliburton, Arthur Andersen freie Hand gelassen wird, d\u00fcrfen unsere &#8222;demokratisch gew\u00e4hlten&#8220; F\u00fchrer unbesorgt die Linien zwischen Demokratie, Mehrheitspolitik und Faschismus verwischen.<\/p>\n<p>Die feige Bereitschaft unserer Regierung, die stolze indische Tradition der Blockfreiheit aufzugeben, ihr Drang an die Spitze der komplett Gebundenen (der Modebegriff hei\u00dft &#8222;nat\u00fcrliche Verb\u00fcndete&#8220;: Indien, Israel und die USA sind &#8222;nat\u00fcrliche Verb\u00fcndete&#8220;!) haben ihr die Beinfreiheit gegeben, sich ohne Legitimit\u00e4tsverluste in ein repressives Regime zu verwandeln.<\/p>\n<p>Die Opfer einer Regierung sind nicht nur jene, die sie t\u00f6tet und einkerkert. Auch diejenigen m\u00fcssen zu ihnen gerechnet werden, die enteignet, vertrieben und zu einem Leben in Hunger und Entbehrung verurteilt werden. Millionen Menschen sind durch &#8222;Entwicklungsprojekte&#8220; enteignet worden. In den vergangenen 55 Jahren sind in Indien allein durch die Staudammprojekte zwischen 33 und 55 Millionen B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger vertrieben worden. Einen Rechtsweg gibt es f\u00fcr sie nicht.<\/p>\n<p>In den letzten beiden Jahren gab es eine Reihe von Zwischenf\u00e4llen, bei denen die Polizei das Feuer auf friedlich Protestierende, meist Dalits und Adivasi, er\u00f6ffnete. Die Armen und besonders die Dalits und Adivasi werden get\u00f6tet, wenn sie Forstland nutzen, und sie werden get\u00f6tet, wenn sie die Nutzung von Forstland f\u00fcr D\u00e4mme, den Bergbau, Stahlwerke und andere &#8222;Entwicklungsprojekte&#8220; zu verhindern suchen. Fast immer, wenn die Polizei das Feuer er\u00f6ffnet hat, behauptet die Regierung, die Sch\u00fcsse seien durch Gewaltakte provoziert worden. Jene, auf die geschossen wird, werden sofort als Militante bezeichnet.<\/p>\n<p>Im ganzen Land hat man Tausende unschuldiger Menschen, darunter auch Minderj\u00e4hrige, nach dem Gesetz zur Verhinderung des Terrorismus eingesperrt und h\u00e4lt sie ohne Gerichtsverfahren auf unbestimmte Zeit fest. Im Zeitalter des Krieges gegen den Terror wird die Armut stillschweigend mit dem Terrorismus vermengt. Im Zeitalter der Konzernglobalisierung ist Armut ein Verbrechen. Protest gegen weitere Verarmung ist Terrorismus. Und nun sagt unser Oberster Gerichtshof sogar, Streiken sei ein Verbrechen. Kritik an den Gerichten ist selbstverst\u00e4ndlich auch ein Verbrechen. So wird jeder Ausweg versperrt.<\/p>\n<p>Wie der alte Imperialismus beruht auch der neue Imperialismus auf einem Netzwerk von Agenten, korrupten lokalen Eliten, die dem Imperium dienen. Wir alle kennen die schmutzige Geschichte von Enron in Indien. Die damalige Regierung von Maharashtra unterzeichnete einen Vertrag \u00fcber Stromlieferungen, der Enron Profite in H\u00f6he von 60 Prozent des gesamten indischen Budgets f\u00fcr die landwirtschaftliche Entwicklung sicherte. Einem einzigen amerikanischen Unternehmen wurde ein Profit garantiert, der den Mitteln zur Entwicklung der Infrastruktur f\u00fcr etwa 500 Millionen Menschen entspricht!<\/p>\n<h3>Cancun lehrte uns, internationale Allianzen zu schmieden<\/h3>\n<p>Der neue Imperialist muss sich nicht mehr wie fr\u00fcher durch die Tropen schleppen und dabei Malaria, Durchf\u00e4lle und einen fr\u00fchen Tod riskieren. Der neue Imperialismus funktioniert auch per E-Mail. Der vulg\u00e4re, handgreifliche Rassismus des alten Imperialismus ist \u00fcberholt. Der Eckstein des neuen Imperialismus ist ein neuer Rassismus.<\/p>\n<p>Eine passende Allegorie des neuen Rassismus ist die US-amerikanische Tradition der Truthahn-Begnadigung. Seit 1947 \u00fcberreicht die National Turkey Federation dem Pr\u00e4sidenten jedes Jahr zum Erntedankfest einen Truthahn. Jedes Jahr verschont der Pr\u00e4sident in einem feierlichen Akt der Gro\u00dfherzigkeit dieses eine Tier (und isst daf\u00fcr ein anderes). Nachdem der Auserw\u00e4hlte vom Pr\u00e4sidenten dergestalt begnadigt worden ist, wird er nach Virginia in den Frying Pan Park gebracht, um dort bis zu seinem nat\u00fcrlichen Ende weiterzuleben. Die \u00fcbrigen 50 Millionen f\u00fcr das Erntedankfest gez\u00fcchteten Truth\u00e4hne werden an diesem Tag geschlachtet und gegessen. Das Unternehmen ConAgra Foods, offizieller Truthahnlieferant des Pr\u00e4sidenten, dressiert die begnadigten Tiere, so dass sie kontaktfreudig werden und dem Umgang mit W\u00fcrdentr\u00e4gern, Schulkindern und der Presse gewachsen sind. (Demn\u00e4chst sprechen sie auch noch Englisch!)<\/p>\n<p>So funktioniert der Neue Rassismus im Zeitalter der Gro\u00dfkonzerne. Einige wenige sorgsam gez\u00fcchtete Truth\u00e4hne, die lokalen Eliten verschiedener L\u00e4nder, eine reiche Immigrantenschicht, Investment-Banker, einzelne Leute wie Colin Powell oder Condoleezza Rice, ein paar S\u00e4nger und Schriftsteller &#8211; Leute wie ich &#8211; bekommen die Absolution und die Eintrittskarte zum Frying Pan Park. Die Millionen anderen verlieren ihre Arbeitspl\u00e4tze, werden aus ihren H\u00e4usern vertrieben, bekommen weder Wasser noch Strom und sterben an AIDS. Im Grunde sind sie alle f\u00fcr den Kochtopf bestimmt. Aber den paar Gl\u00fccklichen im Frying Pan Park geht es gut. Ein paar von ihnen arbeiten sogar f\u00fcr den IWF und die WTO &#8211; wer also kann behaupten, diese Organisationen w\u00e4ren truthahnfeindlich? Einige sind Mitglieder im Komitee f\u00fcr die Auswahl der Truth\u00e4hne &#8211; wer also kann behaupten, Truth\u00e4hne w\u00e4ren gegen das Erntedankfest? Sie machen ja mit! Wer kann behaupten, die Armen w\u00e4ren gegen die Globalisierung der Konzerne? Sie k\u00e4mpfen ja panisch um einen Platz im Frying Pan Park! Nur gehen eben die meisten auf dem Weg dorthin zugrunde.<\/p>\n<p>Teil des Projekts neuer Rassismus ist ein neuer V\u00f6lkermord. Im Zeitalter der wirtschaftlichen Interdependenz kann er durch \u00f6konomische Sanktionen bewirkt werden. Man schafft einfach Bedingungen, die zu einem Massensterben f\u00fchren, ohne dass man Menschen direkt t\u00f6ten muss. Dennis Halliday, von 1997 bis 1998 UN-Koordinator f\u00fcr humanit\u00e4re Angelegenheiten in Irak (danach trat er angeekelt zur\u00fcck), verwendete den Begriff V\u00f6lkermord, um die Sanktionen gegen Irak zu beschreiben. Die Sanktionen stellten alle Bem\u00fchungen Saddam Husseins in den Schatten: Sie kosteten mehr als eine halbe Million Kinder das Leben.<\/p>\n<p>Im neuen Zeitalter ist Apartheid als formale Politik antiquiert und unn\u00f6tig. Internationale Handels- und Finanzinstrumente steuern ein komplexes System multilateraler Handelsgesetze und Finanzabkommen, die die Armen ohnehin in ihren Bantustans festhalten. Ihr ganzer Zweck besteht darin, Ungleichheit zu institutionalisieren. Warum sonst w\u00fcrden die USA das Produkt eines Textilherstellers in Bangladesch zwanzigmal h\u00f6her besteuern als eins aus Gro\u00dfbritannien? Warum sonst produzieren L\u00e4nder mit 90 Prozent des Weltkakaoanbaus nur f\u00fcnf Prozent der Schokolade in der Welt? Warum sonst werden Kakao anbauende L\u00e4nder wie die Elfenbeink\u00fcste und Ghana durch Besteuerung vom Markt gedr\u00e4ngt, wenn sie ihren Rohkakao zu Schokolade zu verarbeiten wollen? Warum sonst fordern reiche L\u00e4nder, die t\u00e4glich \u00fcber eine Milliarde Dollar f\u00fcr Agrarzusch\u00fcsse ausgeben, dass arme L\u00e4nder wie Indien alle Agrarsubventionen, einschlie\u00dflich der f\u00fcr die Stromversorgung, abbauen? Warum sonst stecken ehemalige Kolonien, die \u00fcber ein halbes Jahrhundert lang von den Kolonialregimes ausgepl\u00fcndert wurden, in der Schuldenfalle genau dieser Regimes und zahlen ihnen 382 <i>Milliarden<\/i> Dollar pro Jahr zur\u00fcck?<\/p>\n<p>Aus all diesen Gr\u00fcnden war es f\u00fcr uns so entscheidend, die Handelsabkommen in Cancun zum Entgleisen zu bringen. Auch wenn unsere Regierungen versuchen, den Erfolg f\u00fcr sich zu reklamieren, wissen wir doch, dass er das Ergebnis des jahrelangen Kampfes vieler Millionen Menschen in sehr vielen L\u00e4ndern war. Cancun lehrte uns, dass es f\u00fcr die Widerstandsorganisationen vor Ort darauf ankommt, internationale B\u00fcndnisse zu schlie\u00dfen, um wirklichen Schaden anrichten und radikalen Wandel erzwingen zu k\u00f6nnen. Von Cancun lernten wir die Bedeutung globalisierten Widerstands.<\/p>\n<p>Keine einzelne Nation kann sich dem Projekt der Konzernglobalisierung aus eigener Kraft widersetzen. Immer wieder haben wir erlebt, dass die Helden unserer Zeit schrumpfen, wenn es um das neoliberale Projekt geht. Au\u00dfergew\u00f6hnliche, charismatische M\u00e4nner, Giganten in der Opposition, werden machtlos auf der globalen B\u00fchne, sobald sie an die Macht kommen und Staatschefs werden. Ich denke hier an Pr\u00e4sident Lula von Brasilien. Letztes Jahr war Lula der Held des Weltsozialforums. Dieses Jahr setzt er eifrig IWF-Richtlinien um, senkt die Renten und s\u00e4ubert seine Arbeiterpartei von Radikalen. Ich denke auch an S\u00fcdafrikas Ex-Pr\u00e4sidenten Nelson Mandela. Innerhalb von zwei Jahren nach seinem Machtantritt ging seine Regierung fast bedingungslos vor dem Gott des Marktes in die Knie. Sie f\u00fchrte ein massives Privatisierungs- und Strukturanpassungsprogramm durch, das Millionen Menschen ohne Obdach, arbeitslos, ohne Wasser und Strom hinterl\u00e4sst.<\/p>\n<p>Warum geschieht das? Es n\u00fctzt nichts, sich das Haar zu raufen und sich betrogen zu f\u00fchlen. Lula und Mandela sind in jeder Beziehung gro\u00dfartige Menschen. Aber in dem Moment, da sie von der Opposition ins Regierungslager wechselten, wurden sie zu Geiseln eines ganzen Spektrums von Bedrohungen, die schlimmste von ihnen die Drohung der Kapitalflucht, die jede Regierung \u00fcber Nacht zu Fall bringen kann. Sich einzubilden, das pers\u00f6nliche Charisma und der kampferf\u00fcllte Lebenslauf einer F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeit w\u00fcrden das Kartell der Konzerne anknacksen, bedeutet, dass man nicht verstanden hat, wie der Kapitalismus funktioniert und wie Macht funktioniert. Radikaler Wandel wird nicht durch Regierungen ausgehandelt, er kann nur durch Menschen erzwungen werden.<\/p>\n<h3>Wir m\u00fcssen Strategien des Widerstands diskutieren<\/h3>\n<p>In dieser Woche werden auf dem Weltsozialforum einige der besten K\u00f6pfe der Welt Ideen dar\u00fcber austauschen, was um uns herum geschieht. Diese Gespr\u00e4che sch\u00e4rfen unsere Vision der Welt, f\u00fcr die wir k\u00e4mpfen. Das ist ein wichtiger Prozess, der nicht untergraben werden darf.<\/p>\n<p>Wenn jedoch auf Kosten wirklichen politischen Handelns all unsere Energien auf diesen Prozess gerichtet werden, besteht die Gefahr, dass das WSF, das eine so entscheidende Rolle in der Bewegung f\u00fcr globale Gerechtigkeit gespielt hat, jetzt unseren Feinden in die H\u00e4nde spielt. Wir m\u00fcssen dringend Strategien des Widerstands diskutieren. Wir m\u00fcssen reale Ziele ins Visier nehmen, reale K\u00e4mpfe f\u00fchren und realen Schaden anrichten. Gandhis Salzmarsch war nicht einfach politisches Theater. Als in einem simplen Akt des Ungehorsams Tausende Inder zum Meer marschierten und dort ihr Salz gewannen, brachen sie das Salzsteuergesetz. Das war ein direkter Schlag gegen den \u00f6konomischen Unterbau des britischen Empires. Er war <i>real<\/i>. Nachdem unsere Bewegung einige wichtige Siege errungen hat, d\u00fcrfen wir den gewaltlosen Widerstand nicht zu wirkungslosem, wohlgef\u00e4lligem politischem Theater verk\u00fcmmern lassen. Er ist eine sehr kostbare Waffe, die st\u00e4ndig gesch\u00e4rft und immer wieder neu ersonnen werden muss. Wir d\u00fcrfen nicht zulassen, dass er lediglich zum Spektakel, zu einem Fotomotiv f\u00fcr die Medien wird.<\/p>\n<p>Es war gro\u00dfartig, dass am 15. Februar vorigen Jahres zehn Millionen Menschen in f\u00fcnf Kontinenten gegen den Krieg in Irak auf die Stra\u00dfe gingen &#8211; eine eindrucksvolle Demonstration \u00f6ffentlicher Moral. Es war gro\u00dfartig, aber es war nicht genug. Der 15. Februar war ein Wochenende. Niemand musste auch nur einen Arbeitstag verpassen. Feiertagsproteste stoppen keine Kriege. George Bush wei\u00df das. Die Selbstsicherheit, mit der er die \u00fcberw\u00e4ltigende \u00f6ffentliche Meinung missachtete, sollte uns allen eine Lehre sein. Bush glaubt, Irak kann besetzt und kolonisiert werden, wie es mit Afghanistan geschieht, mit Tibet geschieht, mit Tschetschenien geschieht, wie es in Osttimor der Fall war und in Pal\u00e4stina noch der Fall ist. Er glaubt, dass er nur in Deckung gehen und warten muss, bis die krisenhungrigen Medien dieses Thema bis auf die Knochen ausgeschlachtet haben, es fallen lassen und weiterziehen. Bald wird der Kadaver von den Bestseller-Charts rutschen, und all die aufgebrachten Leute werden das Interesse daran verlieren. Das jedenfalls hofft er.<\/p>\n<p>Diese unsere Bewegung braucht einen gro\u00dfen, globalen Erfolg. Es ist nicht genug, Recht zu haben. Manchmal ist es wichtig, etwas zu gewinnen, und wenn es nur ist, um unsere Entschlossenheit zu testen. Um etwas zu gewinnen, m\u00fcssen wir &#8211; alle, die sich hier und dort dr\u00fcben bei Mumbai Resistance versammelt haben &#8211; uns auf eine Sache einigen. Es muss keine \u00fcbergreifende, \u00fcbergest\u00fclpte Ideologie sein, in die wir unsere sympathisch streitlustigen, konfliktfreudigen Pers\u00f6nlichkeiten hineinzw\u00e4ngen. Es muss auch keine kritiklose Loyalit\u00e4t gegen\u00fcber der einen oder anderen Form von Widerstand sein, die alles andere ausschlie\u00dft. Ein Minimalprogramm k\u00f6nnte reichen.<\/p>\n<h3>Lasst uns den Blick auf Irak richten<\/h3>\n<p>Wenn alle von uns wirklich gegen Imperialismus und gegen das Projekt des Neoliberalismus sind, dann lasst uns den Blick auf Irak richten. Irak ist die unvermeidliche Kulmination von beidem. Zahlreiche Kriegsgegner ziehen sich seit der Gefangennahme Saddam Husseins verunsichert zur\u00fcck. Ist die Welt nicht besser ohne Saddam Hussein? fragen sie \u00e4ngstlich.<\/p>\n<p>Schauen wir der Sache ein f\u00fcr allemal ins Auge. Der Gefangennahme Saddam Husseins durch die US Army zu applaudieren und damit im Nachhinein die Invasion und Besetzung Iraks zu rechtfertigen, ist wie Jack the Ripper zu verherrlichen, weil er den W\u00fcrger von Boston geschlachtet hat. Und das nach einem Vierteljahrhundert Partnerschaft, in der Schl\u00e4chter und W\u00fcrger ihr Unternehmen gemeinsam betrieben hatten. Bis dann der innerbetriebliche Streit kam. Sie waren Gesch\u00e4ftspartner, die sich wegen eines schmutzigen Deals entzweiten. Jack war der Chef des Unternehmens.<\/p>\n<p>Wenn wir also gegen den Imperialismus sind, wollen wir uns dann darauf einigen, dass wir gegen die US-Besatzung sind und dass wir der Meinung sind, die USA m\u00fcssen sich aus Irak zur\u00fcckziehen und dem irakischen Volk Reparationen f\u00fcr die Kriegssch\u00e4den zahlen?<\/p>\n<p>Wie fangen wir an, unseren Widerstand aufzubauen? Beginnen wir mit etwas wirklich Kleinem. Es geht nicht darum, den Widerstand in Irak gegen die Besatzung zu <i>unterst\u00fctzen<\/i> oder zu debattieren, wer genau den Widerstand in Irak bildet. (Sind es alte Baath-Killer? Sind es islamische Fundamentalisten?)<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen der globale Widerstand gegen die Besatzung <i>werden<\/i>.<\/p>\n<p>Unser Widerstand muss damit beginnen, dass wir uns weigern, die Besetzung Iraks durch die USA als legitim zu betrachten. Das bedeutet Handeln, um es dem Imperium in der Praxis unm\u00f6glich zu machen, seine Ziele zu erreichen. Es bedeutet, Soldaten m\u00fcssen sich weigern zu k\u00e4mpfen, Reservisten sich weigern, eingezogen zu werden, Arbeiter sich weigern, Schiffe und Flugzeuge mit Waffen zu beladen. Es bedeutet auch, dass wir in L\u00e4ndern wie Indien und Pakistan die Pl\u00e4ne der US-Regierung, indische und pakistanische Soldaten zum Aufr\u00e4umen nach Irak zu schicken, zum Scheitern bringen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Ich schlage vor, dass wir auf einer gemeinsamen Abschlusszeremonie von Weltsozialforum und Mumbai Resistance zwei Gro\u00dfunternehmen ausw\u00e4hlen, die von der Zerst\u00f6rung Iraks profitieren. Wir k\u00f6nnten jedes Projekt, an dem sie beteiligt sind, erfassen. Wir k\u00f6nnten ihre B\u00fcros in jeder Stadt und in jedem Land der Welt ausfindig machen. Wir k\u00f6nnten hingehen und sie zumachen. Die Frage ist, ob wir unser kollektives Wissen und die Erfahrungen der vergangenen K\u00e4mpfe f\u00fcr ein einzelnes Ziel nutzbar machen wollen. Die Frage ist, ob wir gewinnen wollen.<\/p>\n<p>Das &#8222;Projekt f\u00fcr das neue amerikanische Jahrhundert&#8220; strebt danach, die Ungleichheit fortzuschreiben und um jeden Preis, selbst wenn er apokalyptisch ist, die amerikanische Hegemonie zu errichten. Das Weltsozialforum verlangt Gerechtigkeit und \u00dcberleben.<\/p>\n<p>Aus diesen Gr\u00fcnden m\u00fcssen wir uns als im Krieg befindlich betrachten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Feiertagsproteste stoppen keine Kriege. Der neue Imperialismus ist bereits \u00fcber uns gekommen. Im Januar vorigen Jahres versammelten sich Tausende von uns aus der ganzen Welt im brasilianischen Porto Alegre und erkl\u00e4rten einmal mehr: &#8222;Eine andere Welt ist m\u00f6glich.&#8220; Ein paar tausend Meilen weiter n\u00f6rdlich dachten in Washington George Bush und seine Berater das gleiche. 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