{"id":12767,"date":"2004-11-18T00:00:15","date_gmt":"2004-11-17T22:00:15","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=12767"},"modified":"2022-07-26T13:11:47","modified_gmt":"2022-07-26T11:11:47","slug":"erklaerung-der-freundinnen-von-sebastien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/11\/erklaerung-der-freundinnen-von-sebastien\/","title":{"rendered":"Erkl\u00e4rung der FreundInnen von S\u00e9bastien"},"content":{"rendered":"<p>Am 7. November 2004 ist der 22-j&auml;hrige S&eacute;bastien                 von der Lokomotive eines Atomm&uuml;lltransports in Richtung Deutschland                 &uuml;berfahren worden und gestorben. Einige Wochen vorher hatte                 er sich zusammen mit einigen von uns dazu entschieden, aktiv zu                 werden, um die Sicherheitsgefahren eines solchen Transports &ouml;ffentlich                 zu machen. Angesichts der Tatsache, dass er tot ist, darf nicht                 vergessen werden, dass diese Aktion gewaltfrei, wohl&uuml;berlegt                 und freiwillig war. Im Gegensatz zu dem, was angesichts dieses                 Dramas vermutet wird, war unsere Aktion auf keinen Fall unverantwortlich                 oder ein Akt der Verzweiflung. Unser Engagement begr&uuml;ndet                 sich aus tiefsitzenden &Uuml;berzeugungen, was die realen und                 nachgewiesenen Gefahren betrifft, die seit langem von der Atomkraft                 ausgehen. Diese Aktion war pr&auml;zise geplant, gemeinsam, auch                 was die pr&auml;zise Auswahl des Aktionsortes betrifft und unter                 Befolgung der bew&auml;hrten Anhalteprozeduren.<\/p>\n<p>Weil wir am Ausgang einer Kurve placiert waren und eine reduzierte                 Sichtweite hatten, waren wir darauf vorbereitet, die Schienen                 sehr schnell zu verlassen. Wir waren zu viert auf den Gleisen                 gelegen, wobei jeweils ein Arm frei beweglich und der andere in                 ein Eisenrohr gesteckt war, welches wir unterhalb der &auml;u&szlig;eren                 Schiene geschoben hatten, wodurch uns ein m&ouml;glichst schnelles                 Freimachen im Notfall erm&ouml;glicht wurde. Auf keinen Fall hatten                 wir uns festgeschlossen (oder: mit einem Vorh&auml;ngeschlo&szlig;                 festgeschlossen, &quot;cadenass&eacute;s&quot;, d.&Uuml;.) und                 hatten die M&ouml;glichkeit, uns schnell von den Rohren freizumachen.                 Ungl&uuml;cklicherweise konnte die Gruppe, die es 1500 Meter weiter                 voraus &uuml;bernommen hatte, den Zug zu stoppen, nicht handeln.                 Der Hubschrauber, der dem Transport best&auml;ndig vorauszufliegen                 hat, war nicht dagewesen, &quot;weil er zum Auftanken mit Kerosin                 abgeflogen war&quot;; aber diese Gruppe hatte ganz wesentlich                 mit dem Hubschrauber gerechnet, welcher die Ankunft des Zuges                 signalisieren sollte. Schlie&szlig;lich, und in &Uuml;bereinstimmung                 mit dem, was vorher ins Auge gefasst worden war, haben die StopperInnen                 darauf verzichtet, den Transport aufzuhalten, weil er von zwei                 Fahrzeugen der Gendarmerie begleitet war, die mit hoher Geschwindigkeit                 auf dem Weg neben den Gleisen vorausfuhren.<\/p>\n<p>Der Transport war daher nach Angaben des Staatsanwalts mit &quot;98                 Stundenkilometern&quot; angekommen und konnte weder von den AktivistInnen                 gestoppt noch vom Hubschrauber angek&uuml;ndigt werden. Diese                 gleichzeitig auftretenden vielf&auml;ltigen Gr&uuml;nde haben                 uns in Gefahr gebracht. Darum hatten die Leute, die auf den Schienen                 lagen, nur sehr wenig Zeit um wahrzunehmen, dass der Zug nicht                 gestoppt worden war und darum seine Geschwindigkeit nicht reduziert                 hatte. Wir hatten trainiert, uns im Notfall innerhalb von wenigen                 Sekunden freizumachen. S&eacute;bastien wurde erfasst, als er                 die Schienen verlie&szlig;, und auf keinen Fall wurde sein Arm                 noch im Innern des Rohres festgehalten. Die Schnelligkeit, in                 der alles vonstatten ging, hat uns &uuml;berw&auml;ltigt und niemand                 unter uns hatte mehr die Zeit, ihm zu Hilfe zu kommen. Vor der                 Aktion hatten wir uns zehn Stunden am Waldrand versteckt, 30 Meter                 von den Gleisen entfernt, frierend und steif geworden durch die                 K&auml;lte.<\/p>\n<p>W&auml;hrend dieses Verstecks sind wir von den Sicherheitskr&auml;ften                 nicht aufgesp&uuml;rt worden, auch nicht die BeobachterInnen,                 die in einem Abstand von 15 Kilometern vom Blockadeort entfernt                 postiert waren und die Aufgabe hatten, uns &uuml;ber die Ankunft                 des Zuges vorzuwarnen, genauso wenig wie die StopperInnen, die                 ihn aufhalten sollten, oder die BlockiererInnen, die im Vorfeld                 die zwei Rohre unter dem Gleis um ungef&auml;hr f&uuml;nf Uhr                 morgens befestigten. Es ist klar, dass jede\/r Beteiligte seinen\/ihren                 Teil der Verantwortung &uuml;bernehmen muss, wir eingeschlossen.                 Gegenw&auml;rtig erleben wir einen der schlimmsten Momente unseres                 Lebens.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu dem, was sich vielleicht viele Leute denken,                 hatten wir klar durchdachte Gr&uuml;nde, um da zu sein. In erster                 Linie ging es uns um die Rettung des Planeten, den wir Jahr auf                 Jahr seinem Niedergang zutreiben, aber genauso sehr ging es uns                 um die Zur&uuml;ckweisung eines monolithischen Staates, der jede                 Infragestellung ablehnt. Wir haben uns nicht aus Naivit&auml;t                 oder Abenteuerlust dazu entschieden, diesen Zug aufzuhalten, sondern                 weil es in diesem Land dazu kommen muss, dass eine Grundsatzfrage                 endlich den Porzellanladen betritt (ist zwar ein unlogisches Bild                 und eine &quot;Grundsatzfrage&quot; kann auch keinen Laden betreten,                 ich bleibe aber bei der sehr w&ouml;rtlichen &Uuml;bersetzung,                 ihr k&ouml;nnt euch vorstellen, was gemeint ist, d.&Uuml;.). S&eacute;bastien                 ist durch einen Unfall gestorben, er hat sich das nicht ausgesucht,                 niemand hat es ihm gew&uuml;nscht. S&eacute;bastien ist nicht                 &uuml;berfahren worden, als er besoffen von einer Discothek nach                 Hause wollte, sondern als er seinen &Uuml;berzeugungen gem&auml;&szlig;                 gehandelt hat. Und deshalb wird f&uuml;r uns sein Sterben ganz                 ohne Zweifel niemals zur Nebens&auml;chlichkeit werden.<\/p>\n<p>Angesichts einer Situation, in der wir uns so verloren vorkamen,                 h&auml;tten wir nie gedacht, soviel Unterst&uuml;tzung zu erhalten.                 Wir danken besonders FreundInnen und Verwandten, zahlreichen Gruppen,                 aber auch den Tausenden uns unbekannten Deutschen und Franzosen\/Franz&ouml;sinnen,                 die Veranstaltungen und Trauerfeiern zu seinem Gedenken organisiert                 haben. Das Ausma&szlig; der Solidarit&auml;t hat uns &uuml;berw&auml;ltigt                 und gleichzeitig sehr bewegt. Am wichtigsten erscheint es uns,                 einen Bruder zu beweinen, seine Familie zu unterst&uuml;tzen und                 seine Person nicht zu instrumentalisieren.<\/p>\n<p>Bichon (Spitzname von S&eacute;bastien, d.&Uuml;.) war ganz sicher                 auf der Suche nach einer weniger verr&uuml;ckt gewordenen Welt,                 aber vor allem ein Jugendlicher, der voller Lebensfreude war,                 voller Energie und der die Menschen liebte.<\/p>\n<p>Dieser Text ist weder ein Bekenntnis noch eine Anklage, wir wollen                 durch ihn nur die Fakten wahrheitsgetreu darlegen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 7. November 2004 ist der 22-j&auml;hrige S&eacute;bastien von der Lokomotive eines Atomm&uuml;lltransports in Richtung Deutschland &uuml;berfahren worden und gestorben. 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