{"id":12835,"date":"2009-09-14T00:00:13","date_gmt":"2009-09-13T22:00:13","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=12835"},"modified":"2022-07-26T14:14:41","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:41","slug":"ein-beharrlicher-saeer-anarchistischer-ideen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/09\/ein-beharrlicher-saeer-anarchistischer-ideen\/","title":{"rendered":"Ein beharrlicher S\u00e4er anarchistischer Ideen"},"content":{"rendered":"<p>Liebe Familie Stowasser, liebe Freundinnen und Freunde, liebe                 Genossinnen und Genossen,<br \/>                 wir haben uns heute hier versammelt, um Abschied zu nehmen von                 einem lieben und geliebten Menschen, dem gro&szlig;artigen Schriftsteller                 und Anarchisten Horst Stowasser. <\/p>\n<p>Klaus von der FAU Neustadt hat mich gebeten hier &uuml;ber Horst                 zu sprechen, als Freund, als jemand, der in den letzten Jahren                 viel mit Horst zu tun hatte, und auch als Redakteur der Monatszeitung                 Graswurzelrevolution.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich gerne an Horst. Seit ich vor acht Tagen die                 Nachricht von seinem Tod erhalten habe, bin ich ersch&uuml;ttert                 und schlafe schlecht. Sein Tod macht mich traurig. Es ist unfassbar,                 dass Horst zu pl&ouml;tzlich und f&uuml;r uns alle unerwartet                 gestorben ist.<\/p>\n<p>Er stand mitten im Leben. Vor wenigen Tagen haben wir noch ausgiebig                 telefoniert: Horst wollte eine Rezension f&uuml;r die Libert&auml;ren                 Buchseiten und einen weiteren Artikel f&uuml;r die November-Ausgabe                 der Graswurzelrevolution schreiben, &uuml;ber das generations&uuml;bergreifende                 Wohnprojekt &quot;Eilhardshof&quot;, das er hier in Neustadt mit                 vielen Freundinnen und Freunden ins Leben gerufen hat. Gemeinsam                 wollten wir auch das etwas angestaubte Layout der Graswurzelrevolution                 &uuml;berarbeiten. Er steckte voller Lebenskraft und Tatendrang                 &#8211; seiner Kinderl&auml;hmung zum Trotz. Seine gro&szlig;e Menschenfreundlichkeit                 und sein Optimismus waren mitrei&szlig;end. Er war ein unerm&uuml;dlicher                 S&auml;er libert&auml;rer Utopien. Ein toleranter, genie&szlig;ender                 und gro&szlig;herziger Mensch. Sektierertum und Dogmatismus waren                 ihm fremd. Stattdessen begegnete er allen Menschen mit einer gro&szlig;en                 Offenheit, unabh&auml;ngig von ihrer Weltanschauung. Er konnte                 gut zuh&ouml;ren, reden, diskutieren, Menschen integrieren und                 begeistern. Ganz im Sinne Gustav Landauers war Anarchie f&uuml;r                 ihn keine Sache der Forderungen, sondern des Lebens. <\/p>\n<p>Horst wird uns fehlen.<\/p>\n<p>Er war seit den 70er Jahren durch die von ihm mitgepr&auml;gten                 Bewegungszeitungen, durch seine Vortr&auml;ge und B&uuml;cher                 der wohl einflussreichste Anarchist in Deutschland. <\/p>\n<p>Auch bei meiner pers&ouml;nlichen Politisierung spielte er eine                 gro&szlig;e Rolle. Als Jugendlicher, Anfang der 80er Jahre, habe                 ich das vor allem von ihm verfasste &quot;Was ist eigentlich Anarchie?&quot;                 aus dem Karin Kramer Verlag gelesen. Seitdem verstehe ich mich                 als Anarchist. Als ich sein Standardwerk &quot;Leben ohne Chef                 Staat&quot; zum ersten Mal gelesen habe, war ich 20 und begeistert.                 So lebendig und klar, ohne verschwurbelte Fachtermini, ohne soziologenchinesische                 Tendenzen &#8211; so wie Horst schreiben leider nur wenige AnarchistInnen.                 Sein &quot;Projekt-A-Buch&quot; wurde konspirativ verbreitet.                 Es hatte aber dennoch einschlagende Wirkungen. Auch in meiner                 Wahlheimatstadt M&uuml;nster spielte es z.B. bei der Gr&uuml;ndung                 libert&auml;rer Zentren und Projekte eine gro&szlig;e Rolle. <\/p>\n<p>Die bundesweiten, szeneinternen Konflikte um das Projekt A f&uuml;hrten                 allerdings dazu, dass sich Horst ab 1995, nach Erscheinen seines                 &quot;Freiheit pur&quot;-W&auml;lzers, 10 Jahre lang entt&auml;uscht                 aus der libert&auml;ren Szene zur&uuml;ckzog. Er arbeitete viel                 und verdiente zeitweise gutes Geld. Aber er verfasste 10 Jahre                 lang keine Artikel f&uuml;r anarchistische Zeitungen und er schrieb                 keine B&uuml;cher mehr.<\/p>\n<p>Als ich in den 90er Jahren meine Doktorarbeit &uuml;ber Anarchistische                 Presse geschrieben habe, konnte ich zig Bewegungs-Archive in Europa                 besuchen und dort libert&auml;re Sch&auml;tze auftun. Nat&uuml;rlich                 habe ich zu jener Zeit auch mehrfach Horst Stowasser angeschrieben,                 um das von ihm 1971 gegr&uuml;ndete, legend&auml;re &quot;AnArchiv&quot;                 zu besuchen. Ich bekam damals keine Antwort. Es war die Zeit,                 in der Horst die Schnauze voll hatte von der anarchistischen Szene.               <\/p>\n<p>Trotzdem habe ich in den anderen Bewegungsbibliotheken 500 verschiedene                 Periodika gefunden und auswerten k&ouml;nnen, darunter auch viele,                 an denen Horst in den 70er und 80er Jahren beteiligt war &#8211; z.B.                 die anarchosyndikalistische &quot;direkte aktion&quot;, die 1977                 von ihm mit ins Leben gerufen worden war und heute immer noch                 alle zwei Monate als bundesweites Sprachrohr der Freien ArbeiterInnen                 Union (FAU) erscheint. <\/p>\n<p>&quot;Zwischen Schreibtisch und Stra&szlig;enschlacht?&quot;,                 der als Frage formulierte Titel der 1998 ver&ouml;ffentlichten                 Buchfassung meiner Dissertation, bezieht sich auf eine These von                 Horst. In &quot;Freiheit pur&quot; hatte er geschrieben, der Anarchismus                 in Deutschland bewege sich &quot;seit 20 Jahren im Wesentlichen                 nur zwischen Schreibtisch und Stra&szlig;enschlacht&quot;. Diese                 These habe ich in meiner Studie verworfen. Und letztlich tat das                 auch Horst. Nicht zuletzt inspiriert auch durch seine Werke, entstanden                 n&auml;mlich viele Projekte, darunter Kommunen, libert&auml;re                 Zentren und Wohnprojekte, wie der generations&uuml;bergreifende                 Eilhardshof hier in Neustadt.<\/p>\n<p>Im November 2005 habe ich ein einst&uuml;ndiges Radiointerview                 mit Horst gef&uuml;hrt. Es wurde im B&uuml;rgerfunk auf Antenne                 M&uuml;nster ausgestrahlt, erschien gek&uuml;rzt in der Graswurzelrevolution                 und in einer &uuml;berarbeiteten Version in dem Interviewband                 &quot;ja! Anarchismus. Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert&quot;.                 In vielen Gespr&auml;chen und bei gemeinsamen Veranstaltungen                 entwickelte sich nun eine tiefe Freundschaft. <\/p>\n<p>Ich bin stolz darauf, dass ich Horst dazu motivieren konnte Artikel                 f&uuml;r die GWR zu schreiben und sein Standardwerk &quot;Freiheit                 pur&quot; zu aktualisieren und um weitere Kapitel zu erg&auml;nzen.                 &quot;Freiheit pur&quot; hei&szlig;t jetzt &quot;Anarchie!&quot;.                 Es ist das beste Buch zum Anarchismus, das im Deutschland des                 21. Jahrhunderts erschienen ist. W&auml;hrend &quot;Der kleine                 Stowasser&quot; ein Buch ist, mit dem seit Generationen Latein-Sch&uuml;lerinnen                 und Sch&uuml;ler gequ&auml;lt werden, ist &quot;Der gro&szlig;e                 Stowasser&quot; ein Werk, das Generationen von Anarchie-Begeisterten                 hervorbringen wird.<\/p>\n<p>Horst ist gestorben. Aber sein Traum von einer herrschaftslosen                 Gesellschaft, von einem Leben ohne Chef und Staat, ist lebendig.               <\/p>\n<p>Wir sollten alles tun, damit dieser Traum Wirklichkeit wird.               <\/p>\n<p>Ich schlie&szlig;e mit einem Zitat des 1934 von den Nazis ermordeten                 Anarchisten Erich M&uuml;hsam: &quot;Wollt ihr denen Gutes tun,                 die der Tod getroffen, Menschen lasst die Toten ruhen und erf&uuml;llt                 ihre Hoffen.&quot;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Familie Stowasser, liebe Freundinnen und Freunde, liebe Genossinnen und Genossen, wir haben uns heute hier versammelt, um Abschied zu nehmen von einem lieben und geliebten Menschen, dem gro&szlig;artigen Schriftsteller und Anarchisten Horst Stowasser. 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