{"id":12884,"date":"2002-06-26T00:00:41","date_gmt":"2002-06-25T22:00:41","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=12884"},"modified":"2022-07-26T14:26:12","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:12","slug":"reden-ueber-sexuelle-folter-kann-strafbar-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/06\/reden-ueber-sexuelle-folter-kann-strafbar-sein\/","title":{"rendered":"Reden \u00fcber sexuelle Folter kann strafbar sein"},"content":{"rendered":"<p>Istanbul, 15. Mai. Der Gerichtsdiener im Istanbuler Schwurgericht                 Beyoglu konnte dem Gericht gestern nur kurz dienen: Weil die Verhandlung                 gegen 19 Angeklagte wegen Ermittlungspannen nach zehn Minuten                 vertagt wurde, brauchte er die anwesenden Frauen nur selten zu                 ermahnen, nicht mit &uuml;berkreuzten Beinen dazusitzen. Das gilt                 in der T&uuml;rkei als unschicklich und ist besonders in so einem                 hohen Hause verp&ouml;nt. Die 18 angeklagten Frauen hielten sich                 an die Regel, die europ&auml;ischen Prozessbeobachterinnen verga&szlig;en                 sie allzu oft und wurden durch strenge Blicke zur Ordnung gerufen.                 F&uuml;r den einzigen Mann unter den Angeklagten und die m&auml;nnlichen                 Besucher galt dieses Verbot nicht.<\/p>\n<p> Von dem Anstand den man hier pflegen will, haben einiger der                 angeklagten Frauen in der Vergangenheit von Polizeiseite nicht                 erfahren. Nasle Top ist eine von ihnen. Als sie 1992 von ihrer                 Arbeitsstelle im Krankenhaus nach Hause ging, wurde sie von einem                 Polizeikommando in ein Auto gezerrt, auf die Polizeiwache geschleppt                 und dort vergewaltigt. Eine h&auml;ufig angewandte Methode bei                 Verhaftungen und Verh&ouml;ren, sagt Frau Top. Frauen sollen so                 zum Reden gebracht oder zu Gest&auml;ndnissen erpresst werden.                 Auch der Hinweis auf ihre Schwangerschaft sch&uuml;tzte Frau Top                 nicht vor &#8220;tagelang verabreichten Elektoschocks an den Fingern,                 Zehen und meinem Geschlechtsorgan. Sie vergewaltigten mich mit                 einem Kn&uuml;ppel&#8221;. Von dem Amtsarzt, dem sie nach ihrer                 Haft vorgef&uuml;hrt wurde, verlangte sie ein Attest, das die                 Folterspuren best&auml;tigen soll. Dieser winkte, so berichtet                 sie, herablassend ab und erkl&auml;rte Folter w&auml;hrend der                 Polizeihaft als normal. Das ist nun 10 Jahre her und in dieser                 Zeit hat sie alles m&ouml;gliche unternommen um die T&auml;ter                 verurteilt zu sehen. Amnesty international und ein Istanbuler                 Frauenrechtshilfeprojekt, das von vier Rechtsanw&auml;ltinnen                 gegr&uuml;ndet wurde und mittlerweile 150 Frauen juristisch betreut,                 haben sie dabei unterst&uuml;tzt, leider erfolglos. <\/p>\n<h3>Der Kongress gegen sexuelle Folter<\/h3>\n<p>In dem Prozess, der gestern vor dem Istanbuler Schwurgericht                 in seinen f&uuml;nften Verhandlungstag ging, werden Opfer wie                 Frau Nasle Top, zu T&auml;terinnen gemacht. <\/p>\n<p> Hintergrund ist ein Kongress im Juni 2000. Organisiert von einer                 Plattform unterschiedlicher Frauengruppen, sollte dort das Tabu                 der sexuellen Gewalt durch staatliche Sicherheitskr&auml;fte gebrochen                 werden. Frauen berichteten auf diesem Kongress von k&ouml;rperlichen                 Durchsuchungen durch m&auml;nnliche Beamte bis hin zu Vergewaltigungen                 durch Polizisten, Soldaten oder Dorfsch&uuml;tzer. Andere Rednerinnen,                 wie zum Beispiel die Rechtsanw&auml;ltin Fatma Karakas, wiesen                 darauf hin, dass diese &#8220;Foltermethode &uuml;berwiegend in                 Gegenden ver&uuml;bt wird, in denen Kurdinnen und Kurden leben&#8221;.                 Dabei handle es sich nicht um Exzesse Einzelner, sondern um &#8220;systematische                 Folter an Frauen&#8221;. Das ging der t&uuml;rkischen Regierung                 zu weit. Sie klagte, obwohl sie den Kongress damals genehmigt                 hatte, Organisatorinnen, Rednerinnen und der Vater einer jungen                 vergewaltigen Frau an. Vorwurf: &quot;Verunglimpfung und Verleumdung                 des Staates und seiner Organe&quot;. An diesem Kongress soll laut                 Ermittlungsbeh&ouml;rden auch Fatma Deniz Pollatas teilgenommen                 haben, obwohl sie seit M&auml;rz 1999 eine mehrj&auml;hrige Freiheitsstrafe                 absitzt. <\/p>\n<h3>Rechtshilfeprojekt f&uuml;r Frauen unter Beschuss<\/h3>\n<p> Der erste Prozesstag war bereits im M&auml;rz 2001 angesetzt.                 Er wurde, wie seitdem alle folgenden Verhandlungstermine, nach                 kurzer Zeit aus formalen Gr&uuml;nden vertagt. Zu allen Gerichtsterminen                 waren europ&auml;ische Prozessbeobachterinnen angereist. Sie berichten                 &uuml;ber Verfahrensweisen, die sie an der Unvoreingenommenheit                 der Justizbeh&ouml;rden zweifeln lassen.<\/p>\n<p> So schreibt die t&uuml;rkische Rechtsordnung zum Beispiel vor,                 dass das verhandelnde Gericht bei der Anklage gegen Juristen eine                 Sondergenehmigung einholen mu&szlig;. Fatma Karakas jedoch, die                 bei dem fraglichen Kongress &uuml;ber ihre Erfahrungen als Anw&auml;ltin                 des Frauenrechtshilfeprojekts gesprochen hatte, wurde kurzerhand                 zur Privatperson erkl&auml;rt und kommt demnach nicht in den Genu&szlig;                 dieses besonderen Schutzes, der ihr als Rechtsanw&auml;ltin zustehen                 w&uuml;rde. Dar&uuml;ber hinaus wurde sie, weil sie in ihrem Vortrag                 von &#8220;kurdischen Frauen&#8221; gesprochen hatte, zus&auml;tzlich                 vor dem Staatssicherheitsgericht angeklagt. Dieses Gericht ahndet                 Verst&ouml;&szlig;e gegen das Anti-Terror-Gesetz und die Verwendung                 des Begriffes &#8220;kurdisch&#8221; erf&uuml;llt laut Staatsanwaltschaft                 den Tatbestand der &#8220;separatistischen Propaganda&#8221;. Sie                 und weitere vier Frauen sollen durch &#8220;die Betonung regionaler,                 ethnischer und klassenbedingter Unterschiede ,offenen Hass und                 Feindschaft&#8221; provoziert haben, so die Anklageschrift. Ein                 &#8220;Vergehen&#8221;, zwei Strafanzeigen: das entspricht kaum                 europ&auml;ischen Rechtsnormen. Neben der Doppelanklage mu&szlig;                 Fatma Karakas bei einer Verurteilung den Entzug ihrer Zulassung                 als Anw&auml;ltin bef&uuml;rchten, und damit w&auml;re nicht nur                 ihre Existenz bedroht, sondern auch die Arbeit des Rechtshilfeprojekts                 beeintr&auml;chtigt. <\/p>\n<p>Einige der Prozessbeobachterinnen vermuten darin das eigentliche                 Ziel der Proze&szlig;flut. Indiz hierf&uuml;r w&auml;re die aktuelle                 Kampagne gegen eine weitere Anw&auml;ltin des Projekts: Die mehrfach                 ausgezeichnete Menschenrechtlerin Eren Keskin wird f&uuml;r ihr                 Engagement nicht nur erneut angeklagt, sondern auch offen mit                 sexueller Gewalt bedroht. Nach einer Veranstaltung in K&ouml;ln                 anl&auml;&szlig;lich des Internationalen Frauentages im M&auml;rz                 diesen Jahres, schrieb der Journalist Fatih Altayli in einem Kommentar                 der Zeitung &#8220;Ikinci&#8221;: &#8221;Ich denke, wenn Eren Keskin                 zur&uuml;ckkommt, wird sie ihre sexuelle Bel&auml;stigung bekommen&#8230;                 Vielleicht ist es ja das, was sie will,&#8221; Andere t&uuml;rkische                 Medien zogen nach, Eren Keskin wird Verrat und eine Verleumdungskampagne                 gegen die T&uuml;rkei vorgeworfen. Es ist wohl kaum zu erwarten,                 dass Fatih Altayli wegen Gewaltandrohung vor Gericht gestellt                 wird.<\/p>\n<p>Weiterhin vor Gericht stehen werden dagegen die 19 Angeklagten,                 die nach der erneuten Vertagung des Prozesses nun wieder zum zerm&uuml;rbenden                 Warten verurteilt sind. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Istanbul, 15. Mai. Der Gerichtsdiener im Istanbuler Schwurgericht Beyoglu konnte dem Gericht gestern nur kurz dienen: Weil die Verhandlung gegen 19 Angeklagte wegen Ermittlungspannen nach zehn Minuten vertagt wurde, brauchte er die anwesenden Frauen nur selten zu ermahnen, nicht mit &uuml;berkreuzten Beinen dazusitzen. Das gilt in der T&uuml;rkei als unschicklich und ist besonders in so &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/06\/reden-ueber-sexuelle-folter-kann-strafbar-sein\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Reden \u00fcber sexuelle Folter kann strafbar sein - graswurzelrevolution","description":"Istanbul, 15. Mai. Der Gerichtsdiener im Istanbuler Schwurgericht Beyoglu konnte dem Gericht gestern nur kurz dienen: Weil die Verhandlung gegen 19 Angeklagte w"},"footnotes":""},"categories":[1038,12,1027],"tags":[],"class_list":["post-12884","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kleine-unterschiede","category-news","category-wir-sind-nicht-alleine"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12884","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12884"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12884\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12884"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12884"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12884"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}