{"id":12974,"date":"2013-09-01T00:00:03","date_gmt":"2013-08-31T22:00:03","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=12974"},"modified":"2022-07-26T14:12:11","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:11","slug":"selbstbestimmung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/09\/selbstbestimmung\/","title":{"rendered":"Selbstbestimmung!"},"content":{"rendered":"<p>Offensichtlich ist es auch in gr\u00fcnen und linksparteinahen Kreisen                 immer noch ein Skandal, wenn jemand sein Selbstbestimmungsrecht                 nicht an eine Partei abtreten will. Dabei planen laut einer aktuellen                 Studie des Meinungsforschungsinstituts Forsa mindestens 30 Prozent                 der Wahlberechtigten, sich nicht an der Bundestagswahl 2013 zu                 beteiligen: &#8222;Damit droht erstmals eine Wahlbeteiligung von unter                 70 Prozent, und damit die niedrigste seit Gr\u00fcndung der Bundesrepublik                 Deutschland.&#8220; ((1)) <\/p>\n<p>Wenn das Ergebnis der Bundestagswahl am sp\u00e4ten Abend des 22.                 September verk\u00fcndet wird, werden die Nichtw\u00e4hlerInnen in der Statistik                 wieder nicht ber\u00fccksichtigt. Die &#8222;Partei der Nichtw\u00e4hler&#8220; ist                 &#8222;die st\u00e4rkste der Parteien&#8220;, findet in den Medien aber kaum Geh\u00f6r.                 Harald Welzers wahlkritischer Essay &#8222;Das Ende des kleineren \u00dcbels.                 Warum ich nicht mehr w\u00e4hle&#8220; im SPIEGEL vom 27. Mai 2013 war ein                 einmaliger Tabubruch in einem Leitmedium und sorgte u.a. in der                 Springerpresse entsprechend f\u00fcr Emp\u00f6rung.<\/p>\n<p>Wie bei jeder Wahl, werden auch bei der Bundestagswahl 2013 wieder                 alle Parteien und Massenmedien ihre Entt\u00e4uschung \u00fcber die geringe                 Wahlbeteiligung bekunden. <\/p>\n<p>Dabei ist es aus meiner Sicht erfreulich, dass so viele Menschen                 erkannt haben, dass sie f\u00fcr die ParteistrategInnen jeglicher Couleur                 in erster Linie als Stimmvieh von Interesse sind.<\/p>\n<p>Problematisch ist, dass viele Menschen resigniert haben, anstatt                 sich in den sozialen Bewegungen zu engagieren und nach basisdemokratischen                 Alternativen zum pseudodemokratischen Parlamentarismus zu suchen.<\/p>\n<h3>&#8222;unverantwortlich&#8220;?<\/h3>\n<p>Ich muss mir oft Vorw\u00fcrfe anh\u00f6ren, dass ich &#8222;unverantwortlich&#8220;                 handle, weil ich mein Kreuzchen nicht wenigstens f\u00fcr das &#8211; aus                 Sicht der KritikerInnen &#8211; kleinere \u00dcbel (die Linkspartei?) mache.                 Dabei hat sich das vermeintlich kleinere \u00dcbel in der Vergangenheit                 immer wieder als das gr\u00f6\u00dfere erwiesen. <\/p>\n<h3>Unverantwortlich:<\/h3>\n<p>Jede Partei ist auf Machterhalt fixiert. Selbst als &#8222;pazifistisch&#8220;                 auftretende Parteien wandeln sich zu Kriegsparteien, wenn sie                 ihr Ziel der Machtbeteiligung erreichen und diese durch ein Festhalten                 an pazifistischen Positionen gef\u00e4hrdet w\u00e4re. <\/p>\n<p>Das zeigt das Beispiel der Gr\u00fcnen. Die sind in den Achtzigern                 unter dem Motto &#8222;basisdemokratisch, gewaltfrei, \u00f6kologisch, sozial&#8220;                 angetreten. Noch im Bundestagswahlkampf 1998 forderten sie &#8222;keine                 Auslandseins\u00e4tze der Bundeswehr&#8220;.<\/p>\n<p>Kaum an der Regierung, sorgten sie f\u00fcr das Gegenteil. Was keine                 CDU-Regierung ohne Massenproteste h\u00e4tte durchsetzen k\u00f6nnen, gelang                 der rot-gr\u00fcnen Koalition. Unter dem die Shoa relativierenden Motto                 &#8222;Wir m\u00fcssen ein zweites Auschwitz verhindern&#8220; setzten Fischer                 und Co. 1999 den NATO-Angriffskrieg gegen Jugoslawien durch. <\/p>\n<p>H\u00e4tte damals eine CDU-Regierung den ersten deutschen Bombereinsatz                 seit dem Zweiten Weltkrieg befohlen, w\u00e4ren vermutlich Hunderttausende                 auf die Stra\u00dfe gegangen. So aber waren es nur wenige, denn viele                 hatten zuvor ihr Kreuzchen bei einer der nun kriegf\u00fchrenden Parteien                 gemacht. Gegen &#8222;ihre&#8220; Regierung wollten sie nicht demonstrieren,                 oder sie gingen sogar der rot-gr\u00fcnen Kriegspropaganda auf den                 Leim. \u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit dem Afghanistan-Krieg. Und den                 &#8222;Hartz IV&#8220;-Gesetzen. H\u00e4tte eine CDU-gef\u00fchrte Regierung versucht,                 den als &#8222;Agenda 2010&#8220; verkauften Sozialkahlschlag durchzusetzen,                 w\u00e4ren wohl auch die traditionell SPD-nahen Gewerkschaften auf                 die Stra\u00dfe gegangen. <\/p>\n<p>Es kam anders. Schr\u00f6der, Steinbr\u00fcck, Trittin und Co. konnten                 die Umverteilung von unten nach oben durchsetzen, weil die rot-gr\u00fcnen                 W\u00e4hlerInnen nicht gegen &#8222;ihre&#8220; Regierung agieren wollten. <\/p>\n<h3>Je mehr die Menschen glauben, desto leichter lassen sie sich                 regieren<\/h3>\n<p>Der Glaube an das parlamentarische System kann katastrophale                 Folgen haben. Erinnert sei hier an die &#8222;legale&#8220; Macht\u00fcbernahme                 durch die NSDAP 1933. Nicht zuletzt, weil die Nazis damals durch                 eine Wahl als legitimiert galten, war der Widerstand gegen das                 Naziregime vergleichsweise klein. <\/p>\n<p>Im M\u00e4rz 1920 konnte der faschistische Kapp-Putsch in Deutschland                 durch einen von SozialdemokratInnen, SozialistInnen, AnarchosyndikalistInnen,                 KommunistInnen und DemokratInnen organisierten Generalstreik nach                 f\u00fcnf Tagen erfolgreich gestoppt werden. <\/p>\n<p>Trotz dieser Erfahrung riefen die Gewerkschaften und linken Parteien                 1933 nicht zum Generalstreik auf, weil in ihren Augen Hitler durch                 die Wahl legitimiert war.<\/p>\n<p>Anders lief es drei Jahre sp\u00e4ter in Spanien. Hier war es eine                 in gro\u00dfen Teilen in der anarchosyndikalistischen CNT organisierte                 Bev\u00f6lkerung, die den von Hitler und Mussolini unterst\u00fctzten Franco-Putschisten                 bis 1939 erbitterten Widerstand entgegensetzte und 1936 einen                 &#8222;kurzen Sommer der Anarchie&#8220; verwirklichen konnte.<\/p>\n<h3>Wunsch auf Teilhabe an der Staatsgewalt<\/h3>\n<p>Die Teilnahme an einer Parlamentswahl &#8222;ist notwendig getragen                 von dem Wunsch auf Teilhabe an der Staatsgewalt und ist damit                 die Beteiligung an dem Versuch, die eigene politische Meinung                 per Gesetz, Macht und letztlich per Gewalt den Andersdenkenden                 aufzuzwingen. Mit dem Bekenntnis grunds\u00e4tzlichen Gewaltverzichts                 sind auch die Wahlen in einer repr\u00e4sentativen Demokratie nicht                 zu vereinbaren. Wer Macht und Herrschaft \u00fcber Menschen \u00fcberwinden                 will, wird nicht um diese Macht k\u00e4mpfen, sondern auf sie verzichten&#8220;,                 so bringt es Ullrich Hahn vom Internationalen Vers\u00f6hnungsbund                 auf den Punkt. <\/p>\n<p>Die parlamentarische Demokratie ist wom\u00f6glich die beste aller                 m\u00f6glichen Regierungsformen, &#8222;die anarchistische Parlamentarismuskritik                 richtet sich jedoch gegen die Zumutung, \u00fcberhaupt regiert zu werden&#8220;.                  ((2)) <\/p>\n<p>Es geht mir nicht um eine alternative Regierung, sondern um Alternativen                 zur Regierung. Ziel ist ein selbstbestimmtes Leben f\u00fcr alle. <\/p>\n<h3>Fazit: <\/h3>\n<p>Anstatt auf Parteien zu hoffen, sollten wir gemeinsam Druck von                 unten machen. Gegen jede Regierung, gegen jeden Krieg, gegen Atompolitik,                 Militarisierung, Waffenhandel, Sozialkahlschlag, Rassismus, Sexismus,                 Gendreck und andere Verbrechen an der Menschheit. F\u00fcr eine gewaltfreie,                 herrschaftslose Gesellschaft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Offensichtlich ist es auch in gr\u00fcnen und linksparteinahen Kreisen immer noch ein Skandal, wenn jemand sein Selbstbestimmungsrecht nicht an eine Partei abtreten will. 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