{"id":12978,"date":"2013-09-01T00:00:04","date_gmt":"2013-08-31T22:00:04","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=12978"},"modified":"2022-07-26T14:22:23","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:23","slug":"aegypten-befreiung-auf-einem-berg-von-leichen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/09\/aegypten-befreiung-auf-einem-berg-von-leichen\/","title":{"rendered":"\u00c4gypten: Befreiung auf einem Berg von Leichen?"},"content":{"rendered":"<p>Ich schicke dies voraus, weil die gegenw\u00e4rtige Gesellschaft und                 Politik in \u00c4gypten entlang identit\u00e4rer Grenzziehungen auf eine                 Weise gespalten sind, wie sie es in den letzten drei Jahren nie                 waren. Dieses Problem ist so chronisch geworden, dass der Wert                 oder die Schw\u00e4che eines Arguments fast komplett von dem abh\u00e4ngen,                 wer das Argument ausgesprochen hat. Es wird dann durch einen Nebel                 aus Raserei und Misstrauen hindurch betrachtet.<\/p>\n<p>Die Muslimbr\u00fcder h\u00e4tten meiner Meinung nach ihrem eigenen Scheitern                 \u00fcberlassen werden sollen, weil sie (noch) nicht ein solches Verbrechen                 begangen hatten, das die Absetzung Mursis durch das Milit\u00e4r gerechtfertigt                 h\u00e4tte. Der Preis, den \u00c4gypten als Konsequenz dieser Entscheidung                 gezahlt hat und noch zahlen wird, ist zu hoch.<\/p>\n<h3>Eindr\u00fccke aus den Protestcamps beider Lager<\/h3>\n<p>In der letzten Woche [erste Juliwoche 2013] bin ich zwischen                 den Pro- und Anti-Mursi-Protestcamps hin- und hergewechselt. Es                 ist so, als w\u00fcrde man mit dem Raumschiff zwei verschiedene Planeten                 bereisen.<\/p>\n<p>Das Pro-Mursi-Lager umfasst bedeutend mehr M\u00e4nner als Frauen                 &#8211; obwohl auch Frauen und Kinder anwesend sind &#8211; und es fehlt ihm                 die Vielfalt des Anti-Mursi-Lagers. <\/p>\n<p>Im Pro-Mursi-Camp habe ich nicht eine unverschleierte Frau gesehen,                 es sei denn, sie war Journalistin. Ich habe dort nie einen\/eine                 Christin getroffen und alle JournalistInnen, die ich fragte, haben                 auch keine\/n gesehen. Das ist bedeutsam, weil Pro-Mursi-DemonstrantInnen                 und Pro-Mursi-Medienberichte oft behauptet haben, dass ChristInnen                 zu ihren Sit-Ins kommen. Gleichzeitig unterstellen sie, dass die                 Kirche hinter einem Verschw\u00f6rungsplan von Anh\u00e4ngerInnen des fr\u00fcheren                 Mubarak-Regimes und US-ZionistInnen stehe, die Mursi schon lange                 st\u00fcrzen wollten.<\/p>\n<p>Am wichtigsten ist die Beobachtung, dass die Pro-Mursi-Menge                 weitgehend homogen ist. Ihre GegnerInnen nutzen diese Homogenit\u00e4t                 als Beweis daf\u00fcr, dass die Muslimbr\u00fcder &#8211; im besten Fall &#8211; eine                 Organisation ist, deren Strategie, Nicht-Mitglieder zu binden,                 fehlgeschlagen ist. Und im schlimmsten Fall sind sie eine geschlossene                 Gruppe, die sich f\u00fcr Nicht-Mitglieder \u00fcberhaupt nicht interessiert.<\/p>\n<p>Wenn auch das Anti-Mursi-Lager mit dieser Darstellung wahrscheinlich                 richtig liegt, so gehen viele aus diesem Lager noch einen Schritt                 weiter. Sie behaupten, dass alle jetzigen Unterst\u00fctzerInnen Mursis                 offizielle Mitglieder der Muslimbr\u00fcder sind &#8211; das hei\u00dft denkunf\u00e4hige                 Roboter, die von ihrem H\u00f6chsten F\u00fchrer programmiert werden. Der                 ebenso verbreitete wie herabw\u00fcrdigende Begriff daf\u00fcr ist khirfan                 (Schafe). Ziel dieser Begriffswahl ist es, sie zu entmenschlichen                 und ihnen jede F\u00e4higkeit zu eigenst\u00e4ndigem Handeln abzusprechen                 &#8211; genau auf dieselbe Weise, wie die Muslimbr\u00fcder ihre GegnerInnen                 als kuffar (Ungl\u00e4ubige) oder feloul (Profiteure des Mubarak-Regimes,                 &#8222;Loyalisten&#8220;) diffamieren. <\/p>\n<p>Am 4. Juli ging ich in den Stadtteil Nasr-City zu dem Sit-In,                 das gegen die Massenproteste vom 30. Juni, welche die Absetzung                 des Pr\u00e4sidenten Mursi gefordert hatten, eingerichtet worden ist.                 Eine Reihe von Panzern sperrte den Eingang zum Camp ab und den                 JournalistInnen wurden Taschen durchsucht und sie wurden mit Fl\u00fcchen                 \u00fcberzogen. Hinter den Panzern war Stacheldraht ausgerollt worden.                 Zwei M\u00e4nner standen f\u00fcnf Meter dahinter, ruhig, und hielten beide                 Plakate mit Mursis Portrait hoch. <\/p>\n<p>Ein weiterer Mann ging an ihnen vorbei und begann, laut zu reden:                 Es war ein Ingenieur und er lispelte. Er erkl\u00e4rte in einem Ton                 der Verzweiflung, dass er nicht an den Protesten vom 25. Januar                 [2011, als die Bewegung zum Sturz Mubaraks begann,] teilgenommen                 habe, aber diese Proteste h\u00e4tten ihn gelehrt, &#8222;wie man Meinung                 macht und sie verteidigt&#8220;. Er habe f\u00fcr Mursi in beiden Pr\u00e4sidentschafts-Wahlg\u00e4ngen                 gestimmt und er bestand darauf, dass er hier nicht f\u00fcr ein Individuum                 protestiere, sondern &#8222;f\u00fcr eine Idee&#8220;. Er meinte weiter: &#8222;Mir wurde                 die Demokratie von der Elite gelehrt. Also bin ich zur Wahl gegangen.                 Aber nun habe ich gelernt, dass es weder eine Revolution noch                 Demokratie gibt.&#8220;<\/p>\n<p>Ein weiterer, sich in der N\u00e4he befindlicher Mann fing nun an,                 in Richtung der Armee zu schreien, auch er hielt ein Plakat von                 Mursi hoch. Er war so rasend, dass er sein eigenes Plakat in zwei                 Teile zerriss und dann in einen Haufen aus Material auf dem Boden                 fiel und weinte.<\/p>\n<h4>Die Ermordung von 40 Menschen vor dem Offiziersclub: Barbarische                 Ignoranz<\/h4>\n<p>Am Samstag [6. Juli 2013] besuchte ich die in d\u00fcsterer Atmosph\u00e4re,                 aber ma\u00dfvoll abgehaltene Beerdigung von Mohamed Sobhy, einem Vater                 von zwei Kindern, dem am Vortag bei den ersten Protesten vor dem                 Offiziersclub der republikanischen Garde in den Kopf geschossen                 worden war. Augenzeugen berichteten, dass Sobhy umgebracht wurde,                 als er ein Mursi-Plakat am Stacheldraht direkt vor einigen Soldaten                 befestigte, die anscheinend nerv\u00f6s geworden waren. Insgesamt wurden                 allein bei diesem Vorfall vier Menschen get\u00f6tet.<\/p>\n<p>Ich hatte seinen K\u00f6rper eine halbe Stunde sp\u00e4ter sehen und fotografieren                 k\u00f6nnen. Ich versuchte, das Bild \u00fcber Twitter ins Internet zu laden,                 aber das Netzwerk funktionierte nicht und ich konnte es nicht                 senden. Also schrieb ich, dass ein Mann get\u00f6tet worden war und                 sein K\u00f6rper noch immer vor Ort war &#8211; und dass ich weiter versuchen                 w\u00fcrde, das Bild hochzuladen, schon f\u00fcr all jene, von denen ich                 wusste, dass sie ohne Bild sagen w\u00fcrden, ich w\u00fcrde l\u00fcgen. Das                 Problem bestand dann aber nicht darin, dass mir die Leute nach                 meiner ersten Nachricht nicht geglaubt haben (es ist ja immer                 gut, vorsichtig zu sein). <\/p>\n<p>Das Problem lag vielmehr darin, dass sie mir immer noch nicht                 glaubten, es sei jemand gestorben, auch nachdem ich das Bild endlich                 hochladen konnte. Einer antwortete mir: &#8222;Der hat nicht die Gesichtsz\u00fcge                 eines \u00c4gypters.&#8220; <\/p>\n<p>Andere meinten, das sei ein veraltetes Foto. Als dann sp\u00e4ter                 ein Video ver\u00f6ffentlicht wurde und es einfach nicht mehr m\u00f6glich                 war, die Tatsache zu bestreiten, dass ein Mann au\u00dferhalb des Offiziersclubs                 in Kairo zur selben Zeit und am selben Ort erschossen worden war,                 richtete sich die Aufmerksamkeit der Empf\u00e4ngerInnen pl\u00f6tzlich                 auf die Verwundungen des Opfers.<\/p>\n<p>Sobhy stand mit dem Gesicht zu den Soldaten, als er fiel, und                 Blut spritzte aus seinem Hinterkopf. Also gab es einen fast automatisch                 einsetzenden Konsens dar\u00fcber, dass er von hinten erschossen worden                 sein m\u00fcsse. Und die letztlich am meisten verbreitete Schlussfolgerung                 war dann die, dass die Muslimbr\u00fcder selbst Sobhy erschossen h\u00e4tten,                 um der Armee den Mord in die Schuhe zu schieben. Die \u00c4u\u00dferung                 irgendeiner Emp\u00f6rung als Antwort auf eine wahrscheinliche T\u00f6tung                 eines Zivilisten durch das Milit\u00e4r, das solche Vorf\u00e4lle normalerweise                 kennzeichnet, war vollkommen abwesend [im Anti-Mursi-Lager]. Es                 gab nicht einen einzigen Bericht \u00fcber die Beerdigung des Opfers                 in den \u00e4gyptischen Medien, einmal von unserer Nachrichten-Website                 abgesehen. ((1)) <\/p>\n<p>Ganz anders war dagegen die Situation bei der Beerdigung von                 Jugendlichen aus dem Kairoer Stadtteil El-Manial, die bei Zusammenst\u00f6\u00dfen                 zwischen Muslimbr\u00fcdern und den BewohnerInnen der Nachbarschaft                 ermordet wurden: Eine F\u00fclle an Medien, viele Sympathiebekundungen                 und viel Emp\u00f6rung &#8211; all das zweifellos zu Recht.<\/p>\n<p>Eine fast identische Szenerie fand am Montag [dem 8. Juli] statt,                 als \u00c4gypten erwachte und die Nachricht vernahm, dass \u00fcber 40 Menschen                 get\u00f6tet worden waren &#8211; wieder au\u00dferhalb des Offiziersclubs. <\/p>\n<p>Das staatliche Fernsehen und private Satellitenkan\u00e4le wie etwa                 ONTv beschr\u00e4nkten ihre Berichterstattung auf die Sendung von Interviews                 mit Leuten von den Sicherheitskr\u00e4ften und stellten durchweg die                 angeblich unwiderlegbare Schlussfolgerung auf, dass bewaffnete                 Pro-Mursi-Protestierende den Angriff auf die Armee angezettelt                 h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Die Nachrichtensprecherin Amany al-Khayat sprach bereits von                 den Pro-Mursi-DemonstrantInnen als &#8222;Terroristen&#8220;, die sich in                 Wohngebieten verschanzen w\u00fcrden. Als sie sich auf die Leichen                 der Pro-Mursi-DemonstrantInnen bezog, die in der Moschee Rabea                 al-Adaweya [in Nasr-City] &#8211; dem Ort der Pro-Mursi-Sit-Ins &#8211; aufbewahrt                 wurden, machte sie sich \u00fcber sie l\u00e4cherlich und verspottete sie.<\/p>\n<h3>Ein sch\u00e4biger Umgang mit den realen Opfern: Autorit\u00e4res und                 militarisiertes Bewusstsein<\/h3>\n<p>Wenn ich diese Szenen beschreibe, m\u00f6chte ich keineswegs Sympathie                 f\u00fcr die Pro-Mursi-Unterst\u00fctzerInnen bekunden. Politisch kann ich                 mit ihnen nicht \u00fcbereinstimmen.<\/p>\n<p>Einige von ihnen waren selbst verantwortlich f\u00fcr unvorstellbare,                 barbarische Gewaltakte. Unabh\u00e4ngige JournalistInnen berichteten                 dar\u00fcber, dass einige von ihnen bewaffnet sind (so, wie sie auch                 dar\u00fcber berichtet haben, dass ihre GegnerInnen Waffen tragen).<\/p>\n<p>Schon ihre Entscheidung, einen Marsch zum Maspero-Stadtviertel                 und dann zum Tahrir-Platz \u00fcber den Stadtteil Manial machen zu                 wollen, war ein provokativer Akt und von so unglaublicher Dummheit,                 dass jeder Beteiligte mit einem Minimum an Schamgef\u00fchl sich von                 solchen Protesten h\u00e4tte fernhalten m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Mein Problem ist aber die Reaktion auf diese Protestierenden.                 Die offiziell \u00fcberparteilichen Medien ignorieren entweder einen                 gro\u00dfen Teil der \u00e4gyptischen Gesellschaft oder sie w\u00fcrdigen ihn                 herab und verteufeln ihn. Es gibt bei der Berichterstattung \u00fcber                 die Pro-Mursi-Proteste \u00fcberhaupt keine Differenzierung mehr wie                 noch bei den Anti-Mursi-Protesten. <\/p>\n<p>Dort wurde gesagt, dass der b\u00f6sartige, rassistische Ausdruck                 anti-amerikanischer Gef\u00fchlslagen Einiger nicht die Gesamtheit                 der Protestierenden repr\u00e4sentieren w\u00fcrde. Systematische Akte sexueller                 Gewalt gegen Frauen auf dem Tahrir-Platz sollten nicht dazu benutzt                 werden, die gesamte [Anti-Mursi-]Bewegung zu diskreditieren. <\/p>\n<p>Und sogar noch, als nach dem 30. Juni bei den Massenprotesten                 gegen Mursi eine armeefreundliche Atmosph\u00e4re entstand, wurde in                 den Medien noch betont, dass nicht alle Protestierenden hinter                 dem Milit\u00e4r st\u00fcnden. Doch die \u00e4gyptischen Medien haben im Gro\u00dfen                 und Ganzen jede auch nur entfernt \u00e4hnliche Differenzierung zu                 den Motivlagen der anderen Seite vermissen lassen.<\/p>\n<h3>Das ist aus drei Gr\u00fcnden problematisch &#8211; und alle drei betreffen                 die \u00e4gyptische Gesellschaft in ihrer Gesamtheit<\/h3>\n<p>Erstens best\u00e4tigt dieses Vorgehen wieder einmal, dass die lokalen                 Medien in \u00c4gypten st\u00e4rker daran interessiert sind, uns zu erz\u00e4hlen,                 welche Ereignisse sie denn am liebsten h\u00e4tten, als daran, zu erz\u00e4hlen,                 was wirklich passiert. Zweitens untersch\u00e4tzt dieses Vorgehen die                 Gefahr, die von einer auf diese Weise entfremdeten, aber ebenso                 entschlossenen Gruppe ausgeht, die glaubt, dass sie beraubt worden                 ist. Und drittens ist das ein allzu billiger Weg, eine \u00f6ffentliche                 Diskussion \u00fcber eine Frage zu vermeiden, deren Aktualit\u00e4t bis                 zum 3. Juli doch noch auf der Hand lag: Ob n\u00e4mlich ein gew\u00e4hlter                 Pr\u00e4sident durch Massenproteste [und nicht die Armee] gest\u00fcrzt                 werden sollte. <\/p>\n<p>Es gibt bei einigen \u00c4gypterInnen einen tief sitzenden Hass auf                 die Muslimbr\u00fcder und ihre salafistischen B\u00fcndnispartner. Dieser                 Hass spannt sich \u00fcber alle sozialen Klassen und bedingt alle gegenw\u00e4rtigen                 Ereignisse. Er entstammt einem vertretbaren und berechtigten Misstrauen                 und einer Angst vor einer Gruppe, die gelogen hat, die ihre Interessen                 in den Vordergrund gestellt hat, die andere Gruppierungen ausschloss,                 die einen Abklatsch von einer Verfassung durchgepeitscht hat,                 die Mursi diktatorische Vollmachten zu geben versucht hat, die                 mit dem Milit\u00e4r geflirtet und auf erschreckende Weise mit sektiererischer                 Politik gespielt hat. Diese Gruppe hat nicht verstanden, dass                 sie ein Land regierte. Und sie hat \u00fcbersehen, dass schon aus Gr\u00fcnden                 der \u00f6ffentlichen Selbstdarstellung ein arabischer Pr\u00e4sident nur                 dann Widerspruch unterdr\u00fccken kann, wenn er eine organisierte                 Institution wie das Milit\u00e4r sicher auf seiner Seite wei\u00df. Am wichtigsten                 war vielleicht, dass die Muslimbr\u00fcder, w\u00e4hrend sie \u00c4gypten regierten,                 h\u00f6llische Schw\u00e4chen zeigten. In einer entscheidenden Zeit, in                 der andere Amateure davon ganz freiwillig die Finger lassen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Als die Mursi-Anh\u00e4ngerInnen versuchten, ihre Sicht der Dinge                 vorzubringen, prallten ihre Argumente von einer Wand des Hasses                 auf sie zur\u00fcck, aber diese Argumente waren nicht ganz falsch,                 zumindest nicht bis [zu den Massenprotesten vom] 30. Juni. Nach                 dem 30. Juni erst hoben die Unnachgiebigkeit Mursis und das Verhalten                 seiner Unterst\u00fctzerInnen jede Legitimi\u00e4t auf, die sie vorher hatten.                 Doch isoliert vom konkreten Beispiel sind Verlogenheit, ungen\u00fcgende                 Amtsf\u00fchrung, das Verfolgen von Eigeninteressen und die Kaltstellung                 anderer politischer M\u00e4chte Kennzeichen aller politischen Gruppierungen                 \u00fcberall und reichen als solche nicht aus, die Absetzung eines                 Pr\u00e4sidenten durch das Milit\u00e4r zu rechtfertigen. <\/p>\n<p>Die Verfassungserkl\u00e4rung vom 22. November [2012], welche dem                 Pr\u00e4sidenten Mursi unbeschr\u00e4nkte Macht garantiert hatte, war ein                 Verbrechen und vielleicht nur ein Omen f\u00fcr k\u00fcnftige, noch d\u00fcstere                 Vorhaben &#8211; aber Mursi hat diese Erkl\u00e4rung [am 8.12.2012] widerrufen.                 Davor war er jedoch bereit, durch Blut zu waten, als die Verfassungserkl\u00e4rung                 im Dezember 2012 zum Funken von Anti-Mursi-Protesten wurde, gegen                 die dann die Muslimbr\u00fcder ihre M\u00e4nner aufboten.<\/p>\n<p>Die sektiererische Sprache der Muslimbr\u00fcder, die Zunahme sektiererischer                 Vorf\u00e4lle, der Angriff auf die Markuskathedrale [das gr\u00f6\u00dfte Heiligtum                 koptischer ChristInnen, mit zwei Toten und Dutzenden Verletzten]                 im April [2013], Mursis fehlende \u00f6ffentliche Reaktion auf einen                 Scheich, der die SchiitInnen &#8222;Unflat&#8220; genannt hatte, sowie seine                 nutzlose Antwort auf das Lynchen von [vier] Shiiten im Juni [2013                 durch eine von salafistischen Scheichs angef\u00fchrte Menge im Dorf                 Abu Musallim in Gro\u00df-Kairo] &#8211; das alles waren Hinweise auf Mursis                 Unwillen, extremistische Elemente aus der islamistischen Szenerie                 im Zaum halten zu wollen. Insbesondere zeigten diese Beispiele,                 dass Mursi nie daran interessiert war, alle \u00c4gypterInnen zu repr\u00e4sentieren.                 Doch auch hierzu muss gesagt werden, dass Mursi lediglich die                 Tradition staatlicher Diskriminierung und des Sektierertums von                 seinem Amtsvorg\u00e4nger geerbt hat. Er hat die Kurbel nur um einige                 Stufen weiter angezogen.<\/p>\n<p>Und was das Flirten mit dem Milit\u00e4r angeht, so ist das jetzt                 [im Anti-Mursi-Lager] geradezu zur Mode geworden.<\/p>\n<h3>Revolution oder Milit\u00e4rputsch?<\/h3>\n<p>So hat sich meine Position zu den Ereignissen vor dem 30. Juni                 2013 durch die nachfolgenden Ereignisse nicht ver\u00e4ndert: Die Muslimbr\u00fcder                 h\u00e4tten meiner Meinung nach ihrem eigenen Scheitern \u00fcberlassen                 werden sollen, weil sie (noch) nicht ein solches Verbrechen begangen                 hatten, das die Absetzung Mursis durch das Milit\u00e4r gerechtfertigt                 h\u00e4tte. <\/p>\n<p>Der Preis, den \u00c4gypten als Konsequenz dieser Entscheidung gezahlt                 hat und noch zahlen wird, ist zu hoch. Sie hat eine ganze Generation                 von IslamistInnen geschaffen, die aufrichtig glauben, dass Demokratie                 sie nicht einschlie\u00dft. Die Nebenprodukte nach dem 30. Juni best\u00e4tigen                 diese These, besonders angesichts der nunmehr geschlossenen islamistischen                 Fernsehsender und Zeitungen sowie der verhafteten und isoliert                 gefangen gehaltenen F\u00fchrungspersonen &#8211; augenscheinlich einer Entscheidung                 von oben folgend. <\/p>\n<p>Drei\u00dfig Jahre lang hat ihnen Mubarak eingebl\u00e4ut, dass der demokratische                 Prozess nichts f\u00fcr sie ist &#8211; und nun best\u00e4tigt ihnen das auch                 noch die angebliche Revolution des Volkes. Die \u00e4gyptische Gesellschaft                 wird den Preis f\u00fcr die dadurch verursachten Leiden und f\u00fcr die                 Tatsache zahlen m\u00fcssen, dass sie [die Pro-Mursi-Anh\u00e4ngerInnen]                 angesichts ihnen verbotener Medien und fehlender Berichterstattung                 durch unabh\u00e4ngige Medien tats\u00e4chlich ohne jede M\u00f6glichkeit zur\u00fcckgelassen                 werden, ihre Stimme h\u00f6rbar zu machen.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte zur Debatte \u00fcber Milit\u00e4rputsch oder Revolution hier                 nur Folgendes sagen: Millionen \u00c4gypterInnen besetzten den Boden                 und forderten Mursis Absetzung, w\u00e4hrend Milit\u00e4rjets Herzen in                 den Himmel \u00fcber ihnen zeichneten. Und dann verk\u00fcndete der Vereidigungsminister                 Abdel Fattah al-Sisi, dass Mursi sich zwangsweise verpisst habe.                 Doch nichts hat sich ver\u00e4ndert. Die wirkliche Revolution wird                 erst kommen, wenn die Einmischung der Armee in die Politik ein                 vergangenes Relikt der Geschichte sein wird.<\/p>\n<p>Diese Debatte wird rein semantisch und erm\u00fcdend gef\u00fchrt &#8211; und                 \u00fcber die Terminologie wird hier und jetzt nicht entschieden werden.                 Der einzige Aspekt der allgemeiner gefassten Argumentation, der                 mich hier interessiert, ist die Vorstellung, dass sich die Legitimit\u00e4t                 eines gew\u00e4hlten Pr\u00e4sidenten aufl\u00f6st, wenn Millionen Menschen [gegen                 ihn] auf die Stra\u00dfe gehen. Wenn das ein Pr\u00e4zedenzfall ist, dann                 bedeutet das k\u00fcnftig st\u00fcrmische Zeiten, wenn das Interesse der                 Massen einmal nicht mehr mit denen der Armee zusammenfallen sollte.<\/p>\n<p>Politisch befindet sich \u00c4gypten in einem umfassenden Durcheinander.                 Wenn die Euphorie einmal verschwunden sein wird, dann wird sich                 die [ehemalige] Opposition wieder daran erinnern, dass eine Fraktion                 bei der Frage, wie viele F\u00fc\u00dfe eine Kuh hat, bestreiten wird, dass                 das vorliegende Tier wirklich eine Kuh ist; eine andere Fraktion                 mit &#8222;vier&#8220; antworten, und noch eine weitere Fraktion den Schwanz                 als ein Gliedma\u00df werten wird. Die lustigen Zeiten haben schon                 begonnen, als die Salafi-Nour-Partei [Partei des Lichts, eine                 salafistisch-islamistische Partei, die kurzzeitig an der Regierungskoalition                 nach dem Putsch beteiligt war,] ihr Veto gegen Mohammed el-Baradeis                 Nominierung als Premierminister mit der Begr\u00fcndung einlegte, dass                 er spalte, w\u00e4hrend die Tamarod-Vertretung &#8211; jene Graswurzel-Petitionskampagne,                 die hinter den Protesten des 30. Juni steckt, die zum Sturz Mursis                 f\u00fchrte [aber Achtung: nicht zu verwechseln mit antimilitaristischen                 Positionen, denn ihre AktivistInnen unterst\u00fctzen das Milit\u00e4r und                 denunzieren gar einen &#8222;prinzipiellen Antimilitarismus&#8220; ((2))]                 &#8211; sich gerade f\u00fcr ihn und niemand anderen ausgesprochen hat.<\/p>\n<p>Wenn die Armee noch irgendein [strategisches] Gesp\u00fcr hat, dann                 sollte sie darauf achten, dass die Legitimit\u00e4t des Regimes vom                 30. Juni &#8211; in Ermangelung einer besseren Bezeichnung &#8211; nicht auf                 der Vernichtung von IslamistInnen basieren darf, wie sehr die                 \u00f6ffentliche Stimmung das auch einfordert. Sie m\u00fcssen integriert                 werden, denn diese Leute werden nirgendwo hingehen. <\/p>\n<p>Das kaum funktionierende System, das aus dem 25. Januar 2011                 hervorgegangen ist, wurde durch noch etwas Zerbrechlicheres ersetzt:                 streitende Fraktionen ohne klares Verfahren zur L\u00f6sung des Streits,                 das Milit\u00e4r als Schiedsrichter und die w\u00fctenden Muslimbr\u00fcder,                 die sich betrogen f\u00fchlen. Schnallt euch gut an!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich schicke dies voraus, weil die gegenw\u00e4rtige Gesellschaft und Politik in \u00c4gypten entlang identit\u00e4rer Grenzziehungen auf eine Weise gespalten sind, wie sie es in den letzten drei Jahren nie waren. Dieses Problem ist so chronisch geworden, dass der Wert oder die Schw\u00e4che eines Arguments fast komplett von dem abh\u00e4ngen, wer das Argument ausgesprochen hat. 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