{"id":12982,"date":"2013-09-01T00:00:28","date_gmt":"2013-08-31T22:00:28","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=12982"},"modified":"2022-07-26T13:05:45","modified_gmt":"2022-07-26T11:05:45","slug":"lebenslaute-gegen-menschenfeindliche-politik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/09\/lebenslaute-gegen-menschenfeindliche-politik\/","title":{"rendered":"Lebenslaute gegen menschenfeindliche Politik"},"content":{"rendered":"<p>In diesem Jahr hat &#8222;Lebenslaute&#8220; sich entschlossen, zwei Jahresaktionen                 zu gestalten.<\/p>\n<p>Die erste zur Unterst\u00fctzung des Tribunals der Gefl\u00fcchteten in                 Berlin gegen die Bundesrepublik Deutschland, voller Sympathie                 beobachtet besonders von der &#8222;Lebenslaute&#8220;-Gruppe aus Berlin.                 Ihre Argumentation: zu keiner anderen Zeit k\u00f6nnten wir die Lage                 der Illegalisierten und Papierlosen besser unterst\u00fctzen als jetzt.                 Die zweite Aktion galt der Kampagne gegen die Atomwaffen in B\u00fcchel,                 die zwar gegenw\u00e4rtig \u00fcberhaupt nicht im Blick der \u00d6ffentlichkeit                 stehen, aber gerade deshalb zum Anlass einer gro\u00dfen Musikblockade                 werden sollten.<\/p>\n<p>Kurioserweise hatte &#8222;Lebenslaute&#8220; damit zwei Aktionen gew\u00e4hlt,                 wie sie gegens\u00e4tzlicher kaum sein konnten: die eine, in der Millionenstadt                 Berlin, musste in gr\u00f6\u00dfter Heimlichkeit stattfinden, damit der                 gew\u00e4hlte Blockadeort, das Innenministerium, nicht vorher weitr\u00e4umig                 von Polizei umstellt w\u00e4re; bei der anderen in der Eifel, also                 auf dem Lande, gab es \u00fcberhaupt keine Geheimnisse: schon lange                 vorher wurde \u00f6ffentlich gemacht, dass es eine 24-st\u00fcndige Blockade                 des Ortes geben werde. In Berlin war Lebenslaute die zentrale                 Gruppe, die kurzfristig Unterst\u00fctzung von Sympathisanten bekam                 (einige davon geh\u00f6rten zur Gruppe der Gefl\u00fcchteten, die das Risiko                 nicht scheuten, noch mehr Probleme mit der deutschen Justiz zu                 bekommen). <\/p>\n<p>In B\u00fcchel dagegen blockierte Lebenslaute nur als eine Gruppe                 von mehreren, zwar eine, die schon seit einigen Jahren eingeladen                 worden war, aber neben Popgr\u00f6\u00dfen wie Nina Hagen nicht die alleinige                 Aufmerksamkeit der Medien auf sich ziehen konnte. <\/p>\n<p>In Berlin war klar, dass die \u00f6ffentliche Wirkung erheblich weniger                 stark ausfallen w\u00fcrde als in B\u00fcchel, einerseits weil in Berlin                 immer viel los ist, andererseits aufgrund von Ereignissen wie                 dem Besuch des US-Pr\u00e4sidenten Obama, aber auch wegen der Unruhen                 in \u00c4gypten. Es ist jedoch durchaus m\u00f6glich, dass die interne Wirkung                 der Blockade des Innenministeriums massiv und erheblich ist &#8211;                 immerhin hatte Lebenslaute f\u00fcr volle vier Stunden, von morgens                 6 bis 10 Uhr, das Geb\u00e4ude weitgehend lahmgelegt. Nur bleibt abzuwarten,                 ob die Reaktion sich auf noch mehr Polizei oder Sicherheitsma\u00dfnahmen                 beschr\u00e4nkt, oder ob es inhaltliche Auseinandersetzungen mit all                 dem gibt, das im Innenministerium zur Lage oder zur Bedr\u00e4ngung                 von Gefl\u00fcchteten und Asylsuchenden ausgebr\u00fctet wird.<\/p>\n<h3>Blockade des Innenministeriums in Berlin ((2))               <\/h3>\n<p>Das Bundesministerium des Innern (BMI) ist in der \u00f6stlichen H\u00e4lfte                 eines gewaltigen Geb\u00e4udes untergebracht, das die Form eines zur                 Spree hin offenen U hat. Im Ministerium haben 900 MitarbeiterInnen                 auf 13 Etagen ihre Arbeitspl\u00e4tze. Der Abstand zwischen den beiden                 Teilen des U betr\u00e4gt ungef\u00e4hr 25 Meter; hier finden sich Gr\u00fcn-                 und Blumenanlagen, Wasserspiele und Wege. Mit 70 Personen war                 das Geb\u00e4ude bequem zu blockieren. Die Vorbereitungsgruppe hatte                 vier Eing\u00e4nge ausgemacht, allerdings stellte sich bei der Blockade                 heraus, dass es noch einen f\u00fcnften gab, der der Aufmerksamkeit                 bisher entgangen war. Prompt wurde \u00fcber die Unterst\u00fctzerstruktur                 von &#8222;ZUGABe&#8220; ((3)) die Anfrage                 an alle Gruppen verbreitet, ob sie eine oder zwei Personen &#8222;abgeben&#8220;                 k\u00f6nnten, um auch diesen Eingang zu blockieren; und auch das gelang.                 W\u00e4hrend das Sicherheitspersonal noch Verst\u00e4rkung heranholte und                 Anweisungen der Chefs abwarten musste, hatten alle Gruppen Zeit,                 ihre Musik anzustimmen: Teile des &#8222;Vorkonzertes&#8220;, das &#8222;Lebenslaute&#8220;                 am Abend zuvor im wunderbaren Rahmen der Heilig-Kreuz-Kirche in                 Kreuzberg zum Besten gegeben hatte, Musik von Eisler, Bach, Sch\u00fctz,                 aber auch afrikanische Chormusik, Kanons und Instrumentalst\u00fccke                 f\u00fcr kleinere Besetzung.<\/p>\n<p>Zahlreiche Transparente, die vor die Eing\u00e4nge geh\u00e4ngt wurden,                 und ein kurzes Flugblatt machten die Besch\u00e4ftigten des Hauses                 auf das Anliegen des Tribunals aufmerksam. An mehreren Stellen                 kam es aber auch zu R\u00e4umungen durch die Polizei. Die Personalienfeststellungen                 f\u00fchrten zur Einleitung von Strafverfahren, deren Ausgang noch                 abzuwarten bleibt. Eine Reihe von SympathisantInnen, eingeschlossen                 BewohnerInnen des Fl\u00fcchtlingscamps vom Oranienplatz, waren bereit,                 &#8222;Lebenslaute&#8220; aktiv beim Blockieren zu unterst\u00fctzen. Sie waren                 aber als nicht zu &#8222;Lebenslaute&#8220; geh\u00f6rig erkennbar: ohne Konzertkleidung,                 Instrumente oder Notenmappen. Prompt wurden sie erheblich h\u00e4rter                 angefasst als die TeilnehmerInnen von Lebenslaute. Eigentlich                 h\u00e4tte &#8222;Lebenslaute&#8220; so etwas voraussehen m\u00fcssen und diese Unterst\u00fctzerInnen                 veranlassen m\u00fcssen, sich ebenso durch Konzertkleidung zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Die Anklagen des Tribunals sind im Internet ((4))                 nachzulesen.<\/p>\n<p>Die Forderungen daraus lauten, kurz zusammengefasst: Keine Lager,                 keine Essenspakete, Reisefreiheit (keine Residenzpflicht), Freiheit,                 die Landessprache zu lernen und Ausbildungen zu machen. <\/p>\n<p>Nach dem Marsch der Asylsuchenden von W\u00fcrzburg nach Berlin im                 Herbst 2012 und einem dramatischen Hungerstreik hatte es ein Treffen                 mit Verantwortlichen von Stadt und Regierung gegeben, aber bisher                 ohne Ergebnis. Die Tatsache, dass die Gefl\u00fcchteten auf dem Oranienplatz                 in Berlin von der Politik geduldet werden und bisher keine Sanktionen                 aufgrund ihrer Proteste erhalten haben, kann nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen,                 dass sich die Politik in Bezug auf eine generelle L\u00f6sung hartleibig                 zeigt.<\/p>\n<p>Interessant ist das Aufgreifen des Begriffs &#8222;Kolonialismus&#8220; durch                 das Tribunal. Hier wird eine geschichtliche Kontinuit\u00e4t gezogen,                 die wir leicht zu vergessen geneigt sind.<\/p>\n<h3>B\u00fcchel: Weniger Leute als erwartet &#8211; trotzdem gro\u00dfe Wirkung<\/h3>\n<p>Die Kampagne &#8222;Atomwaffenfrei &#8211; jetzt!&#8220; ((5))                 hatte die Blockade des Fliegerhorsts B\u00fcchel (wie es offiziell                 verniedlichend hei\u00dft) schon viele Monate vorbereitet. Die Blockade                 aller sieben Tore des \u00fcber 4 km langen und mehrere hundert Meter                 breiten Gel\u00e4ndes war erfolgreich. Trotzdem gelang es nicht, mehr                 als einige hundert Menschen nach B\u00fcchel zu locken. Im Vorfeld                 war von etwa 1500 Personen ausgegangen worden, die erwartet wurden,                 und die Infrastruktur war entsprechend eingerichtet. Das bedeutet,                 es wird wohl ein erhebliches Defizit geben. Interessant ist der                 Grund f\u00fcr die kurzfristige Absage eines erwarteten Busses aus                 Stuttgart: Man habe dort mit dem fortgesetzten Widerstand gegen                 das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 genug zu tun. Die Blockade von                 B\u00fcchel war also gewisserma\u00dfen antizyklisch, gegen den Zeitgeist.                 Die Angst vor dem Atomkrieg vermag im Augenblick weniger zu bewegen                 als lokale Skandale. Das ist ein Faktum, mit dem man rechnen muss.               <\/p>\n<p>Ob eine Idee &#8211; etwa die antimilitaristische &#8211; gro\u00dfe Unterst\u00fctzung                 in der Bewegung findet oder nicht, das h\u00e4ngt gewisserma\u00dfen von                 der gesellschaftlichen Seelenlage ab, die eben im Augenblick nicht                 zum Widerstand gegen das Milit\u00e4r tendiert. Diese Einsicht darf                 jedoch keineswegs dazu f\u00fchren, Aktionen wie in B\u00fcchel zu unterlassen.               <\/p>\n<p>Auf lokaler Ebene hat diese Aktion viel bewirkt. Das Echo in                 der \u00f6rtlichen Presse war enorm und durchgehend positiv. Dazu muss                 man wissen, dass der Fliegerhorst B\u00fcchel ein bedeutender Arbeitgeber                 in der Region ist und die lokale Bev\u00f6lkerung AntimilitaristInnen                 als Bedrohung ihres Arbeitsplatzes wahrnimmt. Ein Einheimischer                 \u00e4u\u00dferte, seit vielen Jahren sei endlich \u00fcberhaupt einmal etwas                 \u00fcber die Atomwaffen in B\u00fcchel geschrieben worden. Deren Existenz                 sei in den vergangenen Jahren geradezu in Vergessenheit geraten,                 so dass nicht einmal politisch interessierte ZeitungsleserInnen                 aus der Region davon wussten.<\/p>\n<p>Die musikalische Aktionsgruppe &#8222;Lebenslaute&#8220; bestritt das Er\u00f6ffnungskonzert                 mit der Musik aus Berlin und trug auf diese Weise das Thema Flucht                 und Migration nach B\u00fcchel.<\/p>\n<p>Die VeranstalterInnen von &#8222;Atomwaffenfrei &#8211; jetzt&#8220; hatten zahlreiche                 Musikgruppen und Einzelpersonen gewinnen k\u00f6nnen, die w\u00e4hrend der                 24-st\u00fcndigen Blockade mit ihrer Musik zum Teil von einem Tor zum                 anderen zogen; aber die gro\u00df angek\u00fcndigten Prominenten, darunter                 Nina Hagen, zogen ihre Teilnahme kurzfristig zur\u00fcck. Parteienvertreterinnen                 wie Claudia Roth von den Gr\u00fcnen und Inge H\u00f6ger von den Linken                 (Verteidigungsausschuss) waren anwesend, durften aber nicht reden.                 Damit standen nicht Parteipolitik, sondern Blockade und direkte                 gewaltfreie Aktion im Zentrum. <\/p>\n<p>Polizei und Milit\u00e4rs versuchten alles, um Freundlichkeit und                 Harmlosigkeit vorzut\u00e4uschen: Zivilangestellte hatten am Blockadetag                 frei, Soldaten mussten dagegen \u00fcbers Wochenende auf dem Fliegerhorst                 bleiben. So wurden R\u00e4umungen und entsprechende Aufmerksamkeit                 weitestgehend vermieden. Immerhin wurde an einem Seitentor, das                 seit vielen Jahren nicht benutzt worden war, eine kleine L\u00fccke                 ge\u00f6ffnet, um einige Personen hinein- und herauszulassen. Es war                 gerade das Tor, an dem eine Motorradgruppe blockierte. Die Biker                 f\u00fcgten sich aber perfekt ins Blockadekonzept ein und weigerten                 sich, die ihnen unterstellte Rolle der Krawallmacher zu spielen.<\/p>\n<p>F\u00fcr &#8222;Lebenslaute&#8220; ist eine anstrengende Saison zu Ende gegangen,                 ein Experiment mit zwei Aktionen. Das wird eher eine Ausnahme                 bleiben. Einmalig hat es durchaus geklappt: es waren kaum weniger                 Personen in B\u00fcchel als in Berlin dabei, die Aktionsunterst\u00fctzung                 von &#8222;ZUGABe&#8220; war hervorragend, die Stimmung ungemein positiv und                 freundlich. Musik ver\u00e4ndert das Klima zum Positiven, die Schwingungen                 der Kl\u00e4nge stellen sich den t\u00f6dlichen Vibrationen aus den Bunkern                 entgegen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesem Jahr hat &#8222;Lebenslaute&#8220; sich entschlossen, zwei Jahresaktionen zu gestalten. 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