{"id":13008,"date":"2013-09-01T00:00:29","date_gmt":"2013-08-31T22:00:29","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13008"},"modified":"2022-07-26T14:22:23","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:23","slug":"gewaltfreier-widerstand-gegen-akws-in-indien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/09\/gewaltfreier-widerstand-gegen-akws-in-indien\/","title":{"rendered":"Gewaltfreier Widerstand gegen AKWs in Indien"},"content":{"rendered":"<p>Die Reaktorleistung soll schrittweise auf 1000 Megawatt erh\u00f6ht                 werden. Der zweite Reaktor soll n\u00e4chstes Jahr hochgefahren werden.                 Die beiden Druckwasserreaktoren des Typs VVER-1000 wurden vom                 russischen Atomkonzern Rosatom geliefert. \u00dcber einen dritten und                 vierten Block wird derzeit verhandelt. Insgesamt sechs Reaktoren                 sind f\u00fcr Kudankulam geplant.<\/p>\n<p>Die Menschen in der Region leisten bewusst gewaltfreien Widerstand                 gegen die Atomanlage. Seit zwei Jahren f\u00fchren sie in dem Fischerort                 Idinthakarai einen Ketten-Hungerstreik durch, immer wieder erg\u00e4nzt                 durch unbefristete Hungerstreiks und andere gewaltfreie Ma\u00dfnahmen                 in der Tradition Gandhis. <\/p>\n<p>Mit Stra\u00dfenblockaden erreichten sie im Herbst 2011 einen Baustopp.                 Dieser wurde im M\u00e4rz 2012 durch ein riesiges Polizeiaufgebot beendet.                 Idinthakarai, das Zentrum der Widerstandsbewegung mit mehr als                 10.000 BewohnerInnen, wurde f\u00fcr einige Tage komplett von der Au\u00dfenwelt                 abgeschnitten. Ein freier Zugang dorthin ist auch heute noch nicht                 m\u00f6glich. Fast alle Leute im K\u00fcstengebiet leben unter einfachsten                 Bedingungen: sauberes Trinkwasser ist nicht einfach und Strom                 nur f\u00fcr Einzelne verf\u00fcgbar.<\/p>\n<h3>Ein Friedensforscher muss abtauchen<\/h3>\n<p>Trotz der Abriegelung des Gebietes um Idinthakarai konnten wir                 per E-Mail Dr. S.P. Udayakumar zur aktuellen Situation befragen.                 Er wurde 1959 in Nagercoil nahe Idinthakarai geboren und beendete                 sein erstes Studium an der Uni Kerala 1981. Sp\u00e4ter unterrichtete                 er jahrelang Englisch in \u00c4thiopien und schloss 1996 sein Aufbaustudium                 an der Uni Hawaii mit einem Ph.D. der Politikwissenschaften ab.                 In mehreren L\u00e4ndern dozierte er zu gewaltfreier Konfliktl\u00f6sung,                 Friedensforschung und nachhaltiger Entwicklung. Udayakumar engagiert                 sich seit Ende der 1980er Jahre gegen Atomkraft und ist Sprecher                 der PMANE (People&#8217;s Movement Against Nuclear Energy). <\/p>\n<p>2002 gr\u00fcndete er in seinem Geburtsort die &#8222;SACCER Matriculation                 School&#8220;, in der unterprivilegierte Sch\u00fclerInnen nach \u00f6kologischen                 und pazifistischen Prinzipien auf die Hochschulen vorbereitet                 werden.<\/p>\n<p>Diese Schule wurde seit 2011 mehrfach von Unbekannten verw\u00fcstet.                 Konkrete Drohungen gegen ihn als &#8222;ausl\u00e4ndischen Agenten&#8220; und seine                 Partnerin erh\u00e4lt er seit langem. Den Ort Idinthakarai konnte Udayakumar                 nun seit mehr als eineinhalb Jahren nicht mehr verlassen, denn                 au\u00dferhalb droht ihm sofortige Verhaftung und m\u00f6glicherweise jahrzehntelange                 Haft. <\/p>\n<p>Der PMANE-Sprecher teilt uns mit, dass Idinthakarai weiterhin                 nicht mit \u00f6ffentlichen Bussen zu erreichen ist, der Ort aber mit                 Nahrung und dem Notwendigsten durch Sammeltaxis und Privatautos                 versorgt wird. Kinder laufen oft kilometerweit zu ihren Schulen.                 Zur Gesundheitsversorgung konnten wir nichts in Erfahrung bringen.<\/p>\n<p>Am 1. Juli soll ein Fernsehteam der ARD versucht haben, \u00fcber                 die widerst\u00e4ndige Bev\u00f6lkerung zu berichten, durfte aber nicht                 weiterfahren. Der Aktivist best\u00e4tigt uns, dass eine deutsche Journalistin                 aus dem Gebiet verjagt wurde, als sie sich bei der Polizeistation                 in Kudankulam anmeldete. Sie sei von Geheimdienst-Mitgliedern                 und der \u00f6rtlichen Polizei &#8222;\u00fcbel bel\u00e4stigt&#8220; worden. <\/p>\n<h3>Repression gegen Anti-Atom-AktivistInnen<\/h3>\n<p>Bisher wurden bereits Zehntausende von AktivistInnen in und um                 Idinthakarai mit insgesamt 325 Gerichtsverfahren \u00fcberzogen. Beschuldigungen                 wie &#8222;Krieg gegen den Staat&#8220;, &#8222;Aufr\u00fchrertum&#8220;, &#8222;schwerer Landfriedensbruch&#8220;                 usw. wurden gegen 227.000 Menschen erhoben. Die hohe Anzahl erkl\u00e4rt                 sich auch aus Anzeigen in der Form &#8222;Frau A., Herr B. und zweitausend                 weitere \u2026 werden beschuldigt&#8230;&#8220;. <\/p>\n<p>In der Regel laufen also mehrere Verfahren gegen die oder den                 Einzelnen. Seit fast einem halben Jahr sitzt Herr Ganesan nun                 schon im Gef\u00e4ngnis. Er ist Mitglied des lokalen Organisationskomitees                 des gewaltfreien Widerstands, des &#8222;Struggle Committee&#8220;. Das oberste                 Gericht Indiens hatte in seinem Pro-Atom-Urteil im Mai 2013 eine                 Amnestie f\u00fcr die AtomkraftgegnerInnen gefordert. Die zust\u00e4ndige                 Regierung des Bundesstaates Tamil Nadu verweigert aber die Einstellung                 der Verfahren mit der Begr\u00fcndung, eine Amnestie sei nicht opportun,                 solange der Protest fortgesetzt w\u00fcrde und Hungerstreiks und Arbeitsniederlegungen                 nicht aufh\u00f6rten. Die AktivistInnen erwarten in absehbarer Zeit                 keine Einstellung der Verfahren. <\/p>\n<p>S.P. Udayakumar wird von den indischen Medien h\u00e4ufig als &#8222;Sektenf\u00fchrer&#8220;                 oder &#8222;Kopf der Aufwiegler&#8220; portr\u00e4tiert. R\u00e4delsf\u00fchrer w\u00fcrde er                 hierzulande genannt. Er betont aber, dass die Organisationsstrukturen                 der Widerstandsbewegung sehr demokratisch sind und alle Beteiligten                 gleichberechtigt Anteil haben. Zum &#8222;Struggle Committee&#8220; geh\u00f6ren                 Delegierte der umliegenden Ortschaften, VertreterInnen des Aktionsb\u00fcndnisses                 PMANE und auch katholische Priester. Das &#8222;Struggle Committee&#8220;                 organisierte zahlreiche Streiks, Demonstrationen und Blockaden                 auf dem Land und wegen der Polizeipr\u00e4senz immer \u00f6fter auf dem                 Wasser.<\/p>\n<h3>Fischerfamilien verlieren ihre Lebensgrundlage <\/h3>\n<p>Zu den Risiken und Folgen des AKWs muss erw\u00e4hnt werden, dass                 die russische Firma Zio Podolsk minderwertige Komponente geliefert                 hat. Der Chef-Eink\u00e4ufer von Zio Podolsk wurde verhaftet, weil                 er minderwertigen Stahl eingekauft und die Preisdifferenz zum                 f\u00fcr den AKW-Bau notwendigen teuren Stahl eingesteckt hatte. Udayakumar                 erg\u00e4nzt, dass auch minderwertige Kabel beim Bau verwendet wurden                 und dass es aufgrund von Schwei\u00dfn\u00e4hten in Bereichen, wo es diese                 nicht geben darf, zu Problemen am Reaktor-Druckbeh\u00e4lter kommen                 kann.<\/p>\n<p>Beim Betrieb des Atomkraftwerkes werden tausende Tonnen erw\u00e4rmtes                 und niedrig strahlendes K\u00fchlwasser ins Meer gepumpt. Schon das                 wird Wachstum und Ern\u00e4hrung der Fische, der wichtigsten Lebensgrundlage                 der Menschen in der Region, massiv beeintr\u00e4chtigen. Denn direkt                 neben dem AKW beginnen die Fischgr\u00fcnde. S.P. Udayakumar verweist                 darauf, dass in n\u00e4chster Zukunft die Entsalzungsanlagen ihre Abf\u00e4lle                 und Chemikalien in die See ablassen werden &#8211; der sichere Tod f\u00fcr                 die meisten Meereslebewesen vor Ort.<\/p>\n<p>Nirgends in der Region haben AtomkraftgegnerInnen Zugang zu Strahlenmessger\u00e4ten.<\/p>\n<p>Der Aktivist bef\u00fcrchtet sogar, dass unabh\u00e4ngige Strahlungsmessungen                 untersagt w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Dass der erste Block des Atomkraftwerkes wie angek\u00fcndigt in wenigen                 Wochen ans Netz geht, glaubt fast niemand.<\/p>\n<p>Ernsthafte Probleme best\u00fcnden weiter, auch wenn die staatliche                 Betreibergesellschaft alle Hebel in Bewegung setze. Zahlreiche                 Komponenten des zweiten Reaktors wurden als Ersatzteile f\u00fcr den                 f\u00fcr den ersten Block verwendet. Diese m\u00fcssen nun wieder produziert                 und geliefert werden. Daher k\u00f6nne es Jahre, nicht Monate dauern,                 bis der zweite Reaktor erstmals Strom liefern werde &#8211; in die St\u00e4dte                 und f\u00fcr die ferne Industrie.<\/p>\n<p>Die Stimmung in der Bewegung ist weiterhin gut. Es herrscht Optimismus,                 dass die zus\u00e4tzlichen vier Reaktoren gar nicht gebaut werden und                 die weitere Inbetriebnahme der beiden bestehenden verhindert werden                 kann. Der Widerstand gegen Atomkraft in Indien breitet sich weiter                 aus, in vielen Regionen bilden sich neue Gruppen.<\/p>\n<p>Auch am geplanten AKW-Standort Jaitapur, an der Westk\u00fcste im                 Bundesstaat Maharashtra, engagieren sich immer mehr Menschen gegen                 die Anlage des franz\u00f6sischen Atommultis AREVA. <\/p>\n<p>Seit fast 40 Jahren existiert eine Bewegung gegen die indischen                 Atombomben. Doch nun gibt es endlich auch eine starke Bewegung                 gegen Atomenergie, freut sich Udayakumar. Die Aktiven in Indien                 geben viel von dem, was sie erfahren k\u00f6nnen, \u00fcber die Anti-Atombewegung                 in Deutschland weiter. Der geplante Atomausstieg des industriell                 und wissenschaftlich hoch entwickelten Deutschlands und die Entscheidung                 f\u00fcr erneuerbare Energiequellen habe Vorbildfunktion f\u00fcr andere                 L\u00e4nder, meint der PMANE-Aktivist. <\/p>\n<p>Dass aus Deutschland weiterhin Atomkraftwerke und Brennelemente                 exportiert werden, ist in Indien noch wenig bekannt. Die internationalen                 Atomgesch\u00e4fte der BRD finden auch hierzulande noch zu wenig Beachtung. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Reaktorleistung soll schrittweise auf 1000 Megawatt erh\u00f6ht werden. Der zweite Reaktor soll n\u00e4chstes Jahr hochgefahren werden. 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