{"id":13016,"date":"2013-09-01T00:00:34","date_gmt":"2013-08-31T22:00:34","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13016"},"modified":"2022-07-26T14:22:23","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:23","slug":"nachruf-auf-georges-moustaki","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/09\/nachruf-auf-georges-moustaki\/","title":{"rendered":"Nachruf auf Georges Moustaki"},"content":{"rendered":"<p>Eines Abends, es war nach einem Auftritt in einem der heruntergekommenen                 Caf\u00e9-Concert auf der <i>Rive Droite<\/i>, dem rechten Ufer der                 Seine, fasste sich der Schatten ein Herz. Er dr\u00e4ngelte sich zur                 B\u00fchne und \u00fcberreichte Brassens &#8211; wie er sp\u00e4ter sagte &#8222;mit zitternden                 H\u00e4nden&#8220; &#8211; die Texte einiger Chansons, die er selbst geschrieben                 hatte. <\/p>\n<p>Ob er sie sich vielleicht einmal ansehen wolle? Brassens stellte                 die Gitarre beiseite, griff sich die Bl\u00e4tter und legte die Stirn                 in Falten. Eine Weile sagte niemand ein Wort. Dann hob er den                 Kopf, gab die Bl\u00e4tter zur\u00fcck und stellte knapp fest: &#8222;C&#8217;est de                 qualit\u00e9&#8220;. &#8222;Das ist gut, das hat Qualit\u00e4t&#8220;. Der junge Mann war                 Georges Moustaki.<\/p>\n<p>&#8222;C&#8217;est de qualit\u00e9&#8220;. <\/p>\n<p>Mehr br\u00e4uchte man eigentlich nicht zu sagen \u00fcber die Kunst des                 franz\u00f6sischen Chansonniers Moustaki, der am 23. Mai 2013 im Alter                 von 79 Jahren in Nizza gestorben ist. Aber selbst der Urheber                 dieses treffenden Urteils wollte es nicht bei blo\u00df vier Worten                 belassen. 1954 sprach Brassens noch einmal \u00fcber seinen jungen,                 zu diesem Zeitpunkt noch unbekannten Kollegen: &#8222;Es gibt noch Poeten.                 Aber sie verstecken sich, hier und da zwischen zwei Steinen oder                 in einem Nadel\u00f6hr. Man hetzt sie pausenlos. Erboste V\u00e4ter: &#8218;Man                 muss voran kommen. Sein Brot verdienen. Was werden die Leute sagen!&#8216;.                 Sie sterben fast alle sehr jung, diese Poeten, und der Mensch                 \u00fcberlebt sie, wie man erz\u00e4hlt. Aber nat\u00fcrlich, ein kleiner Teil                 entgeht dem Massaker. Und dann feiert man sie wie einen nationalen                 Triumph. Man h\u00e4tschelt sie, man nennt sie &#8218;verehrter Meister&#8216;                 &#8211; und meint das auch noch ernst! Aber als sie noch nicht so viel                 hermachten, schlug man ihnen die T\u00fcr vor der Nase zu. Moustaki                 ist einer von ihnen. Er schreibt seine Chansons zwischen den Zeilen.                 Er h\u00e4tte genauso gut Unfug nuscheln und ihn vom lyrischen P\u00f6bel                 singen lassen k\u00f6nnen. Aber er hat den steilen Weg gew\u00e4hlt. Den                 Weg ins Nichts. Er vertraut dem Publikum. Er wird seine Belohnung                 erhalten. Es wird eine Zeit kommen, da werden die Hunde ihre Schw\u00e4nze                 genauso brauchen wie George Moustaki, den unverw\u00fcstlichen Poeten.                 Und die, die heute so eifrig bereit sind, ihn zu bei\u00dfen, werden                 ihm morgen mit der Hand durch die Haare streichen, sofern noch                 welche da sind&#8220;. <\/p>\n<h3>Seine Visitenkarte, hat Moustaki einmal gesagt, sei im Grunde                 eine Karte der Welt <\/h3>\n<p>Am 3. Mai 1934 wurde er als Sohn griechisch-franz\u00f6sischer Eltern                 im \u00e4gyptischen Alexandria geboren. Er behielt bis zuletzt die                 griechische Staatsangeh\u00f6rigkeit. Die Badewanne des kleinen Georges                 war in der Tat das Mittelmeer. 1951, mit gerade einmal 17 Jahren,                 ging er nach Paris. Und wiederum vier Jahre, nachdem Brassens                 die \u00d6ffentlichkeit so nachdr\u00fccklich auf den jungen K\u00fcnstler aufmerksam                 gemacht hatte, kam der Erfolg. Er kam in Gestalt eines Liedes                 von Moustaki, das eine andere Stimme sang: die Stimme Edith Piafs.                 &#8222;Ich habe ein Jahr lang mit dieser Frau gelebt&#8220;, erinnerte sich                 Moustaki: &#8222;Ein Jahr, in dem das Au\u00dfergew\u00f6hnliche allt\u00e4glich f\u00fcr                 uns war. Ein Jahr voll irrsinnigen Lachens, irrsinnigen Lebens,                 Musik, St\u00fcrmen und Leidenschaft. Sie war 42 Jahre alt, ich 24.                 Wir hatten nicht genug Zeit, um unsere Gegens\u00e4tze zu \u00fcberwinden.                 Aber jedesmal, wenn ich &#8218;Milord&#8216; h\u00f6re, oder eines der anderen                 Chansons, die ich f\u00fcr sie geschrieben habe, wird mir klar, dass                 ich einen kleinen Schimmer der Flamme geerbt habe, die sie verzehrt                 hat&#8220;. Denn eigentlich hatte Moustaki gar nichts von jenem selbstzerst\u00f6rerischen                 Feuer der Piaf, bei der man vor allem in ihren letzten Jahren                 meinte, mit jedem neuen Lied s\u00e4nge sie sich zu Tode. Als er, im                 Alter von 35 Jahren, zum ersten Mal seit den F\u00fcnfzigern wieder                 ans Mikrophon trat, um seine eigenen Chansons zu singen, war seine                 Stimme ruhig, dunkel, warm, beinahe z\u00e4rtlich. Er selber nannte                 sich sp\u00f6ttisch einen &#8222;Chanteur de Charme&#8220;, einen singenden Herzensbrecher.<\/p>\n<p>Dabei war er meilenweit entfernt von jenem &#8222;lyrischen P\u00f6bel&#8220;,                 den Brassens so verachtete: jenem gleichf\u00f6rmigen, industriell                 nach Schablone gefertigten Geschluchze und Geschnulze, das damals                 wie heute im franz\u00f6sischen Rundfunk den \u00c4ther verstopft.<\/p>\n<p>Moustakis beste Chansons &#8211; &#8222;Ma libert\u00e9&#8220; [&#8218;Meine Freiheit&#8216;], &#8222;Ma                 solitude&#8220; [&#8218;Meine Einsamkeit&#8216;], &#8222;La dame guitare&#8220; [&#8218;Die Dame Gitarre&#8216;],                 &#8222;O\u00f9 m\u00eanent ces routes devant moi?&#8220; [&#8218;Wohin f\u00fchren diese Stra\u00dfen                 vor mir?&#8216;] und viele andere &#8211; erreichen eine poetische Tiefe,                 die in der popul\u00e4ren Kultur wahrlich nicht allt\u00e4glich ist. Er                 war ein solider Gitarrist und ein sehr f\u00e4higer Songschreiber,                 er arbeitete mit Komponisten wie Theodorakis und Piazzola zusammen,                 aber die eigentliche Musik lag in seinen Worten. Er war, wie Brassens                 fr\u00fch erkannt hatte, ein Poet, ein Wortfinder, ein Mensch, der                 die Welt ein bisschen sch\u00f6ner machen konnte, als sie war. Dabei                 war Moustaki alles andere als ein eskapistischer Tr\u00e4umer. Seine                 erfolgreichste Zeit hatte er in den politisch turbulenten sechziger                 und siebziger Jahren. <\/p>\n<p>Aber selbst, wo seine Chansons offen politisch wurden, etwa in                 &#8222;Portugal&#8220;, in dem er die Nelkenrevolution von 1974 besang, oder                 in &#8222;Nous sommes deux&#8220; [&#8218;Wir sind zwei&#8216;], einer Kampfeshymne gegen                 die Juntadiktatur in Griechenland aus der Feder von Mikis Theodorakis,                 stets war da diese unersch\u00fctterliche Freundlichkeit, diese Liebe                 zum Wort, zur Sonne und zum Leben. F\u00fcr Parolen war Moustaki die                 Sprache zu schade. Seine Zuh\u00f6rerinnen und Zuh\u00f6rer dankten es ihm.                 F\u00fcr sein Chanson &#8222;Hiroshima&#8220;, ein Friedenslied, bei dem man auch                 heute nicht rot zu werden braucht, wenn man es singt, wurde er                 zum Ehrenb\u00fcrger der Stadt ernannt. <\/p>\n<p>In anarchistischen Kreisen sollte sein &#8222;Marsch f\u00fcr Sacco und                 Vanzetti&#8220; bekannt sein, die er auf Bitten von Joan Baez gemeinsam                 mit dem Filmmusikkomponisten Ennio Morricone (&#8222;Spiel mir das Lied                 von Tod&#8220;) f\u00fcr einen Film \u00fcber das Schicksal der beiden Anarchisten                 schrieb. Dass Baez sp\u00e4ter behauptete, sie habe das Lied <i>alleine<\/i>                 geschrieben und man bis heute in den <i>credits<\/i> ihrer Schallplatten                 die Namen Moustaki und Morricone vergeblich sucht, geh\u00f6rt zu den                 vielen unsch\u00f6nen Erfahrungen, die Moustaki im Laufe seines K\u00fcnstlerlebens                 mit dem internationalen Musikgesch\u00e4ft machen musste: &#8222;Als man                 meine singende Ausl\u00e4ndervisage entdeckte&#8220;, erz\u00e4hlte er r\u00fcckblickend,                 &#8222;haben sich die Star-Fabrikanten und ihre Komplizen in den Massenmedien                 die Lefzen geleckt. So etwas hatte man noch nicht: ein S\u00e4nger                 mit grauem Bart, ein Greis von 35 Jahren, ein nahezu stimmloser                 Bariton, ein &#8218;Comebacker&#8216; aus den F\u00fcnfzigern, der eine Art versp\u00e4tetes                 Boh\u00e8meleben f\u00fchrte und mit dem Motorrad herumfuhr&#8230;&#8220; <\/p>\n<p>Aber wie viele Businessleute sich im Laufe seiner Karriere auch                 an ihn h\u00e4ngen mochten: an der Qualit\u00e4t seiner Arbeit \u00e4nderten                 sie nichts. <\/p>\n<p>Der Mitschnitt eines Auftritts im legend\u00e4ren Pariser Konzertsaal                 &#8222;Bobino&#8220; (der heute nicht mehr existiert) von 1970 machte ihn                 endg\u00fcltig zum internationalen Star. Wo seine Studioaufnahmen manchmal                 zu glatt und sauber daherkommen, hat diese Aufnahme Kanten: Es                 wird gelacht, dazwischengerufen, man h\u00f6rt die B\u00fchnenbretter knarren,                 und die Instrumente klingen wie Instrumente, nicht wie aneinandergereihte                 Bites und Bits. Das Album mit dem auff\u00e4lligen, schwarz-roten Cover                 lag auch in Deutschland in so mancher WG auf dem Plattenteller,                 und an den Lagerfeuer Europas schruppten aufstrebende Liedermacherinnen                 und Liedermacher tapfer &#8222;Ma libert\u00e9&#8220; und &#8222;Le temps de vivre&#8220; [&#8218;Die                 Zeit zu leben&#8216;], bis sie gefragt wurden, ob sie nicht &#8218;mal &#8218;was                 anderes spielen k\u00f6nnten&#8230;<\/p>\n<p>Georges Moustaki blieb bis ins hohe Alter, was man im Englischen                 einen &#8222;working musician&#8220; nennt: ein Musiker, der arbeitet. Gewiss,                 weil er nicht mehr gut h\u00f6rte, mischten die Toningenieure seine                 Stimme bei Live-Auftritten schlie\u00dflich so laut, dass man selber                 einen H\u00f6rsturz riskierte. Und nicht alle seine sp\u00e4teren Alben                 sollten im Plattenschrank allzu nahe an die H\u00f6hepunkte seines                 Schaffens aus den sechziger und siebziger Jahren heranger\u00fcckt                 werden.<\/p>\n<p>Aber gleichviel: Georges Moustaki hat einen festen Platz in der                 Geschichte des franz\u00f6sischen Chansons, neben den anderen Gro\u00dfen                 des Fachs wie Brassens, Brel oder Ferr\u00e9. Und seine Wirkung beschr\u00e4nkt                 sich nicht auf Frankreich. Kurz vor seinem Tod feierte er noch                 mit einer katalanischen S\u00e4ngerin die \u00dcbersetzung seiner ber\u00fchmtesten                 Lieder ins Katalanische. Er war ein Botschafter des Wortes und                 der Musik rund um den Globus, in Japan, Indien, Brasilien, in                 den USA und Afrika. Er sang auf Franz\u00f6sisch, Spanisch, Portugiesisch,                 Englisch (reichlich f\u00fcrchterlich!) und Griechisch. Seine Chansons                 haben Tr\u00e4nen getrocknet, Mut gemacht, den Zorn \u00fcber das Unrecht                 gesch\u00fcrt und die Freude am Leben vergr\u00f6\u00dfert. Ihr Sch\u00f6pfer wird                 uns fehlen. Sehr sogar.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eines Abends, es war nach einem Auftritt in einem der heruntergekommenen Caf\u00e9-Concert auf der Rive Droite, dem rechten Ufer der Seine, fasste sich der Schatten ein Herz. Er dr\u00e4ngelte sich zur B\u00fchne und \u00fcberreichte Brassens &#8211; wie er sp\u00e4ter sagte &#8222;mit zitternden H\u00e4nden&#8220; &#8211; die Texte einiger Chansons, die er selbst geschrieben hatte. 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