{"id":13022,"date":"2013-09-01T00:00:50","date_gmt":"2013-08-31T22:00:50","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13022"},"modified":"2022-07-26T14:12:11","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:11","slug":"anja-roehls-erinnerungen-an-ulrike-meinhof","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/09\/anja-roehls-erinnerungen-an-ulrike-meinhof\/","title":{"rendered":"Anja R\u00f6hls Erinnerungen an Ulrike Meinhof"},"content":{"rendered":"<p>Vor Jahren habe ich Anja R\u00f6hl einmal kurz kennen gelernt, seitdem                 treffe ich sie ab und zu wieder und war endlich froh, dass sie                 es geschafft hat, ihre Sicht auf die in aller \u00d6ffentlichkeit verteufelte                 &#8222;Rabenmutter&#8220; Ulrike Meinhof ver\u00f6ffentlichen zu k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Ich habe das Buch fast in einem Rutsch durchgelesen. Aus meinen                 Augen zun\u00e4chst befremdlich ist die etwas distanzierte Art der                 von ihr gew\u00e4hlten Sprache, \u00fcber ihre eigenen Erlebnisse in dritter                 Form als &#8222;das Kind&#8220;, &#8222;die Jugendliche&#8220; oder &#8222;die junge Frau&#8220; zu                 schreiben&#8220;.<\/p>\n<p>Packend und mitrei\u00dfend er\u00f6ffnet sich dann aber der Blick auf                 eine Kindheit mit einer alleinerziehenden Mutter, der Exfrau von                 Klaus R\u00f6hl, kurzzeitigen Heimerfahrungen und dem Erlebnis, wie                 sie Ulrike Meinhof als Mutter ihrer Geschwister, ungemein zugewandt,                 tolerant und geduldig erlebt hat. <\/p>\n<p>Die famili\u00e4ren Beschreibungen des Verh\u00e4ltnisses zwischen der                 hochpolitischen Stiefmutter und dem Sexismus und Alkohol zugewandten                 Vater, dem damaligem <i>Konkret<\/i>-Verleger Klaus R\u00f6hl, sind                 spannend erz\u00e4hlt. Tragisch wird es, und von dort r\u00fchren vermutlich                 die Verletzungen der Schwestern, als Ulrike Meinhof \u00fcberraschend                 nach einem Interview mit gefangenen RAF-Mitgliedern und einem                 Befreiungsversuch, bei dem ein Mann erschossen wird, zusammen                 mit den Befreiern flieht und weder f\u00fcr die Stieftochter noch f\u00fcr                 die leiblichen Kinder mehr pr\u00e4sent ist, sondern ab diesem Zeitpunkt                 als Topterroristin und M\u00f6rderin gesucht wird, obwohl sie nur mit                 aus dem Fenster sprang.<\/p>\n<p>Als Anja als junge Frau, nachdem Ulrike Meinhof gefasst wurde,                 die k\u00f6rperlichen und seelischen Folgen der Isolationshaft f\u00fcr                 ihre Stiefmutter in der Sendung Panorama verliest, wird ihr der                 pers\u00f6nliche Kontakt zu ihren Schwestern vom Vater Klaus R\u00f6hl verboten.                 Nachrichten an die Stiefschwestern werden unterbunden und die                 Isolation von Ulrike wird nun selbst in der Familie vollzogen.<\/p>\n<p>Mich hat diese Passage sehr an die staatlichen Verhaltensmuster                 in der Zeit des &#8222;Deutschen Herbstes&#8220; 1977 erinnert, als kaum eine                 Wohngemeinschaft vor Bespitzelung und Razzien sicher war und die                 nach Ver\u00e4nderung strebende Jugend von Grund auf eingesch\u00fcchtert                 wurde, was wir heute mit heftigstem Sozialabbau, Klimazerst\u00f6rung                 sowie mit Milliarden verschlingenden Rohstoffkriegen in fremden                 L\u00e4ndern bezahlen m\u00fcssen. Die Akzeptanz und Tolerierung dieser                 Kriege ist schon bis weit in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen.               <\/p>\n<p>Ich habe alle fr\u00fchen Schriften Ulrike Meinhofs, die sie f\u00fcr <i>Konkret<\/i>                 geschrieben hat, als junge Frau gelesen, zu einem Zeitpunkt, als                 Ulrike Meinhof bereits tot war. Ich sch\u00e4tze an ihren Texten ihre                 Klarheit und Brillanz in der Beschreibung gesellschaftlicher Verh\u00e4ltnisse,                 ihre F\u00e4higkeit der Verwebung von Psychosozialem und Politischem,                 sowie ihre Vorausschau und Parteinahme f\u00fcr die Schwachen.<\/p>\n<p>Nachdem Ulrike Konkret verlassen hat, wandelt sich die Zeitschrift                 hin zu einer pornografischen Sicht auf Frauen, so erlebt es Anja                 R\u00f6hl bei ihren Besuchen im Verlag. Der sexistische Charakter des                 Vaters wird aus der Sicht der Tochter untermauert und best\u00e4tigt.<\/p>\n<p>Dies ist der erste interne authentische Bericht, der Ulrike Meinhof                 in einem anderen Licht erscheinen l\u00e4sst, als die in der b\u00fcrgerlichen                 Presse aufgebauten Feindbilder der politisch aktiven, aber angeblich                 &#8222;nicht mutterf\u00e4higen&#8220; Frau. Diesem Bild setzt Anja R\u00f6hl n\u00fcchtern                 ihre eigenen Erlebnisse entgegen. Und dadurch, dass sie sehr viel                 anderes Ersch\u00fctterndes noch aus jener Zeit und ihrem Kinderleben                 erz\u00e4hlt, macht sie ihre Sichtweise glaubw\u00fcrdig und nachf\u00fchlbar.<\/p>\n<p>Anja R\u00f6hl schildert auch, wie Ulrike Meinhof zu ihren eigenen                 Kindern war. Man kann sich aus dem Zusammenhang erschlie\u00dfen, dass                 das nicht b\u00f6se, sondern liebevoll war. <\/p>\n<p>Ich habe die Verfolgung derer erlebt, die nachgeforscht haben,                 was es mit dem angeblichen Selbstmord in ihrer Zelle auf sich                 hat, belegt z.B. durch den Untersuchungsbericht der unabh\u00e4ngigen                 internationalen \u00c4rztekommission und die Recherchen dar\u00fcber, dass                 Ulrike vor Gericht die unterst\u00fctzende Beteiligung der Bundesregierung                 am Vietnamkrieg in ihre Verteidigung einbeziehen wollte. Einige                 Tage vor diesem Gerichtstermin machte sie Selbstmord? <\/p>\n<p>Viele ungekl\u00e4rte Fragen, denen sich die damalige Regierung durch                 die gezielte Verfolgung von Andersdenkenden bzw. Ver\u00f6ffentlichenden                 und damit der Meinungsfreiheit entledigte. Es gipfelte in dem                 staatlichen Verbot der Aussage, dass Ulrike Meinhof ermordet worden                 sei.<\/p>\n<p>Anja R\u00f6hl zeichnet ein Bild von Ulrike Meinhof, das heute noch                 immer nicht erw\u00fcnscht ist. <\/p>\n<p>Es bleibt uns das Folgende: Nicht nachlassen, durch selbstbestimmte,                 freiheitsf\u00f6rdernde Initiativen die Gesellschaft von unten zu ver\u00e4ndern                 &#8211; ein nach wie vor anzustrebendes Ziel, wie es Ulrike Meinhof                 in ihren Texten und in der Erinnerung von Anja R\u00f6hl formulierte.<\/p>\n<h3>Ein lesenswertes Buch, ein wichtiger Teil deutscher Geschichte<\/h3>\n<p>Der Charakter von Ulrike Meinhof wird glaubhaft und nachvollziehbar                 aus Sicht einer nahen Angeh\u00f6rigen \u00fcber eine Zeitspanne von 16                 Jahren kontinuierlich beschrieben. Es ist wohltuend, dass Ulrike                 Meinhof hier nicht, wie \u00fcblich, als &#8222;RAF-Monster&#8220; stigmatisiert                 wird. <\/p>\n<p>Sind es nicht immer die politischen Verh\u00e4ltnisse, die entscheiden,                 ob einer als Staatsfeind angeprangert, oder zum Held erhoben wird?                 Nelson Mandela ist zeitgleich mit Ulrike Meinhof in seiner Gesellschaft,                 mit der unsere Regierung damals die besten Beziehungen pflegte,                 als Terrorist und Schwerverbrecher bezeichnet und verurteilt worden,                 bis er nach 30 Jahren Haft in einer anderen Gesellschaft frei                 kam und zum Pr\u00e4sidenten wurde.<\/p>\n<p>Auch ein ehemaliger, lange zu Isolationshaft verurteilter Tupamaro                 ist heute Pr\u00e4sident von Uruguay.<\/p>\n<p>Anja R\u00f6hls Buch beeindruckt vor allem durch eine Kritik an allem                 Autorit\u00e4ren und Gewaltt\u00e4tigem in Wort und Tat. Gut ist auch die                 Beobachtung, dass Kinder darunter mehr als Erwachsene leiden.               <\/p>\n<p>Damit trifft sie den Ursprung der politischen Handlungen der                 68-iger Generation und auch den der 58-iger Anti-Atomtod-Bewegung,                 zu der Ulrike Meinhof als junge Studentin geh\u00f6rte.<\/p>\n<p>Nie wieder Faschismus zulassen, den Anf\u00e4ngen wehren, das trieb                 die Generationen ab 1952\/53 auf die Stra\u00dfe. Dem Staat ist es gelungen                 in zwei gro\u00dfen Verfolgungswellen (1949-56 und 1968-77) diesen                 Protest zumindest so klein zu halten, dass er ihm nie wirklich                 gef\u00e4hrlich werden konnte. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor Jahren habe ich Anja R\u00f6hl einmal kurz kennen gelernt, seitdem treffe ich sie ab und zu wieder und war endlich froh, dass sie es geschafft hat, ihre Sicht auf die in aller \u00d6ffentlichkeit verteufelte &#8222;Rabenmutter&#8220; Ulrike Meinhof ver\u00f6ffentlichen zu k\u00f6nnen. Ich habe das Buch fast in einem Rutsch durchgelesen. 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