{"id":13069,"date":"2013-10-01T00:00:30","date_gmt":"2013-09-30T22:00:30","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13069"},"modified":"2014-04-15T18:06:11","modified_gmt":"2014-04-15T16:06:11","slug":"nachruf-auf-j-j-cale","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/10\/nachruf-auf-j-j-cale\/","title":{"rendered":"Nachruf auf J.J. Cale"},"content":{"rendered":"<p>Den Namen &#8222;J.J.&#8220; bekam er in den sechziger Jahren in Los Angeles.                 Und wie fast alles in seinem Leben war der Grund f\u00fcr den Namenswechsel                 ganz einfach: John und seine Band, ein Trupp lebensfroher, aber                 immer einen Schritt vom Armenhaus entfernter <i>Oakies<\/i>, hatten                 pl\u00f6tzlich die Chance, einen regelm\u00e4\u00dfigen Gig in einem der verruchteren                 Schuppen am Sunset-Strip zu spielen: dem &#8222;Whiskey a Go-Go&#8220;. <\/p>\n<p>Das Problem war nur: Es gab dort schon einen John Cale. Den Geiger                 und Gelegenheitspianist von &#8222;The Velvet Underground&#8220;. Eben jenen                 John Cale, der sich Jahrzehnte sp\u00e4ter vor den Kameras des <i>Rockpalast<\/i>                 allen Ernstes \u00fcbergeben musste, als man ihn fragte, ob er sich                 vorstellen k\u00f6nne, ein Country-and-Western-Album aufzunehmen. Nicht                 eben der musikalische Gevatter, mit dem John und seine Jungs vom                 Lande damals h\u00e4tten verwechselt werden wollen. <\/p>\n<p>Also sagte der Veranstalter kurz entschlossen: &#8222;Dann nenne ich                 Dich eben &#8218;J.J.'&#8220;. Johns Antwort ist es wert, im Original zitiert                 zu werden: &#8222;Man, if you give me a gig, you can call me anything                 you wanna call me!&#8220; [&#8218;Hey, wenn Du mir &#8217;nen Gig gibt&#8217;s, kannst                 Du mich nennen wie immer Du willst!&#8220;]. So war er. Und so blieb                 er bis zu seinem Tod am 26. Juli 2013 im kalifornischen San Diego,                 im Alter von nicht ganz 75 Jahren.<\/p>\n<p>John &#8222;J.J.&#8220; Cale war der vielleicht beste und einflussreichste                 wei\u00dfe Blues-Songschreiber der Vereinigten Staaten. Sein Stil war                 einmalig. Alle, die &#8222;Cocaine&#8220; in der Version von Eric Clapton                 seit ihrer Sch\u00fclerbandzeit nicht mehr h\u00f6ren k\u00f6nnen, sollten sich                 eilends um das Original bem\u00fchen, und bei der Gelegenheit, warum                 nicht, gleich noch einen Arm voll weiterer J.J. Cale-Alben mit                 nach Hause nehmen. Falsch machen k\u00f6nnen sie im Grunde wenig. <\/p>\n<p>Man hat im Laufe der Zeit allerlei Begriffe ausprobiert, die                 seine Musik beschreiben sollten. Mal sprach man vom &#8222;Tulsa-Sound&#8220;,                 ganz so, als ob es gen\u00fcgen w\u00fcrde, dort geboren zu sein, um die                 Welt des Blues, Rock, Folk und Country auf den Kopf zu stellen,                 mal versuchte man es mit &#8222;laid-back&#8220;, um gleich wieder Probleme                 zu bekommen, wenn Cale, seine Jungs und M\u00e4dels (Christine Lakeland                 spielte ein halbes Leben lang in seiner Band Rhythmus-Gitarre)                 auf einmal loslegten wie die Feuerwehr. Nein, nein: J.J. Cale                 spielte, schlicht und ergreifend, J.J.Cale-Music<i>.<\/i> Und das                 war es, was ihn verband mit den gro\u00dfen Alten wie Big Bill Broonzy,                 Bukka White, Howling Wolf, Muddy Waters, John Lee Hooker und all                 den anderen: der eigene, pers\u00f6nliche, unverwechselbare Stil.<\/p>\n<p>Und es war nicht nur das Songwriting. Cales Stil an der Gitarre,                 das, was Gitarristen \u00fcberall auf der Welt den <i>touch<\/i> nennen,                 war mindestens ebenso einmalig wie seine Songs. 1992 ver\u00f6ffentlichte                 der US-Amerikanische Gitarrenbauer Danny Ferrington ein Buch mit                 Hochglanzfotos einiger seiner eigenen Modelle: eines scheu\u00dflicher                 und unbrauchbarer als das n\u00e4chste. Es h\u00e4tte sich wohl niemand                 um den Gr\u00f6\u00dfenwahn dieses Laubs\u00e4gekaspers gek\u00fcmmert, wenn er nicht,                 aus welchem Grund auch immer, gleich dutzendweise ber\u00fchmte Musiker                 zu seinen Freunden gez\u00e4hlt h\u00e4tte: Albert Lee, Elvis Costello,                 Pete Townshend, Henry Kaiser, Rosanne Cash, Richard Thompson&#8230;                 Wie um den ersten, garstigen Eindruck auszugleichen, f\u00fcgte Ferrington                 also kurzerhand seinem Buch noch eine CD hinzu, auf der einige                 seiner erlauchten Kunden kleine Liedchen auf seinen Instrumenten                 spielten. Alles sehr locker, unaufw\u00e4ndig produziert und nicht                 besonders motiviert. Track Nummer 7 hei\u00dft &#8222;Dannys Song&#8220;. Man h\u00f6rt                 ein, zwei T\u00f6ne &#8211; und wei\u00df Bescheid. <\/p>\n<p>Selbst aus einem Haufen grell lackiertem Sperrholz konnte J.J.                 Cale noch einen Sound herausholen, der einem Schauer \u00fcber den                 R\u00fccken laufen lie\u00df. Im Grunde versuchte er Zeit seines Lebens,                 sich daran zu gew\u00f6hnen, mehr zu sein als ein gutes Bandmitglied.                 &#8222;Ich habe eine Zeit lang gebraucht, um damit klar zu kommen, dass                 die Leute auf <i>mich<\/i> guckten&#8220;, sagte er: &#8222;Ich wollte immer                 Teil der Show sein. Ich wollte nicht <i>die<\/i> <i>Show <\/i>sein&#8220;.                 Die Sparsamkeit seines Spiels, seine Kunst, nie einen Ton zu viel                 zu spielen und jeden Ton atmen und sprechen zu lassen, hat nicht                 nur Gitarrengr\u00f6\u00dfen wie Eric Clapton beeinflusst. Cale konnte fuchsteufelswild                 werden, wenn er Lobreden auf Mark Knopfler h\u00f6rte, der sich im                 Gegensatz zu Clapton nie mit eintr\u00e4glichen Coverversionen seiner                 Songs bei ihm f\u00fcr die &#8222;Inspiration&#8220; bedankt hatte. Er f\u00fchlte sich                 mit Recht bestohlen. Es war wohl sein alter Keyboarder aus gemeinsamen                 Tagen in Tulsa Ende der f\u00fcnfziger Jahre, der den Einfluss von                 Cales Gitarrenspiel am besten zusammenfasste: &#8222;Wenn gro\u00dfe Musiker                 mit uns spielen, dann fangen sie fr\u00fcher oder sp\u00e4ter an zu spielen                 wie John&#8220;.<\/p>\n<\/p>\n<p>Was J.J. Cale aber endg\u00fcltig zu einer Ausnahmeerscheinung der                 US-amerikanischen Popul\u00e4rkultur machte, war die Art, wie er mit                 dem Musikbusiness umging. Genauer: nicht umging. <\/p>\n<p>Als in den siebziger Jahren einer seiner Songs tats\u00e4chlich in                 die Charts kam, rief sein Agent ihn an: &#8222;John, Du hast einen Hit!                 Du solltest losziehen und ihn promoten&#8220;. Cale erwiderte: &#8222;Wenn                 es ein Hit ist, wozu soll ich ihn dann noch promoten?&#8220;. In J\u00f6rg                 Bundschuhs sehenswerter Dokumentation &#8222;On tour with J.J. Cale.                 To Tulsa and back&#8220; [&#8218;Auf Tour mit J.J. Cale. Nach Tulsa und zur\u00fcck&#8216;,                 (DVD 2008)] muss Eric Clapton immer noch schallend lachen, als                 er diese Anekdote wieder h\u00f6rt: &#8222;Ist das nicht unglaublich?! Ich                 meine&#8230;jeder andere h\u00e4tte doch versucht, noch erfolgreicher zu                 werden, noch mehr Geld zu verdienen. Aber er&#8230;&#8220;. <\/p>\n<p>So blieb es ein Leben lang: J.J. Cale war das genaue Gegenbild                 eines Stars. Auf keiner seiner Platten war jemals sein Gesicht                 zu sehen. Und wenn doch &#8211; ausnahmsweise einmal &#8211; dann trug er                 auf dem Cover eine derart riesige, unf\u00f6rmige Sonnenbrille, dass                 man sich fragte, ob dahinter nicht ein ganzes Stadtviertel Platz                 finden k\u00f6nne. Mitten in einer seiner erfolgreichsten Phasen verschwand                 er f\u00fcr acht Jahre, lebte in einem Trailer, reiste durch das Land                 und schrieb und spielte die Musik, die er schreiben und spielen                 wollte &#8211; v\u00f6llig unabh\u00e4ngig von allen angeblich eisernen Gesetzen                 des Gesch\u00e4fts. <\/p>\n<p>Es war nicht so, dass er diese Gesetze brechen wollte. Sie interessierten                 ihn ganz einfach nicht. Als viele seiner Songs &#8211; &#8222;After midnight&#8220;,                 &#8222;Cocaine&#8220;, &#8222;Crazy Mama&#8220;, &#8222;Don&#8217;t cry Sister&#8220;, &#8222;Call me the breeze&#8220;,                 &#8222;Sensitive kind&#8220; &#8211; l\u00e4ngst weltber\u00fchmt waren, h\u00e4tte ihn auf der                 Stra\u00dfe wohl niemand erkannt, wie er so daher gewandert kam mit                 seiner Baseballkappe, seinem struppigen Drei- bis F\u00fcnf-Tage-Bart,                 seinem verschossenen T-Shirt und seiner alten Jeans, um im Laden                 an der Ecke einzukaufen oder, gleichsam als h\u00f6chste Form der Dekadenz,                 alte Freunde mit der Bemerkung: &#8222;Wird Zeit, dass ich endlich &#8218;was                 von dieser Clapton-Kohle ausgebe&#8220; in irgendeiner Bar zum Bier                 einzuladen. <\/p>\n<p>Wohl kaum jemand ist in den USA je so unaufgeregt, so unger\u00fchrt,                 so im besten Sinne ruhig und freundlich seiner Arbeit als Musiker                 nachgegangen wie J.J. Cale. Er wusste, was er konnte, und er wusste,                 was er tat. Solche Menschen haben \u00dcberheblichkeiten und Blitzlichtgewitter                 nicht n\u00f6tig. <\/p>\n<p>Eine der sch\u00f6nsten Szenen in Bundschuhs Dokumentation spielt                 auf einem Platz in Tulsa: Cale sitzt auf einem Barhocker unter                 freiem Himmel, hinter ihm die Fassade seiner alten Schule und                 ein paar Wolkenkratzer, von denen der Putz abbl\u00e4ttert. Er spielt                 eine seiner unnachahmlichen, schlichten Picking-Linien. Da h\u00f6rt                 man auf einmal die Schreie von M\u00f6wen, die sich in den Klang seiner                 Gitarre mischen. Cale schaut auf, l\u00e4chelt und sagt: &#8222;They are                 singing with me&#8220; [&#8218;Sie singen mit mir&#8216;]. Er spielt ein Weilchen                 weiter, die M\u00f6wen schreien, dann fliegen sie \u00fcber ihn hinweg.                 Cale wendet den Blick, schaut ihnen \u00fcber die Schulter hinweg nach                 und ruft ganz laut: &#8222;Thank you!&#8220; [&#8218;Danke!&#8216;].<\/p>\n<p>Thank you, John! We will miss you.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den Namen &#8222;J.J.&#8220; bekam er in den sechziger Jahren in Los Angeles. Und wie fast alles in seinem Leben war der Grund f\u00fcr den Namenswechsel ganz einfach: John und seine Band, ein Trupp lebensfroher, aber immer einen Schritt vom Armenhaus entfernter Oakies, hatten pl\u00f6tzlich die Chance, einen regelm\u00e4\u00dfigen Gig in einem der verruchteren Schuppen am &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/10\/nachruf-auf-j-j-cale\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Nachruf auf J.J. 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