{"id":13107,"date":"2013-11-01T00:00:24","date_gmt":"2013-10-31T22:00:24","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13107"},"modified":"2022-07-26T14:12:10","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:10","slug":"das-projekt-a-und-die-kunst-des-scheiterns","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/11\/das-projekt-a-und-die-kunst-des-scheiterns\/","title":{"rendered":"Das Projekt A und die Kunst des Scheiterns"},"content":{"rendered":"<p><b>Graswurzelrevolution (GWR): Du hast jahrelang in Kommunen                 gelebt. Kannst Du die Geschichte der Kommune-Bewegungen skizzieren?<\/b><\/p>\n<\/p>\n<p><i>Bernd Elsner: <\/i>Oh je, das ist ein bisschen viel verlangt.                 Es gibt dazu unz\u00e4hlige B\u00fccher und wissenschaftliche Abhandlungen.                 Das ist im Prinzip auch nichts Neues. G\u00fctergemeinschaften, Werkkommunen,                 Produktionsgenossenschaften usw. gab es schon seit dem 12. Jahrhundert.                 Ich m\u00f6chte nur an die Waldenser ((2)),                 Albigenser ((3)), Humiliaten                  ((4)) und viele andere erinnern.                 Uns Anarchistinnen und Anarchisten unterscheidet davon der Wegfall                 der religi\u00f6sen Bindung und der Wunsch nach einem herrschaftsfreien                 Zusammenleben, also die Aufhebung der Hierarchien, ein Ende der                 Herrschaft des Menschen \u00fcber den Menschen. Das ist etwas Neues                 gewesen, was sich seit dem 18.\/19. Jahrhundert entwickelt hat.               <\/p>\n<p><b>GWR: Du warst in der libert\u00e4ren Kommune-Bewegung aktiv. Wie                 waren Deine pers\u00f6nlichen Anf\u00e4nge? Wie wurdest Du zum Kommunarden?<\/b><\/p>\n<\/p>\n<p><i>Bernd Elsner: <\/i>Das fing schon in meiner fr\u00fchesten Kindheit                 an. Ich bin in eine v\u00f6llig verr\u00fcckte Zeit hineingeboren. Nach                 dem Zweiten Weltkrieg herrschte in den zerbombten St\u00e4dten gro\u00dfe                 Wohnungsnot. Meine Mutter kam aus dem Sudetenland, aus der damals                 polnisch-deutsch-tschechischen Grenze. <\/p>\n<p>In Karlsruhe gab es damals ein Amt f\u00fcr Wohnraumbeschaffung und                 Fl\u00fcchtlingsfragen.<\/p>\n<p>Wir wurden bei einem \u00e4lteren Witwer zwangseinquartiert.<\/p>\n<p>Das hat bedeutet, dass sechs bis sieben Erwachsene und zwei Kinder                 zusammen in einem etwa 30 Quadratmeter gro\u00dfen Raum lebten. Wir                 konnten die K\u00fcche des Wohnungsinhabers mitbenutzen. Als ich in                 der Schule war, lebten wir in einem \u00dcbergangswohnheim f\u00fcr obdachlose                 Familien. Im Seitentrakt befand sich ein Wohnheim f\u00fcr die wohnsitzlosen                 M\u00e4nner. Weil mich das Verwalterehepaar gut leiden konnte, erhielt                 ich dort immer mein Fr\u00fchst\u00fcck. Sp\u00e4ter war ich mehrere Wochen im                 Waisenhaus. Jungs und M\u00e4dchen waren dort getrennt, in jedem Trakt                 gab es einen gemeinsamen Kleiderschrank, der nach Gr\u00f6\u00dfen sortiert                 war. Daraus erhielten wir unsere Kleidung. Samstagnachmittag war                 immer Badetag in einem gro\u00dfen Schwimmbecken. Auch gr\u00f6\u00dfere Jungs,                 Pubertierende mit 13, 14 Jahren, durften sich keine Badehosen                 anziehen. Die damaligen Nonnen standen als &#8222;Aufsichtspersonen&#8220;                 am Beckenrand. Da habe ich schon eine Menge in meiner Kindheit                 erlebt. Das hat Einfluss gehabt auf mein sp\u00e4teres Kommune-Leben.                 Als ich dann meinen &#8222;Ersatzdienst&#8220; ableistete, gab es noch Kasernen                 f\u00fcr &#8222;Ersatzdienstleistende&#8220;. Dagegen haben wir Demos organisiert.                 Wir selbst hatten in Karlsruhe das Gl\u00fcck, dass wir vom Arbeitersamariterbund                 (ASB) eine Dreizimmerwohnung in einem zum Abbruch vorgesehenen                 Haus erhalten haben. Wir waren sechs &#8222;Ersatzdienstleistende&#8220;.                 Ich war Jugendleiter des ASB-Ortsverbandes und sp\u00e4ter ASB-Landesjugendleiter                 in Baden-W\u00fcrttemberg, da kamen immer viele Jugendliche in unsere                 Wohnung. Wir hatten viele Beziehungen zu verschiedenen Frauen.                 Da sind manche b\u00fcrgerliche Verhaltensnormen weggefallen. Das k\u00f6nnt                 ihr euch ja vorstellen, drei Zimmer, sechs Leute, und manch einer                 hat eine Frau dabei gehabt. <\/p>\n<p>Das war ein anderes Leben. Wir nannten das K91, weil es in der                 Kaiserstra\u00dfe war. Wir hatten in Karlsruhe vorher schon mal eine                 Kommune gehabt, die bekannt war. Manche werden sich vielleicht                 noch an den Namen <i>Cannapol<\/i> erinnern. <i>Cannapol<\/i> stand                 f\u00fcr &#8222;Cannabis und Politik&#8220;. Das war in der Kommune-Bewegung schwierig,                 weil wir ja Politik gemacht haben. In der Drogen- und Haschischszene,                 da wurde dann gesagt: &#8222;Was, Politik? Das ist bekloppt!&#8220;. Wir hatten                 probiert, das zu verbinden, so wie die Kommune Cannapol das vorher                 schon gemacht hatte.<\/p>\n<p><b>GWR: Das war Anfang der 1970er Jahre, als Du in die Kommune-Szene                 gekommen bist?<\/b><\/p>\n<p><i>Bernd Elsner: <\/i>Ja, das war so 1972\/73. Das war die Wohnung,                 in der wir waren. Wir wussten, dass es Kommunen wie die K1 gab                 und was die in Berlin gemacht haben. So haben wir uns auch \u00e4hnlich                 strukturiert und organisiert. Es gab Kommune-Treffen regional                 und \u00fcberregional, mit anderen Kommunen gab es einen Austausch.                 Das lief dann auch in Karlsruhe. Ab 1971 gab es die ersten Hausbesetzungen.                 Da haben wir uns weiter organisiert und st\u00e4rker verbunden, auch                 auf \u00fcberregionaler Ebene. Ich denke da z.B. an das Georg von Rauch-Haus                 oder das Thomas-Wei\u00dfbecker-Haus in Berlin oder die Frankfurter                 Scene.<\/p>\n<p><b>GWR: Was hat Dich damals an Kommunen fasziniert? <\/b><\/p>\n<p><i>Bernd Elsner: <\/i>Eigentlich nichts. Es gab ja schon immer                 Gro\u00dffamilien. Wir versuchten lediglich eine frei gew\u00e4hlte Gro\u00dffamilie                 zu bilden. Heute w\u00fcrden wir das vielleicht als Mehrgenerationenprojekt                 bezeichnen. <\/p>\n<p><b>GWR: Was war gut an den damaligen Entwicklungen?<\/b><\/p>\n<p><i>Bernd Elsner: <\/i>Gut war, dass wir versucht haben, solidarisch                 zusammen zu leben, nach dem Prinzip der Gegenseitigen Hilfe. Ich                 denke, f\u00fcr Kinder war es wichtig, dass sie immer eine Ansprechpartnerin                 oder einen Ansprechpartner hatten, die da waren und Lebenserfahrung                 mitgebracht haben. Diese Intensit\u00e4t, das kann von einer b\u00fcrgerlichen                 Kleinfamilie, wie sie immer propagiert wurde, nicht geleistet                 werden. <\/p>\n<p>Vor der Kommune-Bewegung haben wir schon in Karlsruhe im ehemaligen                 Felsenkeller einen antiautorit\u00e4ren Kinderladen gegr\u00fcndet. Da haben                 wir uns mit diesen Dingen schon besch\u00e4ftigt, theoretisch. Das,                 wie ich leben wollte, hat sich dann in meinem &#8222;Ersatzdienst&#8220; und                 danach verwirklicht.<\/p>\n<p><b>GWR: Wo siehst Du r\u00fcckblickend Probleme? Was war negativ?<\/b><\/p>\n<p><i>Bernd Elsner: <\/i>Ein gro\u00dfes Problem war immer die finanzielle                 Ungleichheit. Es gab einige, die waren finanziell unabh\u00e4ngiger                 als andere, die st\u00e4ndig k\u00e4mpfen mussten f\u00fcr ihre Kohle, wie z.B.                 ich. Ich musste st\u00e4ndig gucken, woher ich meine Kohle bekomme.                 Und dann die unterschiedliche Herkunft, also das soziale Gef\u00e4lle.                 Oft fehlte das Vertrauen in sich selbst und in andere. Es gab                 auch die fehlende Ehrlichkeit mit sich selbst und den anderen.                 Es gibt sicher immer Probleme, die wir durch Gespr\u00e4che abbauen                 k\u00f6nnen, wenn wir uns auf gleicher Ebene treffen und auf gleicher                 Augenh\u00f6he miteinander kommunizieren.<\/p>\n<p><b>GWR: Im September 2013 hast Du auf Einladung der anarchosyndikalistischen                 FAU im Libert\u00e4ren Zentrum <i>Schwarze Katze<\/i> Hamburg \u00fcber &#8222;Libert\u00e4re                 \u00d6konomie und das Projekt A&#8220; referiert. Du hast dort auch von einem                 Vergewaltigungsfall in einer Kommune berichtet. Wann und wo ist                 das passiert?<\/b><\/p>\n<\/p>\n<p><i>Bernd Elsner: <\/i>Wir haben in Hamburg auch \u00fcber Kommunen                 gesprochen. Die Kommune, in der das Anfang der 1980er Jahre passiert                 ist, war in einer pf\u00e4lzischen Kleinstadt. Damals gab es dort eine                 Kommune, in der auch ein Alleinerziehender mit seiner Tochter                 lebte. Sie war damals vier oder f\u00fcnf Jahre alt. Erst Ende der                 1990er habe ich erfahren, dass dieses M\u00e4dchen mehrmals &#8222;missbraucht&#8220;                 wurde. In unserem Verst\u00e4ndnis ist das eine Vergewaltigung! Es                 gibt immer ein Machtgef\u00e4lle zwischen Kindern und Erwachsenen.<\/p>\n<p>Kinder k\u00f6nnen mit Kindern ihre Sexualit\u00e4t entwickeln. Erwachsene                 sollen ihre Sexualit\u00e4t mit Erwachsenen leben, wenn sie denn Sexualit\u00e4t                 wollen.<\/p>\n<p><b>GWR: Mir hat ein Teilnehmer der Veranstaltung in Hamburg erz\u00e4hlt,                 dass bei Deinem Vortrag der Eindruck entstanden sei, dass diese                 Kommune, in der das M\u00e4dchen vergewaltigt worden war, etwas mit                 dem Projekt A zu tun gehabt habe. Du hast mir erz\u00e4hlt, dass das                 ein Missverst\u00e4ndnis war. Was war das f\u00fcr eine Kommune? Kannst                 Du dazu etwas Genaueres sagen?<\/b><\/p>\n<p><i>Bernd Elsner: <\/i>Wir hatten als anarchistische Gruppe <i>BKA<\/i>                 (Bund Karlsruher Anarchisten) zwischen 1976 und 1980 die Zeitung                 <i>Der schwarze Gockler &#8211; der im Dunkeln kr\u00e4ht<\/i> herausgegebenen                 (in Anlehnung an eine anarchistische Zeitung aus dem China der                 30er Jahre). Wir hatten in Elmstein drei Abonnenten, wie sich                 allerdings erst herausgestellt hatte, als einige aus dem BKA,                 darunter auch ich, dort schon als Kollektiv und Kommune wohnten.                 Diese drei hatten wiederum Kontakt zur Scene in einer pf\u00e4lzischen                 Kleinstadt (Scene war f\u00fcr uns immer der Begriff f\u00fcr ein alternatives                 Leben, so zwischen Rock&#8217;n&#8217;Roll, Drogen, Kleinkriminalit\u00e4t und                 politischer Aktivit\u00e4t). Dort hatte sich 1980\/81 eine WG\/Kommune                 gegr\u00fcndet (also lange Jahre vor dem Projekt A!) und die Leute                 wollten eine Stadtzeitung machen. Wir haben dabei geholfen das                 Projekt zu verwirklichen. Ich wei\u00df nicht mehr genau wie viele                 Ausgaben wir f\u00fcr diese Kommune gedruckt haben. Exemplare jeder                 Ausgabe davon liegen in unserem Archiv. Ich m\u00f6chte den Namen der                 Kommune und von Leuten nicht nennen, weil davon heute noch Leute                 betroffen sein k\u00f6nnen und dies ihnen in so einer Kleinstadt, nachdem                 sie nun &#8222;gut situiert leben&#8220;, Schaden zuf\u00fcgen k\u00f6nnte. Ich habe                 keine Ahnung, wer von diesem Missbrauch wusste. Etwa 1998 traf                 ich einen ehemaligen Kommunarden dieser Kommune, der nach einer                 Scheidung seine Kinder zugesprochen bekam, und mir diesen Missbrauch                 schilderte, von dem ich bis dato nichts wusste. <\/p>\n<p><b>GWR: Du hast beim Projekt A mitgemacht. Was war das Projekt                 A? Welche Ideen stecken dahinter?<\/b><\/p>\n<p><i>Bernd Elsner: <\/i>Das Projekt A geisterte seit 1985 in der                 anarchistischen Welt herum. Das Ganze ist im Zusammenhang mit                 der 1968er-Bewegung zu sehen. Wir wussten nicht so richtig, was                 wir wollten. Wir wussten nur, was wir nicht mehr wollten.<\/p>\n<p>Was wir nicht mehr wollten, das war diese autorit\u00e4re Art der                 Erziehung, die Art, wie wir in Kleinfamilien zusammenlebten, die                 Art, wie wir damals noch als Lehrlinge st\u00e4ndig im Betrieb vom                 Meister eins hinter die Ohren kriegten, wenn wir etwas falsch                 gemacht hatten, und dann noch wenig Geld zu kriegen, sich dann                 noch daf\u00fcr zu bedanken, dass wir f\u00fcr die Arbeit \u00fcberhaupt Geld                 kriegten. Ich bekam in den ersten drei Monaten 10 D-Mark Lehrlingsgehalt                 im Monat, danach durch eine &#8222;Gehaltserh\u00f6hung&#8220; von 100% immerhin                 20 DM. Damit konnte ich meine Monatskarte f\u00fcr den \u00d6PNV von 17                 DM gerade mal bezahlen! Von Tarifen, Arbeitszeitverordnung und                 \u00e4hnlichen Dingen hatte ich keine Ahnung und die damalige Gewerkschaft                 HBV, die ich zum Ende meiner Lehrzeit kennen lernte, war ein lahmer                 Haufen. Das ist heute kaum vorstellbar, wie wir damals lebten                 und arbeiteten. Und da hat sich diese 68er-Bewegung entwickelt,                 die heute immer noch teilweise verspottet, teilweise bewundert,                 teilweise mit harten Bandagen bek\u00e4mpft wird. Die Konservativen                 machen immer noch Wind gegen diese &#8222;komische 68er-Bewegung&#8220;. Wir                 wollten die Verwirklichung unserer Tr\u00e4ume, die Erf\u00fcllung unserer                 W\u00fcnsche und Bed\u00fcrfnisse. <\/p>\n<p>Das wollten wir ganz praktisch angehen. Daraus hat sich dann                 hier die Kommune-Bewegung entwickelt, daraus haben sich Betriebe                 entwickelt, die sich selbstverwaltet nannten. Wir in Karlsruhe                 haben 1975\/76 die erste selbstverwaltete Druckerei gegr\u00fcndet.               <\/p>\n<p>Das Projekt A war eine Idee von Horst Stowasser, der unsere Gespr\u00e4che                 und W\u00fcnsche zusammengefasst hat in dem Buch &#8222;Das Projekt A&#8220;. Die                 Ideen, die dahinter steckten, waren im Prinzip, dass die Trennung                 zwischen Leben, also pers\u00f6nlichem Gl\u00fcck, Liebe, Beziehungen usw.,                 und politischer Arbeit, in Form von Projekten, Ver\u00e4ndern der Welt,                 Verbreitung von Ideen, Revolution und dann Geld verdienen, Beruf,                 kreatives Schaffen, Entfremdung aufheben, dass wir diese drei                 Bereiche miteinander verkn\u00fcpfen wollten. Das war die Idee, die                 wir dazu hatten. Horst hat das in diesem Buch sehr gut dargestellt.                 Er war ein hervorragender Autor, ein Autodidakt, sozusagen der                 aktivste, vor Ideen spr\u00fchend und als Mitgr\u00fcnder der Wetzlarer                 Gruppe ein fester Bestandteil in unserem Chaos. Sprachgewandt                 und einige Fremdsprachen beherrschend hatte er gute internationale                 Kontakte. Horst gab dem Ganzen einen Namen, vermarktete geschickt                 als nicht gelernter aber hervorragender Werbetexter und Grafiker                 das Projekt A selbst und suchte daf\u00fcr Menschen mit einer gesunden                 finanziellen Basis, nicht unbedingt erkl\u00e4rte Anarchistinnen oder                 Anarchisten. Das Buch hat weit \u00fcber die anarchistische Szene hinaus                 Leserinnen und Leser gefunden. Das Projekt A war also wesentlich                 mehr als ein Kommune-Projekt. <\/p>\n<p>Diese Trennungen wollten wir mit sogenannten Doppelprojekten                 aufheben. Das bedeutet, wenn wir z.B. eine Kneipe er\u00f6ffnen, dann                 wirft sie normalerweise Geld ab. Wenn wir einen Buchladen aufmachen                 oder ein anderes kulturelles Projekt, dann wirft das in der Regel                 kein Geld ab, sondern es braucht Geld. Also sollte die Kneipe                 dann dieses soziale, kulturelle Projekt mitfinanzieren. Das war                 eine Grundidee des Projekt A. Soweit die Theorie!<\/p>\n<\/p>\n<p><b>GWR: Die verschiedenen, vernetzten Doppelprojekte sollten                 neue Projekte finanziell mit ansto\u00dfen und gegenfinanzieren. <\/b><\/p>\n<p><b>Das Projekt A ist gescheitert. Wo siehst Du die Gr\u00fcnde daf\u00fcr?                 Woran ist es gescheitert?<\/b><\/p>\n<p><i>Bernd Elsner: <\/i>Da habe ich die richtige Antwort gar nicht                 parat. Wenn wir uns umschauen, dann sehen wir st\u00e4ndig, dass Dinge                 scheitern. Ob das eine Zweierbeziehung ist oder gro\u00dfe Unternehmen,                 die kaputt gehen. Nur wenige Zweierbeziehungen funktionieren \u00fcber                 Jahre hinweg. Ich denke, so \u00e4hnlich ist es auch mit Projekten,                 die wir initiieren. Wir Anarchistinnen und Anarchisten sind ja                 keine besonderen Menschen, sondern einfach nur Menschen, wie sie                 von der Gesellschaft produziert worden sind. Ich denke, das ist                 der Grund, warum Projekte scheitern, auch das Projekt A. <\/p>\n<p><b>GWR: Ich habe mich gestern mit Andreas S. unterhalten. Er                 war in den 80ern beim Projekt A in Wetzlar dabei und hat erz\u00e4hlt,                 dass es wie ein Magnet auf &#8222;gescheiterte Existenzen&#8220; gewirkt habe.                 Darin sieht er auch eine Ursache f\u00fcr das Scheitern. Was sagst                 Du dazu?<\/b><\/p>\n<p><i>Bernd Elsner: <\/i>Ich denke, da misst er dieser Personengruppe                 zu gro\u00dfen Einfluss bei. Ich w\u00fcrde das nicht so sehen, sondern                 das Scheitern eher auf andere psychische Probleme und auch auf                 gesellschaftliche Ursachen zur\u00fcckf\u00fchren. Nat\u00fcrlich gibt es immer                 wieder finanzielle Probleme. Und &#8222;gescheiterte Existenzen&#8220; kennt                 ja jede Kommune und jedes Projekt, das sich irgendwo aufbaut.                 Aber dem so viel Einfluss zuzubilligen, nein, das w\u00fcrde ich nicht                 machen. <\/p>\n<p><b>GWR: Denkst Du, dass auch die Ideen, die hinter dem Projekt                 A stehen, gescheitert sind? Oder lohnt sich ein Neuanfang?<\/b><\/p>\n<p><i>Bernd Elsner: <\/i>Ich denke immer, dass ein Neuanfang sinnvoll                 ist. Es gibt seit Jahrtausenden Menschen, die anders zusammen                 leben und arbeiten wollen. Seit 150 Jahren gibt es Anarchistinnen                 und Anarchisten, die das machen wollen. Das wird immer wieder                 passieren. <\/p>\n<p><b>GWR: Es gibt immer noch eine teilweise auch libert\u00e4re Kommune-Bewegung                  ((5)) und selbstverwaltete Kollektivbetriebe.                 In den letzten Jahren sind aber viele Kommunen und Kollektivbetriebe                 verschwunden. Wo siehst Du Gr\u00fcn<\/b><b>de daf\u00fcr?<\/b><\/p>\n<p><i>Bernd Elsner: <\/i>Einmal die schon beschriebenen unterschiedlichen                 Voraussetzungen, die die Leute mit einbringen. Dann habe ich festgestellt,                 dass die kapitalistische Wirtschaftsform scheinbar auch mir mehr                 bietet. Ich kann mir also jetzt, wo ich nur noch mit meiner, ich                 sag ungern &#8222;meine Frau&#8220;, das klingt so besitzergreifend, dann                 schon eher meiner Denk-, Kampf- und Lebensgef\u00e4hrtin zusammenlebe,                 wesentlich mehr Dinge leisten, als fr\u00fcher, als ich in einer Kommune                 gelebt habe. Wenn ich in einem Kollektivbetrieb gearbeitet habe,                 dann war immer finanzieller Mangel da gewesen. <\/p>\n<p>Im Nachhinein habe ich festgestellt, dass viele Kommunarden von                 zu Hause aus gut ausgestattet waren. Sie haben das aber aufgrund                 von fehlendem Vertrauen nicht in diese G\u00fctergemeinschaft mit eingebracht.                 Darin sehe ich ein Problem.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es da auch noch andere Sachen, technische Sachen,                 Steuerberater, Berufsgenossenschaft und solche Dinge, aber das                 k\u00f6nnen wir im Prinzip ja irgendwie regeln, indem wir Leute anfragen,                 mit denen wir das gut auf die Reihe kriegen. Ich denke, das Hauptproblem                 liegt bei uns, durch den Anreiz der kapitalistischen Wirtschaft.                 Der wirkt immer noch, und da sich Leute mal ein gr\u00f6\u00dferes Auto                 oder einen sch\u00f6nen Fernseher kaufen wollen, oder was immer f\u00fcr                 W\u00fcnsche sie haben, dann denke ich, diese Reize sind da. Das kann                 die Leute dazu bringen, von der Kommune, vom Kollektivbetrieb                 wieder weg zu gehen. Das sehen wir, um wiederum ein Beispiel zu                 nennen, an den sozialistischen Kibbuzim in Israel, die Probleme                 mit der j\u00fcngeren Generation haben, die in die St\u00e4dte zieht.<\/p>\n<p><b>GWR: Wie siehst Du die aktuelle Situation von Kollektivbetrieben                 hierzulande?<\/b><\/p>\n<p><i>Bernd Elsner: <\/i>Die Kollektivbetriebe stellen ein gewaltiges                 Mitgliederpotential dar, z.B. f\u00fcr die FAU, weil: Da sind Leute,                 die aktiv sind, die sich erkl\u00e4rterma\u00dfen in einen solchen Betrieb                 einbringen und dort arbeiten. Das sind Leute, die auch lernen,                 wie sie einen Betrieb zusammen f\u00fchren k\u00f6nnen, die keinen Chef                 mehr brauchen, sondern alles selbst gemeinsam in die Hand nehmen.                 Wir haben hier in der Stadt Lambrecht, bei uns in der N\u00e4he, einen                 450j\u00e4hrigen Textilbetrieb. Der sollte vor zehn Jahren geschlossen                 werden. Und da haben die 50 Arbeiterinnen und Arbeiter einen Aktienbetrieb                 gegr\u00fcndet und das Ding gekauft. Als Aktienbetrieb f\u00fchren die das                 weiter. Ich war da mal bei einer F\u00fchrung und kenne auch Leute,                 die dort arbeiten, und ich bin baff. Das sind keine Anarchos,                 keine Anarchosyndikalisten, sondern Leute, die gesagt haben: &#8222;Ne,                 wir erhalten uns unseren Betrieb, unsere Arbeitsst\u00e4tte, wir kaufen                 das ab&#8220;. Solche Versuche gab es in der Bundesrepublik immer wieder.                 Ich denke, da ist Potential da. Wenn wir mit denen die politischen                 und wirtschaftlichen Sachen besprechen, da auch ein bisschen Bildungsarbeit                 leisten, dann haben wir ein Potential, wo sich die FAU mitgliederm\u00e4\u00dfig                 verbessern kann. Denn es handelt sich hier ja eindeutig um systemver\u00e4ndernde                 Vorg\u00e4nge.<\/p>\n<p><b>GWR: Das w\u00e4re ja mal was.<\/b><\/p>\n<p><i>Bernd Elsner: <\/i>Ja. Die Leute um die FAU beginnen, in Kollektivbetrieben                 zu agitieren. Da gibt es Menschen, die wehren sich zusammen mit                 der FAU, z.B. gegen Dumpingl\u00f6hne bei der Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung                 (siehe Kasten). Da gibt es Ans\u00e4tze, da sehe ich Potential.<\/p>\n<\/p>\n<p><b>GWR: Ich auch. Die FAU hat in den letzten Jahren einiges bewegt,                 auch im Zusammenhang mit &#8222;Strike-Bike&#8220; (die GWR berichtete). In                 M\u00fcnster haben FAU-Mitglieder den Kollektivbetrieb <i>FairDruckt<\/i>                 gegr\u00fcndet, der fair gehandelte \u00d6ko-T-Shirts produziert. In Hamburg                 gibt es die \u00d6ko-Kaffee-Kooperative <i>Aroma Zapatista<\/i>. Das                 sind Hoffnungsschimmer in Bezug auf eine solidarische \u00d6konomie                 und eine andere Form zu arbeiten und zu leben.<\/b><\/p>\n<p><i>Bernd Elsner: <\/i>Ein solches Potential sollten wir nicht                 aus den Augen verlieren. Wir haben da als kommunalpolitische Vereinigung                 in unserem Tal damals der Belegschaft von Strike-Bike und der                 Gewerkschaft der Lokomotivf\u00fchrer Solidarit\u00e4tsadressen geschickt                 und \u00fcber sie berichtet.<\/p>\n<\/p>\n<p><b>GWR: Du verstehst Dich als Anarchist. Was bedeutet Anarchie                 f\u00fcr Dich?<\/b><\/p>\n<p><i>Bernd Elsner: <\/i>Erst einmal m\u00f6chte ich sagen, wie es war,                 als ich das zum ersten Mal geh\u00f6rt habe. Damals habe ich gedacht,                 ich bin der einzige Anarchist auf der Welt. Dann habe ich Kontakte                 gekriegt zu anderen. Was es bedeutet, ist das Ende einer grenzenlosen                 Macht und einer uners\u00e4ttlichen finanziellen Gier.<\/p>\n<p>Das wird erreicht durch klare Selbstbestimmung, Selbstverantwortung,                 Selbstorganisation und Selbstverwaltung in allen gesellschaftlichen                 und wirtschaftlichen Bereichen. <\/p>\n<p><b>GWR: Welche Perspektiven siehst Du? <\/b><\/p>\n<p><i>Bernd Elsner: <\/i>Das ist schwer zu beantworten. Wenn ich                 mich umschaue, dann schaue ich als Anarchist ja auch \u00fcber die                 Grenzen hinweg. Da sehe ich viele rechtskonservative, rassistische,                 nationalistische und faschistische Bewegungen und Str\u00f6mungen,                 die sich \u00fcberall zu Wort melden und Zuwachs kriegen. Diese Entwicklung                 sehe ich mit gro\u00dfer Besorgnis. Wenn wir das richtig sehen, dann                 sind die Anarchistinnen und Anarchisten eigentlich die einzige                 kontr\u00e4r gerichtete Bewegung, weil sie keine Hierarchien wollen,                 keine F\u00fchrerinnen und F\u00fchrer, keine Parteien ben\u00f6tigen, weil wir                 die Macht als gesellschaftssch\u00e4digend sehen und bek\u00e4mpfen. Und                 weil wir dem politischen Zentralismus eine klare Absage erteilt                 haben. <\/p>\n<p><b>GWR: Ein Schlusswort?<\/b><\/p>\n<p><i>Bernd Elsner: <\/i>Gerne. Ich bin \u00fcberzeugt, dass es nur Sozialismus                 oder Barbarei geben kann. Und der Sozialismus kann nur frei und                 damit staats- und in diesem Sinne grenzenlos sein. Im Moment bef\u00fcrchte                 ich, dass wir immer mehr auf eine Barbarei hinzusteuern. Wenn                 ich verfolge, was hier passiert, dann sind die &#8222;Barbaren&#8220; sogar                 noch sehr zahme Menschen gewesen. Wenn \u00be der Welt von den sozialen                 Errungenschaften und der Teilhabe ausgeschlossen sind, dann verliert                 die Menschheit ein riesiges Potential. Das kann auf Dauer nicht                 gut gehen. Auch, wenn es utopisch klingt, es gibt f\u00fcr mich keine                 andere Alternative als die Anarchie, zumindest wei\u00df ich nichts                 Besseres f\u00fcr uns alle.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution (GWR): Du hast jahrelang in Kommunen gelebt. Kannst Du die Geschichte der Kommune-Bewegungen skizzieren? Bernd Elsner: Oh je, das ist ein bisschen viel verlangt. Es gibt dazu unz\u00e4hlige B\u00fccher und wissenschaftliche Abhandlungen. Das ist im Prinzip auch nichts Neues. 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