{"id":13127,"date":"2013-11-01T00:00:47","date_gmt":"2013-10-31T22:00:47","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13127"},"modified":"2022-07-26T14:12:10","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:10","slug":"die-total-verrueckten-crazyboys-sind-zurueck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/11\/die-total-verrueckten-crazyboys-sind-zurueck\/","title":{"rendered":"Die total verr\u00fcckten Crazyboys sind zur\u00fcck!"},"content":{"rendered":"<p>Dem Punk-Label &#8222;Aggressive Rock Produktionen&#8220; verdanken wir unter                 anderem <i>Slime<\/i>.<\/p>\n<p>Vor 20 Jahren, 1993, kam es wohl zu dem Schluss, dass die Zeit                 des Punk vorbei war und ver\u00f6ffentlichte als dritten Teil der Sampler-Reihe                 &#8222;Soundtracks zum Untergang&#8220; eine Deutschrap-Compilation unter                 dem Titel &#8222;Soundtrax zum Untergang 9III&#8220; &#8211; meine erste HipHop-Platte.               <\/p>\n<p>Die einzige Band, die auf diesem Sampler den altgestandenen Punks                 vielleicht was sagte, waren <i>Die Goldenen Zitronen<\/i>, die                 mit einem Remix des bis heute leider immer noch brandaktuellen                 &#8222;80.000.000 Hooligans&#8220; vertreten waren.<\/p>\n<p>Von den anderen vertretenen Bands sind heute eigentlich nur noch                 zwei bekannt, neben <i>Too Strong<\/i> eben <i>Anarchist Academy<\/i>                 &#8211; oder kurz: Doppel-A (AA). <\/p>\n<p>Der Samplerbeitrag von <i>Too Strong<\/i>, der Antifa-Song &#8222;Rabenschwarze                 Nacht&#8220; wurde sp\u00e4ter im Remix &#8212; mit dem imperialen Marsch aus                 Star Wars unterlegt &#8211; zum Clubhit.<\/p>\n<p>Die Samplerreihe kehrte danach zum alten Deutschpunk-Format zur\u00fcck,                 es erschien aber nur noch ein vierter Teil. Denn was die Polit-Poss\u00e9                 betrifft, hatte das Label vielleicht Recht ((1))                 &#8211; die Zeit des Deutschpunk war gro\u00dfenteils vorbei. Deutschsprachiger                 HipHop strebte auf, und er war recht eindeutig mit linken Inhalten                 besetzt. <\/p>\n<p>\u00c4hnliche Themen und \u00e4hnliche Texte sind dabei nur die Spitze                 des Eisbergs, HipHop und Punk eint auch ein \u00e4hnlicher Musik-Ethos,                 in dem die Songs <i>commons<\/i> sind ((2))                 und in dem m\u00f6glichst viel der Do it yourself-Idee umgesetzt wird                 &#8211; wie \u00fcbrigens auch die neue AA-Platte. Der aufkommende deutschsprachige                 HipHop hatte zus\u00e4tzlich den Vorteil, in der Zeit der &#8222;gr\u00fcngro\u00dfdeutschen&#8220;                 (O-Ton AA) Brandanschl\u00e4ge auf Fl\u00fcchtlingsheime und zunehmendem                 institutionalisierten Rassismus weniger exklusiv wei\u00df, m\u00e4nnlich                 und mitteleurop\u00e4isch zu sein. Zu den Pionier*innen geh\u00f6rten neben                 den genannten z.B. <i>Advanced Chemistry<\/i>, <i>Fresh Familee<\/i>                 und <i>Cora E.<\/i> (quasi der zeitgen\u00f6ssischen <i>Sookee<\/i>).<\/p>\n<p>AA stechen aus dieser ersten Generation noch mal raus. Und zwar                 deswegen, weil der Vergleich des ZAP-Magazins als &#8222;Slime des Rap&#8220;                 es doch ziemlich genau trifft, auch wenn sich die Band selber                 im Presseinfo zur neuen Platte &#8222;No World Order&#8220; &#8222;missverst\u00e4ndlich                 etikettiert&#8220; sieht: Wie <i>Slime<\/i> basiert der Ruhm von AA auf                 genanntem Sampler, wie <i>Slime<\/i> stehen sie erst mal f\u00fcr einen                 zeitgen\u00f6ssischen Verbalradikalismus &#8211; was <i>Slime<\/i> etwa &#8222;Bullenschweine&#8220;                 oder &#8222;Deutschland muss sterben&#8220; sind, ist AA &#8222;Knall sie ab&#8220; und                 &#8222;How to kill the racist&#8220; &#8211; wir h\u00f6ren hier nat\u00fcrlich den damaligen                 Erfolg von <i>Rage Against the Machine<\/i>s&#8216; &#8222;Bullet in your Head&#8220;                 und <i>Bodycounts<\/i> &#8222;Copkiller&#8220; durch, auch deswegen, weil auf                 dem 1992er Demotape und dem 1993er Vinyl-Erstling von AA &#8222;Am Rande                 des Abgrunds&#8220; noch eine Rockband in klassischer G\/B\/D-Besetzung                 mehr mitrumpelt als mitrockt. W\u00e4hrend fr\u00fche <i>Slime<\/i>-Platten                 mit Zensur-Piepsern verunstaltet sind, k\u00e4mpfen AA bereits im Gr\u00fcndungsjahr                 1992 mit einem Auftrittsverbot in ihrer Heimatstadt L\u00fcdenscheid                 &#8211; retrospektiv erkl\u00e4ren AA augenzwinkernd, das habe der Karriere                 genutzt und L\u00fcdenscheid den Ruf einer Kultur-Metropole eingebracht.<\/p>\n<p>Und wie <i>Slime<\/i> sich sp\u00e4ter auf &#8222;Viva la Muerte&#8220; (1992)                 und &#8222;Schweineherbst&#8220; (1993) sowohl musikalisch als auch vor allem                 textlich zu einer reflektierten Band mausern, so ist das entsprechende                 Meisterwerk von AA definitiv der dritte Longplayer &#8222;Rappelkistenkids&#8220;                 (1998) mit zahlreichen Anspielungen und Samples von <i>Franz Joseph                 Degenhardt<\/i>, kulturellen Anspielungen auf die legend\u00e4ren Ratz                 und R\u00fcbe aus der &#8222;Rappelkiste&#8220; und der &#8211; ebenfalls parallelen                 &#8211; erhaltenen, nun aber wohl dosierten Restmilitanz (<i>Slime<\/i>:                 &#8222;Ich war dabei&#8220;, AA: &#8222;5. Terroristengeneration&#8220;). <\/p>\n<h3>An Engagement mangelte es AA nicht<\/h3>\n<p>Mitglieder der Band zeichneten sich verantwortlich f\u00fcr das HipHop\/Grafitti\/Polit-Fanzine                 &#8222;Anarchist to the Front&#8220; (ATTF) ((3)),                 Hannes Loh ist u.a. Co-Autor von &#8222;Fear of a Kanak Planet&#8220; (2002),                 das aus dem Kanak Attack-Umfeld stammt und antirassistische Aspekte                 des HipHop bzw. auch Rassismus im HipHop behandelt. ((4))               <\/p>\n<h3>Jahrzehnt der Kollaborationen<\/h3>\n<p>Das ist nun alles lange her und seit 1998 bereits ist es um die                 Band eher still geworden (\u00fcber das 1999er Album &#8222;Featuring\u2026&#8220; sollte                 man m.E. lieber den Mantel des Schweigens legen \u2026). Einzelmusiker                 von AA waren zwischenzeitlich immer mal wieder als Gastmusiker                 auf anderen HipHop-Platten zu h\u00f6ren, etwa bei <i>Chaoze One<\/i>                 (siehe GWR 330\/2008). <\/p>\n<p>Aber deutschsprachiger HipHop hat sich ver\u00e4ndert: Wo einst das                 Punk-Label Aggressive Rock Produktionen einen Grundstein setzte,                 sitzt nun ein Label namens &#8222;Aggro Berlin&#8220; im gemachten Nest mit                 Musikern wie Sido, Bushido oder Fler. Die antirassistische, linke                 Attit\u00fcde wurde vertauscht mit Sexismus, Gangsta- und Battle-Style                 und vereinzelt, wie im Falle Fler (&#8222;Neue Deutsche Welle 2005&#8220;)                 mindestens mit Hurra-Patriotismus. <\/p>\n<p>Insbesondere AA-Mitbegr\u00fcnder Hannes Loh hat diese Entwicklung                 fr\u00fchzeitig erkannt und immer wieder kritisiert. Die um mindestens                 eine Dekade j\u00fcngere Generation kann mit dem Anspruch der fr\u00fchen                 1990er allerdings nicht mehr viel anfangen. Ein von der S\u00fcddeutschen                 Zeitung moderiertes Streitgespr\u00e4ch zwischen Bushido, Murat G\u00fcng\u00f6r                 (Kanak Attack) und Hannes Loh endet mit der Frage des nun als                 Lehrer t\u00e4tigen an Bushido: &#8222;Meine Sch\u00fcler fragen, ob Du ihnen                 ein Autogramm gibst. Die haben mir extra all diese CDs hier mitgegeben.&#8220;                  ((5)) <\/p>\n<p>Das klingt nach Scheitern, Aufh\u00f6ren, das Feld anderen \u00fcberlassen.                 Die Kollaborationen zeigen: Das haben AA nie getan. Die politischen                 Inhalte und die Kritik am neuen deutschen Mainstream-HipHop f\u00fchren                 zu L\u00e4stereien und dem szene\u00fcblichen &#8222;Dissen&#8220;. Auf Kool Savas&#8216;                 &#8222;Das Urteil&#8220; antworten AA erstmals wieder kollektiv 2005 mit dem                 musikalisch \u00fcberaus gelungenen Download-Track &#8222;Die total verr\u00fcckten                 Crazy-Boys schlagen zur\u00fcck&#8220;. ((6))               <\/p>\n<p>Wie zu erwarten, f\u00fchrt das bei der j\u00fcngeren Generation leider                 nicht zu Begeisterungsst\u00fcrmen, denn der Old School-Sound der selbstbetitelten                 &#8222;\u00dc30-Rapper&#8220; sagt ihr nichts mehr. Das, wie oft in Online-Kommentaren                 gepostet, der &#8222;Flow&#8220; fehlen w\u00fcrde, so steht zu bef\u00fcrchten, w\u00fcrden                 die H\u00f6rer*innen von Bushido, Sido und Konsorten wahrscheinlich                 auch <i>Run DMC<\/i>, <i>Public Enemy<\/i>, den <i>Beastie Boys<\/i>                 und <i>N.W.A.<\/i> vorwerfen.<\/p>\n<p>Ebenfalls 2005 folgt die gro\u00dfe Kollaboration unter dem Namen                 <i>Rhyme Guerilla<\/i> mit dem fast 10min\u00fctigen Track &#8222;Fight the                 Power&#8220; im Rahmen einer Antifa-\u00d6ffentlichkeitsoffensive. ((7))               <\/p>\n<p>Ein \u00dcberraschungserfolg und seitdem auf fast jeder linken Party                 angespielt ist die 2009er Kollaboration <i>La Resistance<\/i>,                 an der insgesamt elf linke Rapper*innen beteiligt sind und deren                 gleichnamiges Album musikalisch auch langfristig ein Highlight                 des linken deutschsprachigen HipHop ist.<\/p>\n<h3>No World Order<\/h3>\n<p>In der zweiten H\u00e4lfte der 2000er Jahre nehmen die musikalischen                 Aktivit\u00e4ten von AA also wieder zu. 2010 treten AA auf der ersten                 Libert\u00e4ren Medienmesse (Limesse) in Oberhausen auf &#8211; 17 Jahre                 nach ersten H\u00f6rproben sehe ich die Band erstmals. <\/p>\n<p>Gleichzeitig k\u00fcndigen die Jungs ein neues Album an, das im Juli                 2013 unter dem Titel &#8222;No World Order&#8220; erschienen und via Homepage                 der Band zu bestellen ist. ((8))                 Vorab gab es einige Tracks auf der Download-EP &#8222;Jetset-Paranoia&#8220;                 zu h\u00f6ren. ((9)) <\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck, muss ich sagen, ist die Download-EP kein &#8222;Vorgeschmack                 auf den neuen Sound&#8220; f\u00fcr das Full Length-Album, wie es die Presseinfo                 mitteilt. &#8222;Jetset Paranoia&#8220; d\u00fcmpelt eher vor sich hin, die sehr                 langsame Neuinterpretation von &#8222;Die Ruhe vor dem Sturm&#8220; stinkt                 hinter dem 1998er Original von &#8222;Rappelkistenkids&#8220; v\u00f6llig ab und                 &#8222;Brainwash &#038; Mindstorm&#8220; kommt in der Fassung auf &#8222;No World Order&#8220;                 um einiges powervoller r\u00fcber und ist sogar einer der besten Tracks                 des Albums. Die anderen beiden EP-Tracks &#8222;Wer ist wieder da?&#8220;                 und &#8222;Fl\u00e4chenbrand&#8220; haben &#8211; m.E. v\u00f6llig zu Recht &#8211; den Sprung auf                 die gepresste Scheibe nicht geschafft.<\/p>\n<p>Von daher: Nichts neuer Sound &#8211; zum Gl\u00fcck. &#8222;No World Order&#8220; schlie\u00dft                 da an, wo 1998 &#8222;Rappelkistenkids&#8220; aufh\u00f6rt, auch wenn die neue                 Platte das ungeschlagene Niveau des Klassikers nicht erreicht.                 Aber das muss nicht weiter st\u00f6ren, denn ein solcher Geniestreich                 gelingt den wenigsten Bands mehr als einmal. Und hinter anderen                 aktuellen Ver\u00f6ffentlichungen aus dem Bereich des linken HipHop                 muss sich die neue AA-Scheibe nun wahrlich nicht verstecken, weder                 hinter Acts wie <i>Schlagzeiln<\/i> noch vor &#8222;Stars&#8220; wie <i>Deichkind<\/i>.                 Zu den Kontinuit\u00e4ten, die wir auf &#8222;No World Order&#8220; finden, geh\u00f6rt                 etwa die musikalische Neuinterpretation lyrischer Klassiker: Schon                 auf dem Zweitling &#8222;Anarchophobia&#8220; (1994) ist neben einer getragenen                 Lesung von Paul Celans &#8222;Todesfuge&#8220; (noch eine Parallele zu <i>Slime<\/i>                 \u00fcbrigens, die sich dem Thema 1993 mit dem Song &#8222;Der Tod ist ein                 Meister aus Deutschland&#8220; annahmen!) eine Interpretation des Brechtschen                 &#8222;Lob der Dialektik&#8220; zu h\u00f6ren, diesmal wurde Brechts Klassiker                 &#8222;An die Nachgeborenen&#8220; vertont &#8211; die drei Abschnitte, in die Brecht                 das Gedicht schon einteilte, sind dabei eigenst\u00e4ndige, musikalisch                 recht verschiedene Tracks, die \u00fcber das Album verstreut sind.               <\/p>\n<p>Neu, und dabei auch ansprechend, sind die englischen Gesangseinlagen                 (&#8222;ES&#8220;), teilweise soulig (&#8222;Deep in my Heart&#8220; mit <i>Chaoze One<\/i>),                 was zwar nicht mein Fall ist, aber momentan im HipHop offenbar                 dazugeh\u00f6rt. Dazwischen aber immer wieder vergleichsweise &#8222;harte&#8220;                 Knaller wie &#8222;Rocketman&#8220; oder der stilsicher als Video-Single ausgew\u00e4hlte                 Track &#8222;Weltweit&#8220;: Der Song hat alles, was man von einem klassischen                 HipHop-Song der anarchistischen Schule erwartet: Einen entsprechenden                 Text, Selbstzitate aus eigenen Klassikern (&#8222;Es ist die Systematik&#8220;),                 Tempiwechsel, die den Song teilweise klingen lassen wie seinerzeit                 Markus Wiebusch, wenn er mit <i>\u2026 But Alive<\/i> eine Rap-Einlage                 wagte und Wortfetzen, die prima Spaltungsdiskussionen in linken                 Gruppen hervorrufen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&#8222;Weltweit&#8220; verstr\u00f6mt ein \u00e4hnliches revolution\u00e4res Pathos (und                 das braucht man heutzutage) wie vor kurzem <i>Kronstadt<\/i> (Barcelona),                 <i>Daisy Chain<\/i> (Thessaloniki) und <i>Refpolk<\/i> (Berlin)                 mit ihrem spanisch-griechisch-deutschen Krisen-Hit &#8222;The Future                 is still unwritten&#8220;. ((10))               <\/p>\n<p>Schade nur, dass AA gleichzeitig mit ihrem &#8222;Comeback&#8220; (&#8222;Don&#8217;t                 call it a comeback, we&#8217;ve been here for years&#8230;&#8220; hie\u00df es 2010                 noch) auch gleich den Abschied verk\u00fcnden &#8211; zum Zeitpunkt des Erscheinens                 dieser GWR ist die &#8222;Abschiedstour&#8220; schon gelaufen. Deswegen wohl                 auch die textliche Retrosepktive auf den musikalischen Werdegang                 im vorletzten Song &#8222;Innenseite vonne Mettwurst (vegan)&#8220;\u2026<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck ist die Academy tats\u00e4chlich eine Academy gewesen und                 hat gen\u00fcgend Sch\u00fcler*innen ausgebildet, von denen ich einige bereits                 benannt habe &#8211; der Geist der Silo-Nation lebt noch!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dem Punk-Label &#8222;Aggressive Rock Produktionen&#8220; verdanken wir unter anderem Slime. 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