{"id":13141,"date":"2013-12-01T00:00:16","date_gmt":"2013-11-30T22:00:16","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13141"},"modified":"2022-07-26T12:58:53","modified_gmt":"2022-07-26T10:58:53","slug":"prostitution-zwischen-arbeit-und-missbrauch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/12\/prostitution-zwischen-arbeit-und-missbrauch\/","title":{"rendered":"Prostitution zwischen Arbeit und Missbrauch"},"content":{"rendered":"<h3>Der Appell<\/h3>\n<p>In dem &#8222;Appell gegen Prostitution&#8220;, der in der November\/Dezember-Ausgabe                 der EMMA erschienen ist, ((1))                 fordert die Redaktion mit ihren 90 Unterst\u00fctzerInnen die Abschaffung                 der Prostitution. <\/p>\n<p>Neben Forderungen nach Gesetzes\u00e4nderungen zur Eind\u00e4mmung von                 Frauenhandel, zur Pr\u00e4ventions- und Ausstiegshilfen steht die Forderung                 nach \u00c4chtung und damit nach Bestrafung der Freier, &#8222;also der Frauenk\u00e4ufer,                 ohne die dieser Menschenmarkt nicht existieren w\u00fcrde&#8220;. So berechtigt                 sich die Forderungen der EMMA und ihrer Unterst\u00fctzerInnen auf                 den ersten Blick anh\u00f6ren m\u00f6gen, sie sind zutiefst problematisch.               <\/p>\n<p>Vor allem die \u00fcbergeneralisierende und kriminalisierende Rhetorik                 des Textes f\u00fchrt dazu, dass Menschen in der Prostitution diskriminiert                 werden. So zum Beispiel der gleich im ersten Absatz aufgebaute                 Vergleich der Prostitution mit Sklaverei (&#8222;Doch genau das [die                 Sklaverei zu tolerieren oder gar zu propagieren] tut Deutschland                 mit der Prostitution: Es toleriert, ja f\u00f6rdert diese moderne Sklaverei&#8220;].                 Solche Vergleiche entm\u00fcndigen alle Menschen in der Prostitution,                 auch solche, die ihren Job freiwillig und selbstbestimmt aus\u00fcben,                 die sozialversichert und z.B. bei Ver.di oder in eigenen Lobbygruppen                 organisiert sind. <\/p>\n<h3>Prostitution und kommerzialisierter Missbrauch<\/h3>\n<p>Noch einen Schritt weiter geht die schwedische Verbotsbef\u00fcrworterin                 Kajsa Ekis Ekman mit ihrer Definition von Prostitution:&#8220;Prostitution                 bedeutet, dass zwei Personen Sex haben, von denen die eine das                 will und die andere nicht.&#8220; ((2))               <\/p>\n<p>Was Ekman hier definiert ist jedoch nicht etwa Prostitution.                 Diese Definition trifft f\u00fcr nichts anderes als eine Vergewaltigung                 zu. Prostitution ist aber keine Vergewaltigung. Jedenfalls nicht                 per se. <\/p>\n<p>Diese pauschale Gleichsetzung stilisiert die Freier zu T\u00e4tern                 (und nicht etwa die Frauenh\u00e4ndler und Zuh\u00e4lter) und die Prostituierten                 zu Opfern. Diese Unf\u00e4higkeit zu differenzieren scheint mir ein                 Grundproblem der gegenw\u00e4rtigen Debatte zu sein. <\/p>\n<p>Sonia Dolinsek f\u00fchrt eine meiner Ansicht nach wichtige Unterscheidung                 ein in ihrem lesenswerten Beitrag auf www.menschenhandelheute.net:                 &#8222;Eine Frau, die ungewollt in die Prostitution gebracht wurde,                 ist keine Prostituierte, die sexuelle Dienste anbietet, sondern                 eine Person, die sexuelle Gewalt erf\u00e4hrt, womit jemand anders                 Geld verdient &#8211; jedoch nicht sie selber. Wer nie in die Prostitution                 wollte und trotzdem dort ausgebeutet wird, ist von kommerziellem                 sexuellem Missbrauch betroffen. Diese Person &#8222;prostituiert sich&#8220;                 nicht, sondern sie wird vergewaltigt und eine Vergewaltigung ist                 keine Dienstleistung. [\u2026] Auch &#8218;Kinderprostitution&#8216; gibt es in                 dem Sinne nicht &#8211; denn Kinder prostituieren sich nicht, sondern                 sie erfahren kommerzialisierten sexuellen Missbrauch.&#8220; ((3))               <\/p>\n<p>Dass dieses Ma\u00df an Differenzierungsf\u00e4higkeit von AutorInnen wie                 der EMMA-Redaktion zugunsten ihres Arguments vernachl\u00e4ssigt wird,                 zeigt ein weiteres Zitat aus dem Appell: &#8222;Weltweit sind Frauenhandel                 und Prostitution, beides untrennbar miteinander verbunden, heute                 neben dem Waffen- und Drogenhandel das Gesch\u00e4ft mit der h\u00f6chsten                 Profitrate (\u00fcber 1000 Prozent). Profit nicht f\u00fcr die Frauen.&#8220;               <\/p>\n<p>Mit der Gleichsetzung von Frauenhandel und Prostitution ignoriert                 die EMMA die wichtige Unterscheidung zwischen sexueller Dienstleistung                 und kommerziellem sexuellem Missbrauch. <\/p>\n<p>Die \u00dcbergeneralisierung des definitiv zu \u00e4chtenden Vorgehens                 von Schlepperbanden, Loverboys und Zuh\u00e4ltern etc. auf alle Formen                 von Prostitution f\u00fchrt nicht nur an der realen Vielfalt der Szene                 und der Motivationen f\u00fcr diese T\u00e4tigkeit vorbei, sie f\u00fchrt die                 Debatte zudem auf ein Niveau, das sich nur kaum noch von dem der                 Bild-Zeitung unterscheidet. <\/p>\n<h3>Prostitution im Hinterzimmer &#8211; Prostitution als Arbeit<\/h3>\n<p>\u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit der Forderung, die Freier f\u00fcr den                 Konsum sexueller Dienstleistungen zu bestrafen. Eine derartige                 Kriminalisierung der Prostitution w\u00fcrde wahrscheinlich lediglich                 dazu f\u00fchren, dass Dienstleistungen &#8222;im Hinterzimmer&#8220; angeboten                 w\u00fcrden, was auf keinen Fall zu einer Verbesserung der Arbeits-,                 Lebens- und Hygienebedingungen der SexarbeiterInnen f\u00fchren w\u00fcrde.               <\/p>\n<p>Im Gegenteil sagen befragte Prostituierte aus, die Legalisierung                 ihres Berufs h\u00e4tte positive Auswirkungen gehabt: &#8222;Ich halte es                 auf jeden Fall f\u00fcr sinnvoll, dass die Sittenwidrigkeit und die                 F\u00f6rderung der Prostitution abgeschafft worden sind. Das sind Aspekte,                 die ganz wichtig sind, vor allen Dingen auch dahingehend, dass                 jetzt eine Betreiberin einen Laden aufmachen kann, wo Frauen gesch\u00fctzt                 unter sauberen, hygienischen Bedingungen arbeiten k\u00f6nnen. [\u2026]                 Als Verbesserung f\u00fcr meine eigne Situation sehe ich, dass ich                 zum Beispiel sagen k\u00f6nnte, ich mache ein Studio oder eine eigene                 Terminwohnung auf und habe dann nicht das Gef\u00fchl, mit einem Bein                 im Knast zu stehen.&#8220; ((4)) <\/p>\n<p>Anstatt Stammtischparolen zu verbreiten, w\u00fcrde man sich also                 eine differenzierte und an der Lebensrealit\u00e4t der Betroffenen                 orientierte Debatte w\u00fcnschen.<\/p>\n<p>So sollte man sich klar machen, dass Prostitution als Dienstleistung                 &#8211; und nicht als kommerzielle Vergewaltigung &#8211; eine Arbeit ist,                 mit der man mal mehr oder mal weniger zufrieden sein kann, die                 \u00fcber gesetzliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen gestaltet                 werden kann und deren Aus\u00fcbende nicht per se Opfer, aber auch                 nicht per se devote Promiskuitive sind. <\/p>\n<p>Wenn Ekman sagt, dass &#8222;die allermeisten Prostituierten mit der                 Prostitution aufh\u00f6ren wollen&#8220;, fragt man sich nicht nur, woher                 sie das wei\u00df, sondern auch, aus welchen Gr\u00fcnden diese Frauen aussteigen                 wollen. Denn wenn sie das Gef\u00fchl haben, bedroht, ausgebeutet oder                 unterdr\u00fcckt zu sein, m\u00fcssen wir diese Debatte v\u00f6llig anders f\u00fchren,                 als wenn mehrheitlich Gr\u00fcnde wie Angst vor Altersarmut und mangelnde                 Absicherung, sowie gesellschaftliche Stigmatisierungen genannt                 werden. Dann n\u00e4mlich stehen wir vor einer gesellschaftlichen Aufgabe,                 dieses Stigma aufzuheben. Versuche, die Prostitution zu re-kriminalisieren                 stehen dem diametral entgegen. <\/p>\n<h3>Prostitution und Kapitalismus<\/h3>\n<p>Das gesellschaftliche Stigma ist es denn auch, was den Ausstieg                 so besonders schwer macht und was dazu f\u00fchrt, dass die Prostitution                 vermutlich niemals als ein &#8218;Job wie jeder andere&#8216; angesehen wird.               <\/p>\n<p>Wir bewerten die Tatsache, dass jemand seinen K\u00f6rper als Ware                 verkauft traditionell anders als den Verkauf der eigenen Arbeitskraft.                 Es ist f\u00fcr die meisten von uns etwas anderes, ob ich unfreiwillig                 und aus Not in einem Call Center arbeite oder als ProstituierteR.               <\/p>\n<p>Das hat nicht zuletzt mit unseren Vorstellungen von k\u00f6rperlicher                 Integrit\u00e4t und Souver\u00e4nit\u00e4t zu tun &#8211; und das ist gut so! Doch                 wird in der Prostitution unter den Bedingungen der kapitalistischen                 Marktwirtschaft der K\u00f6rper eine Ware, die materialisierte Arbeitskraft.               <\/p>\n<p>Die Ausbeutung dieser Arbeitskraft deutet damit auf die Verfasstheit                 kapitalistischer Arbeit per se. Prostitution ist damit die Radikalisierung                 und Ausstellung der ansonsten verschleierten Ausbeutungsverh\u00e4ltnisse                 im Kapitalismus. Kein Wunder also, dass sich die Gesellschaft                 mit diesem Berufszweig schwer tut. Nat\u00fcrlich w\u00fcrde sie lieber                 verdr\u00e4ngen, ausblenden, kriminalisieren.<\/p>\n<p>Aber gerade weil uns Prostitution vor Augen f\u00fchrt, wie wir arbeiten,                 ist es wichtig, hier die richtigen Weichen zu stellen. Nicht die                 Kriminalisierung von KonsumentInnen und ArbeiterInnen ist n\u00f6tig,                 sondern die von Profiteuren und Ausbeutern, die einer Selbstverwirklichung                 in der Prostitution &#8211; und dazu geh\u00f6rt auch ein Ausstieg aus der                 Prostitution &#8211; verhindern. <\/p>\n<p>Ebenso ist es dringend n\u00f6tig, das gesellschaftliche Bild von                 Menschen in der Prostitution zu hinterfragen, sie nicht von vornherein                 als Opfer darzustellen, sondern als ArbeiterInnen und dadurch                 die gesellschaftlichen Stigmata, die mit diesem Beruf verbunden                 sind, abzubauen. Anstatt ihnen immer wieder, wie es die EMMA tut,                 Steine in den Weg zu legen, muss es darum gehen, den Menschen                 in der Prostitution die Bildung von Organisationen, Rahmenbedingungen                 und Strukturen zu erleichtern, die es ihnen erm\u00f6glichen, einen                 selbstbewussten Platz in der Gesellschaft zu erk\u00e4mpfen. Und anstatt                 Freier zu bestrafen, w\u00e4re es f\u00fcr eine kurz- bis mittelfristige                 Verbesserung der Lage von Prostituierten sinnvoller, an ihre Funktion                 als Konsumenten zu appellieren und sie &#8211; auch zu ihrem eigenen                 Schutz &#8211; auf die sauberen H\u00e4user zu verweisen, in denen Menschen                 nicht missbraucht werden.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich w\u00fcnsche ich mir, genau wie Ekman, eine &#8222;Befreiung der                 Sexualit\u00e4t vom Kommerz&#8220;. Selbstverst\u00e4ndlich. Ich w\u00fcnsche mir eine                 Befreiung aller Lebensbereiche vom Kommerz.<\/p>\n<p>Dennoch muss es zugleich darum gehen die gegenw\u00e4rtigen Arbeitsbedingungen                 im Sinne der ArbeiterInnen zu verbessern. Dabei helfen Verbote,                 Kriminalisierung und Stigmatisierungen nicht weiter.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Appell In dem &#8222;Appell gegen Prostitution&#8220;, der in der November\/Dezember-Ausgabe der EMMA erschienen ist, ((1)) fordert die Redaktion mit ihren 90 Unterst\u00fctzerInnen die Abschaffung der Prostitution. 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