{"id":13161,"date":"2013-12-01T00:00:10","date_gmt":"2013-11-30T22:00:10","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13161"},"modified":"2022-07-26T14:12:10","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:10","slug":"wir-waren-verrueckte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/12\/wir-waren-verrueckte\/","title":{"rendered":"&#8222;Wir waren Verr\u00fcckte&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><b>Graswurzelrevolution: Andreas, Du warst als Anarchist aktiv                 im Projekt A. Was ist f\u00fcr Dich Anarchie?<\/b><\/p>\n<p><i>Andreas Ess: <\/i>Das ist ein bisschen schwierig. Vielleicht                 sollte ich erst einmal aus dem Leben erz\u00e4hlen, weil ich denke,                 dass das dazu geh\u00f6rt. Du wirst ja nicht an einem sch\u00f6nen Sommertag                 zum Anarchisten, weil du sagst: &#8222;Ich bin jetzt Anarchist&#8220;. So                 ist es in der Regel ja nicht. Sondern, da ist ja eine Menge vorher                 gelaufen. <\/p>\n<p>Ich komme aus einem katholischen Elternhaus und bin auch ziemlich                 katholisch erzogen worden, auch von Nonnen. Die Feststellung war                 irgendwann, dass die alle ziemlich matschig in der Birne sind.                 Das war das, was bei mir h\u00e4ngen geblieben ist. Die haben, sicher                 ohne es zu wollen, so etwas wie Widerstandsgeist bei mir geweckt.<\/p>\n<p>Also, immer wenn man Fragen gestellt hat, die sie nicht mochten,                 dann bekam man etwas aufs Maul. Das hat bei mir dazu gef\u00fchrt,                 dass ich an dieser Stelle dann weiter gedacht habe.<\/p>\n<p>Irgendwann habe ich mich dann auch gefragt wie viele Sachen so                 gelaufen sind im Elternhaus. Mein Vater war ja noch Kriegsteilnehmer,                 und ich habe mich gefragt, wie ein Mensch, der friedlich war,                 der eigentlich gar nicht auf die Idee kommt, Dinge mit Gewalt                 durchzusetzen, dazu gekommen ist, in den Krieg zu ziehen. Er hat                 mir das dann relativ einfach erkl\u00e4rt. Der hat dann gesagt: &#8222;Nun,                 ich bin katholisch, ich bin Christ, ich habe einfach auf meine                 Leute in der Kirche geh\u00f6rt&#8220;. Das war dann unter anderem auch der                 Bischof Clemens von Galen aus M\u00fcnster, der gesagt hat, dass die                 deutschen Jungen und M\u00e4dchen in den Krieg ziehen sollen. Und das                 hat mein Vater dann auch getan. Das hat mich zum Nachdenken gebracht.<\/p>\n<p>Kardinal von Galen wird heute als &#8222;Widerst\u00e4ndler&#8220; geehrt und                 gelobt, aber er hat letztlich Tausende von deutschen, katholischen                 M\u00e4nnern in den Krieg geschickt. Wenn man sich die fr\u00fchen \u00c4u\u00dferungen                 von ihm durchliest, die sind von einem fiesen Nationalismus durchsetzt.                 Das ist Standard gewesen bei den Herrschaften. Nur wenige haben                 in der Kirche erkannt, was tats\u00e4chlich schief l\u00e4uft. Das hat mir                 zu denken gegeben. Dann war es logisch f\u00fcr mich, sich weiter mit                 dem Nationalsozialismus zu besch\u00e4ftigen. Da bin ich sehr tief                 eingetaucht, habe viel gemacht, nicht nur schulisch. Dann bin                 ich irgendwann dazu gekommen, festzustellen, dass das alles nicht                 zuf\u00e4llig so gekommen ist. Das hatte System, das hat auch etwas                 mit Demokratie zu tun und mit Fehlerhaftigkeit von Demokratie.                 Im Rahmen von Jugend- und Protestbewegungen bin ich dann als &#8222;Anarcho&#8220;                 geendet. F\u00fcr mich war das damals weniger eine politische \u00c4u\u00dferung,                 als ein Happening mit Spa\u00dfcharakter. Wir waren auf jeder Demo                 dabei, wir waren schlicht und ergreifend &#8222;Der schwarze Block&#8220;.                 Das haben wir weniger politisch gesehen.<\/p>\n<p><b>GWR: Das war dann Anfang der 1980er Jahre?<\/b><\/p>\n<p>A: Ja, Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre, also Brokdorf, Wackersdorf,                 Gorleben, wir waren \u00fcberall da, wo es richtig getobt hat. Frankfurt,                 Startbahn West, Kalkar, da waren wir dabei, praktisch jedes zweite,                 dritte Wochenende. Wobei, wie gesagt, politisch war da bei uns                 nicht viel. Wir haben das nicht gro\u00dfartig hinterleuchtet. Wir                 waren dagegen, eigentlich gegen alles. Das passte auch gut, es                 war eine Anti-Haltung, eine klassische Geschichte in der Jugend.<\/p>\n<p>Ich habe dann irgendwann angefangen mein Denken zu ver\u00e4ndern,                 nach der letzten gro\u00dfen Brokdorf-Demo, die war ja praktisch milit\u00e4risch,                 also, wenn man sich die Bilder heute noch mal anguckt, das ging                 hart ans Milit\u00e4rische heran, da tauchten dann riesige Hubschrauber                 des Bundesgrenzschutz auf, die haben Truppen hinter der &#8222;Front&#8220;                 abgesetzt. Und die haben dann ganz f\u00fcrchterlich auf uns eingepr\u00fcgelt.                 Auf unserer Seite war dann eine ganz \u00e4hnliche Organisation, wir                 waren quasi &#8222;paramilit\u00e4risch&#8220; organisiert. <\/p>\n<p>Als ich nach Hause kam und meine verbeulte Birne quasi wieder                 verheilt ist, da habe ich mich gefragt, wo das hingeht. Ist dies                 das, was ich will? Und was ist das N\u00e4chste? F\u00fcr mich w\u00e4re das                 N\u00e4chste gewesen, dass wir uns regelrecht bewaffnet gegen\u00fcber gestanden                 h\u00e4tten. Und nein, da hatte ich keinen Bock drauf, das wollte ich                 nicht. Das haben dann in Frankfurt einige Leute getan, aber ich                 habe da nicht zu geh\u00f6rt. Ich wollte eine friedliche Gesellschaft,                 die kriege ich nicht damit hin, dass ich anderen aufs Maul haue.                 Das funktioniert nicht.<\/p>\n<p><b>GWR: Und wie bist Du dann zum Projekt A gekommen?<\/b><\/p>\n<p>A: Na ja, das Projekt A. Man muss sagen, diese ganze politische                 Geschichte war eine Freizeitbesch\u00e4ftigung. Ich bin morgens zur                 Arbeit gegangen, ich habe eine Ausbildung auf einer Ruhrgebiets-Zeche                 gemacht. Das war nicht witzig, vor allem weil die Zechen traditionsgem\u00e4\u00df                 eine faschistoide Grundstruktur haben, mit vielen Vorgesetzten,                 das geht vom Bergwerksdirektor bis runter zum Steiger, da sind                 15 Stationen dazwischen, und die haben dann alle etwas zu sagen                 und die sind alle ganz wichtig, und du als Auszubildender bist                 dann da der letzte Arsch. <\/p>\n<p>Ich habe also jeden Morgen um Halbsechs am Schacht gestanden,                 bin da eingefahren, habe meine Arbeit gemacht, die teilweise v\u00f6llig                 sinnlos war. Vor allem, weil wir auch wussten, dass die Kohle                 so hoch subventioniert wird, dass sie sich nur so rechnet. Man                 h\u00e4tte gleichzeitig auch zum Beispiel aus Australien Kohle importieren                 k\u00f6nnen, f\u00fcr den halben Preis. Das wusste jeder. Und damit war                 auch das Ende schon absehbar. Da haben wir uns krumm gearbeitet                 und viele sind letztendlich auch unten geblieben, weil das auch                 keine ungef\u00e4hrliche Arbeit war. Man hat seinen K\u00f6rper durch die                 Arbeit gesch\u00e4digt und fragte sich: &#8222;Was tue ich hier eigentlich?&#8220;.<\/p>\n<p>In der Freizeit waren wir dann politisch aktiv. Ich bin jeden                 Tag arbeiten gegangen als Anarcho, und auf der Arbeit wusste keiner                 was ich f\u00fcr politische Einstellungen hatte. Da hat man nix davon                 gemerkt. Das hat sich dann ein St\u00fcck weit im Zivildienst fortgesetzt,                 aber da wurde dann auch klar, dass ich auf Dauer so gar nicht                 leben will. Das ist Mist, weil es ein St\u00fcck weit auch eine gespaltene                 Pers\u00f6nlichkeit voraussetzt. Also, du gehst jeden Tag arbeiten                 und abends oder am Wochenende machst du dann Politik. Das war                 es nicht. Dann habe ich \u00fcber einen Bekannten aus dem autonomen                 Spektrum das Projekt A-Buch von Horst Stowasser in die Hand gekriegt.<\/p>\n<p>Dann habe ich Kontakt zu Horst Stowasser gekriegt, den ich vorher                 schon kannte, \u00fcber B\u00fccher, die er vorher herausgegeben hat, die                 mehr dokumentarischer Natur waren. Ich habe ihn dann pers\u00f6nlich                 kennen gelernt und fand ihn witzig. Er war ein tofter Kerl. Ich                 habe dann gedacht, okay, das scheint etwas zu werden. Ich fand                 das auch von der Denke her hoch spannend. Es war v\u00f6llig anders,                 als das, was wir bisher gemacht haben. <\/p>\n<p><b>GWR: Erz\u00e4hl doch mal, was das Projekt A \u00fcberhaupt war. Was                 war da so spannend f\u00fcr Dich?<\/b><\/p>\n<p>A: Das Normale war, wenn sich drei Anarchos treffen, dann machen                 sie eine Zeitung. Wir haben mindestens f\u00fcnf oder sechs verschiedene                 Zeitungen in meinem Leben herausgegeben und die waren alle Schrott.                 Die hat keiner gelesen, au\u00dfer uns selber. Wir haben uns im Prinzip                 damit einen Spa\u00df gemacht, aber nicht begriffen, dass das keine                 Relevanz hat. Wenn wir Gruppen-Harakiri begangen h\u00e4tten, h\u00e4tte                 das auch keiner gemerkt. Das war das, was Horst dann in seinem                 Buch als &#8222;plakativen Anarchismus&#8220; bezeichnet hat. Also, wir hauen                 den Leuten Plakate an die Birne: &#8222;Guck mal, so geht das Leben                 wirklich&#8220;. Aber die Leute haben uns f\u00fcr verr\u00fcckt erkl\u00e4rt, v\u00f6llig                 zu recht. Wir waren ja Verr\u00fcckte. Wir haben jeden Tag malocht                 oder waren arbeitslos und haben dann Freizeitpolitik betrieben.                 Was wir erz\u00e4hlt haben, das hatte mit der Realit\u00e4t nichts zu tun.                 Wir konnten nix zeigen. Wenn uns einer gefragt hat &#8211; &#8222;wie geht                 denn das?&#8220; -, dann haben wir auf die Spanische Revolution verwiesen                 oder auf die Machno-Bewegung in der Ukraine. Aber den Durchschnittsb\u00fcrger                 hat Spanien 1936 gar nicht interessiert. Die wussten da nichts                 dr\u00fcber und wollten auch nichts wissen. Und dann kam Horst und                 sagte, dieser &#8222;plakative Anarchismus bringt uns au\u00dfer Selbstbefriedigung                 nichts. <\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen etwas tun, wo wir a) uns selbst mit besch\u00e4ftigen,                 unseren Lebensunterhalt auf eine halbwegs anst\u00e4ndige Weise verdienen                 und b) dann auch Effekte in der Gesellschaft erzielen.&#8220; <\/p>\n<p>Das hat er dann auch aufgrund seiner langj\u00e4hrigen Erfahrungen,                 die er unter anderem in S\u00fcdamerika gemacht hat, auf ziemlich gute                 F\u00fc\u00dfe gestellt, nach meinem Gef\u00fchl. <\/p>\n<p>Er hatte dann die Idee des Doppelprojekts. Es gibt immer zwei                 Projekte, die quasi zusammen geh\u00f6ren, das eine ist eins, wo man                 Geld mit verdienen kann, zum Beispiel eine Kneipe, das andere                 beispielsweise ein Buchladen. Ein Buchladen ist typischer Weise                 etwas, was Anarchos gerne tun, was ihnen aber au\u00dfer \u00c4rger nicht                 viel einbringt. Wenn man das kombiniert, dann hat man einerseits                 die M\u00f6glichkeit, dass die Leute Geld verdienen, man hat die M\u00f6glichkeit                 mit Leuten in Kontakt zu treten, mit denen wir normaler Weise                 nicht in Kontakt geraten. Also, wer verliert sich denn in einen                 klassischen Anarchobuchladen? Anarchos. Das hei\u00dft, wir reden nur                 noch miteinander, wenn \u00fcberhaupt. In der Kneipe sitzen auch mal                 die Leute von nebenan, wenn sie Durst auf ein Bier haben. Wenn                 man dann nicht bl\u00f6dsinnig vorgeht, kommt man auch ins Gespr\u00e4ch                 mit den Leuten. Das muss ja nicht direkt \u00fcber den Anarchismus                 sein, aber irgendwann redet man dar\u00fcber. Das war die Grundidee.                 Wenn man das Ganze in einer Kleinstadt macht, dann h\u00e4tte es auch                 die M\u00f6glichkeit gegeben, dass das eine gewisse Relevanz entwickelt.                 Ich bin 1986\/87 dazu gesto\u00dfen, da war au\u00dfer dem Projekt A-Buch                 und ein paar Leuten noch nichts vorhanden. Da war Horst, der sa\u00df                 in Wetzlar und hatte da sein Anarchistisches Dokumentationszentrum,                 das AnArchiv. Das war auch eine klassische Anarchonummer, ein                 Ding, das keiner braucht, au\u00dfer den Anarchos selber. Da sa\u00df er                 drin und machte Zeitungen, wie alle anderen Anarchos auch. Da                 versammelten sich dann St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck Leute, um diese Ideen zu                 verwirklichen. <\/p>\n<p><b>GWR: Erz\u00e4hl doch bitte mal von den Erfahrungen, die Du im                 Projekt A in Wetzlar gemacht hast. <\/b><\/p>\n<p>A: Das Projekt A gab es ja noch nicht. Wir haben dann Treffen                 veranstaltet. Die Leute kamen von \u00fcberall her. Wir hatten \u00d6sterreicher                 dabei, Niederl\u00e4nder, die meisten kamen von \u00fcberall aus Deutschland.                 Die technischen Mittel, wie wir sie heute kennen, die gab es noch                 nicht, wir hatten nicht die M\u00f6glichkeit zum Beispiel \u00fcbers Internet                 kostenlos zu kommunizieren.<\/p>\n<p>Also haben wir uns regelm\u00e4\u00dfig getroffen. Mein erstes Projekt                 A-Treffen war in Oldenburg. Da trafen sich die Leute, die Interesse                 am Projekt A aufgrund des Buches hatten. Man lernte sich kennen                 und versuchte Gemeinschaften zu bilden, die dann loslegen wollten.                 Ich war zu dem Zeitpunkt gerade aus dem Zivildienst raus, hatte                 noch keine neue Arbeit, keine Idee, was ich tun sollte. Ich bin                 dann nach Wetzlar gezogen, weil der Horst Leute suchte, die dann                 zusammen die eigene Zeitung herausgeben und die Informationen                 kanalisieren und den ganzen Kram machen. <\/p>\n<p><b>GWR: Das war das <i>AHA!<\/i>, das als &#8222;internes Bulletin zum                 Projekt A&#8220; unregelm\u00e4\u00dfig von 1985 bis 1996 mit kleinen Auflagen                 bis 200 St\u00fcck erschienen ist und der internen Kommunikation zwischen                 den Projekt-A-Interessierten dienen sollte. Wie viele Leute waren                 am Projekt A beteiligt?<\/b><\/p>\n<p>A: Das ist kaum abzusch\u00e4tzen. Auf den Treffen waren es immer                 zwischen 30 und 100. Das war unterschiedlich. Es gab ja auch unterschiedliche                 Thementreffen. Sp\u00e4ter gab es auch Treffen, die dann regional abgehalten                 wurden. Ein Treffen gab es beispielsweise in Wien. Wenn man dann                 aus dem Ruhrgebiet kam, dann hatte man schon ein St\u00fcckchen zu                 fahren gehabt. Das ist nicht unbedingt effektiv gewesen. Das haben                 wir dann erkannt und dann Ruhrgebietstreffen oder Hamburg-Treffen                 gemacht oder die \u00d6sterreicher haben sich auch mal getroffen. Ich                 denke in dem Bereich waren wir 150 bis 200 Leute. <\/p>\n<p><b>GWR: Was waren positive Erfahrungen, die Du dort gemacht hast?<\/b><\/p>\n<p>A: Wir haben in Wetzlar gut zusammen gelebt, trotz aller Konflikte,                 die es in solchen Projekten gibt. Es waren teilweise auch sehr                 lustige Erfahrungen. Wir haben viele sch\u00f6ne Sachen gemacht. Ich                 habe gute Leute kennen gelernt. Also, Horst geh\u00f6rt dazu. Er war                 ein toller Geschichtenerz\u00e4hler. Es war fein, ihm zuzuh\u00f6ren, wenn                 wir abends in der Kneipe sa\u00dfen. Er hat immer Wein getrunken und                 seine komischen Stumpen geraucht. Das war klasse, wenn der erz\u00e4hlt                 hat. Er hat aus Spanien erz\u00e4hlt, so als w\u00e4re man dabei gewesen.                 Nat\u00fcrlich gab es auch andere Seiten. <\/p>\n<p><b>GWR: Die negativen. Warum bist Du rausgegangen? Was gab es                 f\u00fcr Entwicklungen, die Dich dazu bewegt haben, das Projekt zu                 verlassen? <\/b><\/p>\n<p>A: Ich habe es eigentlich nicht wirklich verlassen. Das ist das                 Verr\u00fcckte dabei. Das hat sich irgendwie so ergeben. Na klar, es                 gab eine ganze Reihe negativer Erfahrungen. Einmal mussten wir                 feststellen, dass das Projekt A aufgrund seiner Grundstruktur                 auch viele Leute angezogen hat, die f\u00fcr so ein Projekt schlicht                 und einfach nicht geeignet waren. Das waren Leute, die b\u00fcrgerlich                 massiv gescheitert waren und dann die Hoffnung hatten, ohne Ver\u00e4nderungen                 an sich, mit den gleichen verr\u00fcckten Ideen, die sie vorher hatten,                 dann ganz toll rauskommen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dass das nicht funktionieren konnte, das h\u00e4tte sich jeder denken                 k\u00f6nnen, der bis 3 z\u00e4hlen kann. Wenn du es nicht schaffst im normalen                 Arbeitsleben p\u00fcnktlich aufzustehen und deine Arbeit zu machen,                 dann schaffst du das auch nicht in einem Anarchobetrieb, wo keiner                 hinter dir steht und dir in den Hintern tritt. Das funktioniert                 garantiert nicht. Wenn die Leute dann nachmittags um 3 mal f\u00fcr                 eine Stunde zum Arbeiten kommen, weil die Kneipe dann mal f\u00fcr                 eine halbe Stunde offen sein soll, dann ist das Ding zum Scheitern                 verurteilt.<\/p>\n<p>Du brauchst in einem selbstorganisierten Projekt eine deutlich                 h\u00f6here Selbstdisziplin als du sie in einem kapitalistisch gef\u00fchrten                 Betrieb brauchst.<\/p>\n<p>Weil du da ja jemanden hast, der dich nach zehn Minuten anruft                 und fragt wo du bleibst, wenn du nicht p\u00fcnktlich bist. So etwas                 gibt es in einem Anarchobetrieb ja eher weniger. Du solltest das                 schon selbst auf die Kette kriegen und keinen Chef brauchen, der                 dir sagt: &#8222;Jetzt komm mal zur Arbeit, du faule Socke!&#8220;. Viele                 waren dazu nicht in der Lage, hatten psychische Probleme, waren                 Alkoholiker oder ewig auf irgendeiner Droge, die konntest du f\u00fcr                 gar nix gebrauchen. Au\u00dfer zum Haschisch organisieren. <\/p>\n<p>Letztlich hat Horst gesagt: &#8222;Wir brauchen Ideen, die abseits                 von dem sind, was klassisch anarchisch ist&#8220;. Er hat in seinem                 Buch, meine ich, vom &#8222;57. Shillum-Projekt&#8220; geredet, das er als                 v\u00f6llig sinnlos betrachtet hat. Also, wir bauen Ger\u00e4te f\u00fcr die                 Kiffer und verkaufen die dann an die Kiffer? Das ist es eben nicht!                 So sollte das nicht sein. Das sollten Leute sein, die dann an                 die b\u00fcrgerlichen Leute auch Dinge verkaufen, die die auch brauchen,                 und nicht irgendwelche Pappblumen, die die gar nicht haben wollen.                 Das wird heute von vielen als Provokation verstanden, aber Horst                 meinte das ernst, dass wir in dem Kiosk eben auch die Bildzeitung                 verkaufen w\u00fcrden. Und ich stand da auch hinter. Das war eine gute                 Idee. Nehmen wir mal an, heute w\u00fcrde ein Anarcho einen Kiosk er\u00f6ffnen.                 Das erste, was passiert; er schmei\u00dft die ganzen rechten Zeitungen                 raus. Das ist logisch, es ist ja seine politische \u00dcberzeugung.<\/p>\n<p>Schwuppdiwupp hat er damit aber auch alle Kunden, die nicht Anarchos                 sind, gleich mit herausgeschmissen. Die kommen nie wieder. Die                 kriegen ihre Bildzeitung ja nicht. <\/p>\n<p>Ich komme ja aus dem Handwerk. Der klassische Handwerker wackelt                 morgens am Kiosk vorbei, holt sich da seine Bildzeitung, ein Br\u00f6tchen                 und eine Cola und, wenn es das gibt, eine Wurstsemmel. Der wird                 das weiterhin tun, ob du als Anarcho den Kiosk \u00fcbernimmst oder                 nicht, das spielt \u00fcberhaupt keine Rolle. Und wenn du dann die                 Bildzeitung und die Wurstsemmel nicht mehr verkaufst, weil du                 a) Vegetarier und b) Anarcho bist, dann wird der zu dir nicht                 mehr kommen. <\/p>\n<p>Horst wollte, dass wir als Anarchos wieder mit ganz normalen                 Menschen in Kontakt treten. Und nat\u00fcrlich nicht freudestrahlend                 st\u00e4ndig die Bildzeitung verkaufen, das ist nicht das Ziel gewesen,                 sondern vielleicht auch irgendwann mal eine Anarchozeitung wie                 die <i>Graswurzelrevolution<\/i> einfach daneben legen. Und nicht                 sagen: &#8222;Pass auf, hier gibt es die Schei\u00dfzeitung nicht mehr, hier                 gibt es jetzt nur noch eine gute Zeitung&#8220;. Die will er nicht haben.                 Aber vielleicht schenkst du ihm mal eine. Vielleicht sagt er auch:                 &#8222;Ich will das Ding nie wieder lesen. Behalt den Schei\u00df!&#8220; Aber                 dann hast du eine M\u00f6glichkeit, auch mit ihm zu reden. <\/p>\n<p>Aber der klassische Anarcho schlie\u00dft sich vom Kontakt mit dem                 normalen Spie\u00dfer aus, weil er die Spr\u00fcche nicht ertragen kann,                 da sind auch mal rassistische, sexistische Spr\u00fcche dabei. Das                 ist alles da. Aber das wird fr\u00f6hlich ignoriert, mit solchen Leuten                 rede ich nicht, Feierabend! Oder ich beschimpfe sie und dann wundere                 ich mich, dass die mit mir nicht mehr reden. Aber ich ver\u00e4ndere                 nichts dadurch, dass ich Leute nicht akzeptiere, in ihrer ganzen                 Beschr\u00e4nktheit auch. Wir m\u00fcssen sehen, dass unsere ganze Gesellschaft                 darauf ausgerichtet ist, Leute zu beschr\u00e4nken. Die sollen ja bestimmte                 Gedanken nicht haben.<\/p>\n<p>Wenn ich dann auf Leute sto\u00dfe, die genau da rein passen, dann                 kann ich doch nicht mit Abscheu reagieren und sagen: &#8222;Ich rede                 mit den Leuten nicht mehr!&#8220;. Das ist ja v\u00f6llig verr\u00fcckt, so \u00e4ndere                 ich doch niemanden. Mal ganz abgesehen davon, dass ich sowieso                 nur mich selber \u00e4ndern kann. Du \u00e4nderst dich. Und wenn du Gl\u00fcck                 hast, kriegt der eine oder andere drau\u00dfen das noch mit und sagt:                 &#8222;Aha, interessant&#8220;. Vielleicht auch nicht. Ich bin da ein bisschen                 offener geworden. Und ich fand, die Idee war sehr gut. Da haben                 sich viele Polit-Anarchisten vor den Kopf gesto\u00dfen gef\u00fchlt. Und                 das war auch gut so. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution: Andreas, Du warst als Anarchist aktiv im Projekt A. Was ist f\u00fcr Dich Anarchie? Andreas Ess: Das ist ein bisschen schwierig. Vielleicht sollte ich erst einmal aus dem Leben erz\u00e4hlen, weil ich denke, dass das dazu geh\u00f6rt. Du wirst ja nicht an einem sch\u00f6nen Sommertag zum Anarchisten, weil du sagst: &#8222;Ich bin jetzt Anarchist&#8220;. &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/12\/wir-waren-verrueckte\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"\"Wir waren Verr\u00fcckte\" - graswurzelrevolution","description":"Graswurzelrevolution: Andreas, Du warst als Anarchist aktiv im Projekt A. Was ist f\u00fcr Dich Anarchie? Andreas Ess: Das ist ein bisschen schwierig. 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