{"id":13165,"date":"2013-12-01T00:00:27","date_gmt":"2013-11-30T22:00:27","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13165"},"modified":"2022-07-26T13:45:06","modified_gmt":"2022-07-26T11:45:06","slug":"nachruf-auf-dieter-hildebrandt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/12\/nachruf-auf-dieter-hildebrandt\/","title":{"rendered":"Nachruf auf Dieter Hildebrandt"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Das Gewissen ist ein Spiegel, vor dem ein Affe sich qu\u00e4lt&#8220;,                 l\u00e4sst Georg B\u00fcchner seinen Danton sagen. Und qu\u00e4lend war es ohne                 Zweifel, wie der alternde Hildebrandt durch die Talkshows gereicht                 wurde, in denen sich seine politischen Freunde und Gegner wie                 Affen vor ihm qu\u00e4lten &#8211; Norbert Bl\u00fcm vorneweg. Dieter Hildebrandt                 war f\u00fcr ein millionenfaches Fernsehpublikum die Mensch gewordene                 Gewissheit, dass &#8222;das Kritische schon nicht zu kurz kommen&#8220; werde.                 Der Minimalzusatz an Selbstironie, Geist, Charme, Intelligenz                 und Witz, um den flauen Papp des Medienbreis leidlich ertr\u00e4glich                 zu machen. <\/p>\n<p>Er war aber gleichzeitig auch das zul\u00e4ssige <i>H\u00f6chstma\u00df<\/i>                 dieser Ingredienzien, damit sich am Ende nicht doch noch jemand                 an eben diesem Brei die Zunge verbrannte. Im Grunde blieb sich                 Hildebrandt bei derartigen Auftritten sogar treu: denn seine Karriere                 als Kabarettist war im Wesentlichen eine Fernsehkarriere gewesen.               <\/p>\n<p>Ob sich aber wohl auch nur einer jener Intendanten und Regisseure,                 die ihn da im weichen Sessel vor die Kamera schoben, damit er,                 milde und beg\u00fctigend, zum hundertsten Mal \u00fcber seine Erlebnisse                 w\u00e4hrend des Krieges, das Wunder von Bern oder Franz Josef Strau\u00df                 erz\u00e4hlte, erinnerte, wie treffend dieser Hildebrandt einmal den                 Irrglauben gegei\u00dfelt hatte, massenhafter Zuspruch sei ein Zeichen                 f\u00fcr Qualit\u00e4t?: &#8222;Leute, fresst Schei\u00dfe! Millionen Fliegen k\u00f6nnen                 nicht irren&#8220;. <\/p>\n<h3>H\u00e4tten sie <i>so einen<\/i> wohl eingeladen?<\/h3>\n<p>Die k\u00fcnstlerische Karriere Dieter Hildebrandts ist voll von solchen                 Widerspr\u00fcchen. Es war wohl die gro\u00dfe Kabarettistin Helen Vita,                 die das Unerkl\u00e4rliche an dieser Karriere am besten auf den Punkt                 brachte: &#8222;Jemand studiert Theaterwissenschaften, geht auf die                 B\u00fchne und ist dann auf einmal Dieter Hildebrandt&#8220;. <\/p>\n<p>Er war nie der Beste seines Fachs. Durch die Schauspielpr\u00fcfung                 an der ber\u00fchmten Falkenbergschule in M\u00fcnchen fiel der junge Hildebrandt                 sang- und klanglos durch. Er konnte schlecht singen, beherrschte                 kein Instrument, und seine Tanzschritte waren f\u00fcr sich genommen                 schon eine \u00e4u\u00dferst erheiternde Kabarett-Nummer.<\/p>\n<p>Trotzdem pr\u00e4gte er Orientierung, Stil und Ausdruck des Kabaretts                 wie kaum ein zweiter: Zum Beispiel durch seine legend\u00e4ren <i>falschen                 Versprecher<\/i>, die er im Laufe seines B\u00fchnenlebens derart perfektionierte,                 dass man am Ende st\u00e4ndig zusammenzuckte, weil man meinte, der                 alte Mann habe sich tats\u00e4chlich versprochen. <\/p>\n<p>Er war nie der Sch\u00e4rfste seines Fachs. Wolfgang Neuss &#8211; \u00fcbrigens                 wie Hildebrandt stets treues SPD-Mitglied &#8211; war in den sechziger                 Jahren viel sch\u00e4rfer als er. Sein Freund, Regisseur und Weggef\u00e4hrte,                 der Sportreporter Sammy Drechsel, w\u00fcnschte Hildebrandt sogar \u00f6ffentlich                 &#8222;neussschen Biss&#8220;. Trotzdem war auch Hildebrandts Satire zuweilen                 rabenschwarz, treffsicher und gef\u00fcrchtet. <\/p>\n<p>&#8222;Die wahre Satire verletzt nicht&#8220;, schrieb der Literaturparodist                 Robert Neumann einmal: &#8222;Die wahre Satire t\u00f6tet&#8220;. In seinen besten                 Momenten war dies auch Hildebrandts Motto. Etwa, als er mitten                 in den Debatten um die Berufsverbote sich selbst in einem gestellten                 Verh\u00f6r von einem Gutachter fragen lie\u00df: &#8222;Wie stehen Sie zum privaten                 Eigentum?&#8220;. Hildebrandts Antwort: &#8222;Mnjaaa&#8230;&#8220;.<\/p>\n<p>Oder als er nach der Wiedervereinigung gen\u00fcsslich eine Erkl\u00e4rung                 des Bischofs von Fulda verlas, in der es unter anderem hie\u00df: &#8222;Man                 mache sich da keine Illusionen: Die neuen Bundesl\u00e4nder in ihrer                 Mehrheit sind weder christlich noch abendl\u00e4ndisch, sondern nach                 40 Jahren staatlich verordneter Gehirnw\u00e4sche mehrheitlich heidnische                 L\u00e4nder. Das ist zun\u00e4chst einmal n\u00fcchtern festzustellen&#8220;. Hildebrandts                 trockener Kommentar: &#8222;Das kann er nicht n\u00fcchtern festgestellt                 haben&#8220;. <\/p>\n<p>Hildebrandt war aber auch nie der Meistzensierte seines Fachs.                 Dieser Irrtum ist aufgekommen, weil sich der Bayrische Rundfunk                 stets besonders dusselig anstellte, wenn er in vorauseilendem                 Gehorsam versuchte, anst\u00f6\u00dfige Sendungen Hildebrandts aus dem Programm                 zu streichen &#8211; am ber\u00fchmtesten wohl nach Tschernobyl, als der                 zust\u00e4ndige Programmdirektor eine Sendung des &#8222;Scheibenwischer&#8220;                 in Bayern ausschalten lie\u00df. In dieser Folge spielte unter anderem                 Lisa Fitz die hinrei\u00dfende Nummer vom verstrahlten Gro\u00dfvater: &#8222;Ja,                 m\u00fcssen wir unser&#8217;n Opa denn nu&#8216; endlag\u00e4\u00e4\u00e4rn? Oder wiederaufarbeiten?&#8220;.               <\/p>\n<p>Wolfgang Neuss, Dietrich Kittner, Floh de Cologne&#8230; sie alle                 machten mehr oder weniger schmerzhaft Erfahrungen mit dem, was                 nach dem Willen des Grundgesetzes in Deutschland gar nicht stattfindet:                 der Zensur. <\/p>\n<h3>Eines aber hat Dieter Hildebrandt ohne Zweifel exklusiv f\u00fcr                 sich<\/h3>\n<p>Er war, im physischen wie im k\u00fcnstlerischen Sinne, einer der                 langlebigsten B\u00fchnenk\u00fcnstler in der \u00fcber hundertj\u00e4hrigen Geschichte                 des deutschen Kabaretts. In ihm b\u00fcndelten sich gut 50 Jahre erlebte,                 gelebte, angewandte und weiterentwickelte Kabarettkunst. <\/p>\n<p>Seine Laufbahn begann er in der unmittelbaren Nachkriegszeit                 im M\u00fcnchner Kabarett &#8222;Die kleine Freiheit&#8220; &#8211; als Platzanweiser.                 Erich K\u00e4stner und Martin Morlock waren die Autoren, den gr\u00f6\u00dften                 Einfluss auf Hildebrandt aber hatte Werner Finck, der eines Abends,                 misslaunig und gereizt, weil er eigentlich nach Hause wollte,                 in der &#8222;Kleinen Freiheit&#8220; ein Gastspiel gab, das der junge Dieter                 nie vergessen konnte: &#8222;Eine Mischung aus Wut und Spielfreude&#8220;,                 wie er sich sp\u00e4ter erinnerte. <\/p>\n<p>Im Kabarett &#8222;Die Namenlosen&#8220; spielte er unter anderem mit Klaus                 Peter Schreiner, einem ehemaligen Mitglied des Studentenkabaretts                 &#8222;Die Amnestierten&#8220;, das w\u00e4hrend der 50er Jahre grell, frech und                 bunt gegen die Wiederbewaffnung Sturm lief. Zum ersten Ensemble                 der &#8222;M\u00fcnchner Lach- und Schie\u00dfgesellschaft&#8220; geh\u00f6rte der gro\u00dfe                 Star des Berliner Vorkriegskabaretts, Ursula Herking. Hildebrandt                 entwickelte das journalistische Kabarett der Anfangsjahre rasch                 weiter zu einer fast schon literarischen Kunstform, ohne dabei                 in seinen besten Momenten an Biss und Sch\u00e4rfe zu verlieren. <\/p>\n<p>Bald begann auch seine Pr\u00e4senz im Fernsehen &#8211; mit den erw\u00e4hnten                 Begleiterscheinungen. Eine Nummer mit Gerhard Polt \u00fcber den Rhein-Main-Donau-Kanal                 soll Franz Josef Strau\u00df mehrere N\u00e4chte lang vor Wut den Schlaf                 geraubt haben. Das gelungenste Fernsehformat Hildebrandts waren                 vermutlich die &#8222;Notizen aus der Provinz&#8220;: ein Fernsehmagazin,                 das Fernsehmagazine auf die Schippe nahm. Auch sein erstes Programm                 mit Werner Schneyder war erfrischend. <\/p>\n<p>Ob die zahllosen Sendungen des &#8222;Scheibenwischer&#8220; dann noch das                 w\u00fcnschenswerte Niveau an Kunstfertigkeit und Angriffslust hatten,                 m\u00f6gen andere beurteilen. Kabarett im Fernsehen war noch nie das                 beste Kabarett. Daran \u00e4nderte auch Dieter Hildebrandt nichts.                 Aber immerhin: Er versuchte es wenigstens.<\/p>\n<h3>Hildebrandt war ein im besten Sinne des Wortes konservativer                 Kabarettist<\/h3>\n<p>Er verteidigte, als Kind von Krieg und Diktatur, die parlamentarische                 Demokratie der Bundesrepublik Deutschland und ihr Grundgesetz.                 Er k\u00e4mpfte f\u00fcr elementare Werte wie Menschlichkeit, Gerechtigkeit                 und Transparenz. Er war das genaue Gegenteil eines Brands\u00e4tze                 schleudernden B\u00fchnenumst\u00fcrzlers. Aber man mache sich da nichts                 vor: Auch das Kabarett ist eine zutiefst b\u00fcrgerliche, bildungsbeflissene                 und kulturbewahrende Kunstform. Wenn der Kabarettist mit dem erworbenen                 Wissenszusammenhang des Publikums spielen will, so muss er diesen                 Wissenszusammenhang <i>teilen, <\/i>sonst wird keine seiner Pointen                 z\u00fcnden. Was also tun, wenn man Abend f\u00fcr Abend vor 300 Oberstudienr\u00e4ten                 spielt? <\/p>\n<p>Die Versuche der Achtundsechziger, die gem\u00fctlichen Familienzusammenk\u00fcnfte                 des gebildeten B\u00fcrgertums im Kleinkunstkeller durch ideologisches                 Gebr\u00fcll von der B\u00fchne herab zu ersetzen, haben im Grunde nur eines                 bewirkt: grausige Programme. Erst die Szene-Kabaretts der &#8222;Drei                 Tornados&#8220; und des &#8222;Vorl\u00e4ufigen Frankfurter Fronttheaters&#8220; verschoben                 die &#8218;Kunst des Kabaretts&#8216; sachte in ein neues Milieu. <\/p>\n<p>In gewissem Sinne war Dieter Hildebrandt tats\u00e4chlich so etwas                 wie die Verk\u00f6rperung des deutschen Kabaretts, mit all seinen M\u00f6glichkeiten                 und Grenzen. Die L\u00fccke, die sein Tod gerissen hat, wird nicht                 leicht zu f\u00fcllen sein. Denn vermutlich wird man sich schon bald                 nach einem intelligenten Konservativen wie ihm zur\u00fccksehnen, wenn                 auf der Mattscheibe endg\u00fcltig nur noch grenzdebile, grunzende                 Dauergrinser herumhampeln und \u00f6ffentlich-rechtliche Sender dieses                 tr\u00fcbe Spektakel als &#8222;Kabarett&#8220; zu verkaufen versuchen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Das Gewissen ist ein Spiegel, vor dem ein Affe sich qu\u00e4lt&#8220;, l\u00e4sst Georg B\u00fcchner seinen Danton sagen. Und qu\u00e4lend war es ohne Zweifel, wie der alternde Hildebrandt durch die Talkshows gereicht wurde, in denen sich seine politischen Freunde und Gegner wie Affen vor ihm qu\u00e4lten &#8211; Norbert Bl\u00fcm vorneweg. Dieter Hildebrandt war f\u00fcr ein millionenfaches &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/12\/nachruf-auf-dieter-hildebrandt\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Nachruf auf Dieter Hildebrandt - graswurzelrevolution","description":"\"Das Gewissen ist ein Spiegel, vor dem ein Affe sich qu\u00e4lt\", l\u00e4sst Georg B\u00fcchner seinen Danton sagen. Und qu\u00e4lend war es ohne Zweifel, wie der alternde Hildebra"},"footnotes":""},"categories":[727,1035],"tags":[],"class_list":["post-13165","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-384-dezember-2013","category-wunderkammer"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13165","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13165"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13165\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13165"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13165"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13165"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}