{"id":13178,"date":"2013-12-01T00:00:51","date_gmt":"2013-11-30T22:00:51","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13178"},"modified":"2022-07-26T14:12:09","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:09","slug":"eine-gelungene-einfuehrung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/12\/eine-gelungene-einfuehrung\/","title":{"rendered":"Eine gelungene Einf\u00fchrung"},"content":{"rendered":"<p>Obwohl Christentum und Anarchismus nicht in dem Ruf stehen, viel                 gemeinsam zu haben, gibt es dennoch Ber\u00fchrungspunkte und \u00dcberlappungen:                 Einzelpersonen, die sich entweder in beiden Bewegungen verorten                 oder die in ihrem politischen Denken Impulse aus beiden Str\u00f6mungen                 miteinander kombinieren, aber auch Gruppierungen, die sich sowohl                 als anarchistisch als auch als christlich verstehen. <\/p>\n<p>Sebastian Kalicha hat in diesem Band einige dieser Positionen                 versammelt, wobei sowohl Au\u00dfen- wie auch Innenperspektive zu Wort                 kommen. Neben Beitr\u00e4gen also, die aus einer neutralen Perspektive                 die Verbindungslinien zwischen Anarchismus und Christentum nachzeichnen                 &#8211; dazu geh\u00f6ren der einleitende \u00dcberblicksartikel sowie die Beitr\u00e4ge                 \u00fcber christlich-anarchistische Pers\u00f6nlichkeiten wie den franz\u00f6sischen                 Philosophen Jacques Ellul (1912-1994) oder den b\u00f6hmischen Reformator                 Peter Chel\u00e8ick\u00fd (15. Jahrhundert) &#8211; stammen andere Artikel aus                 der Feder von Aktivisten aus dem christlich-anarchistischen Umfeld                 selbst.<\/p>\n<p>So schreibt der australische Community-Worker Dave Andrews \u00fcber                 die &#8222;subversive Spiritualit\u00e4t der Christi-Anarchy&#8220;, Tom Cornell                 von der US-amerikanischen Bewegung &#8222;Catholic Worker&#8220; stellt den                 Aktivismus von Dorothy Day und Ammon Hennacy vor, die diese Bewegung                 ma\u00dfgeblich gepr\u00e4gt haben, und der baptistische Pastor Simon Moyle                 reflektiert aus seinen politischen Erfahrungen heraus Theorie                 und Praxis des christlichen Anarchismus.<\/p>\n<p>Dabei wird deutlich, dass es ideengeschichtlich immer wieder                 \u00e4hnliche Aspekte sind, die hierbei eine Rolle spielen. So wird                 in mehreren Beitr\u00e4gen das Thema Gewaltfreiheit aufgegriffen, die                 in der christlichen Tradition vor allem auf die so genannte &#8222;Bergpredigt&#8220;                 zur\u00fcckgeht (in der die Grundlinien einer jesuanischen Ethik zusammengefasst                 sind, Matth\u00e4usevangelium Kapitel 5).<\/p>\n<p>Ihrer Auslegung ist ein eigenes Kapitel gewidmet, dessen Autor,                 der Politikwissenschaftler Alexandre Christoyannopoulos, die Bergpredigt                 sogar als &#8222;christlich-anarchistisches Manifest&#8220; versteht. <\/p>\n<p>Insbesondere ist dabei Jesu Aufforderung von Interesse: &#8222;Ich                 aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem \u00dcbel; sondern,                 wenn dir jemand auf die rechten Backe schl\u00e4gt, so halte ihm auch                 die andere hin.&#8220; Dass das eine Aufforderung zur Gewaltfreiheit                 ist, ist klar, anderes allerdings bleibt zu diskutieren: Ist mit                 dem &#8222;\u00dcbel&#8220; jegliches B\u00f6ses gemeint oder nur (wie man es auch \u00fcbersetzen                 kann) der &#8222;\u00dcbelt\u00e4ter&#8220;? Soll man dem \u00dcbel gar nicht widerstehen                 (wie Leo Tolstoi meinte) oder nur nicht unter Anwendung von Gewalt?                 Wie ist eine solche Aussage vor ihrem historischen Kontext zu                 verstehen? Und ist das jesuanische Gewaltverbot ein prinzipielles                 oder ein strategisches? <\/p>\n<p>Ein weiteres wichtiges Thema ist die christliche Staatskritik,                 die sich historisch an der Auseinandersetzung der j\u00fcdischen Theologie                 mit der r\u00f6mischen Besatzung festmacht. Dieser Komplex wird ebenfalls                 in mehreren Beitr\u00e4gen angesprochen, allerdings nicht so systematisch                 durchgearbeitet wie die Bergpredigt. F\u00fcr das Thema des Buches                 ist die Frage der Staatskritik aber eigentlich zentraler, denn                 w\u00e4hrend sich Gewaltlosigkeit ja in vielen Weltanschauungen findet,                 ist die Ablehnung staatlicher Ordnungen sowohl im Christentum                 als auch im Anarchismus ein Alleinstellungsmerkmal &#8211; sie unterscheidet,                 zumindest in der Tendenz, den Anarchismus von anderen sozialistischen                 Bewegungen und das Christentum von anderen Religionen. <\/p>\n<p>Ein drittes Thema ist die Frage nach dem Gottesverst\u00e4ndnis, die                 ja entscheidend ist, um einen der wesentlichen Konflikte zwischen                 Anarchismus und Christentum zu verstehen: die Frage nach der Unterordnung                 unter eine h\u00f6here Autorit\u00e4t namens &#8222;Gott&#8220;. <\/p>\n<p>In einer Tradition, die in Gott ein h\u00f6heres Wesen sieht, dessen                 Befehlen sich die Menschen unterzuordnen haben, entsteht zwangsl\u00e4ufig                 ein Konflikt zwischen dem Streben nach herrschaftsfreien Zust\u00e4nden                 und Religiosit\u00e4t, und das ist &#8211; neben konkreter Kirchenkritik                 &#8211; ein Hauptargument im atheistischen Anarchismus. Es liegt auf                 der Hand, dass christlicher Anarchismus unter &#8222;Gott&#8220; etwas anderes                 verstehen muss als den &#8222;gro\u00dfen Zampano da oben&#8220;, aber was genau,                 h\u00e4tte im Buch noch etwas ausf\u00fchrlicher verhandelt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dennoch ist dieser Sammelband unbedingt lesenswert und als Einf\u00fchrung                 in die ideengeschichtlichen Verbindungen zwischen Christentum                 und Anarchismus sehr gelungen. <\/p>\n<p>Der einzige wirkliche Mangel ist, dass die wichtigste christlich-anarchistische                 Denkerin des 20. Jahrhunderts v\u00f6llig fehlt: Simone Weil. ((1))               <\/p>\n<p>Nicht nur wird ihr Denken nicht dargestellt, sie wird auch von                 keinem der Autoren (Autorinnen gibt es keine) wenigstens mal erw\u00e4hnt.                 Angesichts der ideengeschichtlichen Bedeutung von Weil ist diese                 Leerstelle unbegreiflich. <\/p>\n<p>Zudem w\u00e4re sie ein Beleg daf\u00fcr gewesen, dass sich christliche                 und anarchistische Grunds\u00e4tze nicht nur miteinander vereinbaren                 lassen, sondern dass aus ihrer Kombination heraus originelle (und                 nach wie vor aktuelle) politische Ans\u00e4tze entstanden sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Obwohl Christentum und Anarchismus nicht in dem Ruf stehen, viel gemeinsam zu haben, gibt es dennoch Ber\u00fchrungspunkte und \u00dcberlappungen: Einzelpersonen, die sich entweder in beiden Bewegungen verorten oder die in ihrem politischen Denken Impulse aus beiden Str\u00f6mungen miteinander kombinieren, aber auch Gruppierungen, die sich sowohl als anarchistisch als auch als christlich verstehen. Sebastian Kalicha hat &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/12\/eine-gelungene-einfuehrung\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Eine gelungene Einf\u00fchrung - graswurzelrevolution","description":"Obwohl Christentum und Anarchismus nicht in dem Ruf stehen, viel gemeinsam zu haben, gibt es dennoch Ber\u00fchrungspunkte und \u00dcberlappungen: Einzelpersonen, die sic"},"footnotes":""},"categories":[727,44,59,1042],"tags":[],"class_list":["post-13178","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-384-dezember-2013","category-bucher","category-graswurzelrevolution","category-ohne-chef-und-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13178","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13178"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13178\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13178"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13178"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13178"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}