{"id":13182,"date":"2013-12-01T00:00:13","date_gmt":"2013-11-30T22:00:13","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13182"},"modified":"2022-07-26T14:12:10","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:10","slug":"albert-camus-anarchosyndikalist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/12\/albert-camus-anarchosyndikalist\/","title":{"rendered":"Albert Camus, Anarchosyndikalist"},"content":{"rendered":"<p>Wie stark Camus an Diskussionen, Aktivit\u00e4ten, Kampagnen von AnarchistInnen                 und AnarchosyndikalistInnen beteiligt war, zeigt sehr gut die                 ausf\u00fchrliche Einleitung Lou Marins.<\/p>\n<p>Die 50er Jahre sind uns atmosph\u00e4risch heute fremd, viele Themen                 und Bez\u00fcge verblasst, so dass eine Kommentierung von Ereignissen                 und Personen notwendig ist, um zu einem angemessenen Verst\u00e4ndnis                 der Texte zu gelangen und diese in ihren Kontext zu stellen. Gerade                 die f\u00fcr Camus selbstverst\u00e4ndliche Verbindung zu den Traditionen                 und Aktivit\u00e4ten der antiautorit\u00e4ren ArbeiterInnen wurde auch in                 fr\u00fcheren deutschsprachigen Ver\u00f6ffentlichungen nicht deutlich.<\/p>\n<h3>I. Camus lesen und wiederlesen<\/h3>\n<p>1970 bestellte ich beim politischen Buchladen &#8222;Aktion&#8220; in T\u00fcbingen                 mehrere Exemplare von Camus&#8216; &#8222;Der Mensch in der Revolte&#8220; neben                 anderen B\u00fcchern, etwa dem Raubdruck von Anna Freuds Werk &#8222;Das                 Ich und die Abwehrmechanismen&#8220;, auch dieses gleich mehrfach zur                 Weiterverbreitung.<\/p>\n<p>Langfristig war sicherlich &#8222;Das Ich&#8220; bei den K\u00e4uferInnen wesentlich                 &#8222;nachhaltiger&#8220; und besonders die Abwehrmechanismen sollen sich                 im Dauerbetrieb als erstaunlich stabil erwiesen haben, w\u00e4hrend                 die &#8222;Revolte&#8220; auch bei mir selbst mit allerhand Ablenkungen und                 Unterbrechungen zu k\u00e4mpfen hatte. <\/p>\n<p>Es geh\u00f6rt zu den Problemen der Revolte und der sozialen Bewegungen,                 dass es hier Diskontinuit\u00e4ten gibt.<\/p>\n<p>Also spielte Camus nur gelegentlich in unseren Diskussionen eine                 Rolle, unsere B\u00fcchertische boten immer ein oder zwei Werke von                 Camus an. Dabei war Camus damals sehr unzeitgem\u00e4\u00df ((2)).                 Auch sp\u00e4ter wurde in unseren Ver\u00f6ffentlichungen Camus immer wieder                 zu einem Bezugspunkt. ((3)) <\/p>\n<p>Der &#8222;Mensch in der Revolte&#8220; geh\u00f6rt f\u00fcr mich zu den untersch\u00e4tztesten                 B\u00fcchern. Man kann der Beschreibung und Beurteilung jeder einzelnen                 Person und Bewegung widersprechen und muss doch zugeben, dass                 hier versucht wird, wirkliche Probleme der sozialen und \u00e4sthetischen                 Befreiungs-Bewegungen zu behandeln, innere Widerspr\u00fcche, die urspr\u00fcngliche                 Impulse sogar in ihr Gegenteil verkehren k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Es handelt sich um den Versuch, eine &#8222;Dialektik der Aufkl\u00e4rung&#8220;                 rebellischer und revolution\u00e4rer Motive darzustellen, die wenig                 verstanden wurde und auch von den sich &#8222;postmodern&#8220; Deklarierenden                 nicht aufgenommen wurde, obwohl viele ihrer Themen auch hier schon                 behandelt sind. Letzteres allerdings mit einem positiven Bezug                 auf die Tradition des antiautorit\u00e4ren Sozialismus.<\/p>\n<p>Dass das Buch kaum systematisch diskutiert wurde, hat neben dem                 Zeitgeist m\u00f6glicherweise auch mit der \u00dcbersetzung zu tun und einer                 fehlenden Kommentierung, so dass man bei der Kommune nicht an                 die Pariser Commune denkt, sondern an die &#8222;Gemeinde&#8220;, die auch                 schon bessere Zeiten erlebt hat und einmal Freiheiten gegen feudale                 und absolutistische Ordnung verteidigte, w\u00e4hrend heutige LeserInnen                 bei dem Wort eher an ihre Schlaf- und \u00dcberwachungsst\u00e4dte denken.                 Mir ist schon die \u00dcbersetzung des Titels nicht recht geheuer:                 &#8220; &#8230; in der Revolte&#8220; hat &#8211; gegen die Intention des Verfassers                 &#8211; eine Tendenz zur Verdinglichung und Verr\u00e4umlichung. Wie w\u00e4re                 &#8222;Der revoltierende Mensch&#8220;? Besser noch: &#8222;(Wir) Revoltierende                 Menschen&#8220;, denn die Konzeption zielt auf den Plural und auf Br\u00fcderlichkeit,                 Anerkennung zwischen den Revoltierenden: Der immer wieder abirrende,                 von enormen R\u00fcckschl\u00e4gen begleitete Weg &#8222;Vom Ich zum Wir&#8220;.<\/p>\n<p>Die \u00e4sthetischen und philosophischen Revolten, der Individualismus                 kommen ja \u00fcber blo\u00dfe Modernisierungsbewegungen nicht hinaus, versumpfen                 im Betrieb. Zu ihrer Erweiterung und Stabilisierung bedarf es                 einer gesellschaftlichen Synthese aus Freiheit und Gerechtigkeit,                 die nie gegeneinander ausgespielt werden d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Wie oft war die Bewegung der Rebellion so wie es Camus&#8216; Leser                 Dylan dargestellt hat:<\/p>\n<p><i>&#8222;There was music in the cafes at night<br \/>                 <\/i><i>and revolution in the air.<br \/>                 <\/i><i>Then he started into dealing with slaves<br \/>                 <\/i><i>And something inside of him died \u2026&#8220;<\/i><\/p>\n<p>(Tangled up in blue, wie auch der Plattentitel sagt: Blood on                 the tracks!).<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu einem erfolgsanbeterischen &#8222;Immer mehr, immer                 besser&#8220; (wogegen auch Gustav Landauer schon vergeblich gepredigt                 hat und wie es leider nicht nur f\u00fcr Sozialdemokratie und &#8222;real                 existierenden Sozialismus&#8220; so typisch werden sollte) ist f\u00fcr die                 sozialen Bewegungen wie die anarchistische Theorie gerade die                 Frage nach den Niederlagen und den Niederlagen in den Scheinsiegen                 das zentrale Thema.<\/p>\n<p>&#8222;Der Mensch in der Revolte&#8220; ist ein Buch \u00fcber Ziele und Mittel,                 das auch von viel zu vielen libert\u00e4ren Er\u00f6rterungen \u00fcber &#8222;Ethik&#8220;                 ignoriert wird, ein Buch, das mit Simone Weil die konkrete Situation                 der Arbeitenden in den Blick nimmt und damit ihre Versklavung                 unter Technik und Organisation (die Disziplin, die am Arbeitsplatz                 gelernt wird, schult nicht etwa in Vorbereitung auf den Sozialismus,                 wie Marx postulierte, sondern sie zerst\u00f6rt den unabh\u00e4ngigen Geist                 der Freiheit wie des Gerechtigkeitsempfindens au\u00dfer in konkurrierenden                 Schrumpfformen und zuletzt bleibt auch von der Br\u00fcderlichkeit                 nur: Die Ich-AG!). Deshalb gab es in den 70er Jahren die Fragestellung,                 ob revolution\u00e4r nicht nur die Industriearbeiter der ersten Generation                 sind, diejenigen, die einen moral\u00f6konomischen Hintergrund haben,                 wie er auch bei Camus immer wieder anklingt und die eben noch                 Utopien mitbringen, die sie nicht ohne weiteres dem Technikfetisch                 und einer Standortlogik opfern. <\/p>\n<p>Revoltieren nicht nur die, die sich noch nicht eingew\u00f6hnt haben?<\/p>\n<p>Ich f\u00fchre ein letztes Beispiel an: Wie viele Einf\u00fchrungen in                 Sozialismus oder Herrschaftslosigkeit begn\u00fcgen sich immer noch                 saint-simonistisch damit, zu behaupten, Ziel sei &#8222;die Abl\u00f6sung                 der Herrschaft von Menschen \u00fcber Menschen durch die Verwaltung                 von Sachen&#8220;. Diese alte Formel wurde so oft wiederholt, dass dabei                 ganz vergessen wurde, dass l\u00e4ngst die &#8222;Verwaltung von Sachen&#8220;                 (und damit von Menschen als Sachen, Camus war nat\u00fcrlich zu seiner                 Zeit gepr\u00e4gt durch die nationalsozialistischen und stalinistischen                 Lager!) zum entscheidenden Merkmal von Herrschaft geworden ist                 (es gen\u00fcgen heute eben Daten, um nur das neueste Beispiel anzuf\u00fchren).                 Und dabei hatte schon Max Weber das allzu simple Verfahren kritisiert,                 die gute Verwaltung gegen die b\u00f6se Herrschaft auszuspielen. ((4))               <\/p>\n<p>Eine m\u00f6gliche Lesart des Buches w\u00e4re auch: Die Abenteuer der                 S\u00e4kularisierung. Nach dem Tod Gottes entstehen st\u00e4ndig neue G\u00f6tter,                 es wird eine s\u00e4kularisierte Unsterblichkeit in vielen Kunstreligionen                 (nicht nur Kunst im engeren Sinn, sondern besonders im Nationalismus:                 Du musst sterben, damit Dein Volk leben kann, und dadurch wirst                 Du unsterblich: Heldendenkm\u00e4ler wollen diese Botschaft verbreiten)                 konstruiert, nicht zuletzt wird die Selbstvergottung t\u00e4gliche                 Praxis. Was nat\u00fcrlich jede Solidarisierung und damit jede Hoffnung                 auf Befreiung untergr\u00e4bt.<\/p>\n<h3>II. Weder Opfer noch Henker<\/h3>\n<p>Besonders &#8222;Der Mensch in der Revolte&#8220;, aber auch andere Schriften                 von Camus werden verst\u00e4ndlicher durch die Zeitungsartikel, Aufrufe,                 Reden, die in dem Band nun auch deutsch vorliegen (eine franz\u00f6sische                 Ausgabe erschien zuerst 2008 ((5))),                 ganz besonders aber durch die lange Einleitung Lou Marins, die                 Verbindungen und Themen offen legt ((6)).               <\/p>\n<p>Denn viele Konfrontationen und Hoffnungen der Zeit sind uns heute                 weitgehend unbekannt. Die \u00e4lteren unter uns erinnern sich noch,                 dass Kriegsdienstverweigerer nicht nur in Frankreich f\u00fcr das gleiche                 Delikt mehrfach bestraft wurden (aber nein, sie verweigerten ja                 erneut, ein Dieb, der wieder stiehlt, kann auch wieder bestraft                 werden &#8211; so gingen die Begr\u00fcndungen), dass der Anarchist Louis                 Lecoin durch viele Kampagnen und einen Hungerstreik schlie\u00dflich                 ein &#8222;Statut&#8220; f\u00fcr die Verweigerer erk\u00e4mpfen konnte, f\u00fcr das aber                 nicht \u00f6ffentlich geworben werden durfte! <\/p>\n<p>Hier nun findet man Camus&#8216; Beitr\u00e4ge genau dokumentiert, und nicht                 nur seinen unerm\u00fcdlichen Einsatz f\u00fcr die Kriegsdienstverweigerer                 und Verweigerer des Algerienkrieges, sondern ganz besonders f\u00fcr                 die spanischen Fl\u00fcchtlinge, f\u00fcr die Meinungs- und Pressefreiheit                 \u00fcberall auf der Welt, f\u00fcr die Opfer stalinistischer Repression,                 gegen Folter und Todesstrafe \u00fcberall. Und alle Aktivit\u00e4ten fanden                 in enger, kameradschaftlicher Zusammenarbeit mit SyndikalistInnen                 und AnarchistInnen und fr\u00fcheren TrotzkistInnen statt, denen Camus                 mit seinem ber\u00fchmten Namen und mit Geld half, weil er sich selbst                 als Teil dieser Bewegungen begriff. <\/p>\n<p>&#8222;Camus war von jener seltenen Sorte Mensch, der \u00fcberhaupt keine                 Selbstdarstellung suchte oder irgendeinen Heldenschein aufgrund                 seiner Solidarit\u00e4tsgesten bekommen wollte. Er bestand im Gegenteil                 darauf, dass nicht bekannt werde, dass diese oder jene Geldsumme                 zur Unterst\u00fctzung eines gefangenen Genossen oder seiner Familie                 von ihm stammte. Brassens verfuhr ebenso &#8230;&#8220; (Fernando G\u00f3mez                 Pel\u00e1ez, zit. S. 357)<\/p>\n<p>Dabei f\u00fchlte er sich, wenn er als Journalist arbeitete, offensichtlich                 besonders unter den DruckereiarbeiterInnen wohl, war mehr mit                 Setzern und Druckern zusammen als mit den anderen Journalisten                 und fand hier ein intelligentes, sympathisches, klassenbewusstes                 Milieu.<\/p>\n<p>Und die AnarchistInnen und AnarchosyndikalistInnen f\u00fchrten ihn                 in die Traditionen des libert\u00e4ren Sozialismus ein, besprachen                 auch nicht wenige Verirrungen, denn in diesem Milieu waren etliche                 Anarchobolschewisten, die ihre Ansichten ge\u00e4ndert hatten und durch                 schwere K\u00e4mpfe mit den Stalinisten gelernt hatten, dass die konkreten                 Freiheiten nicht auf dem Altar einer angeblichen historischen                 Notwendigkeit oder einer besseren Zukunft geopfert werden d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Das Milieu, in dem Camus Bekannte und FreundInnen fand, konnte                 \u00fcber soziale Bewegungen und anarchistische Erfahrungen seit den                 1890er Jahren berichten: Rirette Ma\u00eetrejean, die fr\u00fchere Lebensgef\u00e4hrtin                 von Victor Serge, hatte seit den individualistischen Bewegungen                 um 1890 alle gewerkschaftlichen und internationalistischen Bewegungen                 erlebt, Nicolas Lazar\u00e9vitch (in Deutschland bekannter ist seine                 Lebensgef\u00e4hrtin Ida Mett wegen ihrer Arbeit \u00fcber den Kronst\u00e4dter                 Aufstand 1921 gegen die Bolschewiki) verk\u00f6rpert geradezu die leidvolle                 Geschichte libert\u00e4rer Bewegungen. Viele Freunde Camus&#8216; waren Aktivisten                 der syndikalistischen CGT (Pierre Monatte), manche schon vor dem                 ersten Weltkrieg gewesen und oft nach verschiedenen Irrungen wieder                 bei internationalistischen syndikalistischen Gruppen und Zeitungen                 wie &#8222;Revolution proletarienne&#8220; (Rosmer) , andere waren in den                 anarchistischen F\u00f6derationen aktiv (Andre Prudhommeaux). Besonders                 wichtig war die antimilitaristische Kulturzeitschrift &#8222;Temoins&#8220;;                 hier erschienen u.a. Diskussionsbeitr\u00e4ge Camus&#8216; zum 19. Juli 1936,                 dem Beginn der spanischen Revolution, zum 17.Juni 1953, dem ostdeutschen                 Arbeiteraufstand, zur ungarischen Revolution 1956.<\/p>\n<p>Camus legte gro\u00dfen Wert auf ein B\u00fcndnis freiheitlicher Intellektueller                 und syndikalistischer ArbeiterInnen.<\/p>\n<p>Sehr interessant fand ich , dass die wenigen Seiten, die im &#8222;homme                 r\u00e9volt\u00e9&#8220; ganz direkt Bakunin gewidmet sind (indirekt ist Bakunin                 an ganz vielen Stellen anwesend) 1952 eine lange (50 S.) und polemische                 Antwort von Gaston Leval im &#8222;Libertaire&#8220; provoziert hatten. Gl\u00fccklich                 die Zeitung, die \u00fcber so viele Seiten solche Themen diskutiert,                 solche Diskussionen sollten allen Kapiteln des Buches gewidmet                 werden! In Zeiten des &#8222;Infotainments&#8220; leider v\u00f6llig ausgeschlossen.               <\/p>\n<p>Leval erhebt kluge und h\u00e4ufig zutreffende Einw\u00e4nde und beschuldigt                 Camus eines Bakunin-Leser\u00fcckstands von einigen Tausend Seiten;                 dennoch kommt es mir so vor, dass er das Bakunin-Kapitel zu sehr                 isoliert (gelesen hat). Im Kontext k\u00f6nnte man die kritisierten                 Seiten so lesen, dass hier selbst-widerspr\u00fcchlicheTendenzen und                 offene Widerspr\u00fcche bei Bakunin benannt werden &#8211; w\u00e4hrend die ganze                 Konzeption des Buches geradezu bakunistisch ist ((7)).               <\/p>\n<p>Das sagt ganz zum Schluss seiner Polemik auch Leval: &#8222;wenn Sie                 das Denken Bakunins wirklich kennten, bemerken w\u00fcrden, dass Sie                 selbst zu einem gro\u00dfen Teil bakunistisch sind&#8220; (S. 148), und Camus                 stimmt ihm letztlich zu und sagt sogar, dass Bakunins Widerspr\u00fcche                 auch seine eigenen seien. Weiter wird dann im Buch gelegentlich                 (etwa zwischen Leval und Samson) noch die Frage behandelt, ob                 Bakunin wissenschaftsfeindlich war. ((8))               <\/p>\n<p>Camus&#8216; Verbindungen zu den fr\u00fcheren Kampfgef\u00e4hrten aus der &#8222;Resistance&#8220;                 wurden nach dem Krieg schnell schw\u00e4cher, die Wege trennten sich                 oft. Was einmal Gemeinsamkeit gewesen war, wurde zerrieben zwischen                 den Ost-West-Spannungen des Kalten Krieges. Camus wollte weder                 mit &#8222;Demokratien&#8220; paktieren, die das franquistische Spanien willkommen                 hie\u00dfen, noch mit einem &#8222;sozialistischen&#8220; Block, der Schauprozesse,                 Lager, bewaffnete Niederschlagung von Arbeiteraufst\u00e4nden verteidigte.               <\/p>\n<p>So waren seine Bezugspunkte ganz nat\u00fcrlich die libert\u00e4ren Gruppen,                 die die gleiche Weigerung, eine Freiheit ohne Gerechtigkeit oder                 eine Gerechtigkeit ohne Freiheit f\u00fcr auch nur denkm\u00f6glich zu halten,                 mit ihm teilten. W\u00e4hrend marxistische Parteien mit der b\u00fcrgerlichen                 Freiheit gleich die tats\u00e4chlichen Freiheiten als &#8222;Illusion&#8220; oder                 &#8222;Schim\u00e4re&#8220; denunzieren und verachten, kommt f\u00fcr Camus und seine                 Freunde (besonders Jean-Paul Samson von den &#8222;T\u00e9moins&#8220;) alles darauf                 an, die tats\u00e4chliche Freiheit zu erk\u00e4mpfen: Gegen die &#8222;realsozialistische&#8220;                 Repression und die b\u00fcrgerliche Scheinfreiheit der reichen Leute.<\/p>\n<h3>III. Spanien &#8211; die Hoffnung dieser Generation<\/h3>\n<p>Immer wieder wird deutlich, dass der Ort von Camus&#8216; Utopie das                 revolution\u00e4re Spanien war, auch viele Verbindungen (mit Louis                 Mercier, Helmut R\u00fcdiger, seine Mitarbeit an den Groupes de Liaison                 Internationale &#8230;) weisen in diese Richtung. Er spricht voller                 Pathos \u00fcber das freie Spanien, den Heroismus der Freiheit: &#8222;Spanien                 war unser wahrer Lehrmeister&#8220; (S. 225).<\/p>\n<p>Man muss sich dazu verdeutlichen, dass es durchaus nicht selbstverst\u00e4ndlich                 war, dass Franco sich 1945 an der Macht halten konnte, es gab                 die Hoffnung, dass er mit seinen faschistischen Unterst\u00fctzern                 ebenfalls gest\u00fcrzt werden k\u00f6nnte. Aber der Ost-West-Konflikt lie\u00df                 die Westm\u00e4chte schnell auf Francos Eingliederung in &#8222;die Verteidigung                 des Abendlandes&#8220; setzen. In Spanien ging der Krieg weiter. Das                 wurde f\u00fcr Camus zu einem zentralen Thema, er k\u00e4mpft dagegen, dass                 diplomatische Beziehungen zu Franco-Spanien aufgenommen werden                 und lehnt eine Zusammenarbeit mit der UNESCO ab, weil diese das                 faschistische Spanien aufnehmen will. <\/p>\n<p>Mitte der 50er Jahre muss Camus schon die Unzeitgem\u00e4\u00dfheit seiner                 Hoffnungen und der spanischen freiheitlichen Bewegungen anerkennen                 und feiert mit Don Quijote &#8222;350 Jahre Unzeitgem\u00e4\u00dfheit&#8220; mit den                 Syndikalisten &#8222;in den Katakomben des Exils&#8220; (S. 165).<\/p>\n<p>&#8222;Der Kult der Geschichte ist nichts anderes als der Kult der                 vollendeten Tatsachen.&#8220;, hei\u00dft es auf Seite 225 der &#8222;Libert\u00e4ren                 Schriften&#8220;.<\/p>\n<p>Die Zukunft Europas h\u00e4ngt f\u00fcr Camus &#8211; um es zugespitzt zu sagen                 &#8211; an Spanien, und dort letztlich an der CNT: &#8222;Es ist diese Kultur,                 die uns dabei helfen kann, ein neues Europa aufzubauen, das nichts                 auf dieser Welt ausschlie\u00dft und den Menschen nirgendwo verst\u00fcmmelt.&#8220;                 (S. 287). Und in der Streikbewegung 1951 sieht er, &#8222;dass das wahre                 Spanien nicht tot ist und dass es von Neuem seinen Platz einfordert.&#8220;<\/p>\n<p>Unm\u00f6glich, hier alles aufzuz\u00e4hlen, was Camus und die CNT verband,                 das tut \u00fcberzeugend einer der sch\u00f6nsten Aufs\u00e4tze des Bandes: Freddy                 Gomez: Br\u00fcderlichkeit im Kampfe, Treue in der Einsamkeit: Camus                 und die Solidaridad Obrera (S. 349-362). So wundert es auch nicht,                 dass Felipe Ala\u00edz 1952 den &#8222;Menschen in der Revolte&#8220; in der Solidaridad                 Obrera in zehn Artikeln diskutierte; eine \u00dcbersetzung k\u00f6nnte interessant                 sein. <\/p>\n<p>Camus unterscheidet nun eine freiheitliche von einer fortschrittlichen                 Linken, der Trennungspunkt ist, ob man &#8222;historische Notwendigkeiten&#8220;                 und &#8222;effektive&#8220; Gewalt anbetet oder den alten Pflichten der Freiheit                 die Treue h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Aber auch die spanische Erfahrung 1936 bleibt nicht ohne Kritik;                 Camus setzt sich f\u00fcr die Ver\u00f6ffentlichung von Simone Weils Brief                 an Bernanos in Temoins ein, in dem sie die Gewalt auch der Anarchisten                 kritisiert. ((9)) Die dazu abgedruckten                 Texte zeigen ein intellektuell redliches und problembewusstes                 Milieu wie es nicht allzu h\u00e4ufig zu finden ist.<\/p>\n<p>Um den Wert der Freiheit wiederherzustellen, muss vor allem die                 falsche Gegen\u00fcberstellung \u00fcberwunden werden, die so tut als sei                 f\u00fcr die arbeitenden Klassen nur Gerechtigkeit, gar Versorgung                 ein Thema. &#8222;Je mehr die Freiheit in der Welt an Boden verliert,                 desto mehr w\u00e4chst das Elend &#8230;&#8220; (S. 302) Auch Kultur und Arbeit                 k\u00f6nnen niemals getrennt sein, sonst entstehen darauf lediglich                 Privilegien f\u00fcr b\u00fcrgerliche Intellektuelle. <\/p>\n<p>&#8222;Die Tyranneien wie auch die auf Geld basierenden Demokratien                 wissen, dass man die Arbeit von der Kultur trennen muss, um zu                 herrschen.&#8220; (S. 330).<\/p>\n<p>Camus glaubt auch nicht an eine spezifische Arbeiterliteratur,                 sondern wenn Arbeiter gute Literatur schreiben, dann ist ihre                 Literatur &#8211; gro\u00dfe Literatur! Wie die von Tolstoi. Camus&#8216; Utopie                 ist, dass es auf der &#8222;einen Seite keine K\u00fcnstler und auf der anderen                 Seite keine Arbeiter mehr geben&#8220; wird, &#8222;sondern nur noch eine                 einzige Klasse der Sch\u00f6pferischen.&#8220; (S. 331) .<\/p>\n<h3>IV. Algerien<\/h3>\n<p>Besonders bitter ist die bis heute anhaltende Geschichte der                 Verleumdungen Camus&#8216; wegen seiner kritischen Haltung der FLN (Front                 de Lib\u00e9ration nationale) gegen\u00fcber. Camus war seit langem der                 algerischen Nationalbewegung von Messali Hadj verbunden, die nun                 von der FLN diffamiert und mit teilweise terroristischen Methoden                 verdr\u00e4ngt wurde. Camus setzte sich mehrfach f\u00fcr einen Waffenstillstand                 als Voraussetzung f\u00fcr Verhandlungen aller Beteiligten ein.<\/p>\n<p>Besonders zum Vorwurf gemacht wurde Camus dann eine Aussage,                 die er nach der Nobelpreisverleihung in Stockholm 1957 bei einer                 Diskussion mit StudentInnen gemacht hatte (auch Helmut R\u00fcdiger                 war zugegen und berichtete f\u00fcr das SAC-Organ Arbetaren).<\/p>\n<p>Auf die etwas provozierende Frage des jungen Said Kessal hatte                 Camus ganz im Sinne seiner Ablehnung terroristischer Gewalt gegen                 Zivilisten geantwortet:<\/p>\n<p>&#8222;In diesem Moment wirft man Bomben auf die Stra\u00dfenbahnen von                 Algier. Meine Mutter k\u00f6nnte sich in einer dieser Stra\u00dfenbahnen                 befinden. Wenn genau das Gerechtigkeit ist, dann ziehe ich meine                 Mutter vor.&#8220; (zit. S. 60). Daraus wurde in Paris ein &#8222;Skandal&#8220;:                 Er w\u00e4hlt seine Mutter statt der Gerechtigkeit. Jahre sp\u00e4ter hat                 sich der Schriftsteller Jos\u00e9 Lenzini auf die Suche nach dem damaligen                 Studenten gemacht und von dem inzwischen alten Mann erfahren,                 dass dieser von dem Vorgang selbst \u00fcberrascht war und sich erst                 danach mit Camus besch\u00e4ftigte, dessen alte Artikelserie \u00fcber das                 Elend in der Kabylei und seine anderen B\u00fccher las. Said Kessal                 war selbst Kabyle. Er suchte nun das Gespr\u00e4ch und wollte ihn 1960                 besuchen &#8211; aber da war Camus gerade durch einen Autounfall ums                 Leben gekommen. Said Kessal konnte nur noch Blumen auf das Grab                 in Lourmarin legen. <\/p>\n<p>F\u00fcr maghrebinische Intellektuelle ist Camus seit den 90er Jahren                 Thema: Die Islamische Heilsfront wurde um ihren Wahlsieg gebracht                 durch einen Milit\u00e4rputsch, mit extremer Gewalt standen sich dann                 Staat und Islamisten gegen\u00fcber, die islamistischen Gruppen radikalisierten                 sich nicht selten in Richtung Al-Quaida, zahllose Grausamkeiten                 wurden an ZivilistInnen von beiden Seiten begangen &#8230; Die Konzeptionen                 Camus&#8216;, die f\u00fcr f\u00f6deralistische und pluralistische Lebensweisen                 statt eines Kults von Nation, Einheit, Geschlossenheit, Gewalt                 eintraten, seine Gewaltkritik wurden neu durchdacht. Im englischsprachigen                 Raum ist die Diskussion gerade entbrannt durch die \u00dcbersetzung                 der Schriften zu Algerien in der \u00dcbersetzung von Arthur Goldhammer:                 Algerian Chronicles, ed. and with an introd. by Alice Kaplan (Belknap                 Press\/Harvard Univ. Pr.) 2013. <\/p>\n<p>\u00dcber Camus wurde seit Jahren nicht mehr so viel gestritten; seine                 Ideen werden heute nicht zuletzt dank Lou Marin erstmals von sehr                 vielen LeserInnen, KritikerInnen, RezensentInnen als anarchistisch,                 anarchosyndikalistisch oder libert\u00e4r begriffen.<\/p>\n<p>&#8222;Die Gerechtigkeit lebt.&#8220; <\/p>\n<h3>Nachwort<\/h3>\n<p>&#8222;Was f\u00fcr die m\u00e4nnliche Zweckbestimmtheit die qualvollste aller                 Strafen ist, n\u00e4mlich die Plackerei des Sisyphos, war f\u00fcr viele                 Frauen der Normalzustand: Die Hausarbeit, die Reproduktion des                 t\u00e4glichen Lebens.&#8220;<\/p>\n<p>(Adriano Sofri: Der Knoten &#038; der Nagel. Ein Buch zur linken Hand.                 Frankfurt a.M. 1998, S. 83)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie stark Camus an Diskussionen, Aktivit\u00e4ten, Kampagnen von AnarchistInnen und AnarchosyndikalistInnen beteiligt war, zeigt sehr gut die ausf\u00fchrliche Einleitung Lou Marins. Die 50er Jahre sind uns atmosph\u00e4risch heute fremd, viele Themen und Bez\u00fcge verblasst, so dass eine Kommentierung von Ereignissen und Personen notwendig ist, um zu einem angemessenen Verst\u00e4ndnis der Texte zu gelangen und diese &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/12\/albert-camus-anarchosyndikalist\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Albert Camus, Anarchosyndikalist - graswurzelrevolution","description":"Wie stark Camus an Diskussionen, Aktivit\u00e4ten, Kampagnen von AnarchistInnen und AnarchosyndikalistInnen beteiligt war, zeigt sehr gut die ausf\u00fchrliche Einleitung"},"footnotes":""},"categories":[727,44,1030,1042],"tags":[],"class_list":["post-13182","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-384-dezember-2013","category-bucher","category-es-wird-ein-laecheln-sein","category-ohne-chef-und-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13182","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13182"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13182\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13182"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13182"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13182"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}