{"id":13192,"date":"2014-01-01T00:00:47","date_gmt":"2013-12-31T22:00:47","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13192"},"modified":"2022-07-26T14:12:09","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:09","slug":"gedanken-zu-kommune-und-freiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/01\/gedanken-zu-kommune-und-freiheit\/","title":{"rendered":"Gedanken zu Kommune und Freiheit"},"content":{"rendered":"<p>Oft wird der Begriff Freiheit im Sinn von Freiheit <i>von <\/i>Unterdr\u00fcckung,                 Herrschaft etc. verwendet. Der Aspekt Freiheit <i>zu<\/i> im Sinne                 von z.B. Freiheit lernen zu k\u00f6nnen, Vereinbarungen treffen zu                 k\u00f6nnen, kommt allerdings auch vor. Diese Bedeutungen werden aber                 meines Wissens nicht weiter thematisiert, sondern ergeben sich                 aus dem jeweiligen Zusammenhang.<\/p>\n<p>Noch viel weniger wird dar\u00fcber nachgedacht, an welchem Freiheitsbegriff                 wir uns (als Anarchist*innen) eigentlich orientieren &#8211; n\u00e4mlich                 oftmals an einem der durch m\u00e4nnliche, westliche Philosophie gepr\u00e4gt                 ist: Freiheit = Unabh\u00e4ngigkeit oder es geht &#8222;nur&#8220; um die Abwesenheit                 von Zw\u00e4ngen. Warum eigentlich?<\/p>\n<p>Wenn wir als kleine Kommune allerdings Infoveranstaltungen zum                 Kommuneleben anbieten und auch in vielen Gespr\u00e4chen mit Interessierten,                 wird die Frage nach Freiheit und oft im selben Atemzug die Angst                 vor Abh\u00e4ngigkeit sehr schnell ge\u00e4u\u00dfert: &#8222;In der Kommune, darf                 ich da noch frei entscheiden, was ich mir f\u00fcr ein Fahrrad kaufe?&#8220;,                 oder &#8222;Kommune, das ist nichts f\u00fcr mich, ich bin da so abh\u00e4ngig                 von den anderen &#8211; ich bin mehr f\u00fcr freie Entscheidungen, wo mir                 Niemand reinredet.&#8220;<\/p>\n<p>Sobald der Versuch gestartet wird, Anarchie konkret im Alltag                 auszuprobieren, und das ist f\u00fcr mich der Hauptmotivationsgrund                 Kommune zu leben, muss auch die Frage nach Freiheit und Abh\u00e4ngigkeit                 &#8211; nach Individuum und Gruppe im echten Leben und immer wieder                 neu beantwortet werden.<\/p>\n<p>Auf der Suche nach der Freiheit bin ich unter anderem bei Antje                 Schrupp (vgl. auch GWR 379) f\u00fcndig geworden und ihre Gedanken                 und die der anderen Frauen vom Projekt &#8222;ABC des guten Lebens&#8220;                  ((1)) haben folgende Gedankenstr\u00e4nge                 und Weiterspinnereien gepr\u00e4gt und inspiriert. <\/p>\n<p>Die oben ausgef\u00fchrte Gleichsetzung von Freiheit mit Unabh\u00e4ngigkeit                 reicht da in unserer Praxis bei weitem nicht aus. Diese eingeschr\u00e4nkte                 Sichtweise, l\u00e4sst meiner Meinung nach wichtige Aspekte des Menschseins                 au\u00dfer Acht: <\/p>\n<h3>Welcher Mensch ist schon unabh\u00e4ngig und vor allem von was? <\/h3>\n<p>Ist das \u00fcberhaupt ein erstrebenswertes Ziel? Unabh\u00e4ngig sein                 von der Zuwendung und Solidarit\u00e4t anderer Menschen? Unabh\u00e4ngig                 von Anerkennung und Wertsch\u00e4tzung? Davon, dass andere Menschen                 f\u00fcr mich Dinge produzieren oder von gesundheitlicher Versorgung?<\/p>\n<p>Davon, dass andere sich um einen k\u00fcmmern, essen anbauen, ernten                 und zubereiten?<\/p>\n<p>Auch die Abwesenheit von Zw\u00e4ngen als Beschreibung von Freiheit                 finde ich nicht ausreichend. Wer sich z.B. f\u00fcr ein Leben mit Kindern                 entschieden hat, kann die Verantwortung des K\u00fcmmerns und Sorgens                 nicht einfach wieder abgeben, wenn es zu viel wird. Es gibt dann                 gewisse Notwendigkeiten und somit Handlungszw\u00e4nge.<\/p>\n<p>Da das Menschsein immer auch bedeutet in Beziehungen eingebunden                 zu sein, gibt es immer auch irgendwelche Abh\u00e4ngigkeiten und Bedingungen.               <\/p>\n<p>Frei sein bedeutet gerade nicht, dass ich immer tun und lassen                 kann was ich will, denn das w\u00e4re eine Illusion. Es bedeutet, dass                 ich mich bewusst entscheide, welche Abh\u00e4ngigkeiten ich bereit                 bin einzugehen, und darin, dass ich die Modalit\u00e4ten dieser Abh\u00e4ngigkeit                 jeweils mitbestimme: &#8222;Menschen sind abh\u00e4ngig und frei zugleich&#8220;                 (vgl. ABC, S. 59\/60).<\/p>\n<p>Mit der Entscheidung in einer Kommune zu leben, versuche ich                 mich in den Gang der Welt einzubringen, versuche meine Freiheit                 zu nutzen, um das zu tun, was ich f\u00fcr richtig halte: meiner Utopie                 eines <i>guten Lebens f\u00fcr alle<\/i> ein St\u00fcck weit n\u00e4her zu kommen.               <\/p>\n<p>In einer Kommune w\u00e4hle ich, anders als bei einer Familie, in                 die ich z.B. hineingeboren werde, die Menschen mit denen ich allt\u00e4glich                 in engere Beziehung treten m\u00f6chte frei aus. Mit all den dazugeh\u00f6renden                 Konflikten und auch mit den Notwendigkeiten, die sich in der jeweiligen                 Konstellation und aus den vorangegangenen Entscheidungen ergeben.                 Dieses Beziehungsnetz kann u.a. meinen Handlungsspielraum im Kapitalismus                 vergr\u00f6\u00dfern, so dass ich z.B. weniger abh\u00e4ngig von Arbeitgebern,                 der Herkunftsfamilie, der romantischen Zweierbeziehung oder den                 Kinderbertreuungsm\u00f6glichkeiten der staatlichen Institutionen bin.                 Und mehr abh\u00e4ngig von den Menschen, mit denen ich meinen Alltag,                 mein Geld und meinen Besitz teile, denen ich vertraue und die                 solidarisch mit mir sind. Dies ist, finde ich, eine gute Voraussetzung                 mich weiterhin politisch einzumischen. Zeit, Kraft und Geld \u00fcber                 zu haben um mich zu engagieren.<\/p>\n<p>Eine freie Gesellschaft kann nur von freien Menschen organisiert                 werden, die sich m\u00f6glichst unabh\u00e4ngig von den g\u00e4ngigen staatlichen                 und hierarchischen Institutionen, (Rollen-)Vorstellungen und Werten                 machen und sich so den Raum schaffen, diese nicht mehr anerkennen                 zu m\u00fcssen ohne ganz allein dazu stehen.<\/p>\n<p>Wenn ich z.B. in einer solidarischen \u00d6konomie versorgt bin, kann                 ich ganz anders gegen\u00fcber Arbeitsamt oder \u00e4hnlichem auftreten                 &#8211; ich bin dann von angedrohten Sanktionen nicht mehr existentiell                 betroffen, ich habe vielleicht mehr Kraft meine Rechte und die                 anderer durchzusetzen, auch wenn es dann l\u00e4nger dauern sollte,                 bis das Geld flie\u00dft. Oder ich kann der Arbeitgeberin \/dem Arbeitgeber                 oder den Auftraggebern gegen\u00fcber viel gelassener meine Forderungen                 stellen, als wenn ich Alleinverdienerin w\u00e4re. Wenn ich ersch\u00f6pft                 bin, kann ich mein Kind zu anderen vertrauten Bezugspersonen schicken,                 auch wenn der Kindergarten nur bis mittags ge\u00f6ffnet hat. Und vieles                 mehr ist m\u00f6glich. <\/p>\n<p>Durch das Anerkennen der unterschiedlichen und unterschiedlich                 verteilten Abh\u00e4ngigkeiten, zwischen unterschiedlichen Menschen                 in der Gemeinschaft ist es, glaube ich, weniger wahrscheinlich,                 dass sich diese Abh\u00e4ngigkeiten mit Macht und Herrschaft koppeln,                 wie es sonst oft passiert. <\/p>\n<p>Kommune ist eine M\u00f6glichkeit, ein Versuch solch einen freien                 Ort zu schaffen. Das bedeutet allerdings nicht, dass ich in einer                 Kommune nur die Dinge tun muss, die ich freiwillig \u00fcbernehmen                 will und zu denen ich gerade Lust habe. <\/p>\n<p>Die Freiheit entsteht in der Aushandlung des f\u00fcr das Funktionieren                 der Gemeinschaft Notwendigen, der Anerkennung der gegenseitigen                 Abh\u00e4ngigkeit und der \u00dcbernahme von Verantwortung und dazu geh\u00f6rt                 auch das Austragen der entstehenden Konflikte. Das k\u00f6nnte dann                 im Zweifelsfall auch die Diskussion um die Anschaffung eines neuen                 Fahrrades sein (zumeist aber eher nicht ;-) ). Kommune stellt                 im besten Fall die Basis daf\u00fcr dar, \u00fcber das bereits Bestehende                 hinaus zu gehen, einen Schritt weiter in Richtung Utopie.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte nicht behaupten, dass Kommune die einzig sinnvolle                 Weise w\u00e4re diese Freiheiten zu bekommen und sich so &#8222;gut versorgt&#8220;                 in einen Kampf gegen ungerechte Verh\u00e4ltnisse und Diskriminierungen                 mit voller Kraft einmischen zu k\u00f6nnen. Ich denke allerdings, dass                 durch verbindliche Beziehungen zu anderen und durch pers\u00f6nliche                 Begegnungen immer wieder Orte der Freiheit entstehen. Und was                 ist Anarchie anderes, als viele organisierte und vernetzte Orte                 der Freiheit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oft wird der Begriff Freiheit im Sinn von Freiheit von Unterdr\u00fcckung, Herrschaft etc. verwendet. Der Aspekt Freiheit zu im Sinne von z.B. 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