{"id":13216,"date":"2014-01-01T00:00:23","date_gmt":"2013-12-31T22:00:23","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13216"},"modified":"2022-07-26T13:56:37","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:37","slug":"studieren-auf-bewaehrung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/01\/studieren-auf-bewaehrung\/","title":{"rendered":"Studieren auf Bew\u00e4hrung"},"content":{"rendered":"<p>Vier Wochen. So lange oder sogar noch l\u00e4nger dauert es, bis die                 letzten ausl\u00e4ndischen Studierenden ihre Thoska bekommen haben.                 Und zwar nicht vor, sondern nach Semesterbeginn. Jedes Jahr gibt                 es in Jena Dutzende Studierende, die sich wochenlang mit einem                 zerknitterten Blatt Papier ausweisen, keine B\u00fccher ausleihen,                 aber auch keine kopieren und im schlimmsten Fall ihre W\u00e4sche nicht                 waschen k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Denn w\u00e4hrend die deutschen KommilitonInnen ihre Thoska Wochen                 oder sogar Monate vor Semesterstart zugeschickt bekommen, werden                 Ausl\u00e4nderInnen f\u00fcr die erste Zeit nur vorl\u00e4ufige Ausweise ausgeh\u00e4ndigt.                 Und zwar allen bis auf diejenigen, die ein deutsches Abiturzeugnis                 vorweisen k\u00f6nnen. <\/p>\n<h3>Service? Aber nur f\u00fcr Deutsche!<\/h3>\n<p>Das Studierenden-Service-Zentrum der FSU hat einen ger\u00e4umigen                 Wartebereich mit weichen St\u00fchlen, B\u00fccherregalen, einem gro\u00dfen                 Tisch zum Schreiben, einen Computerarbeitsraum und einen eigenen                 Eingang in die Cafeteria. <\/p>\n<p>Das Zentrum befindet sich direkt neben dem Eingang ins Uni-Hauptgeb\u00e4ude                 und ist gut ausgeschildert. Es ist fast immer leer, und ich habe                 dort nichts zu suchen.<\/p>\n<p>Das Internationale B\u00fcro, das erst seit 2008 so hei\u00dft und niemandem                 untersteht au\u00dfer dem Rektor der FSU, ist gar nicht einfach zu                 finden. Im Flur vor seinen R\u00e4umlichkeiten stehen zwei Holzb\u00e4nke                 und ein wackeliger Stehpult. Es gibt Wartezettel, und in den Zeiten,                 wo die knappen Sprechstunden abgehalten werden, ist der Flur brechend                 voll. Das ist es, wo ich hingeh\u00f6re. Nur wusste ich das noch nicht,                 als ich mich im Juli 2012 f\u00fcr ein Masterstudium an der FSU beworben                 hatte. <\/p>\n<p>Die Zulassung erreichte mich ein paar Tage nach der Zulassung                 meines Freundes f\u00fcr einen Platz an derselben Uni.<\/p>\n<p>Froh, dass wir weiter zusammen studieren konnten, hatte ich eigentlich                 das Gleiche erwartet, was mein Freund bekam: Einen Begr\u00fc\u00dfungsbrief,                 eine freundliche Zulassung, ein Dankesch\u00f6n f\u00fcr mein Interesse                 an diesem Studienort &#8211; ein allgemeines Willkommensein. Nicht eine                 Spur davon enthielt der Brief, den ich bekommen habe.<\/p>\n<p>Die Zulassung selbst enthielt nur das absolut Notwendige und                 die Bemerkung, dass sie nur in Kombination mit dem beigef\u00fcgten                 Hinweisblatt g\u00fcltig sei. Das Hinweisblatt war in einem Ton gehalten,                 der mir die Briefe vom Jobcenter harmlos erscheinen lie\u00df. Von                 den anderthalb Seiten Text war der Gro\u00dfteil entweder fett gedruckt                 oder unterstrichen oder beides, das Blatt wimmelte zudem noch                 von Ausrufezeichen und Zeigefingersymbolen. Wenn die unterschriebene                 Annahmeerkl\u00e4rung zum &#8222;angebotenen&#8220; Studienplatz nicht in den n\u00e4chsten                 zwei Wochen bei der Uni ankommt, kann der Studienplatz nicht reserviert                 werden. Zeigefinger. Fett gedruckt. Zwei Ausrufezeichen. Lange                 Liste von einzureichenden Unterlagen. Ohne diese Dokumente findet                 keine Immatrikulation statt. Zeigefinger. Fett gedruckt. Unterstrichen.                 Zur Immatrikulation pers\u00f6nlich erscheinen. Und zwar p\u00fcnktlich!<\/p>\n<h3>Was war der Grund, warum der Studienplatz meines Freundes sicher                 und wohlverdient war, meiner aber nur &#8222;reserviert&#8220; und &#8222;angeboten&#8220;?               <\/h3>\n<p>Wieso wurde er herzlich begr\u00fc\u00dft und ich bedroht? Mein Freund                 war deutsch, und ich kam aus Russland. <\/p>\n<p>Die ganze Ernsthaftigkeit der Drohungen bekam ich zu sp\u00fcren,                 als ich mich geweigert hatte, f\u00fcr die Immatrikulation ein Schulabgangszeugnis                 einzureichen. Nach dem Th\u00fcringer Hochschulgesetz gilt ein abgeschlossenes                 Studium als Hochschulzugangsberechtigung.<\/p>\n<p>Daraus folgt, dass eine Person mit einem Bachelorzeugnis nicht                 extra ihre Hochschulreife nachweisen muss. Als mein Freund um                 sein Abiturzeugnis gebeten wurde und auf das Hochschulgesetz verwies,                 wurde er sofort immatrikuliert &#8211; ohne Abiturzeugnis. Bei mir w\u00e4re                 die Pflicht, ein Schulzeugnis einzureichen, nicht nur unangenehm,                 sondern &#8211; wie bei allen Studienbewerberinnen aus L\u00e4ndern mit &#8222;ungew\u00f6hnlichen&#8220;                 Amtssprachen &#8211; auch ziemlich kostspielig wegen der beglaubigten                 \u00dcbersetzung. <\/p>\n<p>Sechs Wochen lang fragte ich immer und immer wieder nach dem                 Grund, warum ich ein zehn Jahre altes Schulzeugnis aus einem anderen                 Land mit einem anderen Schul- und Notensystem einreichen und nach                 dem Zweck, zu dem dieses Zeugnis verwendet werden sollte. Ich                 bekam keine Antwort. Stattdessen immer die gleichen Forderungen,                 das Zeugnis sofort einzureichen, sonst w\u00fcrde keine Immatrikulation                 erfolgen. <\/p>\n<p>W\u00e4hrend der peinlichen Sammelimmatrikulation f\u00fcr Ausl\u00e4nderinnen                 habe ich ein Blatt Papier in die Hand gedr\u00fcckt bekommen und erfahren,                 dass wir keine richtigen Studierendenausweise erhalten, solange                 wir keine Adresse in Jena oder der Umgebung angeben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Zu diesem Zeitpunkt hatte mein Freund seine Thoska schon seit                 drei Wochen. Sie wurde an die Adresse seiner Eltern in Reutlingen                 verschickt. Mein st\u00e4ndiger Wohnsitz war in Magdeburg. Offensichtlich                 zu weit. <\/p>\n<p>Monate sp\u00e4ter, als einige Kommilitoninnen von mir das Thema auf                 einem Treffen des \u00f6rtlichen Studienbeirats angesprochen hatten,                 wurde die Pflicht, ein v\u00f6llig unn\u00f6tiges Schulzeugnis vorzuweisen,                 mit der \u00dcberpr\u00fcfung der &#8222;Echtheit der Person&#8220; begr\u00fcndet. Auf telefonische                 Anfrage von einem Mitglied des Studierendenrates hatte eine Mitarbeiterin                 des Internationalen B\u00fcros erkl\u00e4rt, die ausl\u00e4ndischen Studierenden                 m\u00fcssen eine Adresse in der N\u00e4he der Universit\u00e4t angeben, damit                 sie keinen Aufenthaltsbetrug begehen k\u00f6nnen, so tun also, als                 ob sie hier studieren, um in Deutschland leben zu d\u00fcrfen. Ausgerechnet                 das von deutschen Studierenden oft praktizierte &#8222;Parkstudium&#8220;                 also, das L\u00fccken in der Krankenversicherung verhindern soll oder                 einfach benutzt wird, um die Zeit zwischen verschiedenen Lebensphasen                 zu \u00fcberbr\u00fccken, wird Ausl\u00e4nderInnen pauschal unterstellt und als                 kriminelle Handlung bewertet. <\/p>\n<p>&#8222;Nennen Sie es Generalverdacht, aber wir m\u00fcssen Missbrauch verhindern!&#8220;,                 sagte eine Mitarbeiterin des B\u00fcros mir ins Gesicht. Ja, danke                 f\u00fcr den Klartext. Ich nenne es Generalverdacht. Und ich nenne                 es eine ausl\u00e4nderfeindliche Rechthaberei. <\/p>\n<h3>Institutionalisierte Barbarei und sarrazinistischer Sprachgebrauch<\/h3>\n<p>Das Fehlen eines Ausweises bedeutet Stigmatisierung. Man f\u00e4llt                 damit auf: In der Stra\u00dfenbahn w\u00e4hrend der Fahrkartenkontrolle,                 im Labor oder beim Sport, in der Mensa, wo man ohne die Chipkarte                 langsamer zahlt und die Schlange verl\u00e4ngert. Es kann aber auch                 noch ernster werden: Mit der Thoska werden auch die Zugangsdaten                 f\u00fcr das Online-Studienverwaltungssystem verschickt. <\/p>\n<p>Wer sich dort nicht vor Vorlesungsbeginn anmeldet, kann oft nicht                 mehr an Lehrveranstaltungen teilnehmen. Man kann sich auch manuell                 freischalten lassen, allerdings muss man daf\u00fcr das zentrale Rechenzentrum                 finden, das sich recht gut hinter einem Friedhof versteckt, und                 oft noch den Operator \u00fcber Haustelefon anrufen. Wer das nicht                 schafft, weil er das Rechenzentrum nicht findet oder auch, weil                 er oder sie nicht auf Deutsch telefonieren kann, verliert im schlimmsten                 Fall ein Semester. Das Studium zum Schein, dessen wir beschuldigt                 werden, kann auf die Weise schnell &#8211; und unfreiwillig &#8211; wahr werden.               <\/p>\n<p>Wenn man fragt, wozu das Internationale B\u00fcro \u00fcberhaupt gut ist,                 antworten die MitarbeiterInnen, weil die &#8222;intensive&#8220; und &#8222;pers\u00f6nliche&#8220;                 Betreuung der internationalen Studierenden nur so sichergestellt                 werden kann. Wenn man fragt, warum sie keinen Unterschied machen                 zwischen Menschen, die wirklich Betreuung ben\u00f6tigen und frisch                 aus dem Ausland ankommen, und Migranten, die schon seit Jahren                 hier leben und eine sichere Postadresse haben, antworten sie,                 sie k\u00f6nnen uns doch nicht alle unterscheiden.<\/p>\n<p>Wenn man fragt, warum sie Menschen mit einem deutschen Abitur                 wie Deutsche behandeln, nicht aber Menschen mit anderen deutschen                 Bildungsabschl\u00fcssen, obwohl sie damit geltendes Recht verletzen,                 antworten sie, sie gehen einfach davon aus, dass Menschen, die                 ein deutsches Abitur haben, auch mit der Kultur vertraut sind.<\/p>\n<h3>Welche Kultur?<\/h3>\n<p>Es gibt in Deutschland vermutlich keine Hochschule, wo alle Menschen                 v\u00f6llig gleichberechtigt sind. Diskriminierung auf die eine oder                 andere Art gibt es immer. Das, was die Uni Jena aber von anderen                 unterscheidet, ist nicht die Tatsache, dass hier Diskriminierung                 stattfindet. Mit der Schaffung des Internationalen B\u00fcros und der                 \u00dcbertragung der vollst\u00e4ndigen Macht \u00fcber das Studium von Ausl\u00e4nderInnen                 an dieses b\u00fcrokratische Monstrum, das sich gleichzeitig f\u00fcr Polizei                 und Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde h\u00e4lt, wurde ein System von einer vollst\u00e4ndigen,                 institutionellen wie symbolischen Segregation geschaffen. Dieses                 System ist barbarisch, und es breitet sich auf alle Bereiche des                 universit\u00e4ren Lebens aus. <\/p>\n<p>Das Referat f\u00fcr interkulturellen Austausch des Studierendenrates                 besteht fast nur aus Menschen ohne Migrationshintergrund und bedient                 sich eines sarrazinistischen Integrationsbegriffs, indem es die                 &#8222;Integration der ausl\u00e4ndischen Studierenden&#8220; als sein Ziel bezeichnet.                 Es geht nicht um Austausch, sondern um einseitige Anpassung. Das                 ist die offizielle Vertretung des ausl\u00e4ndischen Studierenden.                 Nach Angaben eines Mitglieds steht das Referat &#8222;voll und ganz&#8220;                 hinter dem Internationalen B\u00fcro, mit dem es auch personelle \u00dcberschneidungen                 hat. <\/p>\n<p>Wir sind Ressourcen, Werbetr\u00e4ger, Dienstleister &#8211; alles, nur                 nicht gleichberechtigte Mitstudierende. In regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden                 bekommen wir Umfragen, in denen unsere Integrationsbereitschaft                 abgefragt wird. Doch Integration ist in ihrer urspr\u00fcnglichen Bedeutung                 ein vielseitiger Prozess. Wer sich also integrieren sollte, ist                 diese Uni. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vier Wochen. So lange oder sogar noch l\u00e4nger dauert es, bis die letzten ausl\u00e4ndischen Studierenden ihre Thoska bekommen haben. Und zwar nicht vor, sondern nach Semesterbeginn. 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