{"id":13218,"date":"2014-01-01T00:00:39","date_gmt":"2013-12-31T22:00:39","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13218"},"modified":"2022-07-26T13:56:36","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:36","slug":"die-schreckliche-deutsche-normalitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/01\/die-schreckliche-deutsche-normalitaet\/","title":{"rendered":"Die schreckliche deutsche Normalit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>Der SS-Mann Erich Priebke war zusammen mit seinem Vorgesetzten                 Herbert Kappler an diesem Massaker in den Ardeatinischen H\u00f6hlen                 bei Rom direkt beteiligt, hakte die Liste der aus einem Gef\u00e4ngnis                 ausgesuchten Opfer ab und erschoss selbst zwei Gefangene. Durch                 einen &#8222;Z\u00e4hlfehler&#8220; wurden f\u00fcnf Menschen &#8222;zu viel&#8220; ermordet, als                 die von Hitler geforderten 330. Unter den Opfern befanden sich                 75 Personen j\u00fcdischen Glaubens.<\/p>\n<p>Dieses Massaker erw\u00e4hnten die deutschen Medien durchaus mehr                 oder weniger ausf\u00fchrlich, als Priebke am 13. Oktober 2013 in Italien                 starb. Es dominierte jedoch in der anschlie\u00dfenden \u00f6ffentlichen                 Diskussion die Frage: Wohin mit der Leiche, damit es keinen Wallfahrtsort                 f\u00fcr Neofaschisten gibt?<\/p>\n<p>\u00dcber die systematisch verhinderte Aufarbeitung des Verbrechens                 w\u00e4hrend der letzten Jahrzehnte durch Justiz, Beh\u00f6rden und Politik                 wurde wenig gesagt. Die Kumpanei von alten Nazi-Kameraden und                 B\u00fcrokratInnen in diesen Strukturen war kein Thema mehr. Jetzt                 endlich konnte ein Schlussstrich unter die &#8222;unselige Vergangenheit&#8220;                 gezogen werden. &#8211; Es hat ja lange genug gedauert, denn Priebke                 wurde 100 Jahre alt und machte immer wieder durch zus\u00e4tzliche                 Skandale auf sich aufmerksam. Er st\u00f6rte seit 1945 ganze 68 Jahre                 lang die Ruhe, die viele so gerne gehabt h\u00e4tten. <\/p>\n<h3>Erinnern wir uns<\/h3>\n<p>Dass Priebke von der Katholischen Kirche zeitweilig in S\u00fcdtirol                 versteckt wurde und dann mit vom Vatikan ausgestatteten Papieren                 1948 nach Argentinien fliehen konnte, verwundert nicht wirklich.                 Diese &#8222;Rattenlinie&#8220; in Richtung Lateinamerika ist inzwischen hinl\u00e4nglich                 bekannt. In Argentinien konnten sich Adolf Eichmann, Josef Mengele                 und zahlreiche andere Nazi-Gr\u00f6\u00dfen verstecken. Zusammen mit gefl\u00fcchteten                 (Nuklear-) Wissenschaftlern und anderen Fachleuten machten sie                 sich oft im diktatorischen argentinischen Regime n\u00fctzlich.<\/p>\n<h3>Die Jahre in Argentinien<\/h3>\n<p>Priebke baute sich im Kurort (und Nuklearforschungszentrum) Bariloche,                 1800 Kilometer von Buenos Aires entfernt, nach 1948 eine bieder-b\u00fcrgerliche                 Existenz als Delikatessenh\u00e4ndler, Metzger und Wurstfabrikant auf                 und arbeitete sich innerhalb der deutschen Exilgemeinde zu einem                 geachteten Repr\u00e4sentanten hoch. Er versteckte sich nicht.<\/p>\n<p>Bald wurde er zum Vorsitzenden des Deutsch-Argentinischen Schul-                 und Kulturvereins gew\u00e4hlt ((1)).                 Er stand mit vollem Namen im Telefonbuch und schrieb sogar j\u00e4hrliche                 Rechenschaftsberichte des Vereins im nazifeindlich eingestellten                 Argentinischen Tageblatt.<\/p>\n<p>Die deutsche Schule und Begegnungsst\u00e4tte in Bariloche wurde von                 der Bundesregierung subventioniert. Aus seiner rechtsradikalen                 Gesinnung machte Priebke in seiner Funktion als Vorsitzender keinen                 Hehl. Er sorgte daf\u00fcr, dass missliebige DirektorInnen und LehrerInnen,                 die die faschistische Vergangenheit kritisch aufarbeiten wollten,                 aus dieser Schule hinausgedr\u00e4ngt wurden. B\u00fccher von Heinrich B\u00f6ll                 hatten keine Chance, in die Schulbibliothek aufgenommen zu werden.                 B\u00f6ll wurde von ihm und seinem Umfeld als &#8222;kommunistischer Schmierfink&#8220;                 denunziert ((2)). <\/p>\n<p>Die Vergangenheit von Priebke war in Bariloche bestens bekannt.                 &#8222;&#8218;Ich hol&#8217;noch schnell Schinken beim Nazi&#8216;, pflegten die Hausfrauen                 hier fr\u00fcher ihren Weg zur Metzgerei anzuk\u00fcndigen&#8220; ((3)).<\/p>\n<p>Als honoriger B\u00fcrger arbeitete er mit den deutschen Beh\u00f6rden                 in Argentinien Hand in Hand zusammen. &#8222;In der deutschen Botschaft                 in Buenos Aires war er seit \u00fcber 40 Jahren bekannt, anstandslos                 wurde sein Pa\u00df erneuert, und bei manchen Veranstaltungen vertrat                 der alte Herr auch schon mal den Konsul. Unser Mann in Bariloche&#8220;                  ((4)).<\/p>\n<p>Mit dem deutschen Pass machte Priebke dann Urlaub &#8211; in Italien,                 seiner alten &#8222;Wirkungsst\u00e4tte&#8220; ((5))!                 Er traf sich dort auch mit anderen ehemaligen SS-Angeh\u00f6rigen ((6)).                 Als ob nichts gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<h3>BRD-Beh\u00f6rden sabotierten Strafverfolgung<\/h3>\n<p>In der BRD wurde nach 1945 eine besondere Beh\u00f6rde geschaffen,                 um NS-Kriegsverbrechen zu ahnden: Die &#8222;Zentralstelle im Lande                 NRW f\u00fcr die Bearbeitung von nationalsozialistischen Massenverbrechen&#8220;                 in Dortmund. Diese &#8222;bearbeitete&#8220; den Fall Priebke in den Jahren                 1963 bis 1971 allerdings auf ihre ganz eigene Weise.<\/p>\n<p>Die ebenfalls in Dortmund vorliegenden italienischen Justizdokumente,                 die Priebkes Vorgesetzten Herbert Kappler des Mordes schwer belasteten,                 wurden nicht \u00fcbersetzt und verschwanden in der Ablage.<\/p>\n<p>Sie h\u00e4tten auch bei Priebke den Vorwurf des Mordes gerechtfertigt.                 Priebkes Tat wurde von der Zentralstelle 1971 lediglich als Totschlag                 gewertet und damit als verj\u00e4hrt angesehen. Im Amtsdeutsch hie\u00df                 dies: &#8222;nicht auszuschlie\u00dfende Verfolgungsverj\u00e4hrung&#8220; ((7)).<\/p>\n<p>Erst 1996 kam ans Licht, dass viele der zur Verfolgung von NS-Verbrechen                 angesetzten Staatsanw\u00e4lte in NRW fr\u00fcher selbst der NSDAP oder                 den ihr angeschlossenen Organisationen angeh\u00f6rten. Der im Fall                 Priebke von 1964 bis 1973 zust\u00e4ndige Generalstaatsanwalt war vor                 1945 selbst Mitglied der NSDAP, der SA, des NS-Studentenbundes                 und des NSRB ((8)).<\/p>\n<p>Die Zentrale der Landesjustizverwaltung in Ludwigsburg z\u00e4hlte                 bundesweit 88.274 eingestellte Verfahren gegen NaziverbrecherInnen                 und nur 6.482 abgeschlossene F\u00e4lle ((9)).                 In einem Bericht \u00fcber die Zentralstelle in Dortmund verkaufte                 2007 die Historikerin Edith Raim wie zum Hohn diese Vorg\u00e4nge auch                 noch als &#8222;Erfolgsgeschichte&#8220;: &#8222;Nie zuvor hat sich eine Nation                 so lange mit solchen Verbrechen auseinandergesetzt&#8220; ((10)).                 Und der Dortmunder Nazi-Chefankl\u00e4ger Oberstaatsanwalt Ulrich Maa\u00df                 sekundierte w\u00f6rtlich: &#8222;Man hofft auf einen Zufallstreffer&#8220;!<\/p>\n<p>Nach der Einstellung des Verfahrens 1971 in Dortmund nutzte Priebke                 eifrig die Gelegenheit, problemlos mehrmals in der BRD Urlaub                 zu machen. &#8211; In Italien hingegen erging es seinem ehemaligen Vorgesetzten                 Herbert Kappler nicht so gut. Dieser wurde 1948 zu lebensl\u00e4nglicher                 Haft verurteilt, die er in der Festung Gaeta verb\u00fc\u00dfte.<\/p>\n<p>Kapplers Sozialdemokratische F\u00fcrsprecherIn den folgenden Jahrzehnten                 konnte Kappler immerhin der F\u00fcrsprache und F\u00fcrsorge von prominenten                 SozialdemokratInnen sicher sein.<\/p>\n<p>Bundespr\u00e4sident Heinemann und die Kanzler Brandt und Schmidt                 setzten sich in Gnadengesuchen bei der italienischen Regierung                 f\u00fcr ihn ein.<\/p>\n<p>Als er 1977 an Krebs erkrankte, wurde Kappler in das r\u00f6mische                 Milit\u00e4rkrankenhaus Celio verlegt und von Carabinieris bewacht.                 Seine Ehefrau, die er 1972 im Gef\u00e4ngnis geheiratet hatte und die                 sich unerm\u00fcdlich f\u00fcr seine Freilassung einsetzte, besuchte ihn                 &#8222;zwei Dutzend&#8220; mal per Flugreise. Diese Fl\u00fcge wurden aus Mitteln                 beglichen, die &#8222;dem Deutschen Roten Kreuz aus dem Haushalt des                 Bundesinnenministeriums zur Verf\u00fcgung gestellt worden sind&#8220; bekundete                 das DRK ((11)). Dies geschah                 unter einer sozialdemokratisch gef\u00fchrten Bundesregierung.<\/p>\n<p>Frau Kappler war selbst Mitglied der SPD und arbeitete mit dem                 SPD-MDB Adolf Scheu zusammen. Dieser war Mitglied eines interfraktionellen                 Ausschusses des Bundestags, der sich f\u00fcr die Freilassung von deutschen                 KriegsverbrecherInnen einsetzte. Als der kranke Herbert Kappler                 unter dubiosen und bis heute letztlich ungekl\u00e4rten Umst\u00e4nden mit                 Hilfe seiner Frau aus dem Krankenhaus in die Bundesrepublik Deutschland                 fl\u00fcchten konnte, war Scheu wenige Tage vorher in Italien.<\/p>\n<p>In Zeiten der RAF-Terrorismushysterie h\u00e4tte ein Schwerkranker                 ohne ma\u00dfgebliche amtliche Unterst\u00fctzung nicht unbehelligt und                 unerkannt die lange Reise \u00fcber zwei Grenzen hinweg schaffen k\u00f6nnen.                 Ein Sturm der Entr\u00fcstung brach in weiten Teilen der Bev\u00f6lkerung                 Italiens los, denn das antifaschistische Erbe der Resistenza war                 zu dieser Zeit noch recht lebendig. &#8222;Dies f\u00fchrte damals kurzfristig                 zu einer Verstimmung in den diplomatischen Beziehungen&#8220; ((12))                 zwischen Italien und der BRD, schrieb Henning Kl\u00fcver in der S\u00fcddeutschen                 Zeitung.<\/p>\n<p>Kappler konnte in Deutschland bleiben und wurde nicht wieder                 an Italien ausgeliefert. Er starb einige Monate sp\u00e4ter am 9. 2.                 1978 in Soltau.<\/p>\n<p>Weit weg von diesen Turbulenzen feierte Priebke in Bariloche                 mit seinen GesinnungsgenossInnen weiterhin an den entsprechenden                 Jahrestagen Hitlers Geburtstag oder organisierte 1989 nach dem                 Fall der Berliner Mauer eine &#8222;Freiheitsparty&#8220;.<\/p>\n<h3>Priebke wieder in Italien<\/h3>\n<p>Seine eigene Bewegungsfreiheit wurde 1994 zeitweilig eingeschr\u00e4nkt,                 nachdem ein bekannter US-Fernsehmoderator ihn in Bariloche aufst\u00f6berte                 und seine Vergangenheit medienwirksam aufdeckte.<\/p>\n<p>Priebke, inzwischen unter Hausarrest, zeigte in seinen Interviews                 mit gro\u00dfen Zeitungen keinerlei Reue und betonte immer wieder,                 dass er sich bel\u00e4stigt f\u00fchlte.<\/p>\n<p>1995 wurde er nach Italien ausgeliefert und 1996 von einem Milit\u00e4rgericht                 (!), das mildernde Umst\u00e4nde geltend machte und das Verbrechen                 als verj\u00e4hrt einordnete, freigesprochen. Im fr\u00fcheren j\u00fcdischen                 Ghetto in Rom kam es zu erregten Aufl\u00e4ufen und Wutausbr\u00fcchen,                 viele Menschen weinten auch ((13)).               <\/p>\n<p>Ein paar Tage sp\u00e4ter fand in Rom eine Demonstration gegen dieses                 Skandalurteil mit \u00fcber 20.000 TeilnehmerInnen statt. Die gesamte                 Politprominenz vom Ministerpr\u00e4sidenten bis hin zu den Rechten                 war dort anwesend ((14)).<\/p>\n<p>Drei Monate sp\u00e4ter wurde der Freispruch vom Kassationsgerichtshof                 aufgehoben und Priebke bekam nach mehreren weiteren juristischen                 Verfahren letztendlich 1998 Lebensl\u00e4nglich. Bemerkenswert ist,                 dass w\u00e4hrend dieser Prozessphase ausgerechnet die BRD, die 1971                 den Fall Priebke zu den Akten legte, nun ein Auslieferungsbegehren                 f\u00fcr Priebke aussprach ((15)).<\/p>\n<h3>Priebke ein &#8222;Ersatzschurke&#8220;?<\/h3>\n<p>Auch in Italien wollte Priebke nicht zugestehen, welche Schuld                 er durch seine Beteiligung an dem Massaker auf sich geladen hatte                 und heizte die Atmosph\u00e4re durch ein Interview mit der Tageszeitung                 &#8222;IL Messaggero&#8220; 1997 weiter an: &#8222;Statt einem alten Soldaten daf\u00fcr                 zu danken, da\u00df er im Krieg seine Pflicht getan hat, haben sie                 mir den Pa\u00df weggenommen und mir einen Haftbefehl geschickt&#8220; ((16)).<\/p>\n<p>Obendrein wurde auch in einigen BRD-Medien der Eindruck erweckt,                 dass das neue angeblich &#8222;zu harte&#8220; Lebensl\u00e4nglich-Urteil ein Racheakt                 italienischer Beh\u00f6rden f\u00fcr das von der BRD beg\u00fcnstigte Entkommen                 von Kappler aus dem italienischen Milit\u00e4rhospital zwanzig Jahre                 zuvor gewesen sei. Priebke sei als &#8222;Ersatz-Schurke&#8220; f\u00fcr den entkommenen                 Kappler von italienischen Beh\u00f6rden zu sehr in die Mangel genommen                 worden. Genau diese Sichtweise konnte der ehemalige Korrespondent                 der S\u00fcddeutschen Zeitung in Rom, Carlos Widmann, in seinem siebenseitigen                 Artikel &#8222;Justizfarce um einen Ersatzschurken&#8220; in &#8222;Die Neue Gesellschaft\/Frankfurter                 Hefte&#8220; ausbreiten. Diese Zeitschrift ist \u00fcbrigens seit ihrer \u00dcbernahme                 durch die Friedrich-Ebert-Stiftung das Theorieorgan im Umfeld                 der SPD!<\/p>\n<p>Nach seiner Verurteilung wurde Priebkes Haft in einen komfortablen                 Hausarrest mit zeitweise t\u00e4glichem Freigang umgewandelt. Er konnte                 bei seinem Anwalt arbeiten, einen kritischen Filmproduzenten ((17))                 und die Tochter eines seiner Opfer verklagen ((18)),                 zum Einkaufsbummel in die r\u00f6mische Innenstadt fahren ((19))                 und nebenbei Urlaub am Lago Maggiore machen ((20)).               <\/p>\n<p>Teile der NPD brachten ihn 2003 als m\u00f6glichen Kandidaten f\u00fcr                 das Amt des deutschen Bundespr\u00e4sidenten ins Gespr\u00e4ch ((21)).                 Seit vielen Jahren wird Priebke von der Rechten als unbeugsamer                 Held und Patriot verehrt. Zu seinem 99. Geburtstag veranstalteten                 sie in seinem Geburtsort Hennigsdorf (Brandenburg) einen n\u00e4chtlichen                 Fackelaufmarsch mit Pappmasken mit dem Gesicht Priebkes ((22)).<\/p>\n<p>Ein Jahr sp\u00e4ter starb Priebke im Alter von hundert Jahren und                 wurde an einem unbekannten Ort begraben. Die schreckliche deutsche                 Normalit\u00e4t setzt sich ab jetzt ohne ihn fort.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der SS-Mann Erich Priebke war zusammen mit seinem Vorgesetzten Herbert Kappler an diesem Massaker in den Ardeatinischen H\u00f6hlen bei Rom direkt beteiligt, hakte die Liste der aus einem Gef\u00e4ngnis ausgesuchten Opfer ab und erschoss selbst zwei Gefangene. Durch einen &#8222;Z\u00e4hlfehler&#8220; wurden f\u00fcnf Menschen &#8222;zu viel&#8220; ermordet, als die von Hitler geforderten 330. 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