{"id":13224,"date":"2014-01-01T00:00:58","date_gmt":"2013-12-31T22:00:58","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13224"},"modified":"2022-07-26T14:22:21","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:21","slug":"tuerkei-es-gibt-viele-gruende-den-kriegsdienst-zu-verweigern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/01\/tuerkei-es-gibt-viele-gruende-den-kriegsdienst-zu-verweigern\/","title":{"rendered":"T\u00fcrkei: Es gibt viele Gr\u00fcnde, den Kriegsdienst zu verweigern"},"content":{"rendered":"<h3>Abstimmung mit den F\u00fc\u00dfen<\/h3>\n<p>Wer einen Blick auf die t\u00fcrkischsprachige Website <a href=\"http:\/\/www.savaskarsitlari.org\">www.savaskarsitlari.org<\/a>                 wirft, findet dort unter dem Stichpunkt &#8222;Vicdani Ret&#8220; (Kriegsdienstverweigerung)                 eine Auflistung der Personen, die seit 1989, also in den letzten                 fast 25 Jahren, ihre Kriegsdienstverweigerung \u00f6ffentlich erkl\u00e4rt                 haben. Insgesamt nennt die Website etwa 550 Personen. <\/p>\n<p>Nicht aufgef\u00fchrt sind hier noch weitere etwa 200 t\u00fcrkische Wehrpflichtige,                 die ihre Verweigerung im Ausland erkl\u00e4rten und ihr Asylbegehren                 damit begr\u00fcndeten.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus gibt es nach offiziellen Angaben etwa 750.000                 Dienstfl\u00fcchtige, so berichtete die Tageszeitung <i>Sabah<\/i> im                 Oktober 2013. ((2)) Zehntausende                 leben also zum Teil seit Jahren in der T\u00fcrkei auf der Flucht vor                 dem Milit\u00e4rdienst. Sie haben sich in einer Illegalit\u00e4t einrichten                 m\u00fcssen, die ihnen alle b\u00fcrgerlichen Rechte verwehrt. Es ist ein                 Leben im Geheimen, das der Europ\u00e4ische Gerichtshof f\u00fcr Menschenrechte                 am 24. Januar 2006 als &#8222;zivilen Tod&#8220; bezeichnete. Praktisch bedeutet                 das, dass sie in der T\u00fcrkei keinen Pass erhalten k\u00f6nnen. Sie k\u00f6nnen                 kein Konto anmelden, nicht heiraten, ihre Kinder nicht anerkennen                 und keiner legalen Arbeit nachgehen. Sie sind nicht sozialversichert,                 nicht krankenversichert und werden keine Rente erhalten.<\/p>\n<p>Unter den 750.000 gibt es sicher auch Zehntausende, die sich                 ins Ausland abgesetzt haben, um der Rekrutierung und drohenden                 Verfolgung zu entgehen. Wenn es ihnen gelungen ist, Asyl oder                 auf andere Art und Weise ein Aufenthaltsrecht zu erhalten, sind                 sie zumindest auf der sicheren Seite, auch wenn ihnen bei einer                 Reise in die T\u00fcrkei weiter die Rekrutierung droht. ((3))<\/p>\n<p>Angesichts dieser Zahlen gibt es ganz offensichtlich einen Widerspruch                 zwischen der in der T\u00fcrkei nach wie vor hochgehaltenen Ideologie,                 jeder T\u00fcrke sei als Soldat geboren, wie Julian Irlenk\u00e4user und                 G\u00fcrsel Yildirim in einem Beitrag in der Tageszeitung junge Welt                 ausf\u00fchrten ((4)) und der ganz                 praktischen Entscheidung vieler Wehrpflichtiger. Immerhin ist                 das Heer der Milit\u00e4rdienstentzieher damit gr\u00f6\u00dfer als die Armee                 selbst, die eine St\u00e4rke von 612.000 Soldaten ((5))                 hat.<\/p>\n<p>Dieses Ausma\u00df der Dienstflucht ist eine Abstimmung mit den F\u00fc\u00dfen,                 aber keine offene nach au\u00dfen getragene Entscheidung, die damit                 auch \u00f6ffentlich die Militarisierung der Gesellschaft angreift,                 sondern eine Entscheidung im Geheimen.<\/p>\n<p>Die t\u00fcrkische Regierung sah sich gleichwohl zu verschiedenen                 Ma\u00dfnahmen gen\u00f6tigt, um das Ausma\u00df der Milit\u00e4rdienstentziehung                 zu begrenzen. Dabei wird auf die Taktik von Zuckerbrot und Peitsche                 zur\u00fcckgegriffen, um den Status quo beizubehalten. So hat die Regierung                 Anfang 2012 befristet eine Freikaufsregelung auch f\u00fcr t\u00fcrkische                 Staatsb\u00fcrger vorgesehen, die in der T\u00fcrkei leben. <\/p>\n<p>Mit 13.000 Euro war der Betrag allerdings eindeutig keine Option                 f\u00fcr die \u00e4rmere Bev\u00f6lkerung. Im Oktober 2013 wurde per Kabinettsbeschluss                 auch die Milit\u00e4rdienstzeit von 15 auf 12 Monate verk\u00fcrzt. <\/p>\n<p>Auf der anderen Seite, so berichtete <i>Sabah<\/i>, wurde angek\u00fcndigt,                 dass die Daten der Dienstfl\u00fcchtigen nun in das zentrale Fahndungssystem                 eingespeist werden sollen. Damit wird es sehr viel wahrscheinlicher,                 dass Milit\u00e4rdienstentzieher und damit auch Kriegsdienstverweigerer                 bei einer zuf\u00e4lligen Kontrolle aufgegriffen und den Rekrutierungsb\u00fcros                 ausgeliefert werden. ((6))<\/p>\n<h3>&#8222;Die Kriegsdienstverweigerung kann sehr wirksam werden&#8220;<\/h3>\n<p>Kemal Acar aus der <i>Kurdischen Kriegsdienstverweigerungsbewegung<\/i>                 spricht in seinem Interview ((7))                 die politische Perspektive der Kriegsdienstverweigerung an: &#8222;Nat\u00fcrlich                 haben die Menschen bestimmte Bef\u00fcrchtungen. Das muss \u00fcberwunden                 werden. Wenn es so weit ist, k\u00f6nnte die Kriegsdienstverweigerung                 eine Macht darstellen. Es bedeutet nicht nur, dass weniger Menschen                 die Waffe in die Hand nehmen, sondern auch, dass sie den Militarismus                 hinterfragen und das System verlassen. In diesem Sinne kann die                 Kriegsdienstverweigerung sehr wirksam werden.&#8220;<\/p>\n<p>Er weist hier auf die m\u00f6gliche politische Bedeutung der Aktionsform                 Kriegsdienstverweigerung hin, die allerdings voraussetzt, dass                 sich Menschen \u00f6ffentlich gegen Krieg und Kriegsdienst aussprechen.<\/p>\n<p>Und das ist angesichts der nach wie vor bestehenden Vorherrschaft                 des Milit\u00e4rischen in der t\u00fcrkischen Gesellschaft ganz sicher ein                 entscheidender Punkt. Die Kriegsdienstverweigerung greift die                 militaristische Ideologie an &#8211; und noch kann sich der Staat auf                 die vorherrschende Meinung verlassen, dass Verweigerer als Vaterlandsverr\u00e4ter                 angesehen werden. Kemal Acar sieht jedoch eine M\u00f6glichkeit der                 Ver\u00e4nderung, wenn die Kriegsdienstverweigerung zu einem Teil der                 Gesellschaft wird.<\/p>\n<p>So weit ist es noch nicht &#8211; und folglich reagiert in der T\u00fcrkei                 der Staat mit Milit\u00e4r und Justiz auf die Kriegsdienstverweigerung                 und \u00f6ffentliche Kritik am Milit\u00e4r mit Repressionen und Strafverfolgung.                 Vier Entscheidungen des Europ\u00e4ischen Gerichtshofes f\u00fcr Menschenrechte                 (EGMR) gegen die T\u00fcrkei haben die t\u00fcrkische Regierung bislang                 nicht dazu veranlasst, ihre Verpflichtungen in \u00dcbereinstimmung                 mit der Verfassung und der Europ\u00e4ischen Menschenrechtskonvention                 zu erf\u00fcllen. &#8222;Bedauerlicherweise&#8220;, so die Rechtsanw\u00e4ltin H\u00fclya                 \u00dccpinar in einer Stellungnahme an das Menschenrechtskomitee der                 Vereinten Nationen im Oktober 2012, &#8222;gibt es keine formale Debatte                 zum Thema Kriegsdienstverweigerung und keine Vorbereitungen rechtlicher                 Art, um die Probleme der Kriegsdienstverweigerer zu l\u00f6sen.&#8220; ((8))                 Ein von der BDP am 22. November 2011 eingereichter Gesetzentwurf                  ((9)) wurde vom Parlament bislang                 nicht behandelt.<\/p>\n<p>Und in der Tat unterliegen die Kriegsdienstverweigerer in der                 T\u00fcrkei weiter drohender Rekrutierung und Strafverfolgung, die                 ohne Unterlass fortgesetzt werden kann. Denn in der T\u00fcrkei gilt                 die Wehrpflicht erst nach Ableistung des Milit\u00e4rdienstes als erf\u00fcllt.<\/p>\n<p>Hinzu kommt, dass die \u00f6ffentlichen Erkl\u00e4rungen von Kriegsdienstverweigerern                 und -verweigerinnen auch immer wieder nach Artikel 318 des t\u00fcrkischen                 Strafgesetzbuches strafrechtlich verfolgt werden, wegen &#8222;Distanzierung                 des Volkes vom Milit\u00e4r&#8220;. So hat allein die \u00f6ffentliche Aussage,                 &#8222;Jeder T\u00fcrke wird als Baby geboren&#8220;, die das allgemein gebr\u00e4uchliche                 Sprichwort umm\u00fcnzte, ein Strafverfahren nach sich gezogen.<\/p>\n<h3>Es gibt viele Gr\u00fcnde Nein zu sagen<\/h3>\n<p>Ungeachtet dessen hat sich in den letzten Jahren die Idee der                 Kriegsdienstverweigerung in der T\u00fcrkei verbreitet. Zun\u00e4chst war                 es \u00fcber die Entscheidungen auf europ\u00e4ischer Ebene gelungen, den                 faktischen Medienboykott zum Thema zu brechen und auch die t\u00fcrkische                 Regierung zu Stellungnahmen zu bewegen. Aber viel wichtiger ist,                 dass auch die Aktionsform der Kriegsdienstverweigerung, die \u00f6ffentliche                 Erkl\u00e4rung, sich nicht mehr im Milit\u00e4r oder f\u00fcr das Milit\u00e4r verpflichten                 zu lassen, weitere Kreise erreicht hat. <\/p>\n<p>Die Ans\u00e4tze der Verweigerer und Verweigerinnen sind sehr unterschiedlich.                 T\u00fcrkisch-kurdische Wehrpflichtige verweigern die Einberufung in                 eine Armee, die gegen ihre eigenen Familien eingesetzt wird. <\/p>\n<p>Islamische oder auch christliche Verweigerer wollen nicht in                 einer Armee dienen, die ihren Glauben nicht respektiert. Anarchistische                 Verweigerer wenden sich gegen ein autorit\u00e4res System, Frauen verweigern,                 um damit die patriarchalen Strukturen des Militarismus offen zu                 legen. In den Interviews spiegelt sich das wider. Es sind pers\u00f6nliche                 Zeugnisse, die einen Einblick in sehr unterschiedliche und auch                 umstrittene Positionen sowie Diskussionen geben. Ich will im Folgenden                 auf vier Schwerpunkte der Interviews eingehen. ((10))<\/p>\n<h3>&#8222;Es geht nicht nur um den Kampf mit der Armee&#8220;<\/h3>\n<p>Insbesondere Necdet \u00d6zaktin fordert in seinem Interview eine                 grunds\u00e4tzlichere Haltung gegen Gewalt und gegen den bewaffneten                 Kampf ein und kritisiert damit auch die Position einer ganzen                 Reihe von neueren Kriegsdienstverweigerern, die ein unkritisches                 Verh\u00e4ltnis zur PKK haben. <\/p>\n<p>&#8222;Sie k\u00f6nnen doch nicht einfach die Waffen \u00fcbersehen&#8220;, so Necdet                 \u00d6zaktin, &#8222;wenn es um bewaffneten Widerstand geht. Der Widerstand                 kann ja v\u00f6llig richtig sein, aber deswegen d\u00fcrfen sie doch nicht                 Menschen ermorden.&#8220;<\/p>\n<p>Der seit Anfang der 1980er Jahre gef\u00fchrte Krieg in Kurdistan                 forderte mehr als 40.000 Opfer, Tausende von D\u00f6rfern wurden von                 t\u00fcrkischen Sicherheitskr\u00e4ften zerst\u00f6rt, Tausende Oppositionelle                 kamen in Haft. <\/p>\n<p>Nach fast 30 Jahren begann die t\u00fcrkische Regierung, mit dem ehemaligen                 F\u00fchrer der PKK und seit 1999 inhaftierten Abdullah \u00d6calan \u00fcber                 einen Waffenstillstand zu verhandeln. Nach einem Aufruf von \u00d6calan                 am 21. M\u00e4rz 2013 herrscht zwar Waffenruhe auf beiden Seiten, aber                 die Lage ist nach wie vor gespannt. Von vielen Beobachtern wird                 angezweifelt, dass die t\u00fcrkische Regierung wirklich ein ernsthaftes                 Interesse an einem Friedensschluss mit der PKK hat.<\/p>\n<p>Wie stehst du zum Krieg und zum bewaffneten Widerstand im eigenen                 Land? Dies ist eine Frage, die \u00fcber die Ablehnung des Milit\u00e4rdienstes                 und \u00fcber die Frage des Menschenrechtes auf Kriegsdienstverweigerung                 hinausgeht. W\u00e4hrend im Westen der T\u00fcrkei wenig vom Krieg im Osten                 zu sp\u00fcren war, war der B\u00fcrgerkrieg im Osten &#8222;hautnah&#8220; zu erleben,                 wie Mehmet Tarhan schildert, der als Beamter Musterungen durchf\u00fchrte.               <\/p>\n<p>&#8222;Ich sah nicht nur, was die Armee tat. Ich sp\u00fcrte auch, was es                 bedeutet, unter dem Kommando einer organisierten Gewalt und der                 st\u00e4ndigen Drohung der Gewaltanwendung zu stehen. Die ganze Zeit                 \u00fcber sp\u00fcrte ich den Druck des Milit\u00e4rsystems, zumal zu dieser                 Zeit in Ostanatolien der Ausnahmezustand herrschte. Die Drohungen                 wurden auch in die Tat umgesetzt, und ich beobachtete all das                 aus der N\u00e4he. Ich denke, das ist letztlich der f\u00fcr mich entscheidende                 Grund gewesen, den Kriegsdienst zu verweigern.&#8220;<\/p>\n<p>Die eigenen Erfahrungen, aber auch die Auseinandersetzung mit                 der Unterdr\u00fcckung der kurdischen Bev\u00f6lkerung und der Gewalt des                 Milit\u00e4rs und der t\u00fcrkischen Streitkr\u00e4fte sind f\u00fcr viele Interviewte                 wichtige Bezugspunkte. Merve Arkun sieht &#8222;den Krieg nicht als                 zweiseitig an, sondern als eine Ausl\u00f6schungspolitik des t\u00fcrkischen                 Staates&#8220;. Furkan Celik kritisiert die Position &#8222;vieler Gewaltgegner,                 die beide Organisationen, die t\u00fcrkischen Streitkr\u00e4fte und die                 PKK gleichstellen, weil sie autorit\u00e4r und hierarchisch sind&#8220;.                 &#8222;Ich denke das nicht&#8220;, f\u00e4hrt er fort, &#8222;denn die PKK k\u00e4mpft f\u00fcr                 Freiheit. Seit 89 Jahren ist die Armee dabei, ein Volk zu assimilieren                 und zu verleugnen. Der Kampf der PKK gegen diese Unterdr\u00fcckung                 kann nicht als ein und dasselbe gewertet werden.&#8220;<\/p>\n<p>Deutlich wird an den beispielhaft herausgegriffenen Zitaten von                 Merve Arkun und Furkan Celik, dass sie aufgrund der v\u00f6llig unterschiedlichen                 Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse der bewaffneten Kr\u00e4fte und der bestehenden                 Unterdr\u00fcckung der kurdischen Bev\u00f6lkerung dem Kampf der PKK positiv                 gegen\u00fcberstehen.<\/p>\n<p>Der Einsatz der Waffen wird nicht in Frage gestellt, auch wenn                 Merve Arkun in ihrem Interview darauf hinweist, dass die Strategien                 sehr wohl kritisiert werden k\u00f6nnten. <\/p>\n<p>Nicht in Frage gestellt wird auch der starke nationalistische                 Charakter der kurdischen Bewegung. Die Fragen von Hierarchie und                 Unterordnung werden hinten angestellt, auch wenn sich insbesondere                 Furkan Celik als \u00fcberzeugter Anarchist versteht. Und nicht zuletzt:                 Die Folgen eines Krieges f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung und die mit einem                 Krieg verbundene Militarisierung der Gesellschaft, eben auch der                 kurdischen, werden weitgehend ignoriert.<\/p>\n<p>Es ist einerseits sehr ern\u00fcchternd, dass diese Argumente von                 so vielen Aktiven vorgetragen werden, auf der anderen Seite spiegelt                 es den gegenw\u00e4rtigen Diskussionsstand der AntimilitaristInnen                 wider.<\/p>\n<p>M\u00f6glicherweise k\u00f6nnte eine st\u00e4rkere inhaltliche Auseinandersetzung                 z.B. mit Erfahrungen von Bewegungen anderer L\u00e4nder zur Frage des                 bewaffneten Widerstandes dazu f\u00fchren, diese Diskussion weiterzuf\u00fchren.                 Ercan Aktas, der wegen Mitgliedschaft in der PKK inhaftiert war,                 schildert dies f\u00fcr sich selbst: &#8222;Ich ging als Sozialist und Kurde                 ins Gef\u00e4ngnis und war zum Zeitpunkt meiner Entlassung Antimilitarist                 und Kriegsdienstverweigerer. Ich habe im Gef\u00e4ngnis eine Transformation                 durchlebt. Nat\u00fcrlich habe ich meine Verbindung zur kurdischen                 Bewegung nicht abgebrochen.&#8220;<\/p>\n<h3>&#8222;Als Anarchist sollte man Antimilitarist sein&#8220;<\/h3>\n<p>Viele der Kriegsdienstverweigerer und -verweigerinnen verstehen                 sich als Anarchisten, einige sind auch in anarchistischen Gruppen                 aktiv, wie der <i>Anarchistischen Aktion in der Schule<\/i> ((11))                 oder dem <i>Kolektiv 26A<\/i>. Abdulmelik Yalcin erkl\u00e4rt dazu:                 &#8222;Als Anarchist sollte man sowieso Antimilitarist sein und nicht                 zum Milit\u00e4r gehen. Es w\u00e4re nicht richtig, im Milit\u00e4r zu dienen                 und Teil der Kultur des Gehorsams zu werden. Wir haben eine aktive                 Gruppe in der Schule. Wir versuchen die Kultur des Gehorsams und                 des Egoismus&#8216; zu beseitigen. Zu diesem Zweck haben wir eine Tauschb\u00f6rse                 organisiert. Auch die Kriegsdienstverweigerung ist ein wichtiger                 Teil unserer Arbeit.&#8220;<\/p>\n<p>Wie oben schon beschrieben, schlie\u00dft das allerdings nicht unbedingt                 eine prinzipielle Haltung gegen bewaffneten Widerstand mit ein.                 Auch Abdulmelik Yalcin sagt dies in seinem Interview bez\u00fcglich                 der PKK: &#8222;Dort ist ein Volk seit hundert Jahren schwerster Repression                 ausgesetzt. Es war f\u00fcr dieses Volk notwendig, organisiert zur                 Waffe zu greifen, um die eigene Sprache und Kultur zu verteidigen.&#8220;                 Und dennoch sieht er die Kriegsdienstverweigerung als &#8222;eine entscheidende                 Aussage f\u00fcr den Frieden. Man st\u00e4rkt den Friedensprozess, indem                 man nicht am Unterdr\u00fcckungsapparat des Staates teilnimmt, besser                 noch, sich beiden Seiten entzieht.&#8220;<\/p>\n<h3>&#8222;In islamischen Staaten gab es angewandte Kriegsdienstverweigerung&#8220;<\/h3>\n<p>2007 trat mit dem Kriegsdienstverweigerer Enver Aydemir in der                 T\u00fcrkei der erste an die \u00d6ffentlichkeit, der seine Verweigerung                 ausdr\u00fccklich mit seinem muslimischen Glauben begr\u00fcndete. Das ist                 nicht nur eine neue, sondern auch bedeutsame Entwicklung, ist                 doch die Kriegsdienstverweigerung h\u00e4ufig verbunden mit christlichen                 Motiven oder westlich gepr\u00e4gten Vorstellungen.<\/p>\n<p>Zwei Extreme dieser Argumentation finden sich auch in den Interviews                 wieder. So geh\u00f6rt Muhammed Cihad Ebrari der Gruppe der <i>Antikapitalistischen                 Muslime<\/i> an, die die Auffassung vertreten, dass jeder Prophet                 zugleich als eine &#8222;Widerstandsposition gegen das herrschende System                 seiner Zeit&#8220; zu verstehen sei. ((12))               <\/p>\n<p>Bekannt geworden ist die Gruppe mit einem alternativen Fastenbrechen                 am Ende des Ramadan im Juli 2013, mit dem sie auf der wichtigsten                 Gesch\u00e4ftsstra\u00dfe in Istanbul, der Istiklal, gegen die Polizeigewalt                 gegen die Gezi-Park-Bewegung protestierte. &#8222;Mit jeden zehn Metern,                 die die improvisierte Tafel l\u00e4nger wurde und sich in Richtung                 Taksim Platz ausdehnte, klatschten die umstehenden Leute Beifall                 und riefen den Slogan der letzten Wochen: &#8218;\u00dcberall ist Taksim,                 \u00fcberall ist Widerstand&#8216;.&#8220; ((13))<\/p>\n<p>Muhammed Cihad Ebrari sieht sich als &#8222;Antikapitalist und Antimilitarist&#8220;.                 &#8222;Die Streitkr\u00e4fte&#8220;, so sagt er, &#8222;sind zum Schutz der kapitalistischen                 Ordnung dar. Militarismus und seine Kriege vernichten die Natur.                 Jeder B\u00fcrger ist dem t\u00fcrkischen Staat die Ableistung des Milit\u00e4rdienstes                 schuldig. Wir sind dem Staat aber \u00fcberhaupt nichts schuldig, sondern                 er steht im Gegenteil in unserer Schuld. Ich war z.B. mit 13 mit                 meiner Mutter und meinen Geschwistern im Gef\u00e4ngnis, obwohl wir                 nichts getan hatten. Der Staat hat mich meiner Kindheit und meiner                 Jugend beraubt.&#8220;<\/p>\n<p>Muhammed Serdar Delice hingegen versteht sich als muslimischer                 Nationalist und ist Kriegsdienstverweigerer geworden, weil er                 im Milit\u00e4r seinen muslimischen Glauben nicht leben konnte. Ausschlaggebend                 war f\u00fcr ihn eine Situation beim Abendrapport im Milit\u00e4r, als sie                 seinen Gebetsteppich und seinen Koran aus dem Fenster warfen.                 &#8222;Ich habe beide aufgelesen&#8220;, berichtet er &#8222;und begab mich ins                 obere Stockwerk. Da stand der Feldwebel. Ich fuhr ihn an: &#8218;Was                 bist du f\u00fcr ein Mensch? Du kannst nicht so mit mir umgehen. Es                 reicht oder ich bringe dich um.&#8216; Dann kamen der Hauptmann, der                 Bataillonskommandeur und der Kompanief\u00fchrer dazu. Sie sagten,                 als Rekrut m\u00fcsse ich ihnen gehorchen. &#8218;Ist das so?&#8216;, fragte ich                 und zog mich aus. Ich stand in meinen Unterhosen da. &#8218;Und was                 bin ich jetzt?&#8216; fragte ich. &#8218;Ich bin in erster Linie ein Mensch,                 kein Soldat. Ich ziehe diese Stiefel nicht mehr an, nehme keine                 Waffe in meine Hand. Ich bin kein Soldat, ich erkl\u00e4re hier in                 ihrer Gegenwart meine Kriegsdienstverweigerung.'&#8220;<\/p>\n<p>Mit seiner Vorstellung von Nationalismus, die Gottesf\u00fcrchtigkeit                 als \u00dcberlegenheit sieht, bezieht er sich auf die Lehre des persischen                 Mystikers Dschalal ad-Din ar-Rumi, der die wahre Erf\u00fcllung im                 Leben darin sieht, Gott durch Liebe n\u00e4her zu kommen. <\/p>\n<p>Insbesondere die Position von Muhammed Serdar Delice ist sehr                 umstritten, gerade auch bei Kriegsdienstverweigerern.<\/p>\n<p>Allerdings wird es von anderen Aktiven eher als exzentrische                 Position einer Haltung gegen Milit\u00e4r angesehen, statt als nationalistisch                 untermauerte Aktionsform gegen den Staat, da er sich von dem in                 der T\u00fcrkei vorherrschenden Nationalismus der MHP ((14))                 distanziert. Die Reaktion ist nicht: Wir k\u00f6nnen auf keinen Fall                 miteinander reden, sondern: Wir sollten unbedingt miteinander                 reden und diskutieren. <\/p>\n<h3>&#8222;Militarismus und Patriarchat sind nicht voneinander zu trennen&#8220;<\/h3>\n<p>Eine Besonderheit in der T\u00fcrkei ist sicherlich, dass dort auch                 Frauen \u00f6ffentlich ihre Kriegsdienstverweigerung erkl\u00e4ren, auch                 wenn es keine Wehrpflicht f\u00fcr Frauen gibt. Wir hatten dies auch                 mit dem Titel der Brosch\u00fcre deutlich gemacht, und so sofort Widerspruch                 geerntet. Frauen k\u00f6nnen doch gar nicht verweigern, hie\u00df es. Das                 sieht z.B. Zeynep Varol v\u00f6llig anders: &#8222;Ich sehe die Kriegsdienstverweigerung                 als die radikalste Aktion an, die eine T\u00fcrkin angesichts des Krieges                 in der T\u00fcrkei machen kann. Neben allen offensichtlichen Auswirkungen                 gibt es auch weniger deutliche Aspekte, wie z.B. die wechselseitige                 Beziehung zwischen Militarismus und Patriarchat. Zum Beispiel                 entstehen in Kriegsgebieten Bordelle. <\/p>\n<p>Soldaten werden w\u00e4hrend ihrer Ausbildung mit einem negativen                 Bild der Frau aufgestachelt und angetrieben, ihre M\u00e4nnlichkeit                 zu beweisen. In meiner Kriegsdienstverweigerung ging es mir darum,                 auf diese Aspekte aufmerksam zu machen und meinen Widerstand zu                 erkl\u00e4ren.&#8220;<\/p>\n<p>Als sich Zeynep Varol, damals Mitglied der <i>F\u00f6deration Sozialistischer                 Jugendvereine<\/i>, entschieden hatte, ihre Verweigerung \u00f6ffentlich                 zu machen, bekam sie unversehens Widerspruch von ihren m\u00e4nnlichen                 Genossen. &#8222;Die fanden das sinnlos. Es sei viel bedeutender, dass                 M\u00e4nner den Kriegsdienst verweigern&#8220;. <\/p>\n<p>Sie kommt zum Schluss, dass &#8222;sich das Patriarchat auch in unseren                 Reihen widerspiegelt&#8220;. Mit dieser Erfahrung steht sie nicht allein                 und es war bei den Interviews sehr erfreulich, zu sehen, mit welcher                 Vehemenz und Hartn\u00e4ckigkeit die Frauen ihre Position mit einbringen.<\/p>\n<h3>Verein f\u00fcr Kriegsdienstverweigerung gegr\u00fcndet<\/h3>\n<p>Kurz nach dem Abschluss der Interviews, zum 15. Mai 2013, dem                 Internationalen Tag der Kriegsdienstverweigerung, ergriffen Aktive                 in der T\u00fcrkei die Initiative und gr\u00fcndeten den <i>Verein f\u00fcr Kriegsdienstverweigerung<\/i>                 (VR-DER). Viele der Interviewten, so unterschiedlich auch ihre                 Hintergr\u00fcnde und Beweggr\u00fcnde sind, sind in dem Verein aktiv. Es                 besteht ob der sehr unterschiedlichen Motive Diskussionsbedarf.<\/p>\n<p>Erfreulicherweise geschieht dies derzeit in dem Verein. Ercan                 Aktas berichtet dazu: &#8222;Unser gemeinsamer Nenner ist die Ablehnung                 der Wehrpflicht und Unterst\u00fctzung der Kriegsdienstverweigerung.                 An dem Punkt entsteht ein Dialog und du f\u00e4ngst an deine Vorurteile                 zu hinterfragen. Muhammed Serdar sagte mir bei der letzten Versammlung,                 er h\u00e4tte vor sechs Monaten nicht geglaubt, er w\u00fcrde demn\u00e4chst                 in solch einer Versammlung sitzen und mit Anarchisten zusammen                 arbeiten. Ich hinterfrage mich, er hinterfragt sich; so finden                 wir unseren gemeinsamen Weg.&#8220;<\/p>\n<p>Der Verein setzt sich nicht nur f\u00fcr die Freilassung inhaftierter                 Verweigerer ein, sondern geht an die \u00d6ffentlichkeit, macht Lobbyarbeit                 und ist international vernetzt. Die Aktiven wollen zudem eine                 Beratungsstelle er\u00f6ffnen und eine Unterschriftensammlung an das                 Parlament initiieren.<\/p>\n<p>Auf die von der t\u00fcrkischen Regierung angek\u00fcndigte Verk\u00fcrzung                 des Milit\u00e4rdienstes machte der Verein in einer Presseerkl\u00e4rung                 deutlich, was den Menschen wirklich unter den N\u00e4geln brennt: &#8222;Das                 System der Wehrpflicht hat besonders infolge des Kriegs in Kurdistan                 ausgedient. Die Nachrichten von jungen Menschen, die in einem                 Krieg geopfert wurden, den sie nicht verstehen, hat besonders                 bei Familien von Soldaten zu heftigen Reaktionen gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Alle jungen M\u00e4nner, die hierbei umgekommen sind, kommen ausgerechnet                 aus armen Familien. Das best\u00e4tigt: Es handelt sich um eine &#8217;soziale                 Wunde&#8216;. Als <i>Verein f\u00fcr Kriegsdienstverweigerung<\/i> fordern                 wir eine sofortige Abschaffung der Wehrpflicht und die Anerkennung                 des Rechts auf Kriegsdienstverweigerung. Wir erkl\u00e4ren unsere Solidarit\u00e4t                 mit den &#8218;Dienstfl\u00fcchtigen&#8216; und rufen sie auf, als Protest auf                 die Menschenjagd ihre Kriegsdienstverweigerung zu erkl\u00e4ren. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Abstimmung mit den F\u00fc\u00dfen Wer einen Blick auf die t\u00fcrkischsprachige Website www.savaskarsitlari.org wirft, findet dort unter dem Stichpunkt &#8222;Vicdani Ret&#8220; (Kriegsdienstverweigerung) eine Auflistung der Personen, die seit 1989, also in den letzten fast 25 Jahren, ihre Kriegsdienstverweigerung \u00f6ffentlich erkl\u00e4rt haben. Insgesamt nennt die Website etwa 550 Personen. Nicht aufgef\u00fchrt sind hier noch weitere etwa 200 &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/01\/tuerkei-es-gibt-viele-gruende-den-kriegsdienst-zu-verweigern\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"T\u00fcrkei: Es gibt viele Gr\u00fcnde, den Kriegsdienst zu verweigern - graswurzelrevolution","description":"Abstimmung mit den F\u00fc\u00dfen Wer einen Blick auf die t\u00fcrkischsprachige Website www.savaskarsitlari.org wirft, findet dort unter dem Stichpunkt \"Vicdani Ret\" (Kriegs"},"footnotes":""},"categories":[730,1025,1027],"tags":[],"class_list":["post-13224","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-385-januar-2014","category-die-waffen-nieder","category-wir-sind-nicht-alleine"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13224","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13224"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13224\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13224"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13224"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13224"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}