{"id":13226,"date":"2014-01-01T00:00:28","date_gmt":"2013-12-31T22:00:28","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13226"},"modified":"2022-07-26T14:22:21","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:21","slug":"die-echos-der-maskierten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/01\/die-echos-der-maskierten\/","title":{"rendered":"Die Echos der Maskierten"},"content":{"rendered":"<p>Der Sprecher der EZLN, Subcomandante Marcos, wurde trotzdem als                 neuer Che gefeiert, bevor er selbst sich wie einst der Befreiungsheld                 und Posterrevolution\u00e4r aufs Motorrad schwang, als &#8222;Delegierter                 Null&#8220; 2006 die als Alternative zum Pr\u00e4sidentschaftswahlkampf gedachte                 &#8222;Andere Kampagne&#8220; anf\u00fchrte und dann in der Versenkung verschwand.<\/p>\n<p>F\u00fcr das Schweigen seitdem wurden sie, die Wortgewaltigen, mit                 H\u00e4me \u00fcbersch\u00fcttet, weil damit politische Ratlosigkeit assoziiert                 wurde. <\/p>\n<p>Als dann Ende 2012, das Datum, zu dem ihre Vorfahren angeblich                 das Ende der Welt vorhergesagt hatten, rund 40.000 Maskierte in                 einem Schweigemarsch die Faust ballten, schwiegen wiederum die                 vormals H\u00e4mischen. Das Spiel mit solchen Widerspr\u00fcchen ist Teil                 des zapatistischen Spiels.<\/p>\n<p>Rassismus, Armut und Neoliberalismus, die drei wesentlichen Gro\u00dfanl\u00e4sse                 f\u00fcr das Entstehen der Bewegung, sind nach wie vor virulent. In                 Mexiko und weltweit. Aber die Effekte und die Wirkungsweisen von                 sozialen Bewegungen lassen sich ohnehin nicht am Schrumpfen ihrer                 Entstehungsursachen ablesen. <\/p>\n<p>Ein Indikatorenfeld k\u00f6nnte das angedeutete sein: Motivationen                 erzeugen, historische Parallelen anbieten oder gerade ausschlie\u00dfen,                 dort Spuren hinterlassen, wo es niemand f\u00fcr m\u00f6glich gehalten hatte.                 Auf einer CD der Goldenen Zitronen etwa, im Bildrepertoire eines                 Stadtblattreporters, eigentlich \u00fcberhaupt in K\u00f6pfen und Begehrensvorr\u00e4ten                 westlich zivilisierter Menschen. Denn was haben wir schon mit                 den Lebensrealit\u00e4ten indigener Bev\u00f6lkerungsgruppen im s\u00fcdlichsten                 und \u00e4rmsten Bundesstaat Mexikos gemeinsam, ja selbst mit ihren                 K\u00e4mpfen, dass wir uns mit ihnen besch\u00e4ftigen? <\/p>\n<h3>Wie kam es, dass Leute, die ihre Gesichter mit pasamonta\u00f1as,                 dem mexikanischen Skim\u00fctzenpendant, und T\u00fcchern verdeckten, um                 endlich gesehen zu werden, auch gesehen wurden?<\/h3>\n<p>Die K\u00e4mpfe der s\u00fcdmexikanischen Landbev\u00f6lkerung sind auf ein                 Echo gesto\u00dfen, das enorm war. Etwas mehr als drei Jahre vor Beginn                 des Aufstands war die Sandinistische Revolution abgew\u00e4hlt worden,                 der Ostblock &#8211; f\u00fcr viele Linke wenn auch kein Gegenmodell, so                 doch ein machtpolitisch gern gesehenes Korrektiv gegen\u00fcber der                 kapitalistischen Expansion &#8211; war zusammengebrochen und George                 Bush senior hatte die Neue Weltordnung verk\u00fcndet. In Mexiko regierte                 seit 1929 dieselbe Partei, seit den 40er Jahren unter dem sch\u00f6nen                 Namen Institutionell Revolution\u00e4re Partei (PRI). Die politischen                 Rahmenbedingungen erkl\u00e4ren zumindest die \u00dcberraschung, die die                 indigen gepr\u00e4gte Bewegung am 1. Januar 1994 ausl\u00f6ste. Die eigenen                 Inhalte, das basisdemokratische, auf Zuh\u00f6ren basierende Politikmodell                 und der Kampf gegen den Neoliberalismus waren die Schl\u00fcssel f\u00fcr                 die gro\u00dfe Anschlussf\u00e4higkeit. Und nicht zuletzt die Formen, eine                 ungewohnt poetische Sprache in den Verlautbarungen und eine extrem                 einfallsreiche Kampagnenpolitik (Konvent, Marsch, Verhandlung,                 Intergalaktische Treffen, Befragung, Buskarawane, Festival u.v.a.),                 machen die Begeisterung nachvollziehbar. <\/p>\n<p>F\u00fcr die globalisierungskritischen Bewegungen wurde der Zapatismus                 zu einer &#8211; wenn auch, wegen seiner Fundamentalopposition gegen\u00fcber                 dem staatspolitischen System umstrittenen &#8211; zentralen Bezugsgr\u00f6\u00dfe.                 Wegen der offensiven Suche nach Alternativen zur kapitalistischen                 &#8222;Modernisierung&#8220;. <\/p>\n<p>Auch wenn die &#8222;dritte Schulter&#8220;, wie Subcomandante Marcos die                 transnationale Unterst\u00fctzung nannte, in den letzten Jahren merklich                 schw\u00e4chelt und auf ihr nicht mehr allzu viel ruht: Jenseits von                 konjunkturellen Tiefs revolutionsromantischer wie journalistischer                 Logiken sind die Zapatistas nach wie vor eine wichtige Konstante                 in den K\u00e4mpfen gegen rassistische Ausgrenzung, gegen die Diskriminierung                 von Frauen aber auch gegen infrastrukturelle Gro\u00dfprojekte und                 Umweltzerst\u00f6rung.<\/p>\n<p>Es gab Solidarit\u00e4tsgruppen und es gibt Kooperativen, die fair                 gehandelten, \u00f6kologischen Kaffee aus den zapatistischen Gebieten                 vertreiben. Und es gab und gibt auch zahlreiche Protestbewegungen,                 die zapatistische Forderungen und Konzepte aufgriffen und in ihren                 eigenen K\u00e4mpfen nutzten, die Tute Bianche in Italien zum Beispiel.                 Selbst bei Studierendenprotesten in Frankreich, Deutschland oder                 \u00d6sterreich tauchten zapatistische Parolen auf. <\/p>\n<p>Und dann das intellektuelle Feld: Hier wurde konzeptuell vermittelt,                 warum die Frage der Landverteilung, die Frage nach Autonomie und                 kulturellen Rechten, die Frage der Bildung verarmter Bev\u00f6lkerungsteile                 und die Frage politischer Organisierung und Repr\u00e4sentation nicht                 nur im mexikanischen Bundesstaat Chiapas zu stellen sind. Auch                 in Mexiko leben mittlerweile drei Viertel der Bev\u00f6lkerung in St\u00e4dten,                 auch aus deren objektiven Lage ergeben sich nicht notwendiger                 Weise Gemeinsamkeiten mit ihren b\u00e4uerlichen Landsleuten. Und dennoch                 geht es um universelle Fragen. <\/p>\n<p>Die Feministin Silvia Federici etwa beschrieb den zapatistischen                 Widerstand gegen die Aufhebung der verfassungsm\u00e4\u00dfigen Garantie                 von Gemeindeland als Auftakt f\u00fcr eine Auseinandersetzung um &#8222;commons&#8220;                 (in etwa: &#8222;das, was allen geh\u00f6rt&#8220;) in der radikalen Linken. <\/p>\n<p>Der Literaturwissenschaftler und Theoretiker der Dekolonisierung,                 Walter Mignolo, bescheinigte den Zapatistas einen &#8222;epistemischen                 Bruch&#8220;, d.h. einen grunds\u00e4tzlichen Wandel herbeigef\u00fchrt zu haben                 in der Art und Weise, wie Politik zu denken ist. Michael Hardt                 und Antonio Negri, die Autoren der viel diskutierten B\u00fccher &#8222;Empire&#8220;                 und &#8222;Multitude&#8220; haben die zapatistische Praxis als Beispiel f\u00fcr                 ihr Konzept der (nicht-staatlichen) &#8222;konstituierenden Macht&#8220; aufgef\u00fchrt.               <\/p>\n<p>Und der marxistische Philosoph \u00c9tienne Balibar beschrieb die                 zapatistischen Forderungen als prototypisch f\u00fcr jene nach dem                 &#8222;Recht auf Rechte&#8220;, das Marginalisierte in aller Welt mehr und                 mehr formulieren w\u00fcrden. In Philosophie, Politikwissenschaft,                 Soziologie, soziale Bewegungsforschung und andere Wissensproduktionen,                 das soll damit gesagt sein, intervenierten die Zapatistas also                 nicht nur als (passiv beforschter) Gegenstand, sondern auch als                 Inhalte generierende Kraft. Das ist nur ein kleiner, eben vermittelnder                 Teil zapatistischer Politik und wie er zu den Kr\u00e4ften steht, die                 in Chiapas Hunderttausende jenseits staatlicher Strukturen mit                 Nahrung, Bildung, Infrastruktur versorgen, die Frage soll an dieser                 Stelle gar nicht aufgeworfen werden.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich, vor lauter Faszination d\u00fcrfen nat\u00fcrlich auch die                 potenziellen Sackgassen und Fallstricke nicht vergessen werden,                 die bei voll gegen das staatspolitische System ausgerichteten                 Strategien immer lauern. Weniger als Vereinnahmung also Regionalismus                 oder gar Isolation. <\/p>\n<p>Aber das sind beileibe nicht die Probleme, an die anl\u00e4sslich                 des zwanzigsten Jahrestages des Aufstands, der auf Anraten der                 Chase Manhattan Bank sofort h\u00e4tte vernichtet werden sollen und                 der seitdem von einem Drittel der mexikanischen Bundesarmee umstellt                 ist, zu gemahnen ist. Ich denke, man kann sicher sein, dass eine                 politische Beschw\u00f6rungsformel von hier aus &#8211; von den zapatistischen                 Gebieten in Mexiko und in aller Welt &#8211; auch in den kommenden Jahren                 tagt\u00e4glich umgesetzt wird: &#8222;\u00a1La lucha sigue!&#8220;, &#8222;Der Kampf geht                 weiter!&#8220; Und das ist, solange es Armut, Rassismus und Neoliberalismus                 gibt, gut so.<\/p>\n<p><b>Jens Kastner<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Sprecher der EZLN, Subcomandante Marcos, wurde trotzdem als neuer Che gefeiert, bevor er selbst sich wie einst der Befreiungsheld und Posterrevolution\u00e4r aufs Motorrad schwang, als &#8222;Delegierter Null&#8220; 2006 die als Alternative zum Pr\u00e4sidentschaftswahlkampf gedachte &#8222;Andere Kampagne&#8220; anf\u00fchrte und dann in der Versenkung verschwand. F\u00fcr das Schweigen seitdem wurden sie, die Wortgewaltigen, mit H\u00e4me \u00fcbersch\u00fcttet, &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/01\/die-echos-der-maskierten\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Die Echos der Maskierten - graswurzelrevolution","description":"Der Sprecher der EZLN, Subcomandante Marcos, wurde trotzdem als neuer Che gefeiert, bevor er selbst sich wie einst der Befreiungsheld und Posterrevolution\u00e4r auf"},"footnotes":""},"categories":[730,1042,1027],"tags":[],"class_list":["post-13226","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-385-januar-2014","category-ohne-chef-und-staat","category-wir-sind-nicht-alleine"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13226","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13226"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13226\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13226"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13226"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13226"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}