{"id":13228,"date":"2014-01-01T00:00:55","date_gmt":"2013-12-31T22:00:55","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13228"},"modified":"2022-07-26T14:22:21","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:21","slug":"alles-fuer-alle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/01\/alles-fuer-alle\/","title":{"rendered":"&#8222;Alles f\u00fcr Alle!&#8220;"},"content":{"rendered":"<h3>Die Vorgeschichte<\/h3>\n<p>Das Massaker der mexikanischen Regierung an \u00fcber 400 linksgerichteten                 Studierenden vom 2. Oktober 1968 markierte eine Z\u00e4sur in der politischen                 Geschichte Mexikos. <\/p>\n<p>Viele emanzipatorisch orientierte Oppositionelle sahen danach                 keine M\u00f6glichkeit mehr, auf legalem Weg Einfluss auf die autorit\u00e4re                 Politik des Landes zu nehmen. Es gr\u00fcndeten sich unterschiedliche                 bewaffnete revolution\u00e4re Organisationen, die im Untergrund operierten.                 Revolution\u00e4re Guerilla-Gruppen hat es auch nach der Revolution                 von 1910 immer gegeben, doch nach dem Massenmord kurz vor den                 Olympischen Spielen erfuhr die \u00dcberzeugung, dass bewaffneter Widerstand                 notwendig sei, gro\u00dfe Unterst\u00fctzung.<\/p>\n<p>Die EZLN (span.: Ej\u00e9rcito Zapatista de Liberaci\u00f3n Nacional) ging                 aus den Kr\u00e4ften der Nationalen Befreiung FLN (span.: Fuerzas de                 Liberaci\u00f3n Nacional) hervor, die am 6. August 1969 in Monterrey                 gegr\u00fcndet worden waren. Im Gegensatz zu anderen linken bewaffneten                 Organisationen Mexikos lehnten die FLN Raub und Entf\u00fchrungen zur                 Finanzierung ihrer Organisation kategorisch ab. Es folgte eine                 wechselhafte Zeit der Rekrutierung und militanter Aktivit\u00e4ten                 im Untergrund in den Bundesstaaten Chiapas, M\u00e9xico, Nuevo Le\u00f3n,                 Puebla, Tabasco und Veracruz mit vielen R\u00fcckschl\u00e4gen. <\/p>\n<p>Am 17. November 1983 wurde im Lakandonischen Regenwald von Chiapas                 die EZLN von einer sechsk\u00f6pfigen Gruppe gegr\u00fcndet. Anfangs handelte                 es sich um eine dogmatische Kleingruppe, die sich an anderen Guerilla-Organisationen                 Lateinamerikas orientierte, zum Teil Kontakte zur Studierendenbewegung                 von 1968 gehabt hatte und mit einem avantgardistisch-kommunistischen                 Konzept die indigene Bev\u00f6lkerung &#8218;befreien&#8216; wollte. <\/p>\n<p>Es folgte eine mehrj\u00e4hrige Etappe, in der die Kerngruppe der                 EZLN relativ isoliert blieb, da dieser paternalistische Ansatz,                 der zudem von mangelnder Kenntnis der Region begleitet war, auf                 gro\u00dfes Misstrauen bei der ortsans\u00e4ssigen indigenen Bev\u00f6lkerung                 stie\u00df. Nach einiger Zeit kam es jedoch zu einer offeneren Ann\u00e4herung                 beider Seiten, die &#8211; neben anderen Faktoren wie dem Kampf der                 Frauen innerhalb der Bewegung und dem Einfluss der Befreiungstheologie                 &#8211; die undogmatischen Charakteristika der heutigen zapatistischen                 Bewegung erm\u00f6glichte. <\/p>\n<p>Die noch immer kleine bewaffnete Organisation trat daraufhin                 in einen wechselseitigen Lernprozess ein. Subcomandante Marcos,                 einer der wenigen Mestizen der Gruppe, beschreibt diese Phase                 so: <i>&#8222;Zus\u00e4tzlich zu ihrer Kondition, die sie f\u00fcr ein Leben in                 den Bergen bef\u00e4higte, brachten sie uns ihre Weltsicht sowie ihre                 Sicht des Kampfes und ihre Kultur bei. Das hei\u00dft, in dieser Aufbauphase                 bewegten wir uns in einer Schule, wo es nicht klar war, wer Lehrer                 und wer Sch\u00fcler war.&#8220;<\/i> <\/p>\n<p>Insgesamt zehn Jahre lang bereitete sich die politisch-milit\u00e4rische                 Organisation mit Unterst\u00fctzung der zivilen Basis unter gro\u00dfen                 Anstrengungen und Gefahren im Untergrund auf Tag X vor.<\/p>\n<h3>Der 1. Januar 1994<\/h3>\n<p>Mit ihrem bewaffneten Aufstand vom 1. Januar 1994, der als ein                 wichtiger Ausgangspunkt der neuen antikapitalistischen Bewegungen                 gilt, katapultierte sich die EZLN auf die Titelseiten der mexikanischen                 und globalen Presse. <\/p>\n<p>Der Zeitpunkt der Revolte wurde strategisch gew\u00e4hlt, denn just                 an diesem Tag trat das neoliberale Freihandelsabkommen NAFTA zwischen                 Kanada, Mexiko und den USA in Kraft.<\/p>\n<p>In einer Zeit, in der von den westlichen Eliten ein endg\u00fcltiger                 Sieg des Kapitalismus gefeiert wurde, manifestierten die vermeintlich                 Schw\u00e4chsten der Schwachen im S\u00fcdosten Mexikos ihr &#8222;\u00a1Ya Basta!&#8220;                 &#8211; &#8222;Es reicht!&#8220; und verdeutlichten so, dass das damals vielzitierte                 &#8222;Ende der Geschichte&#8220; keineswegs erreicht ist.<\/p>\n<p>Es folgten gro\u00dfe Wellen der Solidarit\u00e4t mit der EZLN im In- und                 Ausland. Angeh\u00f6rige der solidarischen Zivilgesellschaft &#8211; im Verst\u00e4ndnis                 der Zapatistas die unabh\u00e4ngig organisierten Menschen, die nicht                 von den Privilegien der Herrschenden profitieren &#8211; erkl\u00e4rten sich                 einverstanden mit den zentralen Forderungen der Zapatistas nach                 Arbeit, Land, Unterkunft, Nahrung, Gesundheit, Bildung, Unabh\u00e4ngigkeit,                 Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit und Frieden. Sie schlugen                 der EZLN jedoch einen nicht-bewaffneten Weg zu ihrer Durchsetzung                 vor.<\/p>\n<h3>Die EZLN \u00e4u\u00dferte sp\u00e4ter, sie habe in diesem Moment auf die Zivilgesellschaft                 geh\u00f6rt und k\u00e4mpft seit dem 12.01.1994 auf friedliche Weise f\u00fcr                 ihre Ziele<\/h3>\n<p>Durch die enormen Sympathiebekundungen f\u00fcr die Zapatistas sah                 sich die mexikanische Regierung nach zw\u00f6lf Tagen B\u00fcrgerkrieg gezwungen,                 einen Waffenstillstand zu proklamieren. Nichtsdestotrotz sind                 bis heute Zehntausende Soldaten in Chiapas stationiert. Ein wichtiger                 Grund daf\u00fcr ist die Kontrolle des Einflussgebiets der EZLN.<\/p>\n<p>Die zapatistische Rebellion hat nicht nur viele indigene und                 b\u00e4uerliche Bewegungen f\u00fcr ihre eigenen K\u00e4mpfe ermutigt und inspiriert,                 sondern auch viele Gruppierungen und Organisationen von anderen                 marginalisierten Bev\u00f6lkerungsgruppen wie benachteiligte Frauen,                 Studierende, Bewohner_innen von Armenvierteln, Sex-Arbeiter_innen,                 Nicht-Heterosexuelle, subkulturelle Linke und viele mehr.<\/p>\n<h3>&#8222;Land und Freiheit!&#8220;<\/h3>\n<p>Im Schwung des Aufstands besetzten die Zapatistas in Chiapas                 weit \u00fcber 100.000 Hektar Land und verteilten es an Tausende Familien.                 Auch viele Nicht-Zapatistas nutzten die damalige Dynamik zur Umverteilung                 dieses Produktionsmittels. Die EZLN bezeichnet diesen Prozess                 als <i>Wiederaneignung<\/i> (span.: recuperaci\u00f3n), da ihrer indigenen                 Basis die B\u00f6den \u00fcber Jahrhunderte von wei\u00dfen oder mestizischen                 Oligarchen geraubt wurden.<\/p>\n<p>Im Verst\u00e4ndnis der indigenen Bev\u00f6lkerung sind die L\u00e4ndereien,                 h\u00e4ufig als &#8222;Mutter Erde&#8220; (span.: madre tierra) bezeichnet, von                 integraler Bedeutung, wie Comandanta Kelly betont: <i>&#8222;Das Land                 und die Territorien sind mehr als nur Quellen von Arbeit und Nahrung,                 sie sind auch Kultur, Gemeinde, Geschichte, Vorfahren, Tr\u00e4ume,                 Zukunft, Leben und Mutter.&#8220;<\/i><\/p>\n<p>Nach jahrelangen, letztendlich gescheiterten Versuchen, mit der                 Regierung \u00fcber indigene Rechte, Demokratisierung, Abkehr von der                 neoliberalen Wirtschaftspolitik und die Verbesserung der Situation                 der Frauen zu verhandeln, w\u00e4hlte die EZLN den Weg der &#8222;Autonomie                 ohne Erlaubnis&#8220;. <\/p>\n<h3>Erfolge in Chiapas<\/h3>\n<p>Am 8. August 2003 wurden in den f\u00fcnf autonomen Zonen der Zapatistas                 zivile Verwaltungszentren gegr\u00fcndet (span.: caracoles, dt.: Schneckenh\u00e4user).                 Diese werden von f\u00fcnf R\u00e4ten der guten Regierung (span.: juntas                 de buen gobierno) koordiniert, deren Aufgabe ist, die Entscheidungen                 der Basis umzusetzen &#8211; getreu dem zapatistischen Motto des gehorchenden                 Befehlens (span.: mandar obedeciendo).<\/p>\n<p>Funktionstr\u00e4ger_innen, die im Sinne ihrer Basis nicht zufriedenstellend                 arbeiten, k\u00f6nnen &#8211; wie auch bisher auf Gemeinde- und Landkreisebene                 &#8211; jederzeit abgesetzt werden. Die zivile Struktur der zapatistischen                 Bewegung ist so aufgebaut, dass sich mehrere Gemeinden zu autonomen                 Landkreisen zusammenschlie\u00dfen, mehrere Landkreise bilden eine                 von f\u00fcnf Zonen, in denen jeweils ein <i>caracol<\/i> angesiedelt                 ist, in dem die jeweils drei Teams der <i>juntas<\/i> rotativ arbeiten.<\/p>\n<p>Die zentralen Aufgaben der <i>juntas<\/i> sind Vermittlung bei                 in- und externen Konflikten, \u00dcberwachung \u00fcberregionaler Projekte,                 Verhinderung von Korruption, Gew\u00e4hrleistung einer ausgewogeneren                 Entwicklung innerhalb der rebellischen Gebiete und Kontaktstelle                 f\u00fcr Solidarit\u00e4ts- und Menschenrechtsorganisationen, Presse sowie                 interessierte Personen allgemein. <\/p>\n<p>Zuvor hatte die Bewegung intensiv reflektiert, um ihre eigenen                 Strukturen zu verbessern. Aus den Unzul\u00e4nglichkeiten der eigenen                 Praxis, die die Zapatistas wie nur Wenige \u00f6ffentlich machen, entstand                 dieser neue Schritt gesellschaftlicher Selbstorganisierung. Die                 EZLN gab auf diese Art viele ihrer Kompetenzen an ihre Basis ab                 &#8211; ein Novum in der Geschichte bewaffneter Organisationen in Lateinamerika.<\/p>\n<p>Bemerkenswert ist, dass die zapatistischen R\u00e4te auch h\u00e4ufig von                 Nicht-Zapatistas aufgesucht werden, um die eigenen Probleme &#8211;                 h\u00e4ufig Landkonflikte &#8211; zu l\u00f6sen. Dass die nicht-zapatistischen                 Gemeinden dabei in aller Regel die Schiedsspr\u00fcche der <i>juntas<\/i>                 akzeptieren und befolgen, ist freilich ein Affront f\u00fcr den mexikanischen                 Staat und ein Beleg f\u00fcr die Seriosit\u00e4t der Arbeit der Zapatistas.               <\/p>\n<h3>Aufbau von Alternativen<\/h3>\n<p>Mit gesundem Selbstbewusstsein berichtete Subcomandante Marcos                 2013 von den Verbesserungen in den autonomen Gemeinden: <i>&#8222;In                 diesen Jahren haben wir uns gest\u00e4rkt und haben unsere Lebensbedingungen                 bedeutend verbessert. [\u2026] Hier, bei nicht wenigen Fehlern und                 vielen Schwierigkeiten, ist eine andere Art des Politikmachens                 bereits eine Realit\u00e4t.&#8220;<\/i><\/p>\n<p>Das gesamte Selbstverwaltungssystem der Zapatistas beruht auf                 unbezahlter Arbeit f\u00fcr die Gemeinschaft. Die Promotor_innen f\u00fcr                 Bildung, Gesundheit, Verwaltung, Justiz, Produktion, Agrar\u00f6kologie,                 Medien und anderes erhalten keinerlei monet\u00e4re Entlohnung f\u00fcr                 ihre Arbeit. Ihnen werden von der jeweiligen lokalen Gemeinde                 Lebensmittel und Unterkunft gestellt und im besten Fall wird sogar                 noch die eigene <i>milpa<\/i>, das traditionelle Feld zur Selbstversorgung                 mit Mais, Bohnen und weiteren Produkten, von den Nachbar_innen                 im heimischen Dorf bearbeitet.<\/p>\n<p>Der Autor dieser Zeilen konnte sich \u00fcber viele Jahre hinweg davon                 pers\u00f6nlich \u00fcberzeugen, dass sich die Lebensbedingungen der zapatistischen                 Basis kontinuierlich verbessert haben, vor allem in den Bereichen                 Bildung, Gesundheit und Partizipation. Erkl\u00e4rbar sind diese Errungenschaften,                 weil der real existierende Zapatismus in Chiapas weit mehr umfasst,                 als eine &#8218;klassische&#8216; soziale Bewegung: in den zapatistischen                 Gemeinden wird Selbstorganisation tagt\u00e4glich gelebt.<\/p>\n<h3>Kritik<\/h3>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich verlaufen die Initiativen der EZLN nicht idealtypisch                 und widerspruchsfrei, was auch von ihnen selbst immer wieder einger\u00e4umt                 wird. <\/p>\n<p>Ein Beispiel ist hier die Situation der Frauen, die sich durch                 die Revolution\u00e4ren Frauengesetze zwar verbessert hat, da die Zwangsheiraten,                 die Gewalt und die Exklusion der Frauen deutlich zur\u00fcckgegangen                 sind und auch immer mehr Frauen wichtige Aufgaben au\u00dferhalb des                 Haushalts \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>Nichtsdestotrotz betonen die Zapatistinnen, dass noch viel fehle,                 bis von echter Gleichberechtigung in allen Gemeinden der EZLN                 gesprochen werden k\u00f6nne. Daf\u00fcr machen sie nicht nur ihre m\u00e4nnlichen                 <i>compa\u00f1eros<\/i>, sondern auch einen Teil der Frauen verantwortlich,                 die das Patriarchat reproduzieren.<\/p>\n<p>Ein weiterer Kritikpunkt, der ebenfalls von der EZLN einger\u00e4umt                 wird, ist, dass sich einige Autorit\u00e4ten der Organisationen teilweise                 noch in Bereiche einmischen, die eigentlich klar der zivilen Struktur                 obliegen.<\/p>\n<p>Die etablierte parlamentarische Linke und einige dogmatische                 kommunistische Gruppen kritisieren die EZLN f\u00fcr ihren strikt au\u00dferparlamentarischen                 Kurs: sie sei durch die Nicht-Unterst\u00fctzung des sozialdemokratischen                 Pr\u00e4sidentschaftskandidaten Andr\u00e9s Manuel L\u00f3pez Obrador 2006 f\u00fcr                 die Wahl des rechtskonservativ-neoliberalen Politikers Felipe                 Calder\u00f3n von der Partei der Nationalen Aktion (PAN) und 2012 f\u00fcr                 die Wiederwahl der Institutionellen Revolution\u00e4ren Partei (PRI)                 verantwortlich. <\/p>\n<p>Diese Vorw\u00fcrfe sind unhaltbar, da diese systemimmanent denkenden                 Kritiker_innen das politische Konzept der Zapatistas nicht verstanden                 haben. Genau an diesen Eliten- und Fahnenwechseln will sich die                 EZLN eben nicht beteiligen.<\/p>\n<h3>Mexikoweite B\u00fcndnisse <\/h3>\n<p>Die EZLN unternahm vier Versuche, landesweite B\u00fcndnisse zu schmieden,                 um das Land zu demokratisieren und mehr soziale Gerechtigkeit                 zu erk\u00e4mpfen. Die ersten drei Versuche wurden anfangs begeistert                 aufgenommen und es kam zu Treffen mit Tausenden Aktiven, die Initiativen                 schliefen jedoch schlie\u00dflich ein. <\/p>\n<p>Der vierte Anlauf wurde durch die &#8222;VI. Deklaration aus dem Lakandonischen                 Urwald&#8220; 2005 lanciert. Hier schlug die EZLN vor, in einem mehrj\u00e4hrigen                 strikt friedlichen und au\u00dferparlamentarischen Prozess, genannt                 &#8222;Die Andere Kampagne&#8220;, eine neue linke und antikapitalistische                 Verfassung f\u00fcr Mexiko unter Beteiligung aller marginalisierten                 Bev\u00f6lkerungsgruppen durchzusetzen. <\/p>\n<p>Die Beurteilung dieses Prozesses, der von allen vier Versuchen                 am l\u00e4ngsten anh\u00e4lt und inzwischen von der EZLN als &#8222;La Sexta&#8220;                 bezeichnet wird, f\u00e4llt ambivalent aus. Das Ende ist weiterhin                 offen. Fest steht, dass die Tendenz von der ersten Initiative,                 der Nationalen Demokratischen Konvention bis hin zur vierten,                 &#8222;Der Sechsten&#8220;, immer weiter von den etablierten Parteien abr\u00fcckte                 und sich den radikal basisdemokratischen Prinzipien ann\u00e4herte,                 die die Zapatistas auch in ihren Gebieten anstreben. <\/p>\n<p>Die Bewegung um die EZLN ist somit mit wenigen anderen Mobilisierungen                 weltweit als anti-systemisch zu verstehen und weist dabei starke                 libert\u00e4re Tendenzen auf. <\/p>\n<h3>Transnationale Vernetzung<\/h3>\n<p>Die globale Vernetzung war f\u00fcr die EZLN von Anfang an wichtig.                 Zudem &#8218;labte&#8216; sich die desorientierte globale Linke regelrecht                 an der Radikalit\u00e4t und den konstruktiven Ideen dieser &#8218;frechen&#8216;                 Rebell_innen, die entgegen altbackener Organisationen nicht selten                 poetisch die Sehnsucht nach &#8222;Einer Welt, in der viele Welten Platz                 haben&#8220;, formulierten. Vielfach lud die EZLN zu globalen Treffen                 nach Chiapas ein und animierte zur Nachahmung an anderen Orten                 der Welt &#8211; was allerdings nicht h\u00e4ufig gelang. <\/p>\n<p>Die Zapatistas und viele emanzipatorische Aktivst_innen weltweit                 wollen sich auf Augenh\u00f6he vernetzen, um gegen die sozialen und                 \u00f6kologischen Verwerfungen auf unserem Planeten vorzugehen. In                 temporal unterschiedlich starker Rezeption hatten Wort und vor                 allem Praxis der EZLN teils gro\u00dfen Einfluss &#8211; im deutschsprachigen                 Raum traditionell eher wenig. Slogans wie &#8222;Eine andere Welt ist                 m\u00f6glich!&#8220;, die ersten freien Medienplattformen wie indymedia oder                 spektren\u00fcbergreifende Aktivit\u00e4ten sind ohne die Mobilisierungen                 der EZLN wohl kaum denkbar. Ihr Aufruf, dass die gr\u00f6\u00dfte Solidarit\u00e4t                 mit den Zapatistas die Organisierung kontinuierlicher emanzipatorischer                 Organisationsprozesse von unten links in der eigenen Lebensrealit\u00e4t                 wo-auch-immer sei, steht weiter im Raum und l\u00e4dt uns alle ein.<\/p>\n<p>Im Sommer 2013 \u00f6ffnete die EZLN Hunderte ihrer Gemeinden f\u00fcr                 eine neue Initiative: Die &#8222;Kleine zapatistische Schule&#8220;. \u00dcber                 1.500 ausgesuchte G\u00e4ste aus dem In- und Ausland waren eingeladen,                 den rebellischen Alltag im Aufstandsgebiet kennenzulernen. Die                 Offenheit, im Rahmen der &#8222;Escuelita Zapatista&#8220; am Leben der Zapatistas                 teilzuhaben, stellt ein Novum dar: Die eingeladenen Personen konnten                 die T\u00e4tigkeiten auf den Mais- und Bohnenfeldern miterleben, viele                 Fragen stellen und die Realit\u00e4t der Gemeinden kennenlernen. <\/p>\n<p>Das paternalistische Konzept von &#8218;Entwicklungshilfe&#8216; wurde radikal                 negiert: Hier lehrten nicht vermeintlich schlaue K\u00f6pfe aus dem                 globalen Norden oder den Hauptst\u00e4dten den Menschen in \u00e4rmeren                 Regionen, wie sie ihre Situation verbessern k\u00f6nnten. Hier unterrichteten                 aktive Menschen aus den Reihen der EZLN mit viel Erfahrung, wie                 sie ihre Autonomie in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Justiz,                 Produktion und Medien verwirklichen. <\/p>\n<p>Die &#8222;kleine Schule&#8220; wurde enthusiastisch aufgenommen und soll                 ob der gro\u00dfen Nachfrage mehrere Male wiederholt werden.<\/p>\n<h3>Zwischenfazit<\/h3>\n<p>Auch heute noch werden die Zapatistas immer wieder von staatlichen                 und paramilit\u00e4rischen Kr\u00e4ften angegriffen, dar\u00fcber hinaus wird                 weiterhin versucht, sie durch neoliberale &#8222;Entwicklungsprojekte&#8220;,                 darunter \u00d6lpalmen-Monokulturen oder Tourismusvorhaben, aus dem                 Widerstand herauszukaufen und durch Medienkampagnen als Kriminelle                 und rassistisch als &#8218;r\u00fcckst\u00e4ndige&#8216; und &#8218;fortschrittsfeindliche&#8216;                 Indigene zu diffamieren.<\/p>\n<p>Die Position der EZLN dazu formulierte Comandanta Miriam im August                 2013: <i>&#8222;Die schlechten neoliberalen Regierungen und die transnationalen                 Konzerne herrschen mit ihrem Geld und zwingen uns ihre Projekte                 des Todes in unseren Territorien auf. Wir als origin\u00e4re Bev\u00f6lkerungsgruppen                 m\u00fcssen die nat\u00fcrlichen Ressourcen jedoch so gut wie m\u00f6glich verteidigen,                 da es um unsere Mutter Erde geht, durch sie leben wir, durch sie                 atmen wir. Compa\u00f1eros und Compa\u00f1eras, um die Pl\u00e4ne des Todes abzuwehren,                 die uns die Neoliberalen aufzwingen, ist es notwendig, uns zu                 organisieren, unsere Kr\u00e4fte, unseren Schmerz und unsere Rebellion                 zu vereinen und f\u00fcr Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit zu                 k\u00e4mpfen.&#8220;<\/i><\/p>\n<p>In einer Zeit, in der die mexikanische Regierung alle tendenziell                 progressiven Errungenschaften der Revolution an das nationale                 und transnationale Kapital verschleudert &#8211; darunter Bildung, Energie,                 Bodensch\u00e4tze und Biodiversit\u00e4t &#8211; gilt es den au\u00dferparlamentarischen                 zivilen Widerstand der Zapatistas zu feiern: 30 Jahre Gr\u00fcndung                 der EZLN, 20 Jahre Rebellion f\u00fcr Freiheit und Gerechtigkeit, 10                 Jahre gelebte Autonomie und Aufbau von Alternativen seit Gr\u00fcndung                 der <i>caracoles<\/i>. <\/p>\n<p>Der Kampf der Zapatistas gegen Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung wird                 &#8211; auch abseits politischer Moden &#8211; unter ihrem Motto <i>&#8222;fragend                 gehen wir voran&#8220;<\/i> (span.: preguntando caminamos) und ihrer                 Parole <i>&#8222;Alles f\u00fcr Alle!&#8220;<\/i> weitergehen. <i>\u00a1Feliz complea\u00f1os,                 compas!<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Vorgeschichte Das Massaker der mexikanischen Regierung an \u00fcber 400 linksgerichteten Studierenden vom 2. 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