{"id":13254,"date":"2014-02-01T00:00:05","date_gmt":"2014-01-31T22:00:05","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13254"},"modified":"2022-07-26T12:58:53","modified_gmt":"2022-07-26T10:58:53","slug":"prostitution-ist-kein-fall-fuers-gesetz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/02\/prostitution-ist-kein-fall-fuers-gesetz\/","title":{"rendered":"Prostitution ist kein Fall f\u00fcrs Gesetz"},"content":{"rendered":"<p>Die j\u00fcngste Diskussion \u00fcber Prostitution hat gezeigt, wie sehr politische Debatten hierzulande mit der Frage nach Gesetzen und Verboten gleichgesetzt werden.<\/p>\n<p>So hat Alice Schwarzer gleich zu Beginn ihren (berechtigten) Appell dagegen, dass Prostitution zunehmend als normales und unausweichliches gesellschaftliches Ph\u00e4nomen betrachtet wird, unmittelbar mit einer Forderung nach gesetzlichen Verboten und Reglementierungen von Sexarbeit verkn\u00fcpft. Die Gegenseite wiederum hat aus ihrer (ebenfalls richtigen) Beobachtung heraus, dass ein Prostitutionsverbot in erster Linie den anschaffenden Frauen schaden w\u00fcrde, ein unkritisches, ja fast kitschig positives Bild von Sexarbeit als selbstbestimmter T\u00e4tigkeit sexuell freier Menschen gezeichnet.<\/p>\n<p>Doch wenn die Frage nach &#8222;gut\/schlecht&#8220; oder &#8222;freiheitlich\/ausbeuterisch&#8220; unmittelbar verkn\u00fcpft wird mit der Schlussfolgerung &#8222;muss der Staat erlauben\/verbieten&#8220;, dann wird der eigentliche Kern des Themas verfehlt. Dass ein gesetzliches Verbot von Prostitution vor allem den betroffenen Frauen schadet, l\u00e4sst sich kaum bezweifeln. Deshalb haben sich nicht nur Vereinigungen von Sexarbeiter_innen und Pro-Sexarbeits-Feministinnen gegen den Schwarzer-Appell positioniert, sondern zum Beispiel auch viele soziale Beratungsstellen.<\/p>\n<p>Im \u00dcbrigen ist das Engagement gegen die staatliche Reglementierung von Prostitution ein altes Thema der Frauenbewegung. Es geht zur\u00fcck auf den Kampf gegen den so genannten &#8222;Contagious Diseases Act&#8220; (&#8222;Gesetz gegen ansteckende Krankheiten&#8220;) in Gro\u00dfbritannien von 1864, wonach die Polizei das Recht bekam, jedwede der Prostitution verd\u00e4chtigte Frau zu inhaftieren und einer zwangsweisen Gesundheitsuntersuchung auszuliefern. Unter der Anf\u00fchrung von Josephine Butler haben damals auch zahlreiche b\u00fcrgerliche Frauen und Frauenvereine gegen dieses offen frauenfeindliche Gesetz gek\u00e4mpft.<\/p>\n<p>Wenn Alice Schwarzer nun betont, der Kampf gegen Prostitution sei ein altes Anliegen der Frauenbewegung, dann ist das also nur teilweise richtig: Wahr ist, dass Feministinnen schon sehr fr\u00fch forderten, f\u00fcr die gesellschaftlich sch\u00e4dlichen Folgen von Prostitution nicht die anschaffenden Frauen, sondern die Freier zur Verantwortung zu ziehen. Daran ankn\u00fcpfend bef\u00fcrworten Schwarzer &#8211; und mit ihr viele andere Feministinnen &#8211; eine gesetzliche Regelung nach schwedischem Modell. Sie legen Wert darauf, dass sie gegen eine Strafverfolgung von Prostituierten seien, sondern lediglich die Freier ins Visier n\u00e4hmen.<\/p>\n<p>Allerdings geht es heute nicht mehr um die Verbreitung ansteckender Krankheiten, sondern um Prostitution generell. Die Nachfrage nach Sex gegen Geld soll, so die Forderung, als solche unter Strafe gestellt werden. Eine solche Illegalisierung w\u00fcrde aber zwangsl\u00e4ufig auch die Prostituierten rechtloser machen, denn Sexarbeiterinnen h\u00e4tten es dann schwerer, sich abzusichern, sich zu wehren, soziale Hilfestrukturen in Anspruch zu nehmen, sich generell zu organisieren.<\/p>\n<p>Ganz abgesehen davon, dass sie es schwerer h\u00e4tten, Kunden zu finden. Bei Prostitution handelt es sich schlie\u00dflich in erster Linie nicht um ein strafrechtliches, sondern um ein \u00f6konomisches Thema: Frauen bieten Sexdienste an, weil sie darin eine bessere M\u00f6glichkeit sehen, zu Geld zu kommen, als in anderen Lebensoptionen, die ihnen offen stehen. Zu Recht weisen Pro-Sexarbeit-Aktivistinnen darauf hin, dass wirkliche Zwangsprostitution nur einen kleinen Anteil am Gesch\u00e4ft mit der Prostitution ausmacht.<\/p>\n<p>Die \u00fcberwiegende Mehrheit der Sexarbeiterinnen (und Sexarbeiter) w\u00e4hlt diese T\u00e4tigkeit, weil es angesichts ihrer konkreten Lebenssituation die am wenigsten schlechteste ist &#8211; weil sie zum Beispiel anders kaum M\u00f6glichkeiten haben, f\u00fcr sich oder ihre Kinder an Geld zu kommen. Und man kann ruhig davon ausgehen, dass sie sehr wohl in der Lage sind, ihre Situation und ihre Optionen realistisch einzusch\u00e4tzen.<\/p>\n<h3>Paternalistische Besserwisserei ist hier ganz und gar fehl am Platz.<\/h3>\n<p>Dass die meisten Sexarbeiterinnen ihre Arbeit in diesem Sinne &#8222;freiwillig&#8220; tun, kann jedoch andererseits kein Argument daf\u00fcr sein, das Ph\u00e4nomen Prostitution als v\u00f6llig okay einzustufen oder darin sogar einen Ausdruck sexueller Freiheit zu sehen.<\/p>\n<p>An dieser Stelle wurde in der Debatte deutlich, wie weit neoliberale Begr\u00fcndungsmuster bereits in linke und feministische Denkweisen vorgedrungen sind: Hauptsache freiwillig, dann ist alles erlaubt. Folgerichtig fand kaum jemand etwas dabei, wenn sich Allianzen zwischen Feministinnen, Freierverb\u00e4nden und Bordellbetreibern bildeten.<\/p>\n<p>Aber nat\u00fcrlich ist nicht alles, was freiwillig geschieht, auch okay. Und auch wenn die Entscheidung, mit Prostitution Geld zu verdienen, von den Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern nicht unter Zwang getroffen wird, sondern auf rationalen und selbstbestimmten \u00dcberlegungen basiert, muss die Frage erlaubt sein, wie dieses Ph\u00e4nomen zu bewerten und einzusch\u00e4tzen ist.<\/p>\n<p>Allerdings ist das eine Diskussion, die nur sinnvoll gef\u00fchrt werden kann, wenn man das Thema &#8222;Gesetzgebung&#8220; verl\u00e4sst. Es geht hier n\u00e4mlich nicht einfach um &#8222;richtig\/falsch&#8220;, sondern um die Frage, was wir wollen. Eine Positionierung ist erforderlich, die &#8222;zutreffende&#8220; L\u00f6sung liegt nicht &#8222;in der Natur der Dinge&#8220;.<\/p>\n<p>Sicher ist es prinzipiell m\u00f6glich, Sex als Ware, als Dienstleistung zu verstehen. Mehr noch: In einer durchkapitalisierten Welt, die inzwischen den Anspruch erhebt, alles und jedes warenf\u00f6rmig zu organisieren, erscheint es vielen geradezu altbacken und moralisch, wenn man bestimmte Aspekte des Lebens, zum Beispiel sexuelle Beziehungen zwischen Menschen, nicht in diese M\u00fchle geben will. Wer sich mit der Normalisierung von Prostitution nicht abfindet, ger\u00e4t schnell in den Verdacht, sexuell pr\u00fcde und &#8222;von gestern&#8220; zu sein.<\/p>\n<p>Dabei wird jedoch \u00fcbersehen, dass das Modell &#8222;Sex als Dienstleistung&#8220; in Wahrheit eine alte patriarchale Vorstellung von Sexualit\u00e4t propagiert, n\u00e4mlich die, dass Sex nicht etwas sei, das zwei (oder mehr) Menschen aufgrund von gegenseitigem Begehren miteinander tun, sondern etwas, das einer (in aller Regel ein Mann) mit einem anderen (in aller Regel eine Frau oder ein j\u00fcngerer Mann) tut, und zwar, ohne R\u00fccksicht auf deren oder dessen eigenes sexuelles Begehren.<\/p>\n<p>Dieses traditionell-patriarchale Verst\u00e4ndnis von Sex als hierarchische Beziehung kann heute nicht mehr so ohne weiteres in der heterosexuellen Ehe oder in anderen Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnissen ausgelebt werden.<\/p>\n<p>Mit dem Feminismus haben die Frauen aufgeh\u00f6rt, den alten viktorianischen Ratschlag, &#8222;schlie\u00df die Augen und denk an England&#8220;, als nat\u00fcrliche Pflicht von Ehefrauen zu akzeptieren. Dass eine Frau f\u00fcr &#8222;ihren Mann&#8220; die Beine breit machen muss, ohne selbst sexuell erregt zu sein oder Lust auf Sex zu haben, ist in emanzipierten und gleichgestellten Zeiten nicht mehr gesellschaftsf\u00e4hig, von der gesellschaftlichen Akzeptanz von P\u00e4dophilie ganz zu schweigen.<\/p>\n<p>Doch wenn die Bereitstellung eines weiblichen oder jugendlichen K\u00f6rpers zur Befriedigung der sexuellen L\u00fcste eines erwachsenen Mannes nicht im Rahmen &#8222;ehelicher Pflichten&#8220; oder sonstiger hierarchischer Verh\u00e4ltnisse geschieht, sondern im Rahmen eines geregelten Konsumverh\u00e4ltnisses &#8211; dann scheint pl\u00f6tzlich wieder alles paletti zu sein. Was sich verkauft, ist erlaubt und gut, das ist der Kern des neoliberalen Weltbildes. Doch in Wirklichkeit ist es eben nur dasselbe in Gr\u00fcn: M\u00e4nner haben das Recht, sich mithilfe der K\u00f6rper anderer Menschen zu befriedigen ohne R\u00fccksicht auf deren eigenes Begehren nehmen zu m\u00fcssen &#8211; solange sie sich dabei an gewisse Regeln halten und nicht \u00fcber die Str\u00e4nge schlagen.<\/p>\n<p>Entsprechend hat sich die Idee ausgebreitet, &#8222;Consent&#8220; sei als formale Zustimmung f\u00fcr sexuelle Handlungen ausreichend. Diese Sichtweise betrifft nicht nur das Feld der Prostitution, sondern auch etwa die Debatten um Vergewaltigungen: Wer nicht verstehbar und eindeutig (und im Zweifelsfall gerichtsfest beweisbar) den &#8222;Consent&#8220; verweigert, muss hinnehmen, dass ein Mann seinen Penis in die eigenen K\u00f6rper\u00f6ffnungen steckt, denn dieser ist nicht dazu verpflichtet, sich vorab zu vergewissern, ob das Gegen\u00fcber \u00fcberhaupt Lust dazu hat.<\/p>\n<p>Es ist diese &#8222;Consent&#8220;-Kultur in Bezug auf Sex, die die Zweite Frauenbewegung im Visier hatte und die feministisch zu kritisieren w\u00e4re. Denn auch die Ehefrau, die die Augen schloss und an England dachte, hatte ja formal ihre Zustimmung zum &#8222;Vollzug&#8220; gegeben. Sie war eben selber davon \u00fcberzeugt, dass ihr Ehemann das Recht hat, sich unter Benutzung ihres K\u00f6rpers sexuelles Vergn\u00fcgen zu bereiten (schlie\u00dflich hatte er sie im Gegenzug geheiratet).<\/p>\n<p>Und ebenso ist die selbstbestimmte Prostituierte von heute davon \u00fcberzeugt, dass sie einen Kunden unter Einsatz ihres K\u00f6rpers sexuell befriedigen muss (schlie\u00dflich hat sie das angeboten und er hat sie daf\u00fcr bezahlt).<\/p>\n<p>Beides nat\u00fcrlich nur ohne Zwang und Gewaltanwendung und in den Grenzen des Anst\u00e4ndigen, versteht sich.<\/p>\n<p>Es ist aus meiner Sicht mehr als w\u00fcnschenswert, die Frage nach dem gegenseitigen Begehren als Voraussetzung f\u00fcr legitimen Sex ins Zentrum der Debatte zu r\u00fccken. Warum zum Beispiel haben Freier \u00fcberhaupt Lust, mit einer Frau oder einem Mann Sex zu haben, die oder der das nur f\u00fcr Geld macht? Warum legen sie so wenig Wert darauf, von ihrem Gegen\u00fcber begehrt zu werden? Wie wirkt sich diese Geringsch\u00e4tzung des Begehrens der anderen \u00fcber den Aspekt der Sexualit\u00e4t hinaus auf das Verh\u00e4ltnis der Geschlechter aus? Oder auf das Verh\u00e4ltnis zwischen Reichen und Armen, zwischen denen &#8222;da oben&#8220; und denen &#8222;da unten&#8220;?<\/p>\n<p>Beginnt Vergewaltigung wirklich erst dort, wo eine Frau gegen ihren ausdr\u00fccklichen Protest &#8222;gefickt&#8220; wird? Oder schon dort, wo ein Mann sich nicht darum schert, ob sie (oder der junge Mann, dessen &#8222;Kunde&#8220; er ist), selbst auch Lust auf Sex hat?<\/p>\n<p>Wie absurd es ist, solche Fragen unter Verweis auf blo\u00dfen &#8222;Consent&#8220; auszublenden, wurde an einer anderen in den letzten Wochen zuweilen vorgetragenen Parallele deutlich, n\u00e4mlich der, wonach schlie\u00dflich auch andere &#8222;k\u00f6rpernahe Dienstleistungen&#8220; als gesellschaftlich akzeptabel g\u00e4lten, zum Beispiel in der Altenpflege. Ist es nicht genauso &#8222;eklig&#8220;, so wurde argumentiert, einem inkontinenten Menschen den Hintern zu reinigen wie einem geilen Mann einen runterzuholen?<\/p>\n<p>Unter neoliberaler \u00c4gide ist offenbar v\u00f6llig aus dem Blick geraten, dass sich der Sinn von Arbeit nicht daran bemisst, ob sie &#8222;Spa\u00df macht&#8220;, sondern in erster Linie daran, ob sie n\u00fctzlich und sinnvoll ist. Die Sorge um pflegebed\u00fcrftige Menschen ist ja wohl unbestreitbar gesellschaftlich notwendig. Es sagt viel \u00fcber die Anspruchshaltung von M\u00e4nnern aus, wenn sie allen Ernstes die Befriedigung ihrer sexuellen W\u00fcnsche mit der k\u00f6rperlichen Bed\u00fcrftigkeit alter oder kranker Menschen gleichsetzen.<\/p>\n<p>Sicher, in Einzelf\u00e4llen mag es vorkommen, dass Menschen, etwa mit schweren k\u00f6rperlichen oder geistigen Einschr\u00e4nkungen, keine M\u00f6glichkeit haben, au\u00dferhalb der Prostitution Sexualpartner_innen zu finden.<\/p>\n<p>Aber dies als generelle Begr\u00fcndung f\u00fcr die Legitimit\u00e4t von Prostitution ins Feld zu f\u00fchren, ist absurd. In aller Regel ist es n\u00e4mlich nicht der Wunsch nach \u00fcberhaupt irgendeiner Form von Sexualit\u00e4t, die M\u00e4nner zum Kauf von sexuellen Diensten bewegt. Sondern es ist der Anspruch, Sexualit\u00e4t exakt so ausleben zu k\u00f6nnen, wie es den eigenen W\u00fcnschen und Vorstellungen entspricht, und mit solchen Menschen, die den eigenen &#8222;Qualit\u00e4tsanspr\u00fcchen&#8220; an akzeptable Sexualpartner_innen gen\u00fcgen. &#8222;Normale&#8220; Frauen &#8211; und so wird es in Freierforen auch ganz offen diskutiert &#8211; stellen Anspr\u00fcche, au\u00dferdem sie sind zu dick, zu alt oder zu h\u00e4sslich. Oder sie lassen sich nur ungern in den Arsch ficken und fesseln. Oder sie wollen nicht nur Sex, sondern auch noch Zuwendung und Aufmerksamkeit, und am Ende hat man dann noch ein Kind an der Backe.<\/p>\n<p>Prostituierte hingegen machen das, was sie versprochen haben und wof\u00fcr man bezahlt hat, und stellen keine weiteren Anspr\u00fcche. Ist das nicht toll?<\/p>\n<p>Prostitution, so k\u00f6nnte man auch sagen, ist die institutionalisierte Idee vom Recht des Mannes auf sexuellen Egoismus. Und deshalb best\u00e4rkt sie eine Vorstellung von M\u00e4nnlichkeit, deren sch\u00e4dlicher Einfluss auch in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen wirksam ist und die deshalb dringend revidiert werden m\u00fcsste.<\/p>\n<p>M\u00f6glich ist ein solcher Paradigmenwechsel allerdings nur, wenn wir die daf\u00fcr notwendige Debatte offen f\u00fchren und nicht mit dem Ruf nach staatlicher Reglementierung von Prostitution vermischen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die j\u00fcngste Diskussion \u00fcber Prostitution hat gezeigt, wie sehr politische Debatten hierzulande mit der Frage nach Gesetzen und Verboten gleichgesetzt werden. 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