{"id":13256,"date":"2014-02-01T00:00:14","date_gmt":"2014-01-31T22:00:14","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13256"},"modified":"2022-07-26T14:12:09","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:09","slug":"proletarischer-patriotismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/02\/proletarischer-patriotismus\/","title":{"rendered":"Proletarischer Patriotismus"},"content":{"rendered":"<p>Am 4. August 1914 erkl\u00e4rte der damalige Parteivorsitzende der SPD, Hugo Haase, im Namen seiner Fraktion vor dem Reichstag: &#8222;Jetzt stehen wir vor der ehernen Tatsache des Krieges. Uns drohen die Schrecken feindlicher Invasionen. Nicht f\u00fcr oder gegen den Krieg haben wir heute zu entscheiden, sondern \u00fcber die Frage der f\u00fcr die Verteidigung des Landes erforderlichen Mittel. F\u00fcr unser Volk und seine freiheitliche Zukunft steht bei einem Sieg des russischen Despotismus, der sich mit dem Blute der Besten des eigenen Volkes befleckt hat, viel, wenn nicht alles auf dem Spiel. Es gilt diese Gefahr abzuwehren, die Kultur und die Unabh\u00e4ngigkeit unseres eigenen Landes sicherzustellen. Da machen wir wahr, was wir immer betont haben: Wir lassen in der Stunde der Gefahr das eigene Vaterland nicht im Stich. Wir f\u00fchlen uns dabei im Einklang mit der Internationale, die das Recht jedes Volkes auf nationale Selbst\u00e4ndigkeit und Selbstverteidigung jederzeit anerkannt hat, wie wir auch in \u00dcbereinstimmung mit ihr jeden Eroberungskrieg verurteilen. Von diesen Grunds\u00e4tzen geleitet, bewilligen wir die geforderten Kriegskredite.&#8220; ((1))<\/p>\n<h3>Ein Scheitern ohne Kampf<\/h3>\n<p>Bei der anschlie\u00dfenden Abstimmung im Reichstag unterwarfen sich auch jene vierzehn Abgeordneten der SPD dem Fraktionszwang, die in der vorausgegangenen Fraktionssitzung noch gegen die Kredite votiert hatten. Mit dieser Entscheidung erkl\u00e4rte die F\u00fchrung der deutschen Sozialdemokratie, der damals gr\u00f6\u00dften Organisation in der sozialistischen Internationale, \u00f6ffentlich ihre Kapitulation vor der von ihr sogenannten &#8222;ehernen Tatsache des Krieges.&#8220;<\/p>\n<p>Dem Verhalten der F\u00fchrung entsprach die Stimmung an der Basis: Abgesehen von verschwindend geringen Ausnahmen schwenkte die deutsche Arbeiterschaft in den nationalistischen, kriegsbegeisterten Taumel des August 1914 ein. Und so diszipliniert, wie sie kurz zuvor noch f\u00fcr den Frieden demonstriert hatte, zog sie nun in den Krieg.<\/p>\n<p>Vom Ende her betrachtet, vom Weltkrieg also, stellt sich die Geschichte der deutschen Sozialdemokratie bis 1914 als eine Geschichte des Scheiterns dar, und zwar als Geschichte eines Scheiterns ohne Kampf. Ob antimilitaristische Anstrengungen der Arbeiterbewegung den Krieg h\u00e4tten verhindern oder zumindest wesentlich abk\u00fcrzen k\u00f6nnen, dar\u00fcber l\u00e4sst sich nur spekulieren. Festzuhalten ist jedoch, dass die organisierte Arbeiterbewegung bei Kriegsausbruch und in den Jahren zuvor, als die Politik der Gro\u00dfm\u00e4chte hart am Krieg entlang steuerte, zumindest in Deutschland erst gar nicht versucht hat, praktischen Widerstand zu organisieren.<\/p>\n<p>Die Strategien des Kampfes gegen Militarismus und Krieg waren in allen Fraktionen der Arbeiterbewegung aufs Engste verkn\u00fcpft mit den Strategien der \u00f6konomischen und politischen Befriedung des Proletariats. Krieg, Frieden und Revolution bzw. &#8222;friedlicher \u00dcbergang&#8220; zum Sozialismus waren nicht voneinander zu trennen. Die Einsicht, dass es keinen dauerhaften Frieden geben k\u00f6nne, solange Kapitalismus und b\u00fcrgerlicher Staat fortbestehen, unterschied den proletarischen Antimilitarismus gleich welcher Couleur fundamental vom b\u00fcrgerlichen Pazifismus, der mittels moralischer Mobilisierung und internationaler Schiedsgerichtsbarkeit innerhalb der bestehenden Gesellschaftsordnung Kriege abschaffen zu k\u00f6nnen hoffte.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Arbeiterbewegung hing also alles daran, das Ende der staatlich und kapitalistisch organisierten Gesellschaft herbeizuf\u00fchren. Der Friede war eine postkapitalistische und damit eine postrevolution\u00e4re Strategie. Daraus resultierte eine Haltung, die, bezogen auf Marx und Engels, &#8222;revolution\u00e4rer Opportunismus&#8220; genannt wurde. Stellungnahmen dieser beiden waren jeweils prim\u00e4r davon bestimmt, welche Chancen f\u00fcr die Revolution sie von einer bestimmten au\u00dfen- oder milit\u00e4rpolitischen Entscheidung bzw. von einem Krieg erwarteten.<\/p>\n<p>Vor allem die Positionen des alten Engels, der sich so ausgiebig und leidenschaftlich mit Milit\u00e4rfragen besch\u00e4ftigte, dass ihm die Genossen den Spitznamen &#8222;der General&#8220; verliehen, wurden dabei f\u00fcr das Selbstverst\u00e4ndnis der deutschen Sozialdemokratie grundlegend.<\/p>\n<h3>Marx und Engels als revolution\u00e4re Opportunisten<\/h3>\n<p>W\u00e4hrend der Zeit des deutsch-franz\u00f6sischen Krieges von 1870\/71 bezogen die beiden &#8222;Londoner&#8220; zeitweise eine andere Position als August Bebel und Wilhelm Liebknecht, die F\u00fchrer der Partei in Deutschland. W\u00e4hrend diese durch Stimmenthaltung ihre prinzipielle Gegnerschaft zum Krieg und zum preu\u00dfischen Staat demonstrierten und daf\u00fcr auch ins Gef\u00e4ngnis wanderten, ergriffen Marx und Engels zun\u00e4chst Partei f\u00fcr die deutsche Seite. &#8222;Die Franzosen brauchen Pr\u00fcgel!&#8220;, schrieb Marx am 20. Juli 1870, einen Tag nach der Kriegserkl\u00e4rung, an seinen Freund Engels.<\/p>\n<p>Die beiden erhofften vom Krieg die politische Einigung Deutschlands und von dieser wiederum verbesserte Chancen zur Organisierung des deutschen Proletariats. Sie argumentierten dabei durchaus traditionell und erkl\u00e4rten den Krieg zum nationalen Verteidigungsfeldzug gegen den bonapartistischen Angreifer.<\/p>\n<p>Erst als durch die Annexion Elsa\u00df-Lothringens die Gefahr einer russisch-franz\u00f6sischen Allianz auftauchte, wandten sie sich entschieden gegen die Weiterf\u00fchrung des Krieges.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt sahen Marx und Engels im zaristischen Russland die Hauptbedrohung der europ\u00e4ischen Arbeiterbewegung.<\/p>\n<p>&#8222;Von einer aktiven publizistischen Unterst\u00fctzung kriegerischer Pl\u00e4ne gegen\u00fcber Russland lie\u00dfen sie erst dann ab, als sie glaubten, die inneren Verh\u00e4ltnisse in Russland tendierten eher auf Revolution denn auf dynastischen Krieg. Von diesem Zeitpunkt betrachtet, etwa seit 1878, wurde der Krieg im Denken von Marx und Engels nicht mehr als revolutionsf\u00f6rdernd betrachtet.&#8220; ((2))<\/p>\n<p>Vor allem Engels wurde fortan nicht m\u00fcde, vor einem europ\u00e4ischen Krieg zu warnen, dessen verheerende Folgen er realistisch prognostizierte.<\/p>\n<p>Ihre Grundlage hatte dieser Wandel zu einer Strategie der Kriegsverh\u00fctung und R\u00fcstungskontrolle in der Annahme, die kapitalistische Gesellschaft werde zwangsl\u00e4ufig an ihrer eigenen Dynamik zugrunde gehen und auf ihr Ende folge dann der sozialistische Volksstaat. Engels sprach in diesem Zusammenhang von der Dialektik des Militarismus: Wie der Kapitalismus und mit ihm, sollte auch der Militarismus untergehen an der Widerspr\u00fcchlichkeit seiner eigenen Entwicklung.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr den Kapitalismus die Entfaltung der Produktivkr\u00e4fte bedeutete, sollte f\u00fcr den Militarismus die allgemeine Wehrpflicht sein: Ihre konsequente Durchf\u00fchrung brachte immer mehr Proletarier in die Armee, die sich auf diese Weise nach und nach in ein Volksheer verwandeln sollte. Optimistisch blickte daher Engels 1891 in die Zukunft:<\/p>\n<p>&#8222;Heute haben wir einen Soldaten auf f\u00fcnf, in wenigen Jahren werden wir einen auf drei haben und gegen 1900 wird die Armee, fr\u00fcher das preu\u00dfischste Element des Landes, in ihrer Majorit\u00e4t sozialistisch sein. Das r\u00fcckt heran, unaufhaltsam wie ein Schicksalsschluss. Die Berliner Regierung sieht es kommen, ebenso gut wie wir, aber sie ist ohnm\u00e4chtig. Die Armee entschl\u00fcpft ihr.&#8220; ((3))<\/p>\n<p>Wer die Geschichte so auf seiner Seite wusste, der konnte getrost darauf verzichten, ihr durch eigene Anstrengungen nachzuhelfen. Damit war die theoretische Begr\u00fcndung f\u00fcr die parlamentarische, legalistische Praxis der SPD geliefert, deren f\u00fcr eine Zeit lang noch aufrecht erhaltene revolution\u00e4re Rhetorik mehr und mehr zur blo\u00dfen Phrase verblasste.<\/p>\n<h3>Linksradikale SozialistInnen und Anarchosyndikalismus<\/h3>\n<p>Gegen den attentistischen Kurs der Parteimehrheit hatte sich schon fr\u00fch Widerspruch innerhalb und au\u00dferhalb der Partei erhoben: Linksradikale SozialistInnen in der SPD &#8211; vor allem Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Franz Mehring, Karl Radek, Clara Zetkin und Anton Pannekoek sind hier zu nennen &#8211; attackierten den &#8222;Nurparlamentarismus&#8220; der Partei. Sie setzten dagegen eine zweigleisige Strategie von parlamentarischer Agitation und politischen Massenstreiks mit dem Ziel revolution\u00e4rer Macht\u00fcbernahme.<\/p>\n<p>Verharrten die Linksradikalen in einer Haltung loyaler Kritik gegen\u00fcber der Partei, einer Haltung, die in den Zielperspektiven noch ganz mit der offiziellen Parteilinie konform ging und vor allem ein Zuviel an l\u00e4hmender Zukunftsgewissheit und ein Zuwenig an revolution\u00e4rem Aktivismus monierten, so kam eine weit radikalere Kritik von AnarchistInnen und SyndikalistInnen. Diese Bewegungen hatten in Deutschland im Vergleich zur Viermillionen-Partei SPD kaum Einfluss. Stark waren sie dagegen in den romanischen L\u00e4ndern, insbesondere in Frankreich und Spanien, wo die Mehrzahl der Gewerkschaften eine Allianz mit politischen Parteien konsequent ablehnte und Streiks, Sabotage und Boykott mit der Perspektive des revolution\u00e4ren Generalstreiks propagierte.<\/p>\n<p>Ausschlie\u00dflich der siegreiche Generalstreik sollte ihrer Ansicht nach Kapitalismus und b\u00fcrgerlichen Staat st\u00fcrzen und die freie Assoziation der Produzierenden aufrichten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Jeder Streik war bereits verkleinertes Abbild und zugleich praktische Vorbereitung des endg\u00fcltigen Aufstands.<\/p>\n<p>Im Folgenden geht es darum, den von 1904 bis 1914 intensiv gef\u00fchrten Streit dieser drei Hauptstr\u00f6mungen der Arbeiterbewegung &#8211; also erstens die Mehrheit aus Revisionismus und marxistischem Zentrum (Karl Kautsky) in der SPD, zweitens die linksradikalen SozialistInnen und drittens die SyndikalistInnen und AnarchistInnen &#8211; \u00fcber den antimilitaristischen Kampf auszuloten. Die Auseinandersetzungen entz\u00fcndeten sich insbesondere an drei Fragen: an der Haltung zu Nationalstaat und nationaler Verteidigung; an der Frage der besonderen Soldatenagitation und drittens an der Frage &#8222;was tun?&#8220;, wenn der Krieg ausbricht oder unmittelbar bevorsteht.<\/p>\n<h3>Nationalstaat und &#8222;Vaterlandsverteidigung&#8220;<\/h3>\n<p>In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts verst\u00e4rkte sich die militant-chauvinistische Propaganda der konservativen Parteien und Milit\u00e4rs. Sie diente der psychologischen Mobilisierung f\u00fcr den kommenden imperialistischen Krieg auf der einen Seite, dem innenpolitischen Kampf gegen die Sozialdemokratie auf der anderen.<\/p>\n<p>Mit ihrer Hetze, die Sozialdemokratie sei prinzipielle Gegnerin nationaler Wehrpolitik und damit sozusagen Hochverr\u00e4terin per Parteibuch, n\u00f6tigten die reaktion\u00e4ren Kr\u00e4fte der SPD eine Kl\u00e4rung der eigenen Positionen geradezu auf.<\/p>\n<p>Als nach dem extrem nationalistisch gef\u00fchrten Wahlkampf der Rechten die SPD bei den Reichtagswahlen von 1907 zum ersten Mal nach mehr als zwanzig Jahren Stimmverluste hinnehmen musste, spitzten sich die innerparteilichen Gegens\u00e4tze zu. Die Parteirechte machte die Linksradikalen f\u00fcr die Wahlniederlage verantwortlich und schlug nun selbst nationalistische T\u00f6ne an. Gustav Noske etwa empfahl sich damals bereits als der sp\u00e4tere Bluthund und erkl\u00e4rte in seiner ersten Parlamentsrede \u00fcberhaupt:<\/p>\n<p>&#8222;Unsere Stellung zum Milit\u00e4rwesen ist gegeben durch unsere Auffassung des Nationalit\u00e4tsprinzips. Wir fordern die Unabh\u00e4ngigkeit jeder Nation. Aber das bedingt, dass wir auch darauf Wert legen, dass die Unabh\u00e4ngigkeit des deutschen Volkes gewahrt wird. Wir sind selbstverst\u00e4ndlich der Meinung, dass es unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit ist, daf\u00fcr zu sorgen, dass das deutsche Volk nicht etwa von irgendeinem anderen Volk an die Wand gedr\u00fcckt wird. Wenn ein solcher Versuch gemacht werden sollte, dann w\u00fcrden wir uns selbstverst\u00e4ndlich mit ebenso gro\u00dfer Entschiedenheit wehren, wie das nur irgendeiner der Herren auf der rechten Seite des Hauses tun kann, die jetzt so tun, als wenn sie den Patriotismus in Erbpacht genommen haben.&#8220; ((4))<\/p>\n<p>Ganz vaterlandslos mochten demgegen\u00fcber auch die Linksradikalen nicht sein. Doch f\u00fcr sie war es allein ein sozialistisches Deutschland wert, verteidigt zu werden. Bis dahin hatte ihrer Ansicht nach die Arbeiterbewegung die Pflicht, jedem Krieg die Unterst\u00fctzung zu entziehen und ihn, falls er dennoch ausbrechen sollte, international durch Massenstreiks zu beenden bzw. in eine Revolution umzuwandeln. Exemplarisch fasste Clara Zetkin in einer Rede auf dem Essener Parteitag von 1907 diese Haltung des &#8222;proletarischen Patriotismus&#8220; zusammen:<\/p>\n<p>&#8222;Der Patriotismus der herrschenden Klassen ist konservativ, ist reaktion\u00e4r. Er hat nur ein Ziel: diesen Klassen das Vaterland als Dom\u00e4ne der Klassenausbeutung und Klassenherrschaft \u00fcber die L\u00e4ndergrenzen auszudehnen. Der Patriotismus des Proletariats ist dagegen revolution\u00e4r. Er geht von der Auffassung aus, dass das Vaterland erst im Kampf gegen den inneren Feind die innere Klassenherrschaft erobert, dass es umgew\u00e4lzt werden muss, um ein Vaterland f\u00fcr alle zu sein.&#8220; ((5))<\/p>\n<p>Wenn es in der Sozialdemokratie konsequente InternationalistInnen gab, dann unter den Linksradikalen, und ihre Rede vom noch zu erk\u00e4mpfenden Vaterland mag oft auch ein taktisches Ankn\u00fcpfen an das Alltagsbewusstsein der Parteibasis gewesen sein. Es sollte sich jedoch 1914 zeigen &#8211; und seitdem noch einige Male -, dass der nationale Diskurs nicht &#8222;umzudrehen&#8220; ist. Wer ihn f\u00fchrt, begibt sich auf das Terrain des Gegners und hat entweder verloren oder gewinnt um den Preis der kaum noch zu unterscheidenden \u00c4hnlichkeit mit dem Feind.<\/p>\n<p>AnarchistInnen und SyndikalistInnen hatten mit dem Vaterland rein gar nichts im Sinn. Ihr Programm war konsequenter Antipatriotismus. Der Herausgeber der politisch-literarischen Avantgarde-Zeitschrift &#8222;Die Aktion&#8220;, Franz Pfemfert, brachte es auf die einfache Formel: &#8222;Wir haben die Ehre der Vaterlandslosigkeit zu wahren!&#8220; ((6))<\/p>\n<p>F\u00fcr die AnarchistInnen folgte diese Haltung unmittelbar aus ihrem Kampf gegen die Basisideologie aller modernen Staaten, gegen das Prinzip der Nation.<\/p>\n<p>Die SyndikalistInnen wiederum machten ernst mit dem Satz aus dem &#8222;Kommunistischen Manifest&#8220;, dass der\/die ProletarierIn kein Vaterland habe. Jeder zwischenstaatliche Krieg konnte f\u00fcr das Proletariat nur ein Mehr an Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung bringen.<\/p>\n<p>Deshalb, so schrieb der franz\u00f6sische Syndikalist und Linkssozialist Gustave Herv\u00e9 in seiner antipatriotischen Kampfschrift &#8222;Leur Patrie&#8220; (Deren Vaterland), sind &#8222;Proletarier, die sich f\u00fcr die jetzt bestehenden Vaterl\u00e4nder t\u00f6ten lassen, dumme beschr\u00e4nkte Gimpel.&#8220; ((7))<\/p>\n<h3>Soldatenagitation<\/h3>\n<p>Herv\u00e9 hatte auch ma\u00dfgeblichen Anteil an der antimilitaristischen Soldatenagitation, die die franz\u00f6sischen SyndikalistInnen betrieben. Sie verbreiteten in hohen Auflagen Soldatenzeitungen an die frisch eingezogenen Rekruten, erstellten ferner ein Soldatenhandbuch, das innerhalb zweier Jahre eine Auflage von \u00fcber 200.000 erlebte. In dieser Brosch\u00fcre forderten sie die Wehrpflichtigen auf, bei einem Einsatz im Inneren nicht auf Streikende oder Aufst\u00e4ndische zu schie\u00dfen und bei Kriegsausbruch zu desertieren, zu meutern, in keinem Fall aber ins Feld zu ziehen.<\/p>\n<p>Zur antimilitaristischen Agitation kam die praktische Solidarit\u00e4tsarbeit. Viele Syndikate richteten einen &#8222;Soldaten-Pfennig&#8220; ein: die durch monatliche Abz\u00fcge von den Gewerkschaftsbeitr\u00e4gen aufgebrachten Summen wurden mit entsprechenden Begleitbriefen an eingezogene Genossen gesandt.<\/p>\n<p>Die Gewerkschaftsh\u00e4user veranstalteten regelm\u00e4\u00dfig Soldatenabende, um das Zusammengeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl zwischen ArbeiterInnen in der Fabrik und Arbeitern in der Kaserne zu st\u00e4rken. Planm\u00e4\u00dfig unterst\u00fctzt wurden Deserteure und Kriegsdienstverweigerer. Die antimilitaristische Kampagne in Frankreich, die zwischen 1903 und 1908 ihre Hochphase erlebte, blieb nicht ohne Wirkung.<\/p>\n<p>In Montceau-les-Mines fraternisierten Truppen offen mit Streikenden; in S\u00fcdfrankreich meuterte ein ganzes Regiment, das Winzerunruhen niederschlagen sollte. Spektakul\u00e4re Prozesse u.a. gegen Herv\u00e9, gaben der antimilitaristischen Bewegung eher noch Aufwind. Bescheidene Versuche, auch in Deutschland den milit\u00e4rischen Ungehorsam zu propagieren, wurden von Polizei und Milit\u00e4rverwaltung bereits im Keim erstickt.<\/p>\n<p>Die deutsche Sozialdemokratie hatte, sieht mensch einmal von Karl Liebknecht ab, mit Soldatenagitation ohnehin nicht viel im Sinn. Sie hielt sich strikt an Bebels Ratschlag f\u00fcr Parteigenossen in der Armee, solange sie in K\u00f6nigs Rock steckten, sollten sie den Mund halten und sich nicht merken lassen, dass sie Sozialdemokraten seien, weil ihnen das schlecht bekommen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Als Karl Liebknecht 1907 dann seine Brosch\u00fcre &#8222;Militarismus und Antimilitarismus unter besonderer Ber\u00fccksichtigung der internationalen Jugendbewegung&#8220; publizierte und darin forderte, den parlamentarischen Antimilitarismus der Partei durch au\u00dferparlamentarische Agitation, insbesondere unter der wehrpflichtigen Jugend zu erg\u00e4nzen, da brachte ihm das nicht nur einen Hochverratsprozess und anderthalb Jahre Festungshaft ein, sondern auch herbe Kritik aus den eigenen Reihen. Dabei hatte Liebknecht jede Aufforderung zu gesetzeswidrigem Verhalten unterlassen, hatte die sozialistische Jugend allein mit den Mitteln der Aufkl\u00e4rung gegen Militarismus und Chauvinismus immunisieren wollen.<\/p>\n<h3>Verhalten bei Kriegsgefahr und Kriegsausbruch<\/h3>\n<p>Bereits 1868 hatte die Br\u00fcsseler Internationale, in der Marxisten und Bakunisten noch zusammenarbeiteten, eine Resolution verabschiedet &#8211; Marx und Engels hatten diese Resolution \u00fcbrigens als t\u00f6richt kritisiert -, in der die Arbeitenden aufgefordert wurden, im Falle eines Krieges die Arbeit niederzulegen.<\/p>\n<p>Die Forderung nach Massenstreiks im Kriegsfall besch\u00e4ftigte dann seit den Neunzigerjahren des 19. Jahrhunderts regelm\u00e4\u00dfig die internationalen sozialistischen Kongresse. Die Vorschl\u00e4ge reichten dabei von Milit\u00e4rstreiks \u00fcber Arbeitsniederlegungen in R\u00fcstungs- und kriegswichtigen Industrien bis zu Generalstreik und allgemeiner Volkserhebung.<\/p>\n<p>Auf dem Stuttgarter Kongress von 1907, auf dem die Kriegsfrage wieder im Mittelpunkt stand, gab der bereits erw\u00e4hnte Gustave Herv\u00e9, gest\u00e4rkt von den Erfolgen der antimilitaristischen Bewegung in Frankreich, die Losung aus: &#8222;Eher Aufstand als Krieg!&#8220; Er fand daf\u00fcr allerdings wenig Zustimmung. Die Mehrheit stimmte einer Resolution zu, die in sehr allgemein gehaltenen Formulierungen alle Sektionen der Internationale aufforderte, &#8222;alles aufzubieten, um den Ausbruch eines Krieges durch Anwendung aller ihnen zweckm\u00e4\u00dfig erscheinenden Mittel zu verhindern, die sich je nach der Versch\u00e4rfung des Klassenkampfes und der allgemeinen politischen Situation naturgem\u00e4\u00df \u00e4ndern und steigern; falls der Krieg dennoch ausbrechen sollte, f\u00fcr dessen rasche Beendigung einzutreten und mit allen Kr\u00e4ften dahin zu streben, die durch den Krieg herbeigef\u00fchrte wirtschaftliche und politische Krise zur politischen Aufr\u00fcttelung der weitesten Volksschichten und zur Beschleunigung des Sturzes der kapitalistischen Klassenherrschaft auszunutzen.&#8220; ((8))<\/p>\n<p>Es macht die Mittelposition der Linksradikalen deutlich, dass dieser Resolutionstext von Luxemburg und Lenin als Kompromiss zwischen den weitergehenden Antr\u00e4gen vor allem aus Frankreich und einem noch unverbindlicheren der SPD formuliert wurde. Ausgel\u00f6st durch die Revolution von 1905 in Russland hatte in der deutschen Sozialdemokratie bereits zwei Jahre vor dem Kongress in Stuttgart eine Debatte \u00fcber den politischen Massenstreik als Mittel revolution\u00e4rer Machteroberung stattgefunden.<\/p>\n<p>Dabei hatten die Linksradikalen, die \u00fcber die Massenstreikstrategie die Partei aus ihrer parlamentarischen Selbstknebelung zu befreien hofften, eine Niederlage erlitten. F\u00fcr die Parteimehrheit war Generalstreik ein Generalunsinn, wie es der bayerische Abgeordnete Auer formulierte.<\/p>\n<p>Das Dilemma der sozialdemokratischen Antikriegsaktionen lag darin, dass sie, um wirksam zu sein, mit der sozialen Revolution als Konsequenz einer Kriegserkl\u00e4rung h\u00e4tte drohen m\u00fcssen. In der Partei wurde zwar die akute Kriegsgefahr gesehen, f\u00fcr noch gef\u00e4hrlicher hielt mensch jedoch die Gefahr einer Zerschlagung der eigenen Organisation. In den Augen der Parteif\u00fchrung durfte aber der eigene Apparat auf keinen Fall gef\u00e4hrdet werden, war er doch die Basis eines sozialistischen Neubeginns nach dem erwarteten &#8222;Kladderadatsch&#8220;, dem Zusammenbruch des Kapitalismus.<\/p>\n<p>Deshalb betrieb die SPD das, was paradoxe Mobilisierung genannt werden kann: Immer wenn in den Jahren vor 1914 die Politik der Gro\u00dfm\u00e4chte direkt auf einen Krieg zusteuerte, so bei der Marokkokrise 1911, beim Ausbruch des Balkankrieges 1912 und auch in der Krise des Fr\u00fchsommers 1914, setzte die SPD eine Welle von Demonstrationen und Massenversammlungen in Gang, hielt dabei den Protest aber im strikt gesetzlichen Rahmen und vermied auch alle Ank\u00fcndigungen von Streikma\u00dfnahmen f\u00fcr den Fall des Kriegsausbruchs.<\/p>\n<p>So diente die Mobilisierung des Protests zugleich einer Kanalisierung in harmlose Bahnen und damit der Demobilisierung potentiellen Widerstands.<\/p>\n<p>Um Argumente f\u00fcr diese Politik und gegen die Linksradikalen waren die F\u00fchrer der sozialdemokratischen Mehrheit nicht verlegen. Und wo Argumente nicht ausreichten, da gab es noch die Parteidisziplin, der sich die Linksradikalen unterwarfen, um sich nicht durch Ausschluss zu isolieren.<\/p>\n<p>Der Parteif\u00fchrung waren gerade unmittelbare Kriegsgefahr bzw. Kriegsausbruch f\u00fcr Massenaktionen die denkbar schlechtesten Augenblicke, da dann die patriotische Begeisterung auch bei den ArbeiterInnen am gr\u00f6\u00dften und ihre Widerstandsbereitschaft am geringsten sei. Wenn ein Krieg nicht im Vorhinein verhindert werden k\u00f6nne, sei es erst recht aussichtslos, ihn direkt zu bek\u00e4mpfen, sobald er begonnen habe. Kautsky vom marxistischen Zentrum der SPD empfahl statt Massenstreik und Milit\u00e4rdienstverweigerung die von ihm sogenannte &#8222;Damoklesschwertstrategie&#8220;: &#8222;Die sozialistischen Parteien sollten sich auf keine konkreten Ma\u00dfnahmen festlegen, m\u00fcssten alles in der Schwebe halten, um unfassbar zu bleiben.&#8220; ((9))<\/p>\n<p>Praktisch bedeutete dieser Vorschlag nichts anderes als das Abw\u00fcrgen aller Diskussionen \u00fcber Antikriegsaktionen. Was dann nach dem August 1914 geschah, war wirklich unfassbar, aber in einem ganz anderen Sinne, als Kautsky es gemeint hatte. In ihrer im Gef\u00e4ngnis verfassten Brosch\u00fcre &#8222;Die Krise der Sozialdemokratie&#8220;, bekannter als &#8222;Junius-Brosch\u00fcre&#8220;, schrieb Rosa Luxemburg 1915, ein dreiviertel Jahr nach Kriegsausbruch:<\/p>\n<p>&#8222;Selbstkritik, r\u00fccksichtslose, grausame, bis auf den Grund der Dinge gehende Selbstkritik ist Lebensluft und Lebenslicht der proletarischen Bewegung. Der Fall des sozialistischen Proletariats im gegenw\u00e4rtigen Weltkrieg ist beispiellos, ist ein Ungl\u00fcck f\u00fcr die Menschheit. Verloren w\u00e4re der Sozialismus nur dann, wenn das internationale Proletariat die Tiefe dieses Falls nicht ermessen, aus ihm nicht lernen wollte.&#8220; ((10))<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 4. August 1914 erkl\u00e4rte der damalige Parteivorsitzende der SPD, Hugo Haase, im Namen seiner Fraktion vor dem Reichstag: &#8222;Jetzt stehen wir vor der ehernen Tatsache des Krieges. Uns drohen die Schrecken feindlicher Invasionen. 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