{"id":13259,"date":"2014-02-01T00:00:44","date_gmt":"2014-01-31T22:00:44","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13259"},"modified":"2022-07-26T14:22:21","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:21","slug":"sterbenlassen-abwehren-und-wegschauen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/02\/sterbenlassen-abwehren-und-wegschauen\/","title":{"rendered":"Sterbenlassen, abwehren und wegschauen"},"content":{"rendered":"<p>In die Nachbarregion Europa haben es seit Beginn der Revolte                 gegen das Assad-Regime im M\u00e4rz 2011 lediglich etwas mehr als 60.000                 Schutzsuchende geschafft &#8211; auf eigene Faust, unter Lebensgefahr.                 Das kleine Nachbarland Libanon mit seinen 4,5 Millionen EinwohnerInnen                 hat in diesem Zeitraum bereits knapp 900.000 Fl\u00fcchtlinge aufgenommen.               <\/p>\n<p>Es gibt bis heute keinen ernsthaften europ\u00e4ischen Beitrag zur                 aktiven Rettung oder Aufnahme von gestrandeten Schutzsuchenden                 aus Syrien. Es fand noch nicht einmal eine EU- Fl\u00fcchtlingskonferenz                 zu dieser dr\u00e4ngenden Frage statt. <\/p>\n<p>Und weil dies so ist, und die wenigen bis jetzt beschlossenen                 Fl\u00fcchtlingsaufnahmeprogramme &#8211; beispielsweise in Deutschland &#8211;                 sehr klein, sehr b\u00fcrokratisch sind und vor allem sehr langsam                 greifen, sind Schutzsuchende aus Syrien weiterhin gezwungen \u00fcber                 \u00c4gypten und Libyen nach Italien zu fliehen. <\/p>\n<p>Viele sterben auf dem gef\u00e4hrlichen Seeweg nach Europa. Schutzsuchende                 aus dem B\u00fcrgerkriegsland versuchen in kleinen Booten von der T\u00fcrkei                 auf die griechischen Inseln zu gelangen. Auch dort steigt die                 Todesrate Woche f\u00fcr Woche. Syrische Fl\u00fcchtlinge werden wie St\u00fcckgut,                 an der griechischen Landgrenze, in der \u00c4g\u00e4is oder gar wenn sie                 bereits griechische Inseln erreicht haben, in die T\u00fcrkei zur\u00fcckverfrachtet.                 Das ist v\u00f6lkerrechtswidrig, das sind schwerste Menschenrechtsverletzungen,                 das sind Straftaten, aber sie geschehen und zwar tausendfach.               <\/p>\n<p>Das Nachbarland Bulgarien folgt dem Modell Griechenlands, weist                 ebenfalls Schutzsuchenden zur\u00fcck und baut einen langen Zaun zur                 Fl\u00fcchtlingsabwehr. Und denjenigen, die es ins Land schaffen, wird                 das Leben zur H\u00f6lle gemacht. <\/p>\n<p>Da in beiden Au\u00dfengrenzstaaten nichts ohne Zutun der EU geschieht                 und faktisch alle Abwehrma\u00dfnahmen von ihr finanziert wird, finden                 diese Menschenrechtsverletzungen auch im Namen Europas statt.               <\/p>\n<p>Der menschenverachtende Umgang mit syrischen Fl\u00fcchtlingen steht                 von daher exemplarisch f\u00fcr eine europ\u00e4ische Fl\u00fcchtlingspolitik,                 die nach dem \u00fcber 360fachen Tod von eritreischen und somalischen                 Bootsfl\u00fcchtlingen am 3. Oktober 2013 vor Lampedusa, kurz Betroffenheit                 heuchelt und weiter macht wie bisher. <\/p>\n<h3>EU-Au\u00dfengrenze Griechenland\/T\u00fcrkei: Pushed back<\/h3>\n<p>Farmakonisi\/Griechenland: &#8222;Sie brachten uns bis in die t\u00fcrkischen                 Gew\u00e4sser und warfen uns, einen nach dem anderen, auf unser Boot.                 Einer von uns fiel ins Meer und wir zogen ihn wieder aus dem Wasser.                 Sie warfen uns weg, als w\u00e4ren wir Abfall. Dann schnitten sie das                 Seil durch. Wir hatten keinen Motor, kein Benzin auf dem Boot                 und keine Ruder.&#8220;<\/p>\n<p>Interview mit einem Fl\u00fcchtling aus Syrien. 46 M\u00e4nner, Frauen                 und Kinder aus Syrien wurden Opfer einer Push-Back-Operation von                 der griechischen Insel Farmakonisi am 8. August 2013.<\/p>\n<p>Es finden systematisch v\u00f6lkerrechtswidrige Zur\u00fcckweisungen an                 der griechischen Land- und Seegrenze statt. Diese eklatanten Menschenrechtsverst\u00f6\u00dfe                 wurden Griechenland schon h\u00e4ufiger vorgeworfen.<\/p>\n<p>Erschreckend an dem im November 2013 von Pro Asyl ver\u00f6ffentlichten                 Bericht ist, mit welcher Brutalit\u00e4t und in welchem Ausma\u00df diese                 V\u00f6lkerrechtsbr\u00fcche stattfinden. Maskierte Sonderkommandos misshandeln                 Fl\u00fcchtlinge beim Aufgriff, inhaftieren sie rechtswidrig auf griechischem                 Territorium und weisen sie dann v\u00f6lkerrechtswidrig in die T\u00fcrkei                 zur\u00fcck. Sondereinheiten der griechischen K\u00fcstenwache setzen Fl\u00fcchtlinge                 in t\u00fcrkischen Gew\u00e4ssern aus, in lebensgef\u00e4hrdender Weise. <\/p>\n<p>Diese Zur\u00fcckweisungen &#8211; Push Backs &#8211; finden von der Landgrenze,                 von griechischen Gew\u00e4ssern und von griechischen Inseln statt.                 Hauptopfergruppe dieser unmenschlichen Praktiken sind syrische                 Fl\u00fcchtlinge &#8211; M\u00e4nner, Frauen, Kinder, Babys, Schwerstkranke. W\u00e4hrend                 Europa immer wieder bekundet, syrische Fl\u00fcchtlinge nicht im Stich                 zu lassen, werden deren elementare Fl\u00fcchtlings- und Menschenrechte                 an diesem europ\u00e4ischen Grenzabschnitt missachtet und verletzt.               <\/p>\n<p>Der PRO ASYL-Bericht klagt die griechische Regierung, die Grenzpolizei                 und die K\u00fcstenwache an und stellt dabei die Frage nach der europ\u00e4ischen                 Mitverantwortung. Die politisch Verantwortlichen in Berlin, Wien                 und anderswo schweigen zu den Menschenrechtsverletzungen. Nichts                 geschieht im Fl\u00fcchtlingsbereich in Griechenland ohne die tatkr\u00e4ftige                 Unterst\u00fctzung und Finanzierung der EU. Au\u00dferdem befindet sich                 die europ\u00e4ische Grenzagentur Frontex seit Jahren vor Ort im Dauereinsatz.               <\/p>\n<p>&#8222;Sie hielten ihre Waffen gegen unsere K\u00f6pfe. Wir wurden gewaltsam                 gezwungen, auf das Boot zu steigen. Weil sie ihre Waffen gegen                 unsere K\u00f6pfe dr\u00fcckten, sprachen wir nicht. Sie wiesen uns an,                 unsere Mobiltelefone auszuschalten. Einer von ihnen wollte mir                 mein Telefon wegnehmen. Ich hatte es versteckt. Er durchsuchte                 mich danach, konnte es aber nicht finden. Sie brachten uns hinaus                 auf das Wasser. Dabei f\u00fchrten sie ein Beiboot mit sich, das nicht                 funktionst\u00fcchtig war. Sie stie\u00dfen uns auf das Beiboot und fuhren                 weg.&#8220;<\/p>\n<p>Push Backs von syrischen Fl\u00fcchtlingen von der griechischen Insel                 Chios am 12. September 2013.<\/p>\n<h3>Seenotrettung verweigert &#8211; 260 Bootsfl\u00fcchtlinge sterben <\/h3>\n<p>Nur wenige Tage nach der Bootskatastrophe vor Lampedusa starben                 am 11. Oktober 2013 erneut Hunderte Bootsfl\u00fcchtlinge nur 130 Kilometer                 vor der K\u00fcste Lampedusas. Sie alle h\u00e4tten gerettet werden k\u00f6nnen,                 wenn die italienischen Beh\u00f6rden umgehend auf die Notrufe der Fl\u00fcchtlinge                 reagiert und Hilfe geschickt h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Doch diese f\u00fchlten sich nicht zust\u00e4ndig. Statt umgehend Hilfe                 zu organisieren, schickten die italienischen Beh\u00f6rden den Notruf                 der Fl\u00fcchtlinge einfach weiter &#8211; nach Malta. Das Fl\u00fcchtlingsboot                 habe sich in der maltesischen Seenotrettungszone befunden, rechtfertigte                 sich sp\u00e4ter der Leiter der Hafenkommandantur und der K\u00fcstenwache                 Italiens, Felicio Angrisano. Erst als Malta Stunden sp\u00e4ter wiederum                 Italien um Unterst\u00fctzung bat, schickten die italienischen Beh\u00f6rden                 ein Rettungsschiff &#8211; zu sp\u00e4t. Mehr als 260 Fl\u00fcchtlinge aus Syrien,                 darunter mehr als 100 Kinder, ertranken. <\/p>\n<p>Schon am Vorabend waren Insassen des Bootes verletzt worden,                 nachdem das Fl\u00fcchtlingsboot aus Libyen gestartet und in der Nacht                 von einem libyschen Schnellboot verfolgt und beschossen worden                 war. <\/p>\n<p>Durch den Angriff geriet das Boot in Seenot und drohte zu sinken.                 Die am Vormittag des 11. Oktobers per Satellitentelefon abgesetzten                 Notrufe wurden von den italienischen Beh\u00f6rden zun\u00e4chst ignoriert.                 Die skandal\u00f6sen Umst\u00e4nde des t\u00f6dlichen Dramas brachten die hartn\u00e4ckige                 Recherche des italienischen Journalisten Fabrizio Gatti sowie                 Nachforschungen des Monitoring-Projekts WatchTheMed ans Licht.               <\/p>\n<p>Eine \u00dcberpr\u00fcfung der Notwarnsysteme durch WatchTheMed ergab,                 dass die sich in der Umgebung befindlichen Schiffe informiert                 wurden, der Rettungseinsatz durch das nur wenige Seemeilen entfernte                 italienische Marineschiff LIBRA aber erst um 17:14 Uhr angeordnet                 wurde, viereinhalb Stunden nach dem von Rom best\u00e4tigten eingegangenen                 Notruf um 12:26 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt war das Fl\u00fcchtlingsboot                 schon gesunken. Nur rund 200 der Insassen des Bootes wurden gerettet.               <\/p>\n<h3>Zum wiederholten Mal Tote durch verweigerte Rettung <\/h3>\n<p>&#8222;Left to die&#8220;, das Sterbenlassen auf See, geh\u00f6rt offensichtlich                 nach wie vor zur EU-Abschreckungspolitik gegen\u00fcber Fl\u00fcchtlingen.                 Im Jahr 2012 hatte Tineke Strik, niederl\u00e4ndische Abgeordnete der                 parlamentarischen Versammlung des Europarates in Stra\u00dfburg, einen                 Untersuchungsbericht vorgelegt, der das kollektive Versagen der                 f\u00fcr die Seenotrettung auf dem Mittelmeer Verantwortlichen dokumentierte.                 Viele Fehler von damals seien wiederholt worden, kritisierte Strik                 nach Bekannt werden der Recherchen Gattis. In den vergangenen                 25 Jahren sind infolge des europ\u00e4ischen Grenzregimes mehr als                 20.000 Fl\u00fcchtlinge gestorben, die Dunkelziffer d\u00fcrfte um ein Vielfaches                 h\u00f6her liegen. <\/p>\n<p>Die Ank\u00fcndigungen Italiens und der EU nach der Katastrophe vor                 Lampedusa, die See\u00fcberwachung auszuweiten, haben den mehr als                 260 Toten vom 11. Oktober nichts genutzt. Die EU setzt verst\u00e4rkt                 auf Systeme der Abwehr &#8211; die europ\u00e4ische Grenzschutzagentur Frontex                 und das am 2. Dezember 2013 in Kraft getretene Grenz\u00fcberwachungssystem                 Eurosur. <\/p>\n<p>Es soll u.a. helfen, Fl\u00fcchtlingsboote schneller zu entdecken                 und wird von EU-Kommissarin Cecila Malmstr\u00f6m gerne als Rettungspaket                 f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge verkauft. Die Toten vom 11. Oktober starben nicht                 wegen fehlender Technologie bzw. Informationen, sondern, weil                 ihnen schlichtweg die rechtzeitige Rettung verweigert wurde. <\/p>\n<h3>Recycling aller fl\u00fcchtlings-feindlicher Ma\u00dfnahmen <\/h3>\n<p>Die EU-Kommission hat Anfang Dezember 2013 in ihrem Ma\u00dfnahmenpaket                 zu &#8222;Lampedusa und die Folgen&#8220; alle fl\u00fcchtlingsfeindlichen Vorschl\u00e4ge                 der letzten Dekade recycelt und mit mehr Finanzmitteln ausgestattet.                 Zynischerweise verkauft die EU-Innenkommissarin Malmstr\u00f6m dieses                 sch\u00e4bige Kompendium als Beitrag, um den &#8222;Verlust von Leben im                 Mittelmeer&#8220; zu verhindern. <\/p>\n<p>Die Strategie der EU zielt jedoch darauf, sich freizukaufen von                 der Verantwortung Fl\u00fcchtlingen Schutz zu gew\u00e4hren. Transitstaaten                 werden noch st\u00e4rker als T\u00fcrsteher in die Pflicht genommen und                 sollen Schutzsuchende vom Territorium der Europ\u00e4ischen Union fernhalten.                 Der Applaus der Festungsbauer aus dem Kreis der EU-Innenminister                 war der EU-Innenkommissarin Malmstr\u00f6m gewiss. <\/p>\n<p>Das humanit\u00e4re Blendwerk wie der Appell, mehr Resettlementpl\u00e4tze                 zu schaffen, \u00fcber humanit\u00e4re Visa nachzudenken, die Seenotrettung                 nicht zu kriminalisieren, hat der EU-Rat Justiz und Inneres billigend                 in Kauf nehmen. Denn die Hardliner in Europa wissen, dass die                 Richtung stimmt: Die Externalisierung der Fl\u00fcchtlingsabwehr &#8211;                 k\u00fcnftig werden die Orte der Menschenrechtsverletzungen und des                 Sterbens in die Transitstaaten Nordafrikas und in die T\u00fcrkei verschoben.<\/p>\n<p>Bezeichnenderweise wurde unter gro\u00dfem Jubel in Europa am 16.                 Dezember 2013 das Abschiebeabkommen zwischen der EU und der T\u00fcrkei                 unterzeichnet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In die Nachbarregion Europa haben es seit Beginn der Revolte gegen das Assad-Regime im M\u00e4rz 2011 lediglich etwas mehr als 60.000 Schutzsuchende geschafft &#8211; auf eigene Faust, unter Lebensgefahr. Das kleine Nachbarland Libanon mit seinen 4,5 Millionen EinwohnerInnen hat in diesem Zeitraum bereits knapp 900.000 Fl\u00fcchtlinge aufgenommen. 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