{"id":13289,"date":"2014-02-01T00:00:52","date_gmt":"2014-01-31T22:00:52","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13289"},"modified":"2014-04-17T17:48:37","modified_gmt":"2014-04-17T15:48:37","slug":"ein-trauriger-geburtstag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/02\/ein-trauriger-geburtstag\/","title":{"rendered":"Ein trauriger Geburtstag"},"content":{"rendered":"<p>Woody Guthrie war der vielleicht klarsichtigste, sch\u00e4rfste und                 talentierteste politische Songschreiber der USA. Er war die &#8222;singende                 Zeitung&#8220; f\u00fcr hobos und rambling workers, Wanderarbeiter w\u00e4hrend                 der Big Depression, die auf den Verbindungsgelenken der G\u00fcterwagons                 ritten und von staatlichen Autorit\u00e4ten behandelt wurden, als seien                 sie Ungeziefer. In seinen Liedern erhielten sie Name, Schicksal                 und W\u00fcrde zur\u00fcck. <\/p>\n<p>&#8222;Deportee&#8220; [&#8218;Abgeschoben&#8216;] beispielsweise schildert den Absturz                 eines Flugzeugs mit mexikanischen Wanderarbeitern, die in den                 Fruchtplantagen Kaliforniens unter unmenschlichen Bedingungen                 gearbeitet hatten und auf dem Heimweg waren. Es k\u00f6nnte genausogut                 heute geschrieben worden sein. Der Tagespresse waren die Namen                 der toten Mexikanerinnen und Mexikaner damals keine Zeile wert.<\/p>\n<p>Guthrie setzte den Opfern mit seinem Song ein Denkmal. Aber er                 sang auch von Kampf und Widerstand, spottete \u00fcber Unrecht, Habgier                 und Engstirnigkeit und war fest \u00fcberzeugt von der F\u00e4higkeit der                 Menschen, ihre Situation verbessern zu k\u00f6nnen. Die ungek\u00fcrzte                 Version seines ber\u00fchmten Songs &#8222;This land is your land&#8220; [&#8218;Dieses                 Land ist dein Land&#8216;], der sogar zur Nationalhymne (!) der USA                 gemacht werden sollte, ist ein subversives Kampflied mit Augenzwinkern:                 &#8222;Ich sah ein gro\u00dfes Schild, auf dem stand: &#8218;Privatbesitz&#8217;\/ aber                 auf der anderen Seite, da stand gar nichts.\/ Die Seite wurde gemacht                 f\u00fcr dich und mich&#8220;. Diese Strophe fehlt bis heute auf den meisten                 Aufnahmen. Pete Seeger, ein Weggef\u00e4hrte Guthries, konnte sie Zeit                 seines Lebens nicht singen, ohne zu grinsen. Der kommunistische                 Fellow-Traveller Guthrie war das genaue Gegenteil eines Parolen                 pl\u00e4rrenden Dogmatikers. Seine F\u00e4higkeiten beim Umgang mit Sprache                 reihten ihn ein unter die Gro\u00dfen der US-Amerikanischen Poesie.                 Er konnte einem Nichts von Vers, drei, vier schlichten Allerweltsvokabeln,                 eine Tiefe geben, die einem die Tr\u00e4nen in die Augen treibt. Vor                 allem, weil da immer diese leuchtende Lebensfreude war, dieses                 Staunen vor der Welt und dieser bunte Widerstandsgeist, der alles                 zu lieben schien, was gut, fr\u00f6hlich und rebellisch war. <\/p>\n<p>Dabei war Guthrie ein Getriebener, fast m\u00f6chte man sagen: ein                 Verfluchter. Feuer war die Gei\u00dfel seiner Familie. Gleich mehrere                 seiner Angeh\u00f6rigen starben in den Flammen. Und die Geisteskrankheit                 seiner Mutter, Huntington&#8217;s Disease, war erblich. Er wusste das.                 Als sie ihn schlie\u00dflich einholte und Guthrie die letzten Jahre                 seines Lebens in einem Sanatorium nur mehr verd\u00e4mmern konnte,                 sa\u00df der junge Bob Dylan an seinem Bett und spielte f\u00fcr ihn s\u00e4mtliche                 Guthrie-Songs, die er beherrschte. Es waren viele. Man durfte                 also durchaus Hoffnungen haben, was die musikalische Feier zu                 Guthries hundertstem Geburtstag anging.<\/p>\n<p>Aber leider fehlt der alten Musikerweisheit: &#8222;Nothing beats a                 great song&#8220; [&#8218;Nichts schl\u00e4gt einen gro\u00dfen Song&#8216;] ein wichtiger                 Zusatz. Der Zusatz hei\u00dft: &#8222;&#8230;except a bad performer&#8220; [&#8218;&#8230;au\u00dfer                 ein mieser Performer&#8216;]. &#8222;Woody Guthrie at 100!&#8220; ist keine musikalische                 Feier. Es ist eine musikalische Inbesitznahme: &#8222;Guthrie geh\u00f6rt                 uns! Nur uns! Und nur so wie wir darf man ihn spielen. Basta!&#8220;.                 Trotzig stemmt sich eine Riege von Ewig-Gestrigen gegen jegliche                 Ver\u00e4nderung der Zeit. Nun gut: Nicht alle Darbietungen auf &#8222;Woody                 Guthrie at 100!&#8220; sind schlecht.<\/p>\n<p>Rosanne Cash, die Tochter von Johnny Cash, bietet eine recht                 gef\u00fchlvolle Interpretation von Guthries &#8222;I ain&#8217;t got no home&#8220;.                 Nett auch, dass man sie am Ende in den Applaus hinein sagen h\u00f6rt:                 &#8222;It&#8217;s just about&#8230;a perfekt song&#8220; [&#8218;Das ist eigentlich&#8230;ein                 perfektes Lied&#8216;]. Ry Cooders Gitarre auf &#8222;Deportees&#8220; ist h\u00f6renswert,                 und Jimmy LaFave l\u00e4sst bei seiner Version von &#8222;Hard Travelin'&#8220;                 die Stimmb\u00e4nder m\u00e4chtig knarren. An fast allen anderen Performern                 aber (und es sind noch einige!) pappt zentimeterdick der Staub                 des New Yorker Folk Revivals der sechziger Jahren. <\/p>\n<p>Dieses Folk Revival hat einerseits K\u00fcnstlern wie Bob Dylan oder                 Leonard Cohen eine erste B\u00fchne geboten, und es hat Guthrie-Songs                 \u00fcberhaupt erst wieder bekannt gemacht.<\/p>\n<p>Andererseits aber bekannte sich, wer damals Folk h\u00f6rte (oder                 spielte), zu einer allein selig machenden Kirche. Politisch rechnete                 man sich dem wei\u00dfen Linksliberalismus des st\u00e4dtischen B\u00fcrgertums                 zu, sah \u00fcberall nur kulturellen Niedergang und Verfall um sich                 her und hielt f\u00fcr gew\u00f6hnlich wenig davon, seine Gitarre zu stimmen.               <\/p>\n<p>Folk galt als urspr\u00fcngliches, urt\u00fcmliches Fundament der US-amerikanischen                 Kultur, unber\u00fchrt von allen Versuchungen und Verwerfungen des                 kapitalistischen Musikmarktes. Und wehe dem, der es wagte, auch                 nur eine Note zu \u00e4ndern! Folkfans waren musikalische Fundamentalisten,                 eine Sekte angehender Studienr\u00e4te und Oberstudienr\u00e4te, die aus                 dem flie\u00dfenden, sprudelnden Quell popul\u00e4rer Kreativit\u00e4t ein f\u00fcr                 die Ewigkeit tiefgefrorenes Artefakt machen wollten.<\/p>\n<p>&#8222;Woody Guthrie at 100!&#8220; ist die b\u00f6se Wiederkehr dieser l\u00e4ngst                 verweht geglaubten Geister. Das Konzert artet aus zu einer Mischung                 aus musikalischer Abendandacht und Museumsf\u00fchrung, bei der man                 immer wieder verstohlen auf die Uhr blickt und versucht, sein                 G\u00e4hnen zu unterdr\u00fccken. Denn einige Dinge sind amerikanischen                 Folk-Puristen noch heute ein Greul: ein sauberer Rhythmus zum                 Beispiel. Das rumpelt, klappert, stochert und stolpert, dass man                 beim H\u00f6ren unwillk\u00fcrlich die Arme ausstrecken m\u00f6chte, um die Musiker                 von Old Crow Medicine Show oder Sweet Honey in The Rock aufzufangen,                 wenn sie fallen. <\/p>\n<p>Ein einigerma\u00dfen tonsicherer Gesang gilt ebenfalls als \u00fcble Verr\u00e4terei.                 Und damit ist nicht allein der inzwischen in W\u00fcrden gealterte                 Ramblin&#8216; Jack Eliott gemeint. Der darf, als H\u00f6hepunkt authentisch-volkst\u00fcmlichen                 Nichtsk\u00f6nnens, als Headliner auftreten, um mit seiner br\u00fcchigen                 Greisenstimme den Abend seiner tr\u00fcbseligen Klimax entgegenzufisteln.               <\/p>\n<p>Denn auch Gr\u00f6\u00dfen wie Lucinda Williams kn\u00f6deln ihren Song herunter,                 als s\u00e4\u00dfen sie sp\u00e4t abends in der Musikschule und wollten eilig                 heim, um Fernsehen zu schauen. Und wehe, jemand k\u00e4me auf die Idee,                 Guthrie-Songs zu Beginn des 21. Jahrhunderts anders zu spielen                 als in den 60er Jahren des letzten. Tom Morello, der begabte Ex-Gitarrist                 von Rage against the Machine, versucht es wenigstens. Der Blitz                 soll ihn treffen! Gitarre, Akkordeon, Mandoline, um Himmels Willen                 kein Schlagzeug (weil siehe oben), daf\u00fcr im Geiste ein prasselndes                 Lagerfeuer, und alle br\u00fcllen durcheinander: &#8222;This land is yoooour                 laaaaand&#8230;.&#8220;. So geht das! <\/p>\n<h3>Es ist zum Haareraufen<\/h3>\n<p>Die Kr\u00f6nung aber ist, dass all diese m\u00fcffelnden Klangarchivare                 nicht einmal in der Lage sind, Guthries Texte richtig zu lernen.                 LaFave verschluckt gleich zwei volle Strophen von &#8222;Hard Travelin'&#8220;,                 und auch sonst geht es an diesem Abend textlich drunter und dr\u00fcber.               <\/p>\n<p>Man sollte sich wirklich entscheiden: Entweder man versteht Guthries                 Lieder als das, was sie sind, n\u00e4mlich eine rebellische Einladung                 zur Kreativit\u00e4t. Dann muss man zwar auch nicht gleich anfangen,                 an ihren Texten herum zu schludern, aber man muss auch nicht in                 Ehrfurcht vor ihnen erstarren. Guthrie selbst hat sich &#8211; mehrfach                 &#8211; einen solchen Umgang mit seinen Liedern gew\u00fcnscht. <\/p>\n<p>Oder man ernennt &#8222;Union Maid&#8220; und &#8222;Riding in my car&#8220; zu erhabenen                 Meisterwerken eines im Grunde nicht mehr menschlichen Genies.                 Dann allerdings geh\u00f6rt es sich nicht, nachl\u00e4ssig mit ihren Texten                 umzuspringen. Andernfalls k\u00f6nnte man genauso gut ein Kaugummi                 auf die Mona Lisa kleben. Man merkt an solchen Schlampereien auf                 &#8222;Woody Guthrie at 100!&#8220; mit bitterem L\u00e4cheln, dass viele der selbsternannten                 W\u00e4chter von Guthries Erbe seine Musik gar nicht verstanden haben.                 Wie wenig das die Veranstalter allerdings gest\u00f6rt zu haben scheint,                 erkennt man daran, dass alle Texte korrekt und vollst\u00e4ndig im                 Beiheft abgedruckt sind. Nur gesungen werden sie eben nicht. Aber                 wen schert&#8217;s? Authentizit\u00e4t geht vor Songtexten, und popul\u00e4re                 Kultur ist schlampig, oder? Deshalb: Je schlechter, desto authentischer.                 Fundamentalistische Folk-Oberstudienr\u00e4te, die zu faul sind zum                 Textlernen. Alles Gute zum Geburtstag, Woody!<\/p>\n<p>2006 hat die New Yorker Klezmer-Band The Klezmatics eine CD herausgebracht,                 auf der sie weitgehend unbekannte Texte von Woody Guthrie neu                 vertont hat. Auf seiner aktuellen Live-CD spielt Ry Cooder gleich                 drei alte Guthrie-Nummern, gemischt mit mexikanischen Mariachi-Kl\u00e4ngen                 oder als d\u00fcstere Blues-Balladen. Man kann nur hoffen, dass der                 Geist Guthries eher diesen K\u00fcnstlern zugeh\u00f6rt hat, und nicht den                 Aposteln einer aus der Zeit gefallenen Folk-Orthodoxie. Kreativit\u00e4t                 kennt keinen Stillstand.<\/p>\n<p>Nichts verdeutlicht das so sehr wie Guthries Songs. Wer Stillstand                 fordert, sollte k\u00fcnftige Geburtstagsfeiern lieber anderen \u00fcberlassen.                 Denn ein Exklusivrecht an Guthries Musik gibt es zum Gl\u00fcck nicht.                 Auch, wenn manche das nach 50 Jahren noch immer nicht wahr haben                 wollen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Woody Guthrie war der vielleicht klarsichtigste, sch\u00e4rfste und talentierteste politische Songschreiber der USA. Er war die &#8222;singende Zeitung&#8220; f\u00fcr hobos und rambling workers, Wanderarbeiter w\u00e4hrend der Big Depression, die auf den Verbindungsgelenken der G\u00fcterwagons ritten und von staatlichen Autorit\u00e4ten behandelt wurden, als seien sie Ungeziefer. 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