{"id":13299,"date":"2014-03-01T00:00:58","date_gmt":"2014-02-28T22:00:58","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13299"},"modified":"2022-07-26T14:22:20","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:20","slug":"alle-kriegseinsaetze-der-bundeswehr-stoppen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/03\/alle-kriegseinsaetze-der-bundeswehr-stoppen\/","title":{"rendered":"Alle Kriegseins\u00e4tze der Bundeswehr stoppen!"},"content":{"rendered":"<p>Die franz\u00f6sische Presse und die etablierten Medien hatten bis dahin geschwiegen. Dann verk\u00fcndete Frankreichs Au\u00dfenminister Laurent Fabius (PS) am 4. Dezember 2013 pl\u00f6tzlich auf allen Kan\u00e4len: &#8222;Genozid!&#8220; Wo, wer, was? In der Zentralafrikanischen Republik (ZAR), das auch viele Franzosen und Franz\u00f6sinnen erst einmal auf ihrer Karte suchen mussten.<\/p>\n<p>ChristInnen w\u00fcrden dort von den muslimischen Milizen der S\u00e9l\u00e9ka aus dem Norden der ZAR, an der Macht in der Hauptstadt Bangui seit ihrem Putsch gegen die Regierung Fran\u00e7ois Boziz\u00e9 im M\u00e4rz 2013, massakriert. Die franz\u00f6sische Armee sollte also verfolgten ChristInnen zu Hilfe eilen, die vom Genozid bedroht waren und ein islamistisches Terrorregime vertreiben.<\/p>\n<p>Es brauchte nur einen einzigen Tag, n\u00e4mlich genau bis zum &#8222;Einmarsch&#8220; der franz\u00f6sischen Armee in die ZAR nur einen Tag sp\u00e4ter, am 5. Dezember 2013, da h\u00e4tte Fabius seine dumme, einer uninformierten franz\u00f6sischen \u00d6ffentlichkeit hingeworfene &#8222;Genozid&#8220;-Kriegslegitimation gleich umdrehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Verschreckt durch die Ank\u00fcndigungen der franz\u00f6sischen Armee gab n\u00e4mlich die bis dahin mordende S\u00e9l\u00e9ka, ein heterogenes und schnell in Einzelmilizen zerbrechendes Anti-Boziz\u00e9-B\u00fcndnis kampflos einiges an Terrain preis.<\/p>\n<p>Doch sofort mordeten nun christliche Dorfb\u00fcrgerwehren aus dem von sogenannten &#8222;Flu\u00dfv\u00f6lkern&#8220; bewohnten S\u00fcden unter dem Namen &#8222;Anti-Balaka&#8220; gegen die dortige muslimische Bev\u00f6lkerungsminderheit los. Das Absurde an ihrem Namen: In der Verkehrssprache Sango hei\u00dft &#8222;Anti-Balaka&#8220; Anti-Machete; gem\u00e4\u00df ihren Taten seither m\u00fcsste der Name aber faktisch &#8222;Pro-Machete&#8220; lauten!<\/p>\n<p>Inzwischen ist es bis Mitte Februar 2014 trotz 5200 anwesender Soldaten der afrikanischen Truppen Misca und den 1600 (Mitte Februar bereits weiter auf 2000 aufgestockten) Soldaten starken franz\u00f6sischen Truppen der Operation &#8222;Sangaris&#8220; zu einem regelrechten Exodus, ja einer &#8222;ethnischen S\u00e4uberung&#8220; des Landes von ihrer muslimischen Bev\u00f6lkerungsminderheit gekommen.<\/p>\n<p>Die verstreuten S\u00e9l\u00e9ka-Milizen verw\u00fcsten auf ihrem R\u00fcckzug in den Norden und von dort in den Tschad christliche Bev\u00f6lkerungsteile in D\u00f6rfern und St\u00e4dten, danach st\u00fcrzen sich die nachr\u00fcckenden Anti-Balaka-Milizen auf die muslimischen ZivilistInnen. Thierry Vircoulon, ein Beobachter der International Crisis Group dazu: &#8222;Die Muslime haben Angst und fl\u00fcchten, denn niemand sch\u00fctzt sie vor dem Pogrom des Volkes.&#8220; ((1))<\/p>\n<h3>Erinnerungen an Ruanda<\/h3>\n<p>Sangaris kontrolliert nur einen kleinen Teil des riesigen Landes mit nur ca. 5 Millionen BewohnerInnen, davon 80 Prozent ChristInnen und 20 Prozent Muslimen.<\/p>\n<p>Die franz\u00f6sische Armee konnte nicht einmal in der Hauptstadt Bangui Exzesse verhindern &#8211; und schon sorgt sich die ASAF (Association de soutien \u00e0 l&#8217;arm\u00e9e fran\u00e7aise; Unterst\u00fctzungsverein der frz. Armee), nein, nicht um die Opfer, sondern um das Weltansehen der franz\u00f6sischen Armee, noch dazu, wo sich Ruanda zum 20. Mal j\u00e4hrt: &#8222;Wer sagt uns, dass Frankreich und vor allem seine Armee morgen nicht der Mord-Komplizenschaft angeklagt wird?&#8220; ((2))<\/p>\n<p>F\u00fcrwahr. Denn in Ruanda hatte die franz\u00f6sische Armee w\u00e4hrend zweier der drei Monate Schl\u00e4chtereien weiter Waffen an die von ihr ausgebildeten Hutu-M\u00f6rder geliefert. Doch auch jetzt hatte die franz\u00f6sische Armee \u00fcberhaupt erst am 10. Februar 2014, also mehr als zwei Monate (!) nach ihrem &#8222;Einmarsch&#8220;, ihre Strategie ge\u00e4ndert und nicht mehr allein die S\u00e9l\u00e9ka, sondern nun endlich auch die Anti-Balaka zum milit\u00e4rischen Feind erkl\u00e4rt &#8211; nachdem die antimuslimischen Pogrome wie erw\u00e4hnt bereits am Tage des Einmarsches begonnen hatten. Bilanz bis Mitte Februar 2014: rund 2000 Tote und rund eine Million auf der Flucht, fast durchweg Muslime. ((3))<\/p>\n<p>Die L\u00f6sung f\u00fcr solcherart Imageprobleme besteht nat\u00fcrlich, wie bei Milit\u00e4rs und PolitikerInnen in solchen F\u00e4llen immer, in der mit der normativen Kraft des Faktischen begr\u00fcndeten Entsendung von noch mehr Truppen, und da reichten, so ein weiterer oberster franz\u00f6sischer Milit\u00e4r (deren konkreten Namen franz\u00f6sische KorrespondentInnen vor Ort, hier von <i>Le Monde<\/i>, nicht nennen), nicht etwa ein weiteres Tausend, sondern: &#8222;Um zu verhindern, dass die Racheakte weiter gehen, br\u00e4uchte man 30000 Milit\u00e4rs, ungef\u00e4hr 1000 pro gr\u00f6\u00dferer Stadt, das ist nicht m\u00f6glich, man kann sie also nur St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck abbremsen.&#8220; ((4))<\/p>\n<p>Schon Ende Januar 2014 hatte der franz\u00f6sische UN-Botschafter G\u00e9rard Araud 10000 zus\u00e4tzliche Blauhelme von der UN verlangt: &#8222;Die Situation ist sehr schlimm.&#8220; ((5))<\/p>\n<p>Aus solchen Einsch\u00e4tzungen resultierte unmittelbar der Druck auf die BRD und die Bundeswehr, die Afghanistan noch gar nicht richtig verlassen hat, sich schon auf ihr n\u00e4chstes milit\u00e4risches Abenteuer in Mali und der ZAR einzulassen, flankiert von den KriegspropagandistInnen auf der M\u00fcnchner Sicherheitskonferenz, Verteidigungsministerin von der Leyen und Bundespr\u00e4sident Gauck, die wie selbstverst\u00e4ndlich &#8211; und ohne sich im Geringsten bei einer Aufarbeitung des gescheiterten Afghanistankrieges und seinem Massaker von Kundus aufzuhalten &#8211; vor der angeblichen Notwendigkeit verst\u00e4rkten milit\u00e4rischen Engagements und der gestiegenen weltweiten Verantwortung der BRD in die Knie gingen.<\/p>\n<p>Derweil hielt sich die USA auff\u00e4llig zur\u00fcck und hatte weder Lust noch sah sie eine menschenrechtliche Notwendigkeit, den Pannenhelfer f\u00fcr die im Schlamassel steckende franz\u00f6sische Armee zu geben.<\/p>\n<h3>Und in Mali geht der Krieg weiter&#8230;<\/h3>\n<p>Am Anfang stand noch \u00fcberbordendes Omnipotenzgehabe bei der Entscheidung zum &#8222;Einmarsch&#8220;. Viel leichter als der Mali-Krieg sei das, gefeiert wurde schon &#8222;Frankreich als Gendarm wider Willen&#8220; in Afrika, wie es ein fr\u00fcherer franz\u00f6sischer Diplomat ausdr\u00fcckte. ((6))<\/p>\n<p>Berauscht vom schnellen milit\u00e4rischen Erfolg in Mali t\u00f6nten Pr\u00e4sident Hollande und sein Verteidigungsminister Le Drian, vier bis sechs Monate Truppenpr\u00e4senz in der ZAR und ein Kontingent von 1200 Soldaten w\u00fcrden reichen.<\/p>\n<p>Doch ist Mali seinerseits denn wirklich befriedet? Dagegen sprechen schon die Zw\u00e4nge, die die franz\u00f6sischen Befehlshaber in der ZAR nunmehr ausmachen: Sie w\u00fcrden n\u00e4mlich gern weitere eigene Truppen aus Mali abziehen und in der ZAR einsetzen, doch \u00fcberraschender Weise muss &#8222;das Engagement in Mali auf hohem Niveau bleiben und die Mittel bleiben dort unabk\u00f6mmlich.&#8220; ((7)) Wieso, wo doch angeblich alles befriedet, die Mission Hollandes l\u00e4ngst erf\u00fcllt sei?<\/p>\n<p>Doch die kaum \u00fcber die Medien vermittelte Realit\u00e4t sieht anders aus: Erst am 24. Januar 2014 hatte dort in der nord\u00f6stlichen Region um Kidal ein gemeinsamer Angriff der Tuareg-Rebellen vom Mouvement national de lib\u00e9ration de l&#8217;Azawad (MNLA; Nationale Befreiungsbewegung Azawad) mit bewaffneten Islamisten die malische Armee in K\u00e4mpfe verwickelt, bei denen 97 malische Soldaten umgekommen seien. Trotz eines im Juni 2013 in Burkina Faso unterzeichneten Friedensabkommens mit den arabischen und Tuareg-Milizen war der Diskussionsprozess an einem toten Punkt angelangt, als sich diese Milizen aus Angst vor rassistischen Exzessen der malischen Armee weigerten, wie verabredet ihre Waffen abzugeben. Und vom 22.-23. Januar 2014 f\u00fchrte die franz\u00f6sische Armee ungef\u00e4hr 100 Kilometer n\u00f6rdlich von Timbuktu nach ihren vorherigen beiden milit\u00e4rischen Angriffen im Oktober und Dezember 2013 bereits ihre dritte Offensive durch und t\u00f6tete dabei angeblich elf Islamisten. ((8))<\/p>\n<p>Sieht so ein befriedetes Land aus? In Wahrheit ist seit den Pr\u00e4sidentschaftswahlen nichts geregelt in Mali, die versprochene Einigung und Autonomie f\u00fcr den Norden steht aus, die bewaffneten nationalistischen und islamistischen Gruppen k\u00f6nnen sich immer wieder neu sammeln und zuschlagen. Kaum jemand von ihnen kann sich vorstellen, in eine nach wie vor brutale, vom S\u00fcden dominierte malische Armee integriert zu werden. Bundeswehr-Ausbildern wird nun die Aufgabe zugewiesen, eine von Ressentiments und M\u00f6rdern durchsetzte malische Armee effektiver zu machen. Dabei wird die Bundeswehr noch dem Druck ausgesetzt, eventuell, weil schon mal vor Ort, fr\u00fcher oder sp\u00e4ter selbst in die K\u00e4mpfe eingreifen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<h3>Wie die Zentralafrikanische Republik in den B\u00fcrgerkrieg schlitterte<\/h3>\n<p>Auf der anderen Seite ist die Zentralafrikanische Republik (ZAR) eines der zehn \u00e4rmsten L\u00e4nder der Erde, dabei reich an Rohstoffen (Kautschuk, Holz, Kaffee, Baumwolle, Erd\u00f6l, insbesondere werden seit Ende der Neunzigerjahre durch einen s\u00fcdafrikanischen Multi industriell Diamanten abgebaut).<\/p>\n<p>Offiziell wurde das Land 1960 vom Kolonialherrn Frankreich politisch unabh\u00e4ngig, doch faktisch unabh\u00e4ngig ist es nie geworden. Es gibt wohl kaum ein Land aus den ehemaligen franz\u00f6sischen Kolonien West- und Zentralafrikas, das so sehr in neokolonialer Abh\u00e4ngigkeit von Frankreich blieb wie die ZAR. Wie selbstverst\u00e4ndlich betrachtet Frankreich mehrere Staaten des frankophonen West- und Zentralafrikas nach wie vor als sein Interessens- und Einflussgebiet.<\/p>\n<p>Die heutige Zentralafrikanische Republik ist ein Beispiel f\u00fcr das, was der Politologe Wolfgang Fengler in seiner Studie ((9)) \u00fcber die ZAR den klassischen Fall eines &#8222;Staates ohne Nation&#8220; (S. 152) nennt.<\/p>\n<p>Das r\u00fchrt noch aus Zeiten der kolonialen Aufteilung Afrikas her, als sich Frankreich, Belgien und Deutschland in der Folge der Berliner Kongokonferenz 1884-85 gigantische zentralafrikanische Gebiete untereinander aufteilten. Frankreich legte das Gebiet der heutigen Staaten ZAR, Gabun und Kongo-Brazzaville, sp\u00e4ter auch Tschad in der Zeitspanne von 1910 bis 1920 zu einem riesigen Komplex &#8222;Franz\u00f6sisch-\u00c4quatorialafrika&#8220; mit der Hauptstadt Brazzaville zusammen.<\/p>\n<p>Das Gebiet spielte im Zweiten Weltkrieg ein weltpolitisches Intermezzo, denn Franz\u00f6sisch-\u00c4quatorialafrika geh\u00f6rte zu den franz\u00f6sischen Kolonien, die das Vichy-Regime nicht anerkannten und Brazzaville fungierte von 1940 bis 1943 als Hauptstadt des \u201afreien Frankreich&#8216;, bevor diese Rolle das befreite Algier \u00fcbernahm.<\/p>\n<p>Die einzige emanzipatorische Pers\u00f6nlichkeit der kurzlebigen Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung Ende der F\u00fcnfzigerjahre war Barth\u00e9l\u00e9my Boganda, urspr\u00fcnglich katholischer Priester, der \u00fcberhaupt den Begriff der Zentralafrikanischen Republik erst pr\u00e4gte, gemeint aber als eine solidarische F\u00f6deration aller Ex-Kolonien Franz\u00f6sisch-\u00c4quatorialafrikas.<\/p>\n<p>Das erschien Frankreich jedoch als m\u00f6glicher antikolonialer Machtblock zu gef\u00e4hrlich und als Boganda noch vor der Unabh\u00e4ngigkeit, im M\u00e4rz 1959, bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam, wurde das Gebiet in die heutigen Staaten aufgeteilt und schon der erste Pr\u00e4sident der 1960 in die Unabh\u00e4ngigkeit entlassenen ZAR, David Dacko, war komplett von Frankreich abh\u00e4ngig. Fengler dazu: &#8222;Frankreich sah seine Interessen eher gewahrt, wenn viele kleine als wenige gro\u00dfe afrikanische Staaten existierten&#8220; (S. 95) &#8211; divide et impera, version fran\u00e7aise.<\/p>\n<p>Ein Bewusstsein der Zusammengeh\u00f6rigkeit entstand durch diese willk\u00fcrliche Aufteilung bei den Bev\u00f6lkerungen in den postkolonialen L\u00e4ndern nie.<\/p>\n<p>Womit man dort im Alltag zusammenhing, das waren Familienbande und die eigene Bev\u00f6lkerungsgruppe. Fenglers Fazit: &#8222;Die Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung hatte unter Boganda den demokratischen Impetus der Selbstbestimmung, wandelte sich jedoch nach seinem Tod hin zu einer Elitebewegung zur Selbstbereicherung&#8220; (S. 96).<\/p>\n<h3>Zuschussabh\u00e4ngiger Klientelismus f\u00fchrt zur Aufl\u00f6sung des Milit\u00e4rs in Milizen<\/h3>\n<p>Wie es um die Unabh\u00e4ngigkeit wirklich bestellt war, zeigte schon die Tatsache, dass noch die gesamten Sechzigerjahre hindurch die zentralafrikanische Verwaltung mehrheitlich mit Franzosen besetzt war und Frankreich wichtige Staatsfunktionen (Au\u00dfenpolitik, Verteidigung, Handels- und Finanzpolitik) kontrollierte.<\/p>\n<p>St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck wurden dann die Funktion\u00e4rsposten durch Einheimische ersetzt, die jedoch bei regelm\u00e4\u00dfig negativer Handelsbilanz am finanziellen Zuschusstropf der ehemaligen Kolonialmacht hingen. Dazu kamen franz\u00f6sische Entwicklungshilfegelder, die fortbestehende Dominanz franz\u00f6sischer &#8222;Berater&#8220;, die fortgesetzte Anwesenheit franz\u00f6sischer Truppen und die vollst\u00e4ndige Bindung der W\u00e4hrung CFA (Kolonialw\u00e4hrung der Colonies fran\u00e7aises d&#8217;Afrique, heute bequem ohne K\u00fcrzel\u00e4nderung umbenannt: Communaut\u00e9 financi\u00e8re africaine) an die franz\u00f6sische Zentralbank.<\/p>\n<p>Die einheimischen &#8222;Nachr\u00fccker&#8220; kamen meist aus den s\u00fcdlichen (christlichen) Bev\u00f6lkerungsgruppen oder direkt aus der Hauptstadt Bangui (auch &#8222;Flu\u00dfv\u00f6lker&#8220; vom Fluss Ubangi genannt) und entwickelten ein strikt auf die eigene Bev\u00f6lkerungsgruppe bezogenes Klientelsystem, das die Gebergelder Frankreichs direkt in Kan\u00e4le der eigenen Gruppe leitete.<\/p>\n<p>Die Postenbesitzer sorgten f\u00fcr Nachfolger aus den eigenen klientelistischen Reihen &#8211; wodurch eine tribalistische Korruptionspolitik entstand, derer sich nacheinander alle Pr\u00e4sidenten der ZAR bedienten, mit mehr oder weniger Kenntnis und Wohlwollen Frankreichs, das nie etwas tat, um das aufzubrechen. So kam es in der Geschichte der ZAR zu diversen Putschen und Putschversuchen konkurrierender Elitenf\u00fchrer unterschiedlicher Bev\u00f6lkerungsgruppen.<\/p>\n<p>Besonders irrsinnig war dabei die Herrschaft des ehemaligen Indochina-K\u00e4mpfers der franz\u00f6sischen Armee, General Jean-Bedel Bokassa, der sich 1965 mit franz\u00f6sischer Milit\u00e4rhilfe an die Macht putschte. Er errichtete nach ein paar Jahren eine brutale Diktatur, die zuletzt massive Sch\u00fclerInnen- und StudentInnenunruhen brutal unterdr\u00fcckte. Anfangs initiierte er sogar explizit anti-franz\u00f6sische Kampagnen, vers\u00f6hnte sich dann aber besonders ab 1974 mit dem franz\u00f6sischen konservativen Pr\u00e4sidenten Giscard d&#8217;Estaing, der ihn fast bis zu seinem Ende 1979 st\u00fctzte, als er sich von Gaddafi Geld holen wollte, was Frankreich weniger gefiel: Als Bokassa bei Gaddafi in Libyen zu Besuch war, st\u00fcrzte ihn Frankreichs Milit\u00e4r.<\/p>\n<p>Giscards Freundschaft mit Bokassa war dennoch hochpeinlich, fiel in diese Zeit doch sogar die Ausrufung Bokassas zum Kaiser (Dez. 1976), in grotesker Imitation seines Vorbildes Napoleon. Fengler: &#8222;Die Zeremonie kostete etwa ein Drittel der gesamten Staatseinnahmen und brachte den Staat an den Rand des Bankrotts&#8220; (S. 101).<\/p>\n<p>Diese \u00fcber Jahrzehnte betriebene Durchreichung franz\u00f6sischer Gelder aus der Zentralbank oder Entwicklungshilfe in ausschlie\u00dflich klientelistische Kan\u00e4le hatte auf die Dauer katastrophale Auswirkungen: Gerade bei den politischen Eliten der ZAR entwickelte sich eine wie selbstverst\u00e4ndlich erscheinende, passive Selbstbedienungsmentalit\u00e4t und geradezu ein Abh\u00e4ngigkeitssyndrom.<\/p>\n<p>Nach Ansicht des 1979 wieder von Frankreich eingesetzten Pr\u00e4sidenten David Dacko &#8222;besitzen die Menschen der ZAR den inh\u00e4renten Wunsch, von einer Schutzmacht abh\u00e4ngig zu sein&#8220; (S. 139) &#8211; freiwillige Knechtschaft \u00e0 la ZAR, allerdings eine Elitenmentalit\u00e4t, immer zugleich von Frankreich erw\u00fcnscht.<\/p>\n<p>Was immer in der ZAR ausgegeben wurde, es landete immer im Klientelsystem. Im Haushalt veranschlagte Betr\u00e4ge f\u00fcr den Erziehungsbereich wurden 1997 nur zu 39 Prozent ausgezahlt, ab den Neunzigerjahren wurde der staatliche Schulbetrieb eingestellt; das Haushaltsbudget f\u00fcr den Gesundheitssektor wurde 1996 nur zu 26 Prozent ausbezahlt, nur 13 Prozent der &#8211; vor allem st\u00e4dtischen &#8211; Bev\u00f6lkerung haben \u00fcberhaupt Zugang zum Gesundheitssystem, nur 18 Prozent zu sauberem Wasser, jedes vierte Kind ist unterern\u00e4hrt, die l\u00e4ndliche Bev\u00f6lkerung schl\u00e4gt sich mit Subsistenzwirtschaft durch (S. 136 f.).<\/p>\n<p>Im Zuge der weltpolitischen Demokratisierungswelle nach 1989 kam es in der ZAR 1993 zur einzigen wirklich demokratischen Wahl, bei der der bev\u00f6lkerungsreiche Nordwesten ihren Kandidaten Ange-F\u00e9lix Potass\u00e9 an die Macht w\u00e4hlte.<\/p>\n<p>Der war Minister unter Bokassa gewesen und mit dem Kaiser zusammen gegen Ende von dessen Amtszeit zum Islam \u00fcbergetreten, in der Hoffnung, von Gaddafi in Libyen neue Gebergelder zu bekommen, nachdem ihnen die aus Frankreich nicht mehr reichten.<\/p>\n<p>Damit wurde von oben die religi\u00f6se Karte in die zugleich neokolonialen und Klientelstrukturen des Landes eingef\u00fchrt. Zwar demokratisch gew\u00e4hlt, verhielt sich Potass\u00e9 jedoch genauso klientelistisch wie die bisherigen Pr\u00e4sidenten aus den Eliten der s\u00fcdlichen Flussv\u00f6lkergruppen, nur dass nun die Nordv\u00f6lkergruppen der Ouham und Pend\u00e9 von seinen Subventionen und Bereicherungen (vor allem aus dem Diamantenhandel) profitierten.<\/p>\n<p>Er pl\u00fcnderte die Finanzen derart, dass 1996 zun\u00e4chst studentische Stipendien, dann Angestelltengeh\u00e4lter und schlie\u00dflich sogar der Sold des Milit\u00e4rs \u00fcber mehrere Monate hinweg nicht mehr ausbezahlt werden konnten. So kam es 1996 zu drei Milit\u00e4rrevolten, wobei sich im Laufe der dritten &#8222;die ethnische Polarisierung in Bangui verst\u00e4rkte und Milizen beider Parteien in ihren Stadtvierteln Angeh\u00f6rige anderer Herkunft vertrieben.<\/p>\n<p>Die gewaltsamen Auseinandersetzungen forderten etwa 500 Menschenleben und ein Vielfaches davon an Verletzten, zeitweilig befanden sich 70000 Personen auf der Flucht&#8220; (S. 114) &#8211; ein Vorgeschmack auf die Realit\u00e4t des religi\u00f6s aufgeladenen B\u00fcrgerkriegs von heute.<\/p>\n<p>Der Brand konnte noch einmal kurzfristig gel\u00f6scht werden, und zwar mit der erstmaligen Bereitstellung einer afrikanischen Friedenstruppe ab 1998, dann von UN-Truppen.<\/p>\n<p>Diese Truppen schienen zun\u00e4chst erfolgreich, sodass die franz\u00f6sische Armee 1998 f\u00fcr einige Jahre ganz aus dem Land abzog, erstmals \u00fcberhaupt seit der Unabh\u00e4ngigkeit. Doch gerade weil sie abzog, entgingen dem Klientelsystem eine Menge Gelder, die mit ihrer Truppenpr\u00e4senz verbunden waren. Verwaltung und Armee der ZAR konnten langfristig nur noch weiter finanziert werden, wenn sie sich kriegerisch die G\u00fcter konkurrierender Eliten im eigenen Land aneigneten.<\/p>\n<p>Der vom islamischen Norden gest\u00fctzte Potass\u00e9 wurde am 15. M\u00e4rz 2003 durch Fran\u00e7ois Boziz\u00e9 weggeputscht. Der gewann die Wahlen 2005 und sagte dann diktatorisch die n\u00e4chsten Wahlen, die f\u00fcr 2010 vorgesehen waren, ab. Dabei hatte er als Vertreter s\u00fcdlicher Klientel bereits seit Jahren n\u00f6rdliche, islamische Bev\u00f6lkerungsgruppen mit milit\u00e4rischen Feldz\u00fcgen \u00fcberzogen. Es waren also nicht erst die islamistischen S\u00e9l\u00e9ka-Truppen aus dem Norden, die ein Terrorregime mit Exzessen errichteten, auch wenn sie die Brutalit\u00e4ten, die Boziz\u00e9 im Norden beging, nunmehr auf den S\u00fcden \u00fcbertrugen.<\/p>\n<p>In den Jahren 2009 und 2010 verbrannten die Truppen Boziz\u00e9s und sein Capitaine Ngaikoisset, der Schl\u00e4chter der Stadt Paoua im Nordwesten, systematisch D\u00f6rfer und ganze Stadtteile. ((10)) Schlie\u00dflich st\u00fcrzte eine v\u00f6llig heterogene, milit\u00e4risch nicht sehr effiziente, von Islamisten dominierte Allianz aus dem Norden, die S\u00e9l\u00e9ka, im M\u00e4rz 2013 den gehassten Boziz\u00e9 und seine, sich schnell in Aufl\u00f6sung befindliche Armee &#8211; was zur Milizbildung der Anti-Balaka, zum B\u00fcrgerkrieg sowie zur Massenvertreibung von heute f\u00fchrte.<\/p>\n<h3>Fazit<\/h3>\n<p>Im Grunde entfaltete die neokoloniale Macht- und Einflusspolitik Frankreichs, die zur F\u00f6rderung einheimischer Klientelstrukturen st\u00e4dtischer Eliten des S\u00fcdens f\u00fchrte, \u00fcber Jahrzehnte hinweg eine immer manifester werdende Dynamik des abwechselnden Nord-S\u00fcd-Klientelismus, die zum Zerfall der Armee beitrug, nachdem wiederholt f\u00fcr den Sold der Soldaten keine Gelder mehr vorhanden waren. Die neokolonial gest\u00fctzte Korruption hatte sozusagen den Ast abges\u00e4gt, auf dem sie sa\u00df.<\/p>\n<p>Angesichts dieser Geschichte war es relativ absurd, am 5. Dezember 2013 von einem &#8222;Einmarsch&#8220; franz\u00f6sischer Truppen in die ZAR zu sprechen.<\/p>\n<p>Es waren nicht nur bereits wieder seit langem 450 franz\u00f6sische Soldaten im Rahmen der &#8222;Mission&#8220; Boali im Lande ((11)), sondern au\u00dfer einer kurzen Zeit nach 1998 waren das franz\u00f6sische Milit\u00e4r und der franz\u00f6sische Staat im Lande immer dominant gewesen.<\/p>\n<p>Frankreich tr\u00e4gt also eine gro\u00dfe Mitschuld f\u00fcr die gegenw\u00e4rtige Situation.<\/p>\n<p>Im Moment str\u00f6men viele Ex-Balaka-Milizion\u00e4re &#8211; mit noch frischem Blut an den H\u00e4nden &#8211; in die nach der Wahl der neuen Pr\u00e4sidentin Catherine Samba-Panza neu aufzubauende ZAR-Armee FACA (Forces arm\u00e9es du Centrafrique), denn dort besteht wieder Aussicht auf Sold. ((12))<\/p>\n<p>Gut m\u00f6glich also, dass die Bundeswehr als Pannenaushilfstruppe der franz\u00f6sischen Armee in der ZAR demn\u00e4chst Leute ausbildet, die aktiv an Massakern und Massenvertreibung beteiligt waren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die franz\u00f6sische Presse und die etablierten Medien hatten bis dahin geschwiegen. Dann verk\u00fcndete Frankreichs Au\u00dfenminister Laurent Fabius (PS) am 4. Dezember 2013 pl\u00f6tzlich auf allen Kan\u00e4len: &#8222;Genozid!&#8220; Wo, wer, was? In der Zentralafrikanischen Republik (ZAR), das auch viele Franzosen und Franz\u00f6sinnen erst einmal auf ihrer Karte suchen mussten. ChristInnen w\u00fcrden dort von den muslimischen Milizen &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/03\/alle-kriegseinsaetze-der-bundeswehr-stoppen\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Alle Kriegseins\u00e4tze der Bundeswehr stoppen! - graswurzelrevolution","description":"Die franz\u00f6sische Presse und die etablierten Medien hatten bis dahin geschwiegen. Dann verk\u00fcndete Frankreichs Au\u00dfenminister Laurent Fabius (PS) am 4. 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