{"id":1330,"date":"1997-09-01T00:00:39","date_gmt":"1997-08-31T22:00:39","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=1330"},"modified":"2022-07-26T13:11:57","modified_gmt":"2022-07-26T11:11:57","slug":"ausgrenzungs-prozesse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1997\/09\/ausgrenzungs-prozesse\/","title":{"rendered":"Ausgrenzungs-Prozesse"},"content":{"rendered":"<p>Auch wenn es bei der Art und Weise, wie die Vorw\u00fcrfe gegen Graswurzelrevolution\u00e4rInnen und &#8222;X-tausendmal quer&#8220; vorgebracht wurden und werden schwer ist, darauf k\u00fchl und sachlich einzugehen, so will ich genau das in diesem Artikel versuchen. Im wesentlichen lassen sich die Vorw\u00fcrfe in drei Gruppen einteilen:<\/p>\n<ol>\n<li>Vorw\u00fcrfe, die das Verhalten gegen\u00fcber Autonomen w\u00e4hrend der Aktionstage im Wendland betreffen;<\/li>\n<li>Vorw\u00fcrfe gegen den Aktionsort von &#8222;X-tausendmal quer&#8220; am Verladekran;<\/li>\n<li>Vorw\u00fcrfe gegen den Aktionsrahmen von &#8222;X-tausendmal quer&#8220; als solchen.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Bezeichnend f\u00fcr den Umgang mit diesen Vorw\u00fcrfen in bestimmten Kreisen der autonomen Szene ist jedoch, da\u00df Erwiderungen (die es zahlreich gegeben hat) nicht zur Kenntnis genommen werden und auch nicht der Versuch unternommen wird, zentrale Inhalte gewaltfreier Aktionskonzeptionen \u00fcberhaupt auch nur nachzuvollziehen, um die darauf beruhende Argumentation wenigstens zu verstehen.<\/p>\n<h3>Gewaltfreie gegen Autonome?<\/h3>\n<p>In einem Artikel unter der \u00dcberschrift &#8222;Hilfspolizei&#8220; in der Bewegungszeitschrift anti atom aktuell, kurz &#8222;aaa&#8220;, ((1)) werden &#8222;\u00dcbergriffe&#8220; von &#8222;sog. gewaltfreien Personen auf DemonstrantInnen, die sich nicht dem Spaltungskonzept von X-tausendmal quer anschlie\u00dfen wollten&#8220; &#8218;dokumentiert'(vgl. dazu auch nebenstehenden Artikel &#8218;Vorsicht: Dokumentationen&#8216;). Dabei wird &#8222;Personen aus dem Spektrum von X-tausendmal quer&#8220; vorgeworfen, sie h\u00e4tten &#8222;auch Aufgaben der Polizei&#8220; \u00fcbernommen. Im Detail:<\/p>\n<ul>\n<li>&#8222;Einige DemonstrantInnen wurden aufgefordert ihre M\u00fctzen, T\u00fccher und Sonnenbrillen abzunehmen. Einige Personen versuchten dies auch aktiv durchzusetzen.<\/li>\n<li>Bei mindestens drei Menschen wurde der Rucksack durchsucht. Die Hilfspolizei &#8218;X-tausendmal quer&#8216; war auf der Suche nach Waffen.<\/li>\n<li>Menschen wurden aufgefordert, ihre Jacken zu \u00f6ffnen und sich kontrollieren zu lassen.<\/li>\n<li>Immer wieder wurden Menschen aufgefordert, sich von der Sitzblockade zu entfernen, weil sie der Kleiderordnung von X-tausendmal quer nicht entsprechen. Schwarze Jakken waren verboten.<\/li>\n<li>Immer wieder wurde Menschen angedroht, sie der richtigen Polizei auszuliefern, wenn sie sich nicht an das Spaltungskonzept von X-tausendmal quer halten w\u00fcrden. Obwohl niemand vorhatte, das Spaltungskonzept dort zu gef\u00e4hrden.&#8220; ((2))<\/li>\n<\/ul>\n<p>Belegt werden diese Vorw\u00fcrfe alle nicht. Und durch die Formulierung &#8222;immer wieder&#8220; wird suggeriert, da\u00df es sich dabei um Methode gehandelt h\u00e4tte, das diese &#8222;Vorkommnisse&#8220; die logische Erf\u00fcllung des &#8222;Spaltungskonzeptes&#8220; von X-tausendmal quer gewesen w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Es kann hier nicht darum gehen, zu leugnen, da\u00df es in Einzelf\u00e4llen Vorkommnisse dieser Art gegeben hat. Wenn dem so war, so kann ich mich dem &#8222;Pfui Deibel&#8220; des &#8222;Rat f\u00fcr \u00fcberregionale Angelegenheiten der Republik Freies Wendland&#8220; ((3)) nur anschlie\u00dfen. Doch solche Methoden sind weder gewaltfrei, noch geh\u00f6rten sie zum Konzept von X-tausendmal quer. Und Aufgabe der sogenannten &#8222;MittlerInnen&#8220; bei X-tausendmal quer war es, genau solches zu vermeiden. Sie &#8222;hatten in erster Linie zur Aufgabe, Menschen, die zur Blockade hinzusto\u00dfen, zu integrieren, d.h. sie \u00fcber die \u00dcbereinkunft der Aktion zu informieren und die Wichtigkeit der Einhaltung der \u00dcbereinkunft zu betonen.&#8220; Es wurde versucht, &#8222;neuen Menschen offener entgegenzutreten, und damit der Tendenz zu begegnen, da\u00df viele Menschen sich erst spontan entschlie\u00dfen, an einer Aktion teilzunehmen.&#8220; ((4))<\/p>\n<p>Im Rahmen des Streckenkonzeptes war es daher Aufgabe der MittlerInnen, neu eintreffenden Menschen die Ziele der Aktion zu verdeutlichen und &#8211; wenn deutlich wurde, da\u00df der Aktionsrahmen nicht mitgetragen wurde &#8211; darauf hinzuweisen, da\u00df es entlang der Strecke genug M\u00f6glichkeiten f\u00fcr andere Aktionsformen gibt. Weder gab es eine &#8222;Kleiderordnung&#8220; (ich habe durchaus Menschen mit schwarzen Jacken in der Blockade gesehen), noch geh\u00f6rte es zur Aufgabe der MittlerInnen, Taschen zu durchsuchen oder sonstwie &#8222;handgreiflich&#8220; zu werden. Und die Drohung, jemanden an die &#8222;richtige Polizei&#8220; auszuliefern, w\u00e4re wohl keiner\/m MittlerIn eingefallen.<\/p>\n<p>Weitere Vorw\u00fcrfe gegen X-tausendmal quer und gewaltfreie Gruppen sind:<\/p>\n<ul>\n<li>&#8222;An der Transportstrecke, wo unterschiedliche Gruppen aktiv waren, haben sich &#8218;gewaltfreie&#8216; Personen zwischen Polizei und DemonstrantInnen gestellt.<\/li>\n<li>DemonstrantInnen wurden festgehalten, die an die Transportstrecke wollten.<\/li>\n<li>DemonstrantInnen die Vermummung vom Gesicht gerissen.<\/li>\n<li>Immer wieder wurde gedroht, einige DemonstrantInnen der Polizei auszuliefern.<\/li>\n<li>Bei Laase\/Grippel wurden sogar DemonstrantInnen festgehalten, die von der Polizei verfolgt wurden. &#8230;&#8220; ((5))<\/li>\n<\/ul>\n<p>Zun\u00e4chst einmal f\u00e4llt in dem Text auf, da\u00df alle diese Ereignisse, die entlang der Transportstrecke geschehen sein sollen, pauschal X-tausendmal quer angelastet werden. X-tausendmal quer war jedoch nur <cite>eine<\/cite> der gewaltfreien Aktionen w\u00e4hrend der Castor-Tage und beschr\u00e4nkte sich auf den Aktionsort am Verladekran in Dannenberg. Mit Ereignisse entlang der Strecke hatte X-tausendmal quer aber auch garnichts zu tun.<\/p>\n<p>Und f\u00fcr alle diese Vorw\u00fcrfe (au\u00dfer dem ersten) gilt, da\u00df sie mit Gewaltfreiheit nichts zu tun haben. Und so lange nicht bekannt ist, um welche Gruppen oder Personen es sich handelt, gehe ich davon aus, da\u00df diese nicht aus dem Spektrum der Gewaltfreien Aktionsgruppen stammten, sondern da\u00df es b\u00fcrgerliche DemonstrantInnen (oder gar Zivis) waren.<\/p>\n<p>F\u00fcr eine Bewertung des &#8222;Vorwurfs&#8220;, &#8222;gewaltfreie&#8220; Personen h\u00e4tten sich zwischen Polizei und DemonstrantInnen gestellt, fehlen mir Informationen, aus denen die n\u00e4heren Umst\u00e4nde hervorgehen. So pauschal, wie er in der &#8218;Dokumentation&#8216; der Antifaschistischen Arbeitsgruppe Uelzen vorgebracht wird, l\u00e4\u00dft sich darauf kaum differenziert eingehen. Ich k\u00f6nnte mir aber Situationen vorstellen, in denen trotz aller Problematik solcher Aktionen die Motive der Leute, die in eine militante Auseinandersetzung nicht hineingezogen werden wollen und keine M\u00f6glichkeit sehen, den unmittelbaren Verlauf der Auseinandersetzung zu beeinflussen, zumindest nachvollziehbar werden. Ob diese Umst\u00e4nde hier gegeben waren, l\u00e4\u00dft sich jedoch nicht beurteilen.<\/p>\n<p>Ein letztes Wort zur Polizei: Es ist klar, da\u00df unser Verst\u00e4ndnis von Gewaltfreiheit eine Ablehnung des staatlichen <strong>Gewalt<\/strong>monopols &#8211; und damit auch der Polizei &#8211; beinhaltet. Schon vor diesem Hintergrund ist es absurd, X-tausendmal quer zu unterstellen, die Drohung, Personen der Polizei auszuliefern, h\u00e4tte zum Konzept geh\u00f6rt. Die S\u00e4tze in der \u00dcbereinkunft &#8211; &#8222;Wir werden keinen Menschen verletzen oder beschimpfen. Wir versuchen, allen Menschen mit Aufrichtigkeit und Gespr\u00e4chsbereitschaft zu begegnen.&#8220; &#8211; galten nicht nur gegen\u00fcber der Polizei, sondern selbstverst\u00e4ndlich gegen\u00fcber allen &#8211; also auch Autonomen.<\/p>\n<h3>Der &#8222;Putsch&#8220; von X-1000mal quer<\/h3>\n<p>Der Vorwurf, X-tausendmal quer h\u00e4tte sich an den Verladekran &#8222;geputscht&#8220;, weist auf die problematisch Strukturen der Anti-AKW-Bewegung. Doch leider werden diese nicht thematisiert, im Gegenteil: mit dem Putsch-Vorwurf werden diese Probleme unter den Teppich gekehrt.<\/p>\n<p>Bereits in aaa 78 hei\u00dft es:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Obwohl Ratschlag und Delegiertentreffen am 8. September 1996 einm\u00fctig dagegen votierten, da\u00df diese Aktion vor dem Verladekran stattfindet, schert er (Jochen Stay, AS) sich um dieses Votum einen Deubel. Stattdessen versucht er als Organisator dieser Aktion alles, um diese an besagtem Ort durchzuf\u00fchren. &#8230; Unter Umgehung von Ratschlag und Delegiertentreffen wird noch am 16. Februar versucht, mit der BI zu kungeln und ein quasi gesch\u00fctztes Areal zu gewinnen.<\/p>\n<p>Als diese dankend ablehnt, wird flugs per Zeitungsanzeige in der EJZ (das ist die \u00f6rtliche Elbe-Jeetzel-Zeitung, AS) das Gebiet vor dem Verladekran okupiert.&#8220; ((6))<\/p><\/blockquote>\n<p>Auch in der \u00d6koLinX wird X-tausendmal quer gleich ein &#8222;Bruch der B\u00fcndnisabsprachen&#8220; vorgeworfen. ((7))<\/p>\n<p>Mitglieder der Vorbereitungsgruppe von X-tausendmal quer schreiben dazu: &#8222;Zugegeben, die Entscheidung um den Blockadeort von X-tausendmal quer zog sich ungl\u00fccklich in die L\u00e4nge. Das haben wir zu verantworten, k\u00f6nnen wir aber mit unserem Versuch, basisdemokratisch zu entscheiden, rechtfertigen. Die Entscheidung des Delegiertentreffens war unseres Wissens nach keine Entscheidung, sondern die klare \u00c4u\u00dferung eines Wunsches, der auch seine Gr\u00fcnde hatte. (&#8230;) Dadurch, da\u00df die Entscheidung des Delegiertentreffens wie oben schon gesagt, unseres Wissens keine war, ist der Vorwurf, X-tausendmal quer habe sich \u00fcber jene hinweggesetzt, zumindest teilweise au\u00dfer Kraft gesetzt.&#8220; ((8)) Anschlie\u00dfend thematisieren sie die strukturellen Probleme: &#8222;Kann es sein, da\u00df jene, die zu f\u00fcnft als Gruppe kommen, alle Delegierte dieser Gruppe sind und damit mehr Entscheidungsgewalt haben als jene, die zu viert kommen, aber eine tausendmal so gro\u00dfe Gruppe vertreten? Kann es sein, da\u00df Entscheidungen im Wesentlichen durch die im Raum vorhandene, meist aggressive Stimmung bestimmt werden, in der nur einige wenige Mutige ihre Argumente gegen die dominierende Meinung einbringen k\u00f6nnen? Genau diese Ph\u00e4nomene sind bei vielen Delegiertentreffen zu beobachten.&#8220; ((9))<\/p>\n<p>Dieses Problem der Legitimation der &#8222;Gremien&#8220; bzw. &#8222;Strukturen&#8220; (soweit dabei \u00fcberhaupt von Strukturen gesprochen werden kann) der Anti-AKW-Bewegung ist meines Wissens nirgendwo aufgegriffen worden. An basisdemokratische Strukturen w\u00e4re zumindest der Anspruch der Durchschaubarkeit zu stellen, aber auch der Anspruch an einen Diskussionsstil, der es auch nicht so mutigen Menschen erm\u00f6glicht, abweichende Meinungen zu \u00e4u\u00dfern. Die &#8222;Strukturen&#8220; des Wendland-Widerstandes erf\u00fcllen diese Kriterien mit Sicherheit nicht, und es bedarf eines geh\u00f6rigen Ma\u00dfes an Durchsetzungsverm\u00f6gen und Frusttoleranz, um diese Treffen zu \u00fcberstehen.<\/p>\n<p>Ein Fehler von X-tausendmal quer war vielleicht, diese mangelnde Legitimation der &#8222;Gremien&#8220; des Widerstandes nicht vorher zu thematisieren. Die Teilnahme von VertreterInnen von X-tausendmal quer legitimierte also zun\u00e4chst die Delegiertentreffen, obwohl genau diese Legitimation von X-tausendmal quer durchaus hinterfragt wurde und wird. In Zukunft sollten daher vorab Anforderungen an Entscheidungsfindung und Arbeitsweise legitimer Gremien des Widerstandes gestellt werden. Und dazu geh\u00f6rt auch eine Diskussionskultur, die diesen Namen verdient.<\/p>\n<h3>War X-tausendmal quer ungef\u00e4hrlich?<\/h3>\n<p>Die letzte Gruppe der &#8222;Vorw\u00fcrfe&#8220; besch\u00e4ftigt sich mit der Aktionsform von X-tausendmal quer selbst. Hier ginge es eigentlich um eine politische Auseinandersetzung, doch findet sich davon in den Papieren leider wenig.<\/p>\n<p>&#8222;Nirgends war die Stra\u00dfe vor Sch\u00e4den so sicher wie dort, wo sich dogmatische Gewaltfreie gegen jeden anderen Widerstandsversuch als ihren lautstark beschwerten&#8220; ((10)), &#8211; so richtig wie gleichzeitig ohne Verst\u00e4ndnis f\u00fcr das Aktionskonzept (und das Streckenkonzept, m\u00f6chte mensch hinzuf\u00fcgen) beginnen h\u00e4ufig Vorw\u00fcrfe dieser Art gegen X-tausendmal quer. X-tausendmal quer hat immer deutlich gemacht, da\u00df gegen Tunnelarbeiten auf der gesamten Strecke nichts einzuwenden ist, doch da\u00df es eben zum Aktionsrahmen von X- tausendmal quer geh\u00f6rt, da\u00df im Rahmen dieser Aktion nur das Blockieren mit dem eigenen K\u00f6rper durch das Sitzenbleiben auf der Stra\u00dfe stattfindet. Weitergehende Aktionen &#8211; sowohl an der Schienen- als auch an der Stra\u00dfenstrecke &#8211; wurden von X-tausendmal quer nicht abgelehnt, sondern begr\u00fc\u00dft, wie auch das Jubeln bei entsprechenden Durchsagen zeigte.<\/p>\n<p>Um jedoch den vielen Menschen, die bisher keine eigene Widerstandserfahrung gesammelt haben, den ersten Schritt zur bewu\u00dften \u00dcbertretung von Gesetzen zu erm\u00f6glichen und diese Menschen mit ihren Hoffnungen und \u00c4ngsten auch ernst zu nehmen, war der Aktionsrahmen an diesem Ort bewu\u00dft auf Sitzen begrenzt. Das mag einigen gegen den Strich gegangen sein, doch kehrt sich der Vorwurf, so wie er vorgebracht wird, gegen diejenigen um, die sich nicht einmal die M\u00fche machen, Aktionskonzepte von ihrer inneren Logik her zu reflektieren (und dazu geh\u00f6rte bei X-tausendmal quer die Beschr\u00e4nkung der Aktionsform auf &#8218;Sitzen&#8216;) und dann vielleicht zu kritisieren. Unverst\u00e4ndnis f\u00fchrt in der Diskussion nicht weiter.<\/p>\n<p>Der n\u00e4chste Vorwurf zielt auf die OrganisatorInnen: sie h\u00e4tten bewu\u00dft oder im naiven Glauben die TeilnehmerInnen von X-tausendmal quer in dem Glauben gelassen, wenn von ihnen keine Gewalt ausginge, w\u00fcrde ihnen auch von Seiten der Polizei nichts passieren. ((11)) Auch wenn ich nicht ausschlie\u00dfen m\u00f6chte, da\u00df einige TeilnehmerInnen in diesem Glauben angereist sind, so wurde das aber von X-tausendmal quer mit Sicherheit nicht gef\u00f6rdert. Bereits in dem Aufruf-Flugblatt hei\u00dft es: &#8222;Wenn wir dem Castor mit entschlossener, klarer gewaltfreier Haltung begegnen, werden wir zu einem politischen Hindernis f\u00fcr diesen und etwaige andere Transporte. Deshalb m\u00fcssen wir damit rechnen, da\u00df &#8218;X-tausendmal quer&#8216; mit polizeilicher Gewalt begegnet wird. Uns wird das weder \u00fcberraschen, noch aus der Fassung bringen.&#8220; ((12))<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Castor-Tage selbst wurde sowohl bei der Bezugsgruppenbildung auf m\u00f6gliche Polizeigewalt hingewiesen, als auch mittels eines gewaltfreien Trainings der Umgang mit Polizeigewalt ge\u00fcbt. Und die meisten Bezugsgruppen werden wohl gerade dar\u00fcber ausf\u00fchrlich diskutiert haben. Und am Abend vor der R\u00e4umung wurde auch der SprecherInnenrat erneut \u00fcber die Aussagen der Einsatzleitung der Polizei informiert, da\u00df sie alle notwendigen Mittel &#8222;unterhalb des finalen Rettungsschusses&#8220; einsetzen werde.<\/p>\n<p>Weder wurde somit bei X-tausendmal quer jemand verheizt, noch war das alles ein abgesprochenes Spiel, bei dem &#8222;die Bullen &#8230; zusammen mit Demonstranten Goodwill demonstrieren&#8220; ((13)) konnten. Die Einsch\u00e4tzung, &#8222;g\u00e4be es X-Quer nicht, die Bullen h\u00e4tten sie erfinden m\u00fcssen&#8220; ((14)) ist daher nichts weiter als eine rethorisch geschickte Diffamierung, hat aber mit der Wirklichkeit gar nichts zu tun.<\/p>\n<p>Ebenso v\u00f6llig an der Realit\u00e4t vorbei geht eine Einsch\u00e4tzung, wenn &#8222;X-tausendmal quer&#8220; zu einem &#8222;Synonym f\u00fcr Entpolitisierung und gr\u00fcne W\u00e4hlerInnenschaft&#8220; gemacht und in Widerspruch zu Gewaltfreien, &#8222;deren gewaltfreier Widerstand weiterhin phantasievoll, unberechenbar und effektiv sein soll&#8220; ((15)) gestellt wird. Das gipfelt dann in folgenden \u00c4u\u00dferungen: &#8222;&#8218;X-1000mal quer&#8216; war f\u00fcr die Atomindustrie so &#8218;gef\u00e4hrlich&#8216;, wie die nieders\u00e4chsische Landesregierung. Die Bullen und die Atomlobby hatten keinen Grund, sich zu \u00e4ngstigen. Alles war abgesprochen. Wir sitzen hier &#8217;ne Weile f\u00fcr die Presse und ihr r\u00e4umt uns dann friedlich ab. Daf\u00fcr sorgen wir, da\u00df es keine h\u00e4\u00dflichen Bilder am Verladekran gibt und distanzieren uns von Gewaltt\u00e4terInnen. Etwas besseres h\u00e4tte den Bullen nicht passieren k\u00f6nnen. &#8230; Wenn aber das, was X-1000mal Quer praktiziert hat, Graswurzellinie ist, dann hat sich diese Bewegung vom Widerstand verabschiedet und bewegt sich zum Helfer der Inszenierung eines konservativen Gewaltmonopolbegriffs.&#8220; ((16)).<\/p>\n<p>Das bei &#8222;X-tausendmal&#8220; zum Ausdruck gekommene Konzept &#8222;war ein m\u00f6gliches von vielen, vielf\u00e4ltigen und unterschiedlichen Ans\u00e4tzen, Konzepten und Formen gewaltfreier Aktion.&#8220; so die Stellungnahme der Redaktion der GWR dazu:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Wir sehen als Graswurzelrevolution\u00e4rInnen auch nach den Aktionen beim letzten Transport \u00fcberhaupt keinen Anla\u00df, uns davon zu distanzieren. Und wir wissen, da\u00df sich die InitiatorInnen f\u00fcr &#8222;X-tausenmal quer&#8220; eingesetzt haben, nicht etwa weil sie andere direkte Aktionen wie Sabotage, Stra\u00dfenunterh\u00f6hlungen, Barrikaden usw. ablehnen, sondern weil nach politischer Einsch\u00e4tzung der Gesamtsituation f\u00fcr die vielen Neuen und Unorganisierten ein solches Konzept einer Massenblockade das Sinnvollste erschien und sich zudem mit anderen Aktionsformen im Streckenkonzept erg\u00e4nzen konnte. Da\u00df &#8222;X-tausendmal quer&#8220; durchaus gef\u00e4hrlich (allerdings nicht im Sinne einer physischen Gef\u00e4hrdung) war f\u00fcr die Polizei und die Atomindustrie zeigte der Ablauf selbst. Allein die Masse der 9 000 BlockiererInnen zeigten der Polizei die Unm\u00f6glichkeit, hier &#8222;verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig&#8220; vorgehen zu k\u00f6nnen. Da\u00df die Versuche &#8222;friedlich abzur\u00e4umen&#8220; schnell scheiterten, und dann eben doch Wasserwerfer und Gummikn\u00fcppel eingesetzt wurden, d\u00fcrfte hinl\u00e4nglich bekannt sein. Da\u00df dabei immer noch nicht so brutal vorgegangen werden konnte, wie dies sicherlich gegen\u00fcber militanten Aktionen h\u00e4ufig geschieht, ist eine der St\u00e4rken gewaltfreier Aktion. Abgesprochen war bei dem ganzen gar nichts, auch wenn die Polizei das gerne gehabt h\u00e4tte und am Tag vor der R\u00e4umung den Kontakt zu &#8222;X-tausendmal quer&#8220; gesucht hat. Auch das ein Zeichen unserer St\u00e4rke. Ebenso absurd ist der Vorwurf der Distanzierungen: &#8222;Deshalb ist es so wichtig, da\u00df die Kampagne in \u00f6ffentlichen \u00c4u\u00dferungen immer wieder klarmacht, da\u00df es genauso gewaltfrei ist, wenn die B\u00e4uerliche Notgemeinschaft mit ihren Treckern auf die Strecke geht, die Gorlebenfrauen Schmierseife auskippen, Leute damit anfangen, \u00f6ffentlich die Stra\u00dfe abzubauen oder irgendwo spontane Sitzblockaden ohne vorherige Selbstverpflichtung und \u00dcbereinkunft stattfinden.&#8220; (Interview mit Jochen in GWR 216)&#8220; ((17))<\/p><\/blockquote>\n<h3>&#8222;Denunziationen&#8220;<\/h3>\n<p>Eine vierte Gruppe von Vorw\u00fcrfen fehlt in der bisherigen Auseinandersetzung, und hier ist eine sachliche W\u00fcrdigung auch nicht mehr angebracht. Dennoch will ich mich zu guter letzt in die (Un-)Tiefen der Diskussionskultur einiger Autonomer begeben und das daher auch den LeserInnen nicht ersparen.<\/p>\n<p>In dem bereits erw\u00e4hnten interim-Artikel &#8222;X-tausendmal Gewaltbereit&#8220; hei\u00dft es zu X-tausendmal quer: &#8222;Mit Spr\u00fcchen wie &#8218;Das deutsche Volk ist wehrhaft&#8216; wurde aus dem Lauti Sch\u00fctzenhilfe f\u00fcr die Maltr\u00e4tierten geliefert, die sich das auch noch gefallen lie\u00dfen. Wo waren \u00fcberhaupt noch linke politische Inhalte?&#8220; ((18)) Ungepr\u00fcft fand dieser Vorwurf des Nationalismus seinen Weg durch zahlreiche andere Ver\u00f6ffentlichungen, und eine Widerlegung von Seiten der GWR bzw. der Leute aus dem Lautsprecherwagen wurde bisher nicht ver\u00f6ffentlicht. Es ist schlicht und einfach absurd, eine solche \u00c4u\u00dferung zu unterstellen, die es mit Sicherheit aus dem Lautsprecherwagen nicht gegeben hat. Folgerichtig wurde unsere Anfrage bei den Leuten aus dem Lautsprecherwagen von diesen schon als Beleidigung empfunden &#8211; und das durchaus zu recht!<\/p>\n<p>In der sogenannten &#8218;Dokumentation&#8216; des Rats der Gnome wird dann X-tausendmal quer autorit\u00e4res Verhalten vorgeworfen und einen Absatz weiter hei\u00dft es: &#8222;Sp\u00e4testens seit dem nicht ausgetragenen Konflikt um die Franz Alt-Veranstaltung der BI steht eh eine Diskussion um den Umgang mit autorit\u00e4ren, &#8218;heimattreuen&#8216;, faschistoiden und anti-emanzipatorischen Str\u00f6mungen innerhalb der Anti-Castor-Bewegung an.&#8220; ((19)) &#8211; Geht es noch perfider? Soll hier X-tausendmal quer allen Ernstes eine N\u00e4he zu autorit\u00e4ren, &#8218;heimattreuen&#8216; (&#8222;Das deutsche Volk ist wehrhaft&#8220;) und faschistoiden Str\u00f6mungen unterstellt werden? Ein Kommentar er\u00fcbrigt sich.<\/p>\n<h3>Und was jetzt?<\/h3>\n<p>Die Auseinandersetzungen der letzten Monate haben das Klima nachhaltig vergiftet. Eine konstruktive Auseinandersetzung, die auf ein solidarisches Nebeneinander (mensch wird bescheiden) ausgerichtet ist, scheint derzeit kaum m\u00f6glich. Gleichzeitig ist mit einer Spaltung der Bewegung niemanden gedient, was aber wiederum nicht hei\u00dfen darf, da\u00df Aktionsformen nicht kritisiert werden d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Diese Auseinandersetzung sollte jedoch vom Willen zum gegenseitigen Verst\u00e4ndnis getragen sein. Die Methode und auch die Sprache, mit der von Seiten einiger Autonomer in diesem Streit agiert wird, zeichnen sich aber gerade dadurch aus, da\u00df es nicht um Verst\u00e4ndnis geht, sondern nur um die Ausgrenzung von gewaltfreien Zusammenh\u00e4ngen und das Plattmachen jeder Kritik an autonomen Aktionsformen.<\/p>\n<p>Dabei sollte trotz aller inhaltlichen und politischen Differenzen doch eigentlich das gemeinsame Ziel im Vordergrund stehen: die Abschaltung aller Atomanlagen. Und dieses Ziel kann nur erreicht werden, wenn sich alle Str\u00f6mungen des Widerstandes mit all ihren Eigenheiten respektieren und vielleicht nicht gerade zusammen, aber auch nicht gegeneinander arbeiten. Doch auch daf\u00fcr gilt: Es reicht! Nur wenn die entsprechenden Teile der Autonomen zu einer solidarischen Form der Auseinandersetzung zur\u00fcckkehren, ist auch in Zukunft eine Zusammenarbeit m\u00f6glich!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch wenn es bei der Art und Weise, wie die Vorw\u00fcrfe gegen Graswurzelrevolution\u00e4rInnen und &#8222;X-tausendmal quer&#8220; vorgebracht wurden und werden schwer ist, darauf k\u00fchl und sachlich einzugehen, so will ich genau das in diesem Artikel versuchen. Im wesentlichen lassen sich die Vorw\u00fcrfe in drei Gruppen einteilen: Vorw\u00fcrfe, die das Verhalten gegen\u00fcber Autonomen w\u00e4hrend der Aktionstage &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1997\/09\/ausgrenzungs-prozesse\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Ausgrenzungs-Prozesse - graswurzelrevolution","description":"Auch wenn es bei der Art und Weise, wie die Vorw\u00fcrfe gegen Graswurzelrevolution\u00e4rInnen und \"X-tausendmal quer\" vorgebracht wurden und werden schwer ist, darauf"},"footnotes":""},"categories":[97,1039],"tags":[],"class_list":["post-1330","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-221-september-1997","category-quergestellt"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1330","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1330"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1330\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1330"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1330"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1330"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}