{"id":13301,"date":"2014-03-01T00:00:37","date_gmt":"2014-02-28T22:00:37","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13301"},"modified":"2022-07-26T12:58:53","modified_gmt":"2022-07-26T10:58:53","slug":"versklavte-frauen-freie-maenner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/03\/versklavte-frauen-freie-maenner\/","title":{"rendered":"Versklavte Frauen, freie M\u00e4nner?"},"content":{"rendered":"<p>Die Diskussion um Prostitution bleibt gepr\u00e4gt vom sexistischen                 Rollenbild. M\u00e4nner sind die T\u00e4ter, sie sind diejenigen, die (sexuelle)                 Bed\u00fcrfnisse haben und sich Befriedigung verschaffen. Frauen sind                 die Opfer, die mit oder ohne Zustimmung, mit oder ohne &#8222;Consent&#8220;,                 die Bed\u00fcrfnisse der M\u00e4nner erf\u00fcllen. In &#8222;paternalistischer Besserwisserei&#8220;                 wollen auch Frauen wie Alice Schwarzer die Sexarbeiterinnen, ohne                 nach deren eigenen W\u00fcnschen zu fragen, &#8222;befreien&#8220;. Tats\u00e4chlich                 muss immer neu die Frage gestellt werden, wie in den gegenw\u00e4rtigen                 Verh\u00e4ltnissen die Menschenrechte der Prostituierten garantiert                 werden k\u00f6nnen. In der gegenw\u00e4rtigen Debatte werden jedoch oft                 grunds\u00e4tzliche Fragen nach einem &#8222;richtigen, wahren und sch\u00f6nen&#8220;                 Leben damit vermischt. <\/p>\n<p>Nicht zu leugnen ist, dass mit Prostitution auch Gewalt, Erniedrigung,                 Ausbeutung, Kindesmissbrauch, Frauenhandel, perverse und Frauen                 dem\u00fctigende Sexualpraktiken verbunden sind. Der &#8222;Berufsverband                 erotische und sexuelle Dienstleistungen&#8220;, der einen Gegen-Appell                 F\u00dcR Prostitution ver\u00f6ffentlichte, stellt heraus, dass Prostitution                 auf Freiwilligkeit beruht. Bei jedwedem Zwang handele es sich                 um Vergewaltigung. So richtig diese Unterscheidung ist, so wenig                 hilfreich ist sie in der Einordnung der allt\u00e4glichen Praxis. Selbstverst\u00e4ndlich                 sind Frauen und Kinder, die gezwungen werden, sich zu prostituieren                 &#8211; die also vergewaltigt werden &#8211; zu sch\u00fctzen. Menschenhandel und                 Zwangsprostitution sind Straftaten, die zu verfolgen sind. <\/p>\n<p>Die Situation von Prostituierten wird aber eher auf einem Kontinuum                 zwischen Zwang, auch aufgrund der Lebensverh\u00e4ltnisse, und Freiwilligkeit                 und selbstbestimmten Umgang einzuordnen sein. Wer Prostituierten,                 die aus Zwangslagen heraus dem Gesch\u00e4ft mit ihrem K\u00f6rper nachgehen,                 andere M\u00f6glichkeiten bieten will, muss attraktive Alternativen                 schaffen. Fragen nach realistischen Einkommensm\u00f6glichkeiten, nach                 Arbeitsbedingungen und sozialer Absicherung sind zu stellen. Die                 von Luzie Morgenstern in ihrem Diskussionsbeitrag in der GWR 386                 ironisch weitergedachten beamteten Bordellbetriebe m\u00f6chte ich                 mir jedoch lieber nicht vorstellen. Das Beamtentum geh\u00f6rt ganz                 abgeschafft. Eine an der Lebensrealit\u00e4t der Betroffenen orientierte                 Debatte muss jedenfalls mit den Frauen, nicht \u00fcber sie, gef\u00fchrt                 werden. <\/p>\n<p>Wer jede Migration als Armutsmigration verteufelt, die Wege verbaut,                 auf legalem Weg die Grenzen zu \u00fcberschreiten, wer legale Arbeitsm\u00f6glichkeiten                 verhindert und auch in anderen Bereichen die Ausbeutung von Menschen                 unter menschenunw\u00fcrdigen Verh\u00e4ltnissen duldet, meint es nicht                 ehrlich mit dem Einsatz f\u00fcr die Menschenrechte der Prostituierten.                 Demokratie und Menschenrechte werden nicht durch Restriktionen,                 Verbote, Strafen gew\u00e4hrleistet, sondern durch Schutzmechanismen,                 die Freiheiten erm\u00f6glichen und auch Abweichungen von der Norm                 zulassen. <\/p>\n<p>Mit Recht legt Antje Schrupp in der GWR Nr. 386 wert darauf,                 die Diskussion um Sex als Ware und Dienstleistung ohne den Ruf                 nach staatlicher Reglementierung zu f\u00fchren, und auch Luzie Morgenstern                 vermerkt irritiert die aktuellen repressiven Denkstrukturen. <\/p>\n<p>Wenn man Sex, wie es Antje Schrupp tut, jedoch ausschlie\u00dflich                 mit gegenseitigem Begehren und Liebe verbinden will, dann wird                 das k\u00f6rperliche Bed\u00fcrfnis geleugnet und werden zugleich die allt\u00e4glichen                 sexuellen Beziehungen \u00fcberh\u00f6ht. Wir w\u00fcrden gerne in einer nicht                 entfremdeten Gesellschaft leben, in einer, die nicht von kapitalistischen                 Herrschafts- und Gewaltverh\u00e4ltnissen gepr\u00e4gt ist. Zugleich m\u00fcssen                 wir allerdings feststellen, dass wir in einer Gesellschaft leben,                 in der der K\u00f6rper l\u00e4ngst unter dem Gesichtspunkt der Verwertungslogik                 betrachtet wird. Er ist zur Ware geworden. Wir haben gesund zu                 leben und auf Bed\u00fcrfnisse zu verzichten, um den K\u00f6rper fit zu                 halten. Der K\u00f6rper hat den Sch\u00f6nheitsidealen angepasst zu werden.                 Organe werden transplantiert, Embryonen selektiert. Wieso sollte                 ausgerechnet die Sexualit\u00e4t von diesem Warencharakter ausgenommen                 werden und nur in Verbindung mit Begehren und Liebe &#8222;erlaubt&#8220;                 sein. Warum sollte nicht auch Sexualit\u00e4t eine Dienstleistung sein                 k\u00f6nnen? <\/p>\n<p>Der Bericht eines Altenpflegers macht eine ganz andere Perspektive                 deutlich. Viele alte Menschen, m\u00f6glicherweise zun\u00e4chst vor allem                 alte M\u00e4nner, haben auch im Alter und auch als Demente sexuelle                 Bed\u00fcrfnisse. Sie verlieren ihren Sexualtrieb nicht. Prostituierte                 m\u00f6gen dann Sexualassistentin hei\u00dfen, ihr Dienst bleibt derselbe.                 Anschaulich berichtet Christopher Piltz im Freitag vom 5. Dezember                 2013 im Artikel &#8222;Mit aufs Zimmer&#8220;, wie menschlich-hilfreich solche                 Dienste ohne Zwang und Frauenhandel sein k\u00f6nnen. Sexuelle Bed\u00fcrfnisse                 sind ebenfalls k\u00f6rperliche Bed\u00fcrfnisse, die nicht einfach verleugnet                 werden k\u00f6nnen. Zu einer den Menschen gerecht werdenden Pflege                 kann es dann geh\u00f6ren, auch deren Befriedigung zu erm\u00f6glichen.               <\/p>\n<p>Die gegenw\u00e4rtige Debatte ist gepr\u00e4gt vom traditionell-patriarchalen                 Bild von Sex, das ausgeht vom Bed\u00fcrfnis des Mannes und den Frauen                 keine sexuellen Bed\u00fcrfnisse zugesteht. M\u00e4nner sind es, die die                 Prostituierten nachfragen, weibliche und m\u00e4nnliche. Sexuelle Bed\u00fcrfnisse                 der Frauen kommen nicht vor. Luzie Morgenstern weist immerhin                 daraufhin, dass sich auch Frauen heute bei Bedarf einen attraktiven                 Begleiter buchen. In der Vorstellung \u00fcber Prostitution fehlt diese                 Variante. Sexualit\u00e4t bei Frauen und M\u00e4nnern wird in einem unterschiedlichen                 Kontext begriffen. <\/p>\n<p>In der anarchosyndikalistischen Zeitung &#8222;Direkte Aktion&#8220; wird                 im Januar\/Februar 2012 ein Interview gef\u00fchrt, das die M\u00f6glichkeit                 der verdrehten Rollen im Sextourismus aufzeigt. Es wird davon                 ausgegangen, dass &#8222;besonders Frauen&#8220; zunehmend in die Karibik                 reisen, &#8222;mit dem Ziel, einige Tage in den Armen eines gutaussehenden                 Mannes zu verbringen&#8220;. <\/p>\n<p>Unabh\u00e4ngig von der Frage, wieviele Frauen dies tats\u00e4chlich sind,                 macht die Antwort deutlich, wie unterschiedlich der Status ist.                 &#8222;Frauen, die Sexarbeit betreiben, gelten hier als Prostituierte,                 Huren und leichte M\u00e4dchen. M\u00e4nner gelten als Gigolos, Beach Boys                 oder Nichtstuer. <\/p>\n<p>Diese Begriffe geben m\u00e4nnlichen Sexarbeitern einen sozial eher                 akzeptablen Status. Frauen werden als Teilnehmerinnen an kriminellen                 Aktivit\u00e4ten gebrandmarkt, w\u00e4hrend m\u00e4nnliche Sexualit\u00e4t gefeiert                 wird &#8211; oder sie gilt als Wohlt\u00e4tigkeit.&#8220; M\u00e4nner, die sich prostituieren,                 gelten als frei und unabh\u00e4ngig. Sie werden auch dann, wenn sie                 sich prostituieren, als machtvoll interpretiert. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Diskussion um Prostitution bleibt gepr\u00e4gt vom sexistischen Rollenbild. M\u00e4nner sind die T\u00e4ter, sie sind diejenigen, die (sexuelle) Bed\u00fcrfnisse haben und sich Befriedigung verschaffen. 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