{"id":13308,"date":"2014-03-01T00:00:04","date_gmt":"2014-02-28T22:00:04","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13308"},"modified":"2022-07-26T13:31:02","modified_gmt":"2022-07-26T11:31:02","slug":"eine-geschichte-der-besiegten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/03\/eine-geschichte-der-besiegten\/","title":{"rendered":"Eine Geschichte der Besiegten"},"content":{"rendered":"<p>Der Anarchosyndikalist und Antimilitarist Jacques Tardi (*1946)                 ist einer der ganz Gro\u00dfen der franz\u00f6sischen Comicszene. <\/p>\n<p>In seinem \u0152uvre nimmt die intensive Auseinandersetzung mit dem                 Ersten Weltkrieg (z.B. &#8222;Elender Krieg&#8220;) eine zentrale Rolle ein,                 neben adaptieren Kriminalgeschichten aus der Feder von L\u00e9o Malet,                 einem Zyklus \u00fcber die Pariser Kommune (&#8222;Die Macht des Volkes)                 u.v.m. <\/p>\n<p>Mit seinem neuesten Werk &#8222;ICH, REN\u00c9 TARDI, KRIEGSGEFANGENER IIB&#8220;                 besch\u00e4ftigt sich Tardi nun erstmals auch mit dem Zweiten Weltkrieg                 &#8211; erz\u00e4hlt durch die Augen seines Vaters Ren\u00e9. <\/p>\n<p>Ren\u00e9 Tardi war nach eigenem Bekunden ein euphorischer Idealist,                 bevor er in den Krieg zog. Wie wurde aus ihm ein verbitterter,                 immer zu w\u00fctender Mensch, fragte sich auch der Zeichner, als er                 den Vater bat, seine Geschichte aufzuschreiben. Drei Schulhefte,                 gef\u00fcllt mit Erinnerungen an Krieg und Gefangenschaft, bekommt                 der Sohn ausgeh\u00e4ndigt. Doch dieser z\u00f6gert mit der Umsetzung der                 Geschichte in Comicform. Erst nach dem Tod des Vaters beginnt                 er mit der Arbeit und bedauert, die eine oder andere Frage nicht                 mehr stellen zu k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Tardis Vater meldete sich freiwillig zur Armee. 1940 zieht er                 als Panzerf\u00fchrer in den Krieg gegen Deutschland.<\/p>\n<p>&#8222;Unschlagbar&#8220; seien sie, wird den jungen M\u00e4nnern eingebl\u00e4ut und                 lange glauben sie daran. Bis die Nazis Paris \u00fcberrollen. &#8222;Invincible&#8220;,                 also &#8222;Unbesiegbar&#8220; prankt auf einem der zerschossenen, franz\u00f6sischen                 Panzer, die in Tardis graphic novel abgebildet sind. Sinnbild                 f\u00fcr den Hochmut und das Verderben.<\/p>\n<p>Immerzu schimpft Ren\u00e9 Tardi &#8211; auf den eigenen Staat, der sie                 schlecht vorbereitet in diesen Krieg geschickt hat, auf die Deutschen,                 die all diese Verbrechen begehen, auf den Krieg, auf den Hunger                 und auf die K\u00e4lte. <\/p>\n<p>Nach einem Jahr Kriegsbeteiligung kommt der Vater in deutsche                 Gefangenschaft. Zun\u00e4chst in ein Zwischenlager nach Trier, sp\u00e4ter                 in das Lager Stalag IIB, in Pommern, im heutigen Polen. Neben                 kurzzeitigen Arbeitseins\u00e4tzen herrscht hier vorrangig die Monotonie                 und immer wieder Hunger, Hunger, Hunger. &#8222;Es wurde immerzu nur                 \u00fcber Fressen geredet&#8220;, erz\u00e4hlt Tardi senior. Insgesamt bleibt                 Ren\u00e9 Tardi vier Jahre in Gefangenschaft.<\/p>\n<p>L\u00e4sst sich eine solche Geschichte als Comic erz\u00e4hlen? Ja, und                 das vielleicht besser, als es ein anderes Medium h\u00e4tte tun k\u00f6nnen.                 In den Schulheften des Vaters sind immer wieder kleine Zeichnungen                 zu finden. Da, wo die Worte des Vaters versagten, griff auch er                 zum Bild. Das gleiche gilt f\u00fcr den Comic. Das Bild vermag nicht                 selten \u00fcber das Wort hinauszugehen und eindringlicher zu erz\u00e4hlen,                 was das Wort schon nicht mehr beschreiben kann. <\/p>\n<p>F\u00fcr gew\u00f6hnlich zeichnet Tardi in schwarz und wei\u00df. Um das zu                 erz\u00e4hlen, was er erz\u00e4hlen m\u00f6chte, braucht er keine Farbe. Wenn                 in dem einen oder anderen seiner Comics doch mal Farbe auftauchen                 sollte, so Tardi, w\u00fcrde der Verleger dahinter stecken, der meinte,                 in der Farbe ein weiteres Verkaufsargument gefunden zu haben.               <\/p>\n<p>Bei &#8222;Stalag IIB&#8220; ist es etwas anderes, wie Tardi betont. Hier                 ist die Kolorierung von seiner Tochter Rachel vorgenommen worden.                 Allerdings verl\u00e4sst sie den Pfad ihres Vaters nicht. <\/p>\n<p>Den zuweilen d\u00fcsteren Zeichnungen von Tardi f\u00fcgt sie trostlose                 Graut\u00f6ne hinzu, hier und da lediglich akzentuiert durch das Blutrot                 der Hakenkreuzfahnen. <\/p>\n<p>Jacques Tardi ist mit seinem bisher pers\u00f6nlichsten Werk &#8222;ICH,                 REN\u00c9 TARDI, KRIEGSGEFANGENER IIB&#8220; eine gro\u00dfartige graphic novel                 gelungen. Wieder einmal.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Anarchosyndikalist und Antimilitarist Jacques Tardi (*1946) ist einer der ganz Gro\u00dfen der franz\u00f6sischen Comicszene. In seinem \u0152uvre nimmt die intensive Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg (z.B. &#8222;Elender Krieg&#8220;) eine zentrale Rolle ein, neben adaptieren Kriminalgeschichten aus der Feder von L\u00e9o Malet, einem Zyklus \u00fcber die Pariser Kommune (&#8222;Die Macht des Volkes) u.v.m. 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