{"id":13319,"date":"2014-03-01T00:00:04","date_gmt":"2014-02-28T22:00:04","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13319"},"modified":"2022-07-26T14:22:21","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:21","slug":"gegen-ausbeutung-fuer-autonomie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/03\/gegen-ausbeutung-fuer-autonomie\/","title":{"rendered":"Gegen Ausbeutung, f\u00fcr Autonomie"},"content":{"rendered":"<p>Es ist einer scheinbar libert\u00e4ren Geste geschuldet, wenn der Soziologe Bruno Latour die &#8222;Vernarrtheit der Sozialtheoretiker in emanzipative Politik&#8220; beklagt.<\/p>\n<p>Die Sozialwissenschaften, gerade die sich als kritisch bezeichnenden, h\u00e4tten sich immer \u00fcber die Akteurinnen und Akteure selbst gestellt. Sie h\u00e4tten so getan, als w\u00fcssten sie es besser, als k\u00f6nnten nur sie die Schleier von Verbl\u00f6dung und Verblendung l\u00fcften und enth\u00fcllen, was die einfachen Leute selbst nicht sehen. Und, wie die &#8222;kritische Soziologie&#8220; in den Augen Latours, \u00fcberall Macht am Werke zu sehen, w\u00fcrde die Leute eher bet\u00e4uben statt aufr\u00fctteln und das sei schon ein &#8222;politisches Verbrechen&#8220; (148). Harte Worte &#8211; ge\u00e4u\u00dfert in &#8222;Eine neue Soziologie f\u00fcr eine neue Gesellschaft&#8220; (Frankfurt a. M. 2010) , die sich vor allem gegen Pierre Bourdieu und seine Anh\u00e4ngerInnen richten.<\/p>\n<p>Nun ist Luz Kerkeling kein Sozialtheoretiker. Aber sein neues Buch ist eine soziologische Studie, und die ist ganz explizit emanzipatorischer Politik verpflichtet. Man muss Latour widersprechen und das geht mit dieser Arbeit in der Hand sehr gut. Wollten wir es in der Latour&#8217;schen Drastik tun, m\u00fcssten wir sagen: Es w\u00e4re eine Katastrophe, g\u00e4be es nicht weiterhin solch parteiische und machtanalytische, solch akribische und vielstimmige Studien wie die von Kerkeling!<\/p>\n<h3>Inwiefern?<\/h3>\n<p>Kerkeling beschreibt seine Arbeit selbst als &#8222;eine akteursorientierte und deskriptiv-analytische Langzeitstudie&#8220; (17).<\/p>\n<p>Er bezeichnet sich selbst in Anf\u00fchrungszeichen als &#8222;Lautsprecher&#8220; f\u00fcr die Themen und Menschen, denen er sich gewidmet hat. Auf theoretische Interventionen kommt es ihm weniger an. Gegenstand der Studie sind die sozialen Bewegungen im S\u00fcden Mexikos, die sich gegen Marginalisierung, rassistische Ausgrenzung und gegen Umweltzerst\u00f6rung zur Wehr setzen und f\u00fcr ein w\u00fcrdiges Leben eintreten. Selbstverst\u00e4ndlich sind dabei dem Zapatismus, der 1994 mit einem Aufstand im Bundesstaat Chiapas f\u00fcr internationalen Wirbel sorgte, ein eigenes Kapitel und verschiedene Nebenbetrachtungen gewidmet.<\/p>\n<p>Aber er steht nicht allein im Zentrum der Arbeit, und es ist das erste Verdienst Kerkelings, einer hiesigen LeserInnenschaft einen Einblick in \u00e4hnliche Konfliktfelder und Bewegungsdynamiken zu liefern, die neben Chiapas auch noch Oaxaca und Guerrero umfassen.<\/p>\n<p>Alle drei geh\u00f6ren zu denjenigen der 32 mexikanischen Bundesstaaten, in denen sowohl die Armut als auch der Anteil der indigenen Bev\u00f6lkerungsgruppen an der Gesamtbev\u00f6lkerung besonders gro\u00df ist. Das ist keine zuf\u00e4llige Koinzidenz, sondern ein systematischer Zusammenhang. Auch solche Hintergr\u00fcnde, vor denen der schlie\u00dflich untersuchte &#8222;indigene Widerstand&#8220; sich abspielt, pr\u00e4sentiert das Buch mit langen Zitaten aus der Sicht der Befragten.<\/p>\n<p>Kerkeling hat bei mehrmaligen Aufenthalten vor Ort \u00fcber 100 Interviews gef\u00fchrt. Nicht nur mit Aktivistinnen und Aktivisten, sondern auch mit NGO-MitarbeiterInnen, wissenschaftlichen ExpertInnen zu den jeweiligen Themen und anderen. Auch staatliche Quellen, Statistiken wie Statements, werden integriert.<\/p>\n<p>Indigener Widerstand besteht aus einer Vielzahl von radikalen Basisorganisationen, er findet sich punktuell gegen infrastrukturelle und\/oder touristische Gro\u00dfprojekte zusammen oder existiert organisatorisch langfristig wie im Falle der Zapatistas oder des Nationalen Indigenen Kongresses (CNI).<\/p>\n<p>Die Themen und Situationen, an denen sich solche Widerst\u00e4nde entz\u00fcnden, sind so vielf\u00e4ltig wie systematisch, insofern sie alle im Kontext kapitalistischer Entwicklungs- und Modernisierungslogik stehen: Im Umweltbereich etwa beschreibt Kerkeling die Durchsetzung von Monokulturen, den Tagebau, Gro\u00dfstaud\u00e4mme und auch den Tourismus als Konfliktanl\u00e4sse. Aber auch Umsiedlungsprojekte wie die Gr\u00fcndung sogenannter &#8222;Landst\u00e4dte&#8220;, die die verstreut in D\u00f6rfern und Siedlungen lebende Landbev\u00f6lkerung in zentralisierten Einheiten zusammenfassen sollen und von Kerkeling als &#8222;komplexer Kontrollmechanismus&#8220; (117) bezeichnet werden, sind als Ausl\u00f6ser f\u00fcr Widerstand beschrieben.<\/p>\n<p>Kerkeling \u00fcberzeugt dabei einerseits mit detailliertem und immer wieder beinahe erschlagendem Faktenwissen und liefert damit bereits eine f\u00fcr Lateinamerikastudien fortan unumg\u00e4ngliche Arbeit zu Sozialstruktur und Politik in Mexiko. Inhaltlich ist das oft niederschmetternd, wenn etwa aufgezeigt wird, dass allein durch das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) in zehn Jahren mehr als 6,2 Millionen Bauern und B\u00e4uerinnen in die Migration gezwungen wurden. (132)<\/p>\n<p>Auf diese Art von Machteffekten hinzuweisen, ist dennoch alles andere als entmutigend. Erstens, weil Machteffekte hier nicht als diffuse Wolke erscheinen, die alles vernebelt, sondern in Form konkret benennbarer Kr\u00e4fte beschrieben werden (etwa Agrar- und Pharmakonzerne, neoliberale Think Tanks, die mexikanische Regierung etc.). Das hei\u00dft nicht, dass Kerkeling von einem homogenen, repressiven Block oder von Herrschaftsmechanismen ausgeht, die sich nicht ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Das Entwicklungsprogramm &#8222;Chiapas Solidario&#8220; etwa schildert er als Regierungsform, in der explizit mit dem Aufgreifen vormals linker, oppositioneller Vorstellungen und Vokabeln gearbeitet wird.<\/p>\n<p>Zweitens, und das ist ja das Hauptanliegen des Buches, kommen eben gerade diejenigen zu Wort, die sich zur Wehr setzen. Die vielfachen Autonomiebestrebungen werden immer auch als Alternative zur kapitalistischen Modernisierung diskutiert. Verschiedene aktivistische Zusammenschl\u00fcsse wie etwa die &#8222;Indianischen Organisationen f\u00fcr Menschenrechte in Oaxaca&#8220; (OIDHO), der schon genannte CNI oder die neben der EZLN t\u00e4tigen Guerilla-Gruppen in Chiapas werden ausf\u00fchrlich in ihren Organisationsstrukturen wie auch hinsichtlich ihrer B\u00fcndnispolitiken beschrieben. Und dies geschieht immer entlang der Ausk\u00fcnfte und Sichtweisen der Beteiligten. Dabei werden auch quer zu den jeweiligen Gruppen und Anl\u00e4ssen liegende bzw. sie durchziehende Kampfschaupl\u00e4tze ber\u00fccksichtigt: Kerkeling widmet den K\u00e4mpfen von Frauen ein eigenes Kapitel und vergleicht Forderungen und Problemlagen zwischen den Bewegungen.<\/p>\n<p>Der allt\u00e4glichen Mehrfachbelastung und der Diskriminierung auch in den eigenen Reihen wird mit selbstbewusster gef\u00fchrten K\u00e4mpfen gegen die Viktimisierung begegnet, mit konkreten Gesundheits- und Ern\u00e4hrungsprojekten sowie mit Erkl\u00e4rungen wie jener der \u00f6kologischen Fraueninitiative OMESP, in der es schlicht hei\u00dft: &#8222;Keine Art des Wandels w\u00e4re gut, wenn wir dabei nicht wertgesch\u00e4tzt und respektiert w\u00fcrden.&#8220; (399)<\/p>\n<p>Es lie\u00dfe sich nun sicherlich dar\u00fcber streiten, ob all dieser Widerstand selbst &#8222;indigen&#8220; ist oder ob es sich bei der ethnischen Bestimmung nicht nur um die Klassifizierung der Leute handelt, die ihn aus\u00fcben. Auch die sich widersprechenden Gebrauchsweisen von Worten wie &#8222;Zivilgesellschaft&#8220; m\u00fcssten schlie\u00dflich vielleicht doch aus einer Metaperspektive bewertet und aufgel\u00f6st werden. Und zwar, um seine Relevanz beurteilen zu k\u00f6nnen. Zu konstatieren, dass die Perspektive desjenigen, der hier \u00fcber zehn Jahre analysiert und vergleicht, zu anderen Ergebnissen kommt als diejenigen, die direkt involviert sind, kann jedenfalls auch als logisch und ehrlich statt als verwerflich gelten.<\/p>\n<p>Das Problem, dass man sich damit potenziell wieder \u00fcber die Leute selbst stellt, oder zumindest neben sie, hat auch Latour nicht gel\u00f6st. Es sozialtheoretisch zu l\u00f6sen, hat Kerkeling sich im \u00dcbrigen nicht zur Aufgabe gemacht. Die, die er sich gestellt hat, ein nah an den K\u00e4mpfen orientiertes Panoramabild \u00fcber die Situation in S\u00fcdmexiko zu liefern, hat er hervorragend gel\u00f6st. So ein Buch sollte es f\u00fcr alle Regionen geben, in denen die sozialen und politischen Widerspr\u00fcche zu Mobilisierungen von unten f\u00fchren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist einer scheinbar libert\u00e4ren Geste geschuldet, wenn der Soziologe Bruno Latour die &#8222;Vernarrtheit der Sozialtheoretiker in emanzipative Politik&#8220; beklagt. Die Sozialwissenschaften, gerade die sich als kritisch bezeichnenden, h\u00e4tten sich immer \u00fcber die Akteurinnen und Akteure selbst gestellt. Sie h\u00e4tten so getan, als w\u00fcssten sie es besser, als k\u00f6nnten nur sie die Schleier von Verbl\u00f6dung &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/03\/gegen-ausbeutung-fuer-autonomie\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Gegen Ausbeutung, f\u00fcr Autonomie - graswurzelrevolution","description":"Es ist einer scheinbar libert\u00e4ren Geste geschuldet, wenn der Soziologe Bruno Latour die \"Vernarrtheit der Sozialtheoretiker in emanzipative Politik\" beklagt. Di"},"footnotes":""},"categories":[734,44,1042,1027],"tags":[],"class_list":["post-13319","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-387-maerz-2014","category-bucher","category-ohne-chef-und-staat","category-wir-sind-nicht-alleine"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13319","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13319"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13319\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13319"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13319"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13319"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}