{"id":13323,"date":"2014-03-01T00:00:58","date_gmt":"2014-02-28T22:00:58","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13323"},"modified":"2022-07-26T14:22:20","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:20","slug":"erfahrungen-des-new-yorker-direct-action-networks-1999-2003","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/03\/erfahrungen-des-new-yorker-direct-action-networks-1999-2003\/","title":{"rendered":"Erfahrungen des New Yorker Direct-Action-Networks 1999-2003"},"content":{"rendered":"<p>David Graeber, bekennender gewaltloser Anarchist, beschreibt in diesem Erfahrungsbericht das New Yorker Direct-Action-Network (DAN), das sich zum Grundprinzip der &#8222;gewaltlosen direkten Aktion&#8220; bekannt hat (S. 104), von 1999 bis 2003.<\/p>\n<p>Nach dem 9.11.2001 kam das DAN mehr und mehr unter die R\u00e4der der US-Kriegspropaganda. Insgesamt sei das DAN als Versuch zu werten, eine anarchistische Bewegung mit dezentraler, auf dem Konsensprinzip basierender Entscheidungsfindung aufzubauen.<\/p>\n<p>In den ersten Kapiteln beschreibt Graeber die Traditionen der Qu\u00e4ker, von US-Native-Americans, des Student Nonviolent Coordinating Comittee (SNCC) in den Sechzigerjahren, der Frauenbewegung (f\u00fcr die der Text von Jo Freeman \u00fcber &#8222;Die Tyrannei der Strukturlosigkeit&#8220; von 1972 als Aufforderung verstanden wurde, &#8222;Gruppenprozesse so zu formalisieren, dass mehr Gleichheit sichergestellt wird&#8220;, S. 54) sowie der Anti-Atom-Bewegung der sp\u00e4ten Siebzigerjahre mit den Besetzungen von Seabrook 1976 und Shoreham 1977 als Urspr\u00fcnge heutiger Bewegungen der direkten Aktion und unmittelbar damit verbundener basisdemokratischer Entscheidungsstrukturen. Unter dem Einfluss von Seabrook wurden diese \u00fcbrigens von gewaltfreien Aktionsgruppen der deutschsprachigen Graswurzelbewegung \u00fcbernommen. Graeber nennt hier den Schwulenaktivisten, Qu\u00e4ker, Anarchisten und gewaltlosen Revolution\u00e4r George Lakey und das Movement for a New Society (MNS) in Philadelphia als &#8222;Inspirationsquelle&#8220; (S. 55).<\/p>\n<p>Diese Traditionen verbanden sich sp\u00e4ter mit Impulsen wie denen aus den Bewegungen des S\u00fcdens (Einstellung des bewaffneten Kampfes bei den Zapatistas, Einfl\u00fcsse der brasilianischen Landlosenbewegung Sem Terra und der indisch-gandhianischen Bauernbewegung KRRS auf die Gr\u00fcndung des Peoples&#8216; Global Action (PGA) Netzwerks): &#8222;Die radikalsten Bewegungen in S\u00fcdamerika neigen dazu, so gewaltfrei zu agieren, wie sie nur k\u00f6nnen&#8220; (S. 46).<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich hatten auch gegenkulturelle Milieus wie die Punkszene und ihr Geist des DIY (Do It Yourself) mit Formen wie Containern und Lebensformen aus dem Abfall der Industriegesellschaft zu dem beigetragen, was dann in Seattle 1999 zum Ausbruch kam.<\/p>\n<p>Bei der Darstellung der Bewegung von Seattle durch Graeber gibt es nicht wenige \u00dcberraschungen: Im Gegensatz zum gewaltbef\u00fcrwortenden Bild der US-Szene, das wir uns durch Theorietexte diverser Splittergruppen gemacht haben &#8211; wie etwa den PrimitivistInnen um Paul Zerzan oder Ward Churchills Buch &#8222;Pacifism as Pathology&#8220; von 1998, der jedoch anti-anarchistisch argumentiert und einen milit\u00e4rischen F\u00fchrungsstil einfordert -, beschreibt Graeber sowohl Seattle wie auch die dann enorm Zulauf bekommenden DAN-Netzwerke in den US-St\u00e4dten zu quasi 98 % als explizit auf gewaltlose direkte Aktion hin orientiert. Im Grunde macht er eine Dreiteilung der beteiligten Gruppen: erstens eine formalistisch agierende, pazifistische Fraktion mit einem reformistischen und der Polizeigewalt gegen\u00fcber naiven Bewusstsein; zweitens eine gewaltlos-offensive anarchistische Fraktion, der Graeber angeh\u00f6rte, die vielleicht am ehesten mit den italienischen Tute Bianche zu vergleichen ist (in den USA yellow Overalls), deren &#8222;Taktik, sich mit Polsterung und anderen Mitteln zu sch\u00fctzen, ihnen mehr Initiative und Mobilit\u00e4t erm\u00f6glichte, als dies bei Lockdowns (Ankettungsaktionen) der Fall war&#8220; (S. 256); und schlie\u00dflich &#8211; gr\u00f6\u00dfte \u00dcberraschung &#8211; der sich weitgehend zur Gewaltlosigkeit bekennende Black Bloc, der in den USA laut Graeber weder Steine noch Mollis auf Menschen, auch nicht auf PolizistInnen werfe (S. 276f.).<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen hier unsere von deutschen Autonomen gepr\u00e4gte Sicht (die sich in den letzten Jahren aufgrund von Post-Autonomen und interventionistischen Linken ja bereits ge\u00e4ndert hat) beiseitelegen: Der von Graeber beschriebene Black-Bloc in den USA bleibt beim gezielten Fensterscheibenzerst\u00f6ren und dem, falls m\u00f6glichen, &#8222;Rausziehen&#8220; von Gefangenen vor Abtransport durch die Polizei bewusst stehen und beschreibt das als Sabotage oder gewaltfreie Sachbesch\u00e4digung, nicht jedoch als &#8222;Gewalt gegen Sachen&#8220;. Graeber beschreibt einzelne &#8222;Friedenscops&#8220; aus der ersten Fraktion, die in Seattle gegen\u00fcber Black-Bloc-AktivistInnen &#8222;handgreiflich&#8220; wurden, &#8222;w\u00e4hrend diese (die ihre Selbstverpflichtung zur Gewaltlosigkeit meistens sehr ernst nehmen) nicht zur\u00fcckschlugen&#8220; (S. 276).<\/p>\n<p>Und weiter: &#8222;Interessanterweise ist in den USA die einzige wichtigere anarchistische Gruppe, die nicht auf Gewaltlosigkeit setzt, die Anti-Racist-Action, die regelm\u00e4\u00dfig Nazis die Stirn bietet&#8220; (S. 321), was in den USA im Vergleich zu Europa auf den Stra\u00dfen aber selten vorkomme.<\/p>\n<p>Im Buch leistet Graeber dann eine Kritik derjenigen gewaltlosen Aktionen, die in Bewegungslosigkeit erstarren (klassische Blockaden, aber auch Ankettungen, sogar Baumbesetzungen) und ab diesem Zeitpunkt faktisch die Kontrolle der Situation an die Polizei abgeben, w\u00e4hrend st\u00e4ndig bewegliche Umz\u00fcge, typisch auch mit Clowns und \u00fcberlebensgro\u00dfen Puppen (etwa des Revolutionary Anarchist Clowns Bloc) von Graeber so interpretiert werden, dass die Polizei darauf geradezu einen Hass entwickelt habe, weil sie der Polizei durch Beweglichkeit die Macht nehmen, die Situation zu kontrollieren. Das fu\u00dft auf Erfahrungen, wonach die Polizei in den USA Angeketteten regelm\u00e4\u00dfig starkes Pfefferspray in die Augen spritzte (S. 235f.), was Menschenrechtsgruppen als Folter bezeichneten und vor Gericht brachten, dann aber vom entscheidenden US-Gericht als rechtsg\u00fcltig anerkannt wurde.<\/p>\n<p>Weitere Erfahrung: Ein Baumbesetzer, David Chain, wurde von einem aggressiven Waldarbeiter umgebracht, als der einen Baum so f\u00e4llte, dass er direkt auf den Baumbesetzer fiel (S. 234). Diese Erfahrungen hatten eine Abwendung mancher AktivistInnen von Aktionen der Bewegungslosigkeit zur Folge, die dann besonders, wie Graeber es beschreibt, die situationistischen Theorien von Guy Debord und Raoul Vaneigem (S. 40 u. 299) f\u00fcr gewaltlose Aktionen der Beweglichkeit nutzten, besonders Vaneigems &#8222;Handbuch der Lebenskunst f\u00fcr die jungen Generationen&#8220; (1967 in Paris, 1972 erstmals in Deutsch erschienen).<\/p>\n<p>Interessant sind auch die ausf\u00fchrlichen Analysen Graebers \u00fcber Polizeistrategien und offizielle Medienpolitik. Letztere habe sich seit ihrer \u00d6ffnung in den Sechzigerjahren und w\u00e4hrend des Vietnamkriegs, aus dem die Aktionen im Stile Martin-Luther-Kings Nutzen zogen, radikal ver\u00e4ndert. Die Journa-listInnen w\u00fcrden heute bereits mit der Schere im Kopf arbeiten und entweder nur \u00fcber friedliche Massendemonstrationen (positiv) oder \u00fcber den Black Bloc (negativ) berichten, wobei sowohl Polizei wie JournalistInnen Letzterem \u00fcberall Waffenlager und Gewalt unterstellen, die den AktivistInnen niemals in den Sinn k\u00e4men (noch Puppen etwa w\u00fcrden zerst\u00f6rt, weil in ihnen angeblich Waffen transportiert w\u00fcrden).<\/p>\n<p>Die Mainstream-JournalistInnen erfinden die Bedrohung selbst, sie schaffen realit\u00e4tsfremde Mythen, weil sie einem von Redaktionen, Polizeistrategen und Fernsehkonsumenten vorgefertigten Bild entsprechen m\u00fcssen, sonst wird ihr Bericht nicht gedruckt. So wundert sich Graeber nicht, dass in Artikeln \u00fcber Aktionen faktisch niemals \u00fcber Ankettaktionen, Tree-Spiking (B\u00e4ume vernageln, damit Kettens\u00e4gen beim Abholzen kaputt gehen), die yellow Overalls und schon gar nicht \u00fcber den Einsatz von staatlichen Agents Provocateurs berichtet wird.<\/p>\n<p>Man muss Graeber nicht in allem zustimmen: Aus einem Bericht \u00fcber eine Black-Bloc-Bewegungsaktion, in der er vor allem die Solidarit\u00e4t untereinander lobt, kann man auch ganz andere Schl\u00fcsse ziehen, n\u00e4mlich, dass am Ende die bewegliche Masse durch einzelnes, unsolidarisches Abtr\u00f6pfeln ausd\u00fcnnte, was der Polizei dann doch die Gelegenheit zur Repression bot (S. 198ff.). Aber seine oft aus direkten Notizen stammenden Einsch\u00e4tzungen und Selbstkritiken sind aufschlussreich: z.B. \u00fcber ein DAN-Treffen f\u00fcr ein Aktionsb\u00fcndnis, in dem ein \u00fcberformalisiertes Konsensverfahren mit drei (!) Moderatorinnen auf anwesende Gewerkschafter und African-American-Zusammenh\u00e4nge stie\u00df, die diese Entscheidungsstrukturen gar nicht kannten, was auf ihre white-bohemian-Tradition verweist (S. 142-151). Graeber gibt nicht immer Antworten, aber er stellt die richtigen Fragen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>David Graeber, bekennender gewaltloser Anarchist, beschreibt in diesem Erfahrungsbericht das New Yorker Direct-Action-Network (DAN), das sich zum Grundprinzip der &#8222;gewaltlosen direkten Aktion&#8220; bekannt hat (S. 104), von 1999 bis 2003. Nach dem 9.11.2001 kam das DAN mehr und mehr unter die R\u00e4der der US-Kriegspropaganda. Insgesamt sei das DAN als Versuch zu werten, eine anarchistische Bewegung &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/03\/erfahrungen-des-new-yorker-direct-action-networks-1999-2003\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Erfahrungen des New Yorker Direct-Action-Networks 1999-2003 - graswurzelrevolution","description":"David Graeber, bekennender gewaltloser Anarchist, beschreibt in diesem Erfahrungsbericht das New Yorker Direct-Action-Network (DAN), das sich zum Grundprinzip d"},"footnotes":""},"categories":[734,44,1030,1042,1027],"tags":[],"class_list":["post-13323","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-387-maerz-2014","category-bucher","category-es-wird-ein-laecheln-sein","category-ohne-chef-und-staat","category-wir-sind-nicht-alleine"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13323","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13323"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13323\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13323"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13323"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13323"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}