{"id":13327,"date":"2014-03-01T00:00:53","date_gmt":"2014-02-28T22:00:53","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13327"},"modified":"2022-07-26T14:22:21","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:21","slug":"incredible-india","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/03\/incredible-india\/","title":{"rendered":"&#8222;Incredible India!&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Unglaubliches Indien!&#8220; &#8211; Dieser Werbespruch sollte viele TouristInnen nach Indien locken. Inzwischen erhielt er jedoch aufgrund der zahlreichen Vergewaltigungen von Frauen in der internationalen Wahrnehmung zu Recht eine ganz andere Bedeutung. Immer mehr Augen richten sich irritiert auf Indien.<\/p>\n<p>Das Buch &#8222;Speak Up!&#8220; greift das Thema Frauenunterdr\u00fcckung ebenfalls auf und beschreibt und analysiert zus\u00e4tzlich in insgesamt 34 unterschiedlichen Beitr\u00e4gen, gegen welche vielf\u00e4ltigen Formen von Gewalt sich in Indien die Menschen wehren m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Eines der gr\u00f6\u00dften Probleme, unter denen die Mehrheit der InderInnen zu leiden hat, ist der systematisch betriebene Landraub. Internationale Konzerne pl\u00fcndern mit Hilfe des Staates r\u00fccksichtslos die Bodensch\u00e4tze und nehmen f\u00fcr ihre Schmutzindustrien immer mehr Fl\u00e4chen in Anspruch. Das Buch macht in mehreren Beitr\u00e4gen deutlich, unter welch miserablen Bedingungen die 21 Millionen Binnenfl\u00fcchtlinge leben m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Etwa 70 Prozent der indischen Bev\u00f6lkerung lebt auch heute noch in l\u00e4ndlichen Gebieten mit gemeinschaftlicher Land- und Waldbewirtschaftung und hat meist keine Besitzurkunden.<\/p>\n<p>Mit den seit zwanzig Jahren verst\u00e4rkt stattfindenden Enteignungen werden die Lebensgrundlagen von mehreren hundert Millionen Menschen zerst\u00f6rt.<\/p>\n<h3>40 Prozent der InderInnen hungern, 50 Prozent der Kinder sind unterern\u00e4hrt<\/h3>\n<p>Brutal gef\u00fchrte Verteilungs- und Verdr\u00e4ngungsk\u00e4mpfe um Land und Nahrungsmittel sind praktisch in jedem Winkel Indiens die Folge.<\/p>\n<p>Da die kleinb\u00e4uerlichen ProduzentInnen die horrenden Preise f\u00fcr Pestizide, D\u00fcngemittel und Hybridsaatgut nicht bezahlen k\u00f6nnen, befinden sie sich oft in einer ausweglosen Schuldenfalle. Eine halbe Millionen Menschen haben sich in den letzten zehn Jahren das Leben genommen. Es ist die gr\u00f6\u00dfte Suizidwelle in der Geschichte der Menschheit!<\/p>\n<p>Die AutorInnen des Buches betonen, dass mehrere hundert Millionen Adivasis (&#8222;UreinwohnerInnen&#8220;) und Dalits (&#8222;Unber\u00fchrbare&#8220;) die Hauptleittragenden der aktuellen industriell-kapitalistischen Modernisierungsoffensive sind. Aufgrund des rigiden Kastensystems und des \u00fcberheblichen Hindunationalismus stehen sie zus\u00e4tzlich noch auf der untersten Stufe der hierachisch zerkl\u00fcfteten Gesellschaft. Sie bekommen vor Gerichten in der Regel nicht nur kein Recht, sondern unglaubliche 27,2 Millionen Verfahren wurden nicht einmal abschlie\u00dfend bearbeitet und verliefen deswegen im Sande (Stand Mai 2012).<\/p>\n<p>Angesichts dieser Zust\u00e4nde ist es umso erstaunlicher, wie viele InderInnen auf den verschiedensten Ebenen kreativ, energisch und unter Einsatz ihres Lebens Widerstand leisten.<\/p>\n<p>\u00dcber sie berichtet dieses Buch. Oft kommen Betroffene oder die SprecherInnen der Bewegungen zu Wort, die die Lage illusionslos analysieren und hieraus die n\u00e4chsten Schritte und Ziele ableiten.<\/p>\n<p>Im s\u00fcdindischen Bundesstaat Karnataka bestehen schon seit Jahrzenten untereinander vernetzte &#8222;Dorfrepubliken&#8220;. Sie praktizieren Direkte Demokratie durch Dorfversammlungen und agieren wirtschaftlich und politisch weitgehend autonom. Das soziale Leben entwickelt sich v\u00f6llig anders, als in Indien \u00fcblich. Es wird kasten\u00fcbergreifend geheiratet, ohne teure Priester und ohne religi\u00f6se Zeremonien, die den Familien einen riesigen Schuldenberg bescheren w\u00fcrden. Sie nennen es &#8222;einfaches, von Selbstachtung gepr\u00e4gtes Heiraten&#8220;.<\/p>\n<p>Nicht zu kurz kommen in &#8222;Speak Up!&#8220; die Probleme in den industriellen Ballungsr\u00e4umen, die Fabrikk\u00e4mpfe und die Bewegung gegen H\u00e4userr\u00e4umungen.<\/p>\n<p>Wie unbeschreiblich die Not ist, wird in dem Bericht aus der Metropole Mumbai deutlich, in dem \u00fcber den erbitterten Widerstand gegen die profitorientierten und mit brutaler Gewalt durchgef\u00fchrten Zwangsr\u00e4umungen von Slums berichtet wird.<\/p>\n<p>Unkonventionelle Aktionen wie partizipative eigene Datenerhebungen in Slums, die Einrichtung wirkungsvoller m\u00fcndlicher Beschwerdeformen f\u00fcr AnalphabetInnen sowie Stra\u00dfentheater geh\u00f6ren zum kreativen Widerstandsrepertoire.<\/p>\n<p>Bemerkenswert sind die Berichte \u00fcber schlechte Erfahrungen der Bewegungen mit sozialistischen, kommunistischen oder ausgewiesenen Dalit-Parteien.<\/p>\n<p>Ob in Bengalen die KommunistInnen oder in Uttar Pradesh die Dalit-Partei BSP &#8211; sie alle gingen mit Regierungsmacht ausgestattet mit \u00e4u\u00dferster H\u00e4rte gegen genau diejenigen Bewegungen vor, aus denen sie einst entstanden sind.<\/p>\n<p>Da &#8222;Speak Up!&#8220; nach dem spektakul\u00e4ren Vergewaltigungsfall am 16. Dezember 2012 fertiggestellt wurde, besch\u00e4ftigt sich ein Beitrag ausf\u00fchrlich mit dem Thema Hintergr\u00fcnde der sexuellen Gewalt gegen Frauen. Die indische Frauenbewegung wehrt sich ebenfalls gegen die in Indien tief verwurzelte angeblich wohlmeinende Ideologie des maskulinen Besch\u00fctzerverhaltens. Denn hier wird die Frau zum &#8222;Verm\u00f6genswert&#8220; degradiert, der f\u00fcr den zuk\u00fcnftigen &#8222;Besitzer&#8220; sexuell unangetastet erhalten und dem Ehemann \u00fcbergeben werden muss.<\/p>\n<p>Auch die staatlichen PR-Kampagnen verst\u00e4rken bestehende patriarchalische Sichtweisen: Im Gegensatz zum T\u00e4ter (kein richtiger Mann) wird der Besch\u00fctzer (wahrer Mann) zum Vorbild erhoben, indem er der Frau hilft und damit ihren &#8222;Wert&#8220; erh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Das Buch ist ansprechend mit 40 Schwarzwei\u00dffotos aufgemacht. Der Atomkraftteil h\u00e4tte ausf\u00fchrlicher sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der wichtige AKW-Standort Jaitapur fehlt leider ganz. Einige erl\u00e4uternde S\u00e4tze zu den zahlreichen AutorInnen w\u00e4ren ebenfalls hilfreich gewesen.<\/p>\n<p>Ansonsten hinterl\u00e4sst dieses Buch einen tiefen Eindruck, mit welchem Mut und welcher Verzweiflung eine Milliarde InderInnen um ihr \u00dcberleben k\u00e4mpfen m\u00fcssen, w\u00e4hrend sich rund hundert Millionen Mittel- und OberschichtlerInnen haupts\u00e4chlich f\u00fcr Machterhalt, Reichtum, Konsum und Bollywood interessieren. Unglaubliches Indien!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Unglaubliches Indien!&#8220; &#8211; Dieser Werbespruch sollte viele TouristInnen nach Indien locken. Inzwischen erhielt er jedoch aufgrund der zahlreichen Vergewaltigungen von Frauen in der internationalen Wahrnehmung zu Recht eine ganz andere Bedeutung. Immer mehr Augen richten sich irritiert auf Indien. 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