{"id":13329,"date":"2014-03-01T00:00:08","date_gmt":"2014-02-28T22:00:08","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13329"},"modified":"2022-07-26T14:22:21","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:21","slug":"der-kampf-gegen-das-macht-mantra","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/03\/der-kampf-gegen-das-macht-mantra\/","title":{"rendered":"Der Kampf gegen das Macht-Mantra"},"content":{"rendered":"<p>Seit der Zerst\u00f6rung der Babri-Moschee durch Hindunationalisten im Jahr 1992 und den Pogromen gegen Moslems im indischen Bundesland Gujarat im Jahr 2000 nehmen die Spannungen zwischen Moslems und Hindus in Indien wieder zu und werden wahrscheinlich bei den Wahlen im Mai 2014 zu einer Erstarkung hindunationalistischer Parteien f\u00fchren.<\/p>\n<p>Geetanjali Shree beschreibt in ihrem Roman &#8222;Unsere Stadt in jenem Jahr&#8220;, wie vier Menschen aus dem humanistisch gepr\u00e4gten Bildungsb\u00fcrgertum mit dem sich rasant zuspitzenden Konflikt zwischen den beiden Religionsgemeinschaften umgehen. Der junge Universit\u00e4tsprofessor Hanif wohnt mit seiner Frau Shruti, ihrem Vater und ihrem Bruder Sharad in einem Haus. Sie verstehen sich pr\u00e4chtig, religi\u00f6se Zugeh\u00f6rigkeiten spielen bei ihnen keine Rolle, obwohl Hanif (nicht praktizierender) Moslem ist.<\/p>\n<p>Sharad und Hanif arbeiten als Professoren in der Universit\u00e4t. Direkt daneben liegt das Hindukloster, in dem Yogakurse f\u00fcr Europ\u00e4erInnen angeboten und religi\u00f6se Feste gefeiert werden. Von ihm gehen zunehmend aufdringliche Prozessionen und religi\u00f6se Signale aus. Als Shruti und Hanif das Kloster bei einer Feier besuchen, werden sie Zeuge, wie ein Swami bei seiner Ansprache mit sanfter Stimme Anstand, H\u00f6flichkeit und Respekt gegen\u00fcber anderen Menschen beschw\u00f6rt, um im n\u00e4chsten Moment im harschen Ton auszurufen: &#8222;M\u00e4chtige Devi, hilf uns, tiefes Mitgef\u00fchl zu entwickeln, damit wir nicht tatenlos zusehen, wie unser Vaterland mit F\u00fc\u00dfen getreten wird&#8220;.<\/p>\n<p>Die l\u00e4rmenden Lautsprecher des Klosters \u00fcbert\u00f6nen immer \u00f6fter die Vorlesungen an der benachbarten Uni und ein religi\u00f6ser Jahrmarkt okkupiert immer mehr Freifl\u00e4chen in der Nachbarschaft.<\/p>\n<p>Die ressentimentbeladenen religi\u00f6sen Vorgaben des Klosters greifen immer mehr Menschen auf und bringen sie gegen Muslime in Stellung. Der aufgekl\u00e4rte Wissenschaftsbetrieb, allen voran Hanif und Sharad, wehrt sich gegen den religi\u00f6sen Absolutismus mit den klassischen Methoden der Aufkl\u00e4rung und Argumentation durch Zeitungsartikel, Plakate und Flugbl\u00e4tter. Sogar ein &#8222;Friedensmarsch&#8220; findet statt. Sie wollen die unabh\u00e4ngige dritte Kraft zwischen den festgefahrenen Fronten sein und vermitteln.<\/p>\n<p>Doch immer mehr kippt die Stimmung in der Stadt, die Toleranz befindet sich auf dem R\u00fcckzug. Die Botschaft aus dem wissenschaftlichen Elfenbeinturm kommt beim einfachen Volk nicht an. Verunsicherung, Misstrauen und Angst greifen im Gegenteil sogar auf die Uni \u00fcber. Dem bisher so beliebten diskussionsfreudigen Hanif wird jetzt sogar Despotismus unterstellt, wie er von &#8222;seinen&#8220; Mogul-Vorfahren praktiziert wurde. FreundInnen wenden sich ab und meiden den Kontakt. Gesch\u00e4ftsleute tauschen ihre muslimisch klingenden Firmennamen in hindukonforme aus. Es kommt zu ersten Ausschreitungen, Morden und Vergewaltigungen.<\/p>\n<p>Unbeirrt heizt das Kloster die Stimmung weiter an. St\u00e4ndige Wiederholungen dreister L\u00fcgen verwandeln sich in der Stadt zu unumst\u00f6\u00dflichen Gewissheiten. Vegetarisch zu essen und blutr\u00fcnstig zu sein, ist kein Widerspruch mehr. PolitikerInnen und Baul\u00f6wen machen den Swamis ihre Aufwartung, denn f\u00fcr plattgemachte moslemische Viertel finden sich schnell kommerziell orientierte Interessenten. In dieser lebensgef\u00e4hrlichen Situation erstirbt das unbek\u00fcmmerte Lachen im Haus der vier HumanistInnen. Daf\u00fcr h\u00e4ufen sich pers\u00f6nliche Missverst\u00e4ndnisse, unterschwellige Vorw\u00fcrfe und \u00fcbertriebene Empfindlichkeiten zwischen Hanif und Sharad.<\/p>\n<p>Der um sich greifenden Polarisierung k\u00f6nnen selbst sie sich nicht mehr entziehen. Es kommt zum Bruch. Nur Shruti verbleibt &#8211; wie ihr musikalischer Name schon andeutet &#8211; in dieser zugespitzten Situation ein Gesp\u00fcr f\u00fcr differenzierte Zwischent\u00f6ne.<\/p>\n<p>In einer chronologisch angeordneten Collage montiert Geetanjali Shree gekonnt Begebenheiten und Gespr\u00e4chsfetzen zu einem beeindruckenden Gesamtwerk, das minuti\u00f6s nachvollziehbar macht, wie es zu kommunalistischen Ausbr\u00fcchen von Gewalt in einer indischen Stadt kommen kann.<\/p>\n<h3>Tagebuch eines Dienstm\u00e4dchens<\/h3>\n<p>W\u00e4hrend Shree die Handlungen ihrer Romane bevorzugt im Milieu der oberen Mittelschicht ansiedelt, schreibt Krishna Baldev Vaid in seinem Buch aus der Perspektive des jungen Dienstm\u00e4dchens Shano, das mit Mutter und Schwester in einer elenden H\u00fctte lebt und f\u00fcr geringes Entgelt in mehreren reichen Haushalten arbeiten muss.<\/p>\n<p>Sie trifft sich fast t\u00e4glich mit den anderen Dienstm\u00e4dchen ihres Viertels unter dem Neembaum und bespricht mit ihnen den neuesten Tratsch \u00fcber die eingebildeten feinen Herrschaften, ihre Bosheiten und All\u00fcren.<\/p>\n<p>Zu ihrer prek\u00e4ren sozialen Lage kommen noch der st\u00e4ndige Kleinkrieg mit den Memsahibs und die zahllosen sexuellen Bel\u00e4stigungen der Sahibs und ihrer S\u00f6hne hinzu.<\/p>\n<p>Doch bei Shano gibt es auch zwei Ausnahmen. Der etwas zerstreute &#8222;Zeitungssahib&#8220; und die weltoffene Mrs. Varma von der schreibenden Zunft behandeln sie recht anst\u00e4ndig, sodass sie dies zun\u00e4chst nicht annehmen kann, weil sie in ihrem antrainierten unterw\u00fcrfigen Rollenverhalten gefangen war.<\/p>\n<p>Mrs. Varna ermuntert Shano, die nach der achten Klasse die Schule abbrechen musste, ein Tagebuch zu f\u00fchren. Von Beginn an l\u00e4sst der Schriftsteller Vaid sie verbl\u00fcffend offen und in nur scheinbar einfachen Worten \u00fcber ihre Familie, die Freundinnen, die Arbeit schreiben.<\/p>\n<p>Nach einiger Zeit berichtet sie nicht nur chronologisch, sondern reflektiert mit viel Wortwitz und Phantasie die Ereignisse und spielt unterschiedliche Handlungsoptionen durch.<\/p>\n<p>Als Frau dazu angehalten, den Blick nach unten zu richten und sich widerspruchslos zu f\u00fcgen, fragt Shano jetzt offensiv: &#8222;Warum starren Frauen M\u00e4nner nicht gierig an?&#8220; Shano will nicht, wie ihre Mutter und ihre Freundinnen, in die ausweglose &#8222;Heiratsfalle&#8220; tappen. Deswegen betont sie im Tagebuch zur Selbstvergewisserung dutzendfach ihr eigenes &#8222;Gegen-Mantra&#8220; zu den herrschenden Verh\u00e4ltnissen: &#8222;Ich heirate nicht und bekomme auch keine Kinder&#8220;.<\/p>\n<p>Anstatt fruchtlos unter dem Neembaum mit ihren Freundinnen zu lamentieren, lernt sie Englisch, liest beim freundlichen Sahib Zeitungen, weitet ihren Horizont. In ihrem Tagebuch erschreibt sie sich ihre Freiheit. Hier dokumentiert sie ihre eigenst\u00e4ndige Sichtweise und hat damit einen Erfahrungsschatz zusammengetragen, auf den sie sich zur\u00fcckbesinnen kann.<\/p>\n<p>Ihre gesellschaftliche Situation sch\u00e4tzt sie trotz einiger Lichtblicke richtig ein: &#8222;Dabei kann ich lernen so viel ich will, am Ende bin und bleibe ich ein Dienstm\u00e4dchen&#8220;. Denn die Rahmenbedingungen sind nicht einfach. Die auch bei den Unterdr\u00fcckten verinnerlichten Kastenschranken, der Glaube an das vorherbestimmte Schicksal, das Karma und das &#8222;heuchlerische Geschw\u00e4tz von Pandits und Priestern&#8220; helfen, das ungerechte Sozialgef\u00fcge zu zementieren.<\/p>\n<p>In Indien gibt es zu viel Heiligkeit und zu wenig Gerechtigkeit.<\/p>\n<p>Auch als Shano bei Mrs. Varna und dem Zeitungssahib als Vollzeitkraft einzieht und so dem H\u00fcttenelend zeitweise entfliehen kann, ereilt sie die Realit\u00e4t mit voller Wucht. Als ein reicher Herr im Viertel ermordet wird, verd\u00e4chtigt die Polizei zuerst wie selbstverst\u00e4ndlich sein Dienstm\u00e4dchen. Mrs. Varna findet das v\u00f6llig in Ordnung.<\/p>\n<p>Shano ist entsetzt und zutiefst verletzt \u00fcber dieses herrschaftliche Vorurteil &#8211; und k\u00fcndigt! Ihre ungeschminkten Tageb\u00fccher \u00fcbergibt sie zum Schluss ihrer &#8222;F\u00f6rderin&#8220; und h\u00e4lt ihr damit selbstbewusst den Spiegel vor.<\/p>\n<p>Mit dem brillant und lebendig geschriebenen Tagebuch gibt der bekannte Schriftsteller Krishna Baldev Vaid den zahllosen gedem\u00fctigten und ausgebeuteten &#8222;Dienstm\u00e4dchen&#8220; Indiens eine gewichtige Stimme.<\/p>\n<p>Dem kleinen Draupadi Verlag ist zu danken, dass er mit diesen beiden B\u00fcchern dem deutschsprachigen Publikum viele erhellende Einblicke in die innere Verfasstheit der indischen Gesellschaft gew\u00e4hrt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit der Zerst\u00f6rung der Babri-Moschee durch Hindunationalisten im Jahr 1992 und den Pogromen gegen Moslems im indischen Bundesland Gujarat im Jahr 2000 nehmen die Spannungen zwischen Moslems und Hindus in Indien wieder zu und werden wahrscheinlich bei den Wahlen im Mai 2014 zu einer Erstarkung hindunationalistischer Parteien f\u00fchren. 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