{"id":13333,"date":"2014-03-01T00:00:10","date_gmt":"2014-02-28T22:00:10","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13333"},"modified":"2022-07-26T14:12:08","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:08","slug":"ein-handbuch-zur-freiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/03\/ein-handbuch-zur-freiheit\/","title":{"rendered":"Ein &#8222;Handbuch zur Freiheit&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Auf den ersten Blick eine super Idee: ein Buch zum Thema &#8222;Freiheit&#8220;,                 mit der Absicht verbunden, den Freiheitsbegriff wieder als fortschrittlichen,                 utopischen Begriff zur\u00fcckzuholen aus den Kreisen der Neoliberalen,                 denen es im Mainstream-Bewu\u00dftsein weitgehend gelungen ist, ihre                 Wirtschaftsfreiheit als die wahre Freiheit zu verkaufen. Gemeint                 ist aber ein sehr reduzierter Freiheitsbegriff: die Freiheit zum                 Konsum, die als pers\u00f6nliche Freiheit erlebt werden soll, selbst                 dann noch, wenn die pers\u00f6nliche Situation prek\u00e4r, flexibilisiert                 oder perspektivlos geworden ist.<\/p>\n<p>Die Auswahl von Karsten Krampitz und Moritz Lederer verhei\u00dft                 viel: Emma Goldman, Jaroslav Hasek, Max Stirner, B. Traven stehen                 f\u00fcr die &#8222;anarchistischen Klassiker&#8220;, Bernd Kramer, Philippe Kellermann                 oder Jochen Knoblauch f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische Anarchisten; dazu viele                 andere, einige aus dem Umfeld der Partei &#8222;Die Linke&#8220;, andere aus                 kulturellen Zusammenh\u00e4ngen wie den Erich-M\u00fchsam-Feten in Berlin                 oder der Kultgruppe aus den 70ern &#8222;Ton, Steine, Scherben&#8220;, von                 deren Song auch der Buchtitel entlehnt wurde.<\/p>\n<p>Am Beginn des Buches steht mit &#8222;Freiheit heute&#8220; ein vielversprechender                 kurzer Aufsatz von Jochen Knoblauch. Er kommt nach einer Google-Suche                 auf 43.600.000 Eintr\u00e4ge zum Thema &#8222;Freiheit&#8220;. Unter diesem Label                 wird also alles verkauft, der laufende Krieg und die neue Automarke                 und nat\u00fcrlich fanden sich auch die Anarchisten, die das Wort Freiheit                 ganz bewusst als zentralen Begriff nutzen: &#8222;Freiheit pur&#8220; (Horst                 Stowasser), &#8222;Revolution f\u00fcr die Freiheit&#8220; (Paul und Clara Thalmann),                 &#8222;Ein Leben f\u00fcr die Freiheit&#8220; (Augustin Souchy) oder &#8222;Die \u00d6kologie                 der Freiheit&#8220; (Murray Bookchin), um nur eine Miniauswahl anzusprechen.<\/p>\n<p>Interessant ist auch, dass sich hier AnarchistInnen und marxistische                 Linke bem\u00fchen, den &#8222;Freiheitsbegriff&#8220; gemeinsam gegen eine &#8222;Anything                 goes-Marlboro-Freiheit&#8220; zu retten.<\/p>\n<p>Diese Autorenvielfalt verhei\u00dft ein unterschiedliches Herangehen                 an das Thema und es sind &#8211; soviel vorweg &#8211; tats\u00e4chlich ganz unterschiedliche                 Beitr\u00e4ge ins Buch aufgenommen worden:<\/p>\n<p>Manche Beitr\u00e4ge machen lediglich klar, dass auch in der linken                 oder Anarchoszene nicht \u00fcberall &#8222;freiheitliches Verhalten&#8220; gelebt                 wird, obwohl doch &#8222;frei&#8220; draufsteht &#8211; so die nachdenklich stimmende                 Geschichte von Manja Pr\u00e4kels zur &#8222;Bibliothek der Freien&#8220; bei der                 es pikanterweise dann auch noch um &#8222;Besitz&#8220; geht. In anderen Beitr\u00e4gen                 findet sich die Freiheit bisweilen als Negation zu dem beschriebenen,                 wie z.B. in Bernd Kramers &#8222;Ameisenstaat&#8220;, der die b\u00fcrgerliche                 Wortwahl f\u00fcr das Tierreich anprangert. <\/p>\n<p>Das ist aber mehr eine vergn\u00fcgliche Bettlekt\u00fcre, \u00e4hnlich wie                 der Beitrag des tschechischen Anarchisten und Satirikers Jaroslav                 Hasek, in dem sich die Freiheit als Negation zu den Hausmeistern                 findet, die die Eingangst\u00fcren zum Wohnblock f\u00fcr sp\u00e4theimkehrende                 Mieter nur gegen Geb\u00fchr \u00f6ffnen. <\/p>\n<p>Auch B. Travens kurze Story aus dem Nachlass des Leipziger Literaturforschers                 Rolf Recknagel erzeugt dieses Schmunzeln, wenn einem Herrscher                 einfach ein Feuer unter den Hintern gestellt wird, sollte er sich                 zu lange auf dem Sitz der Macht aufhalten wollen.<\/p>\n<p>Es gibt auch ernsthaftere Beitr\u00e4ge, auch theoretisch langatmige                 oder philosophische, wobei man den Einsch\u00e4tzungen der AutorInnen                 nicht immer zustimmen muss, wie z.B. der Besch\u00e4ftigung Bernd Kramers                 mit Max Stirner. Hier wird Stirner zugestimmt, der den Schiller&#8217;schen                 Satz &#8222;Die Gedanken sind frei&#8220; zugunsten der &#8222;Gedankenlosigkeit&#8220;                 verwirft. Die &#8222;Gedankenfreiheit&#8220; wird als Forderung einer &#8222;liberalistischen                 \u00d6ffentlichkeit&#8220; interpretiert und deshalb als von der Mainstream-Meinung                 &#8222;okkupiert&#8220; angesehen. Eine Interpretation, der mensch nicht folgen                 muss, weil die Schillersche Gedankenfreiheit sehr wohl systemkritische,                 aufst\u00e4ndische Gedanken umfassen kann und eben nicht automatisch                 &#8222;okkupiert&#8220; ist.<\/p>\n<p>Philippe Kellermanns Beitrag &#8222;Zur Auseinandersetzung zwischen                 Anarchismus und Marxismus&#8220; schlie\u00dflich bringt den altbekannten                 anarchistischen Freiheitsbegriff in die Sammlung ein, nachdem                 &#8222;Freiheit ohne Sozialismus Privilegienwirtschaft und Ungerechtigkeit                 bedeutet&#8220;, w\u00e4hrend &#8222;Sozialismus ohne Freiheit Sklaverei und Brutalit\u00e4t&#8220;                 verk\u00f6rpert.<\/p>\n<p>Dies soll auszugsweise gen\u00fcgen, es finden sich noch zahlreiche                 andere Beitr\u00e4ge in diesem Band, so dass am Ende die urspr\u00fcngliche                 Absicht, sich die Freiheit wieder anzueignen, einer gewissen Beliebigkeit                 weicht. Da werden die Drogen, Rock&#8217;n Roll, das Bordell und der                 arabische Fr\u00fchling genauso &#8222;analysiert&#8220; wie der Freitod eines                 unfreiwilligen (?) Stasiinformanten und nicht ganz zuf\u00e4llig endet                 das Buch mit einer nur halbwitzigen und eher abgedroschenen &#8222;Himmelst\u00fcr&#8220;-Parodie                 auf den Papst Wojtyla.<\/p>\n<p>Kurz und mager: das Buch l\u00e4sst einen etwas ratlos zur\u00fcck. Der                 Ansatz bleibt spannend und Teile sind lesenswert, das Gesamtkonstrukt                 ger\u00e4t jedoch wieder in die N\u00e4he der &#8222;Anything goes&#8220;-Freiheit und                 w\u00e4re letztlich mit weniger Anspruch leichter zu vermitteln: als                 Karin-Kramer-Verlagsalmanach.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf den ersten Blick eine super Idee: ein Buch zum Thema &#8222;Freiheit&#8220;, mit der Absicht verbunden, den Freiheitsbegriff wieder als fortschrittlichen, utopischen Begriff zur\u00fcckzuholen aus den Kreisen der Neoliberalen, denen es im Mainstream-Bewu\u00dftsein weitgehend gelungen ist, ihre Wirtschaftsfreiheit als die wahre Freiheit zu verkaufen. 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