{"id":13378,"date":"2014-04-01T00:00:59","date_gmt":"2014-03-31T22:00:59","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13378"},"modified":"2022-07-26T14:22:20","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:20","slug":"der-umbruch-in-der-ukraine-und-die-krim-krise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/04\/der-umbruch-in-der-ukraine-und-die-krim-krise\/","title":{"rendered":"Der Umbruch in der Ukraine und die Krim-Krise"},"content":{"rendered":"<p>Jetzt war von Janukowytsch ein Kompromiss angeboten worden. Wenn                 der Majdan und die gro\u00dfe Einkaufsstra\u00dfe Chreschtschatyk ger\u00e4umt                 werden w\u00fcrden, w\u00fcrden die Gefangenen freigelassen werden, die                 im Zuge der Proteste inhaftiert worden waren. <\/p>\n<p>Ich konnte ohne Probleme \u00fcber den Majdan laufen. Die Barrikaden                 standen noch, niemand dachte daran sie abzubauen.<\/p>\n<p>\u00dcberall waren Ukraine- und Europafahnen. An den Ecken gab es                 VoK\u00fcs und hei\u00dfen Tee, der \u00fcber Feuertonnen zubereitet wurde. Auf                 der Stra\u00dfe gab es St\u00e4nde, bei denen Sturmmasken, Magneten, die                 den &#8222;Euromajdan&#8220; abbildeten und T-Shirts, mit Klassenk\u00e4mpferisch                 bedruckt, verkauft wurden.<\/p>\n<p>M\u00e4nner in Milit\u00e4runiform hackten Holz oder bewachten maskiert                 und mit Schlagst\u00f6cken bewaffnet die Durchg\u00e4nge der Barrikaden.                 Passant_innen, die ihre Eink\u00e4ufe erledigten, vermischten sich                 mit Protestk\u00e4mpfer_innen, die neues Baumaterial ins Camp schafften.               <\/p>\n<h3>Machno<\/h3>\n<p>An einem Stand kaufte ich mir ein T-Shirt, auf dem Nestor Machno                 abgebildet war. Der anarchistische Freiheitsk\u00e4mpfer, der Anfang                 des 20. Jahrhunderts w\u00e4hrend der Oktoberrevolution die schwarze                 Armee anf\u00fchrte, wird von den Protestierenden als Held gesehen.               <\/p>\n<p>In einem Camp auf dem Chreschtschatyk waren verschiedene Poster                 aufgeh\u00e4ngt worden. Einige mit antifaschistischen Spr\u00fcchen, alle                 mit den Nationalfarben, auf einem ein Baby mit der \u00dcberschrift                 &#8222;Sohn der Anarchie&#8220;. <\/p>\n<p>Freudig \u00fcberrascht dar\u00fcber betrat ich das Camp, war dann jedoch                 entt\u00e4uscht \u00fcber das Gespr\u00e4ch, das ich dort mit einem jungen Mann                 f\u00fchrte. Er konnte mir keine Auskunft \u00fcber anarchistische Bewegungen                 auf dem Majdan geben, die Bilder seien von einer ihm unbekannten                 K\u00fcnstlerin.<\/p>\n<p>Schon zehn Tage sp\u00e4ter sollte ich wieder auf dem Majdan stehen.                 Dann w\u00fcrde die Stimmung eine ganz andere sein. Ich war aus Deutschland                 aufgebrochen, um f\u00fcr sechs Wochen Deutsch in Simferopol zu unterrichten.                 Seit Wochen verfolgte ich die Entwicklungen in Kiew, aber auch                 in anderen Teilen der Ukraine. Ich wusste, dass die Lage auf der                 Krim ruhig war, da hier die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung sich als                 russisch identifiziert und Janukowytsch unterst\u00fctzte, der eine                 enge Partnerschaft mit dem russischen Kreml pflegte. <\/p>\n<p>Dennoch war ich verwundert \u00fcber die riesigen &#8222;Stop Majdan&#8220; Plakate,                 als ich am n\u00e4chsten Tag mit dem Nachtzug in Simferopol ankam.                 Bereits an diesem Tag begannen die Proteste in Kiew von Neuem,                 diesmal wurde noch h\u00e4rter durchgegriffen, scharf geschossen, es                 gab blutige K\u00e4mpfe. Fassungslos schauten alle nach Kiew, eine                 meiner Studentinnen konnte nicht mehr schlafen, ihr Vater war                 auf den Majdan gefahren, um dort zu k\u00e4mpfen. <\/p>\n<p>Die Bibliothekarin erz\u00e4hlte mir, dass das alles Terroristen in                 Kiew seien, Provokateure, die Angst und Schrecken verbreiten wollten                 und nun h\u00e4tten wegen ihnen Menschen sterben m\u00fcssen- Sie schimpfte                 erz\u00fcrnt. Ich bekam eine besorgte Mail nach der anderen, ob es                 mir gut ginge, ob es in Simferopol auch zu Protesten k\u00e4me. &#8222;Mir                 geht es gut&#8220;, sagte ich, alle sind besorgt, haben Angst vor weiteren                 gewaltt\u00e4tigen Auseinandersetzungen, aber in Simferopol geht der                 Alltag weiter. <\/p>\n<h3>Unsicherheit<\/h3>\n<p>Die Unsicherheit wurde zum st\u00e4ndigen Begleiter, genauso wie der                 online Live-ticker. Es gab Ger\u00fcchte, dass die staatlichen Banken                 schlie\u00dfen w\u00fcrden, die Schlangen vor den Bankautomaten wurden immer                 l\u00e4nger, alle hoben aus Angst vor der Inflation Geld ab, solange                 es noch ging. Ein Student erz\u00e4hlte, dass das Internet und das                 Handynetz abgeschaltet werden sollten. <\/p>\n<p>Die Rezeptionistin in meinem Wohnheim beruhigte mich, ich solle                 keine Panik kriegen, das w\u00e4re alles nicht so dramatisch, ich solle                 in die Stadt fahren und mich vergn\u00fcgen. <\/p>\n<p>Am Samstag, dem 22. Februar, machte ich eine Wanderung auf einem                 Berg bei Jalta. Janukowytschs Flucht war Dauerthema. Bei jeder                 Verschnaufpause brach eine Diskussion aus, die Smartphones waren                 st\u00e4ndig in Benutzung. Es hie\u00df Tymoschenko w\u00fcrde frei kommen, vielleicht                 Pr\u00e4sidentin werden.<\/p>\n<p>Bei einem Restaurant gerieten meine Studentin und ein \u00e4lterer                 Herr aneinander, er verstand die Krim als russisch, sie f\u00fchlte                 sich als Ukrainerin.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg nach Simferopol dann die Nachricht: Janukowytsch                 war abgesetzt worden. Die Begeisterung hielt sich in Grenzen,                 war doch allen klar, dass damit noch lange nicht die Konflikte                 gel\u00f6st waren. <\/p>\n<p>Am Sonntag gab es in der Innenstadt Simferopols die ersten gro\u00dfen                 Proteste. Vor der Leninstatue hatten sich viele Tartar_innen versammelt,                 sie verk\u00fcndeten ihre Unterst\u00fctzung f\u00fcr die neue Regierung in Kiew,                 die Stimmung war ausgelassen.<\/p>\n<p>Vor dem Parlament versammelten sich einige wenige Protestierende,                 die gegen die Regierung in Kiew waren. Sie hatten die rot-wei\u00df-blaue                 Fahne der Krim dabei, die sich von der russischen nur dadurch                 unterscheidet, dass der wei\u00dfe Streifen breiter ist. <\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag erz\u00e4hlten mir meine Student_innen, dass urspr\u00fcnglich                 die Leninstatue abgerissen werden sollte, einige von der Kommunistischen                 Partei waren aber da gewesen, um das zu verhindern. <\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich wurden die Forderungen, die vorher nur unterschwellig                 wahrzunehmen waren, immer lauter. Die Krim solle zu Russland geh\u00f6ren.                 Nat\u00fcrlich gab es viele Gegenstimmen. <\/p>\n<p>Die Krimtartar_innen waren in der Geschichte der Krim vielfach                 von Russland deportiert und unterdr\u00fcckt worden, sie gingen auf                 die Stra\u00dfe, um ihr Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl zur Ukraine zu zeigen.                 Am Mittwoch kam es bei den Protesten vor dem Parlament zu handgreiflichen                 Auseinandersetzungen. <\/p>\n<p>Ich war mit Bekannten in der Stadt, beobachtete, wie auf der                 einen Seite &#8222;Russland, Russland&#8220; gerufen wurde, auf der anderen                 &#8222;Wir sind die Ukraine&#8220;. Flaschen flogen, Fahnen wurden runter                 gerissen und die Menge dr\u00e4ngte und quetschte sich in den Innenhof                 des Parlaments. Dabei starben zwei Menschen, viele wurden verletzt.                 Die Stimmung war angespannt, feindselig.<\/p>\n<h3>Dann ging alles pl\u00f6tzlich ganz schnell<\/h3>\n<p>In der Nacht wurde das Parlament gest\u00fcrmt. Meine Studentin rief                 mich am Morgen an und sagte, ich solle nicht in die Stadt fahren,                 ich solle sie in ihrem Wohnheim treffen. <\/p>\n<p>Dort berichtete sie mir, dass viele der Studierenden die Uni                 verlassen und zu ihren Eltern fahren. Die Angst war gro\u00df, dass                 es zu blutigen Ausschreitungen in der Stadt kommen k\u00f6nnte. Sie                 nahm mich mit in das Dorf ihrer Eltern, etwa 100 Kilometer entfernt                 von Simferopol. <\/p>\n<p>Als ich dort war, stellte sich heraus, dass die Familie mit den                 rechts-nationalistischen Parteien sympathisierte. Der Vater, der                 auf dem Majdan gewesen war, begr\u00fc\u00dfte seine Freund_innen am Telefon                 mit &#8222;Ehre der Ukraine&#8220;, am anderen Ende der Leitung wurde mit                 &#8222;Ehre den Helden&#8220; geantwortet. <\/p>\n<p>Da sa\u00df ich nun in einem 8.000 Einwohner_innen St\u00e4dtchen in einem                 Haushalt, der die ultrarechte Partei <i>Prawyj Sektor<\/i> und                 <i>Swoboda,<\/i> die Partnerpartei der NPD, unterst\u00fctzte. Die darauf                 folgenden vier Tage waren ein Nervenkrieg. Jeder Tag begann mit                 einer neuen schlechten Nachricht. Ukrainische Milit\u00e4rst\u00fctzpunkte                 wurden gest\u00fcrmt, der Flugraum gesperrt. Freitagnacht hie\u00df es,                 dass russische Soldaten in Simferopol gelandet waren, wir konnten                 nicht schlafen, trafen uns nachts, um gemeinsam Nachrichten zu                 lesen. Der Fernseher lief den ganzen Tag. Dar\u00fcber konnten die                 Regierungsbildung in Kiew beobachten, Aufnahmen aus Donezk und                 Charkiw, wo Protestierende ebenfalls versuchten die Regierungsgeb\u00e4ude                 zu st\u00fcrmen. Dann st\u00e4ndig Bilder von Panzern auf der Krim, auf                 den Stra\u00dfen nach Sewastopol waren schon seit Anfang der Woche                 Kontrollen von bewaffneten Unbekannten eingerichtet worden, die                 Stadt war praktisch in der Hand von prorussischen Oppositionellen.               <\/p>\n<p>Diese bewaffneten Unbekannten waren \u00fcberall. In dem Parlament                 in Simferopol, auf der Zugangsstra\u00dfe zum Festland, im Flughafen,                 in den Milit\u00e4rst\u00fctzpunkten. Alle vermuteten, dass es sich um russische                 Soldaten handelte.<\/p>\n<p>Die Stimmung im Haus war bedr\u00fcckt, der Freund meiner Studentin                 war beim Milit\u00e4r in Sewastopol und rief sie in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden                 an, um ihr von den neusten Entwicklungen zu berichten. Ihm wurden                 Waffen gegeben und er musste Patrouille laufen. In den Bergen                 um Jalta, wo wir noch vor weniger als einer Woche eine Wanderung                 gemachten hatten, waren nun russische Soldaten stationiert. <\/p>\n<h3>Am Sonntag schlie\u00dflich beschloss ich zur\u00fcck nach Simferopol                 zu fahren. <\/h3>\n<p>In Simferopol traf ich einen Freund aus Deutschland, der gerade                 bei Freund_innen zu Besuch war. Wir \u00fcberlegten gemeinsam abzureisen.                 Wir f\u00fchlten uns gel\u00e4hmt, hilflos, ausgeliefert. Bis sp\u00e4t in die                 Nacht schauten wir Nachrichten, lasen in dem sozialen Netzwerk                 <i>vkontakte <\/i>die Newsfeeds aller m\u00f6glichen Nachrichtenkan\u00e4le.<\/p>\n<p>Ich entschied mich am n\u00e4chsten Morgen abzureisen. Zu sehr nahm                 mich die Unsicherheit mit. T\u00e4glich bekam ich besorgte Anrufe aus                 Deutschland, st\u00e4ndig war ich am bangen, dass alle M\u00f6glichkeiten                 von der Krim abzureisen gesperrt werden w\u00fcrden, st\u00e4ndig wurde                 \u00fcber die M\u00f6glichkeit eines Krieges gesprochen. <\/p>\n<p>Am 3. M\u00e4rz nahm ich den Nachtzug zur\u00fcck nach Kiew, vier Wochen                 fr\u00fcher als ich es eigentlich geplant hatte. <\/p>\n<p>Es war ein sonniger Tag, die Innenstadt Simferopols war belebt,                 nur ein paar Stra\u00dfen gesperrt, ein hupender Autokonvoi mit russischer                 Fahne fuhr an mir vorbei. Viele Bewohner_innen der Krim begr\u00fc\u00dften                 die russischen Soldaten mit Freude, warteten auf das Referendum,                 das auf das Datum der Parlamentswahl im Mai gesetzt worden war.                 In der Stadt gab es keine Proteste der Tartar_innen und pro-ukrainischer                 Bewohner_innen mehr. Die Angst war zu gro\u00df geworden. <\/p>\n<p>In Kiew verbrachte ich noch einmal wenige Stunden auf dem Majdan.                 Die Stimmung war bedr\u00fcckend. Der Nebel schob sich zwischen den                 H\u00e4userfassaden hindurch. Der Boden war schwarz von Ru\u00df und Schlamm,                 \u00fcberall t\u00fcrmten sich Blumenberge. Weinende Menschen knieten vor                 den Bildern der ermordeten nieder. Selbsternannte Armeeeinheiten                 marschierten \u00fcber den Platz, &#8222;Ehre der Ukraine, Ehre den Helden&#8220;                 schallte es \u00fcber alle hinweg. <\/p>\n<p>Im Hintergrund ein Bild Stepan Banderas, ein Nationalist, der                 mit den Nazis kollaboriert hatte, hier glorifiziert zum Helden.               <\/p>\n<p>In den letzten Wochen hatte der <i>Prawyj Sektor<\/i> gro\u00dfen Zulauf                 bekommen, er hat eine der wichtigen Kontrollpositionen auf dem                 Majdan \u00fcbernommen. <\/p>\n<p>Linke Gruppen waren von dem Majdan vertrieben worden, sogar die                 kommunistische Partei konnte in Kiew nur noch im Untergrund arbeiten.                 Berichte von \u00dcbergriffen auf Synagogen und Juden mehrten sich,                 j\u00fcdische Gemeinden forderten ihre Mitglieder auf, im Haus zu bleiben.                 Nationalismus, Fremdenhass und Antisemitismus waren sicherlich                 nicht erst mit den Protesten entstanden, kamen nun aber unverh\u00fcllt                 zum Vorschein. Mir war unheimlich zumute. Ich f\u00fchlte mich unsicher                 und machtlos und stieg in den Zug zur\u00fcck nach Berlin. <\/p>\n<p>Innerhalb der zehn Tage, die ich auf der Krim verbrachte; war                 diese in die Aufmerksamkeit der Welt\u00f6ffentlichkeit ger\u00fcckt. Die                 Menschen dort verharrten in Sorge, viele w\u00e4ren gerne so wie ich                 abgereist, wenn sie gekonnt h\u00e4tten, viele wollten bleiben und                 Teil Russlands werden.<\/p>\n<p>Niemand wusste mehr, was geglaubt werden konnte. Die Ungewissheit                 machte alle unruhig, jeden Moment k\u00f6nnte es zu einem Schuss kommen,                 einer Explosion, und ein Krieg w\u00e4re ausgebrochen. Auch wenn ich                 nun wieder in Deutschland bin, die Angst und Fassungslosigkeit                 bleibt. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt war von Janukowytsch ein Kompromiss angeboten worden. Wenn der Majdan und die gro\u00dfe Einkaufsstra\u00dfe Chreschtschatyk ger\u00e4umt werden w\u00fcrden, w\u00fcrden die Gefangenen freigelassen werden, die im Zuge der Proteste inhaftiert worden waren. Ich konnte ohne Probleme \u00fcber den Majdan laufen. Die Barrikaden standen noch, niemand dachte daran sie abzubauen. \u00dcberall waren Ukraine- und Europafahnen. 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