{"id":13384,"date":"2014-04-01T00:00:02","date_gmt":"2014-03-31T22:00:02","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13384"},"modified":"2022-07-26T14:22:20","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:20","slug":"no-mataras-du-sollst-nicht-toeten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/04\/no-mataras-du-sollst-nicht-toeten\/","title":{"rendered":"&#8222;No matar\u00e1s&#8220; [&#8218;Du sollst nicht t\u00f6ten&#8216;]"},"content":{"rendered":"<h3>Die Vorgeschichte des EGP<\/h3>\n<p>Gegr\u00fcndet worden war der EGP neun Monate zuvor von einer Legende der intellektuellen Linken Lateinamerikas: dem argentinischen Journalisten Jorge Ricardo Masetti.<\/p>\n<p>Masetti war es gelungen, auf abenteuerlichen Wegen, w\u00e4hrend des Kampfes gegen die Batista-Diktatur auf Kuba, Fidel Castro und Ernesto &#8222;Che&#8220; Guevara in der Sierra Maestra zu treffen und beide zu Interviewen &#8211; zweimal sogar, denn die erste Radio\u00fcbertragung war in Argentinien nicht zu h\u00f6ren gewesen.<\/p>\n<p>Zum ersten Mal erfuhr der Kontinent von den Zielen der kubanischen Revolution\u00e4re aus deren eigenem Mund. Nach ihrem Sieg 1959 gr\u00fcndete Masetti gemeinsam mit dem ebenfalls aus Argentinien stammenden Schriftsteller Rodolfo Walsh ein Presseb\u00fcro, das unabh\u00e4ngig von nationalen Regierungen arbeiten und \u00fcber politische Missst\u00e4nde in Lateinamerika frei und unzensiert berichten sollte: Prensa Latina [&#8218;Lateinamerikanische Presse&#8216;]. Masettis eigene Reportage \u00fcber seine Erlebnisse in der Sierra Maestra, &#8222;Los que luchan y los que lloran&#8220; [&#8218;Die, die k\u00e4mpfen und die, die weinen&#8216;], wurde auch in Deutschland zu einem viel gelesenen Buch.<\/p>\n<p>Ernesto &#8222;Che&#8220; Guevara, Argentinier wie Masetti und Walsh, war zu Beginn der sechziger Jahre so etwas wie ein s\u00e4kularer Heiliger der lateinamerikanischen Linken. Er trieb nach dem Sieg auf Kuba die Gr\u00fcndung einer Guerilla in seinem Geburtsland Argentinien mit Macht voran. Zu diesem Zweck empfing er im Januar 1960 in Havanna eine Reihe von linken Studenten, Journalisten und Aktivisten. Er erkl\u00e4rte ihnen, dass Revolutionen von denen abhingen, die sie machten. Weder Theorien noch Analysen noch Vorbereitung w\u00fcrden viel helfen. Osvaldo Bayer, sp\u00e4ter ein ber\u00fchmter Schriftsteller mit stark anarchistischen Neigungen, war bei dem Treffen dabei. Er wagte einen scheuen Einwand: &#8222;Aber Che&#8230; Die Repressionskr\u00e4fte in Argentinien sind nicht so wie die von Batista auf Kuba. Sie sind sehr m\u00e4chtig und bestens informiert: Wenn sie uns mit der Provinzpolizei nicht besiegen k\u00f6nnen, dann machen sie&#8217;s halt mit der Nationalen Polizei. Und wenn das nicht klappt, holen sie die Gendarmerie, die Armee, die Luftwaffe, die Infanterie, die Marine&#8230;&#8220;. Die milde l\u00e4chelnde Antwort des Che hat Geschichte geschrieben: &#8222;Das sind alles S\u00f6ldner&#8220;.<\/p>\n<p>Man ist versucht, mit 54-j\u00e4hriger Versp\u00e4tung an Bayers Stelle zu antworten: &#8222;Stimmt. Aber wenn man S\u00f6ldner auf seine Seite ziehen will, dann muss man sie bezahlen&#8220;. Der Wirklichkeitsverlust der gewaltbereiten Linken Lateinamerikas sollte noch blutige Folgen haben.<\/p>\n<h3>Der Irrweg des Focalismo<\/h3>\n<p>Der Erfolg der kubanischen Revolution und die praktisch sofort einsetzende (Selbst)Mythisierung ihrer Akteure, die M\u00e4r, eine Hand voll entschlossener M\u00e4nner h\u00e4tte gen\u00fcgt, um ein korruptes und blutgieriges Regime zu st\u00fcrzen, schienen Guevara Anfang der sechziger Jahre allerdings noch Recht zu geben.<\/p>\n<p>Der von ihm entwickelte Focalismo, den man &#8211; mit viel gutem Willen &#8211; als eine Art revolution\u00e4rer Theorie bezeichnen k\u00f6nnte, sah vor, den US-Amerikanischen Einfluss im S\u00fcden des Kontinents dadurch zu brechen, dass in besonders &#8222;schwachen&#8220; Staaten oder Regionen Guerillaorganisationen gegr\u00fcndet wurden, die den Kampf gegen den Imperialismus und seine Handlanger aufnehmen sollten. Dieses &#8222;Streuen&#8220; der Revolution sollte so lange fortgesetzt werden, bis ganz Lateinamerika vom Joch der Diktatur, Ausbeutung und Fremdherrschaft befreit sein w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Vier Jahre nach dem Ende des EGP fand Guevara bei einem ganz \u00e4hnlichen Unternehmen in Bolivien selber den Tod. F\u00fcr b\u00fcrgerliche Intellektuelle wie Masetti war Guevara &#8211; von Hause aus Arzt &#8211; der lebende Beweis, dass es gen\u00fcge, ein Gewehr in die Hand zu nehmen und in den Urwald zu ziehen, um das Stigma der eigenen Klassenzugeh\u00f6rigkeit abzustreifen und die gesellschaftliche Lage zu verbessern. Gewalt galt als ultimative Konsequenz linkspolitischen Engagements. Sie anzuwenden war ein Ausweis f\u00fcr Entschlossenheit, Tatkraft und Gesinnungstreue.<\/p>\n<p>Masetti hatte schon in der Sierra Maestra mit Guevara Freundschaft geschlossen.<\/p>\n<p>Nachdem er zahllose Behinderungen der Arbeit von Prensa Latina durch korrupte und blutgierige Regime erleben musste, kam er zu dem Schluss, dass gewaltfreier Widerstand auf dem lateinamerikanischen Kontinent sinnlos sei. 1963 gab der bis dahin demokratisch gesonnene, friedliebende Masetti sein fr\u00fcheres Leben auf. Er wurde zu &#8222;Comandante Segundo&#8220; [&#8218;Kommandant Nr. 2&#8216;], benannt nach einer Romanfigur des argentinischen Schriftstellers Sarmiento, und schuf den EGP. Guevara unterst\u00fctzte von Kuba aus die winzige Guerilla mit Waffen und Material.<\/p>\n<p>Als Befehlshaber f\u00fchrte Masetti ein erbarmungsloses Regiment. Auf Homosexualit\u00e4t stand die Todesstrafe. Die einzigen Sch\u00fcsse, die der EGP w\u00e4hrend seines Bestehens abgab, t\u00f6teten keine &#8222;Feinde&#8220;, sondern zwei vorgebliche Verr\u00e4ter aus den eigenen Reihen: Adolfo &#8222;Pupi&#8220; Rotblat und Bernardo Groswald. Beide stammten aus j\u00fcdischen Familien. Ohne Kontakt zur armen Landbev\u00f6lkerung waren die jungen, ahnungslosen St\u00e4dter des EGP nicht in der Lage, im Urwald zu \u00fcberleben. Sie a\u00dfen alles, was sie finden konnten: G\u00fcrteltiere, Schlangen, Wurzeln, Insekten, Erde. Als sie schlie\u00dflich entdeckt und gestellt wurden, war niemand mehr \u00fcbrig, den zu bek\u00e4mpfen sich f\u00fcr das argentinische Milit\u00e4r ernsthaft gelohnt h\u00e4tte.<\/p>\n<h3>Von Rechts nach Links: Eine Erinnerung ver\u00e4ndert sich<\/h3>\n<p>In der politischen \u00d6ffentlichkeit Argentiniens ist seit einigen Jahren ein interessantes Ph\u00e4nomen zu beobachten: Nach Jahrzehnten des Kampfes engagierter Menschenrechtsgruppen gegen die Impunidad, die Straflosigkeit f\u00fcr T\u00e4ter der argentinischen Milit\u00e4rdiktatur (1976-1983), die nicht zuletzt mit dem Kampf gegen die bewaffnete Linke gerechtfertigt wurde und die zu den gro\u00dfen Menschheitsverbrechen des 20. Jahrhunderts z\u00e4hlt, verschiebt sich der Schwerpunkt der geschichtspolitischen Auseinandersetzungen allm\u00e4hlich von rechts nach links. Dabei werden nicht nur Fragen nach dem (fast vergessenen) EGP laut. Auch das Handeln des trotzkistischen Ej\u00e9rcito Revolucionario del Pueblo (ERP) und der linksperonistischen Montoneros, der gr\u00f6\u00dften und m\u00e4chtigsten Guerillagruppe der 70er Jahre, wird kritisch hinterfragt. Das jahrelang auf Seiten der Linken dominierende Heldenbild der Guerilla ger\u00e4t ins Wanken.<\/p>\n<p>Die Gr\u00fcnde f\u00fcr den aktuellen Wandel in der geschichtspolitischen Auseinandersetzung sind auf paradoxe Weise miteinander verschr\u00e4nkt: Zum einen beendete die Macht\u00fcbernahme Nestor Kirchners im Jahr 2003 endg\u00fcltig eine Politik des Beschweigens und Verleugnens der Vergangenheit, die sein Konkurrent und Vorg\u00e4nger Carlos Menem w\u00e4hrend seiner Pr\u00e4sidentschaft zur Staatsdoktrin erhoben hatte.<\/p>\n<p>Menems wirtschaftspolitischer Kurs, der Argentinien zielsicher in den Abgrund gef\u00fchrt hatte, war im Grunde eine Wiederauflage der katastrophalen Wirtschaftspolitik der Diktatur gewesen: eines Turbo-Neoliberalismus mit Folterkellern.<\/p>\n<p>Entsprechend wenig Interesse zeigte Menem an einer kritischen Aufarbeitung der Vergangenheit. Er begnadigte die 1985 verurteilten Kommandeure der Junta ebenso wie 60 ehemalige Guerillos &#8211; unter ihnen 13 Verschwundene (!) &#8211; und plante unter anderem, die Geb\u00e4ude der Escuela de Mec\u00e1nica de la Armada (ESMA) [&#8218;Technische Schule der Marine&#8216;], des gr\u00f6\u00dften und ber\u00fcchtigtsten Foltergef\u00e4ngnisses der Diktatur, in Buenos Aires abzurei\u00dfen.<\/p>\n<p>An ihrer Stelle sollte ein &#8222;Monument der nationalen Einheit&#8220; entstehen, ein monstr\u00f6ser Obelisk mit argentinischer Flagge. Ein Grabstein f\u00fcr die l\u00e4stige Vergangenheit. 1998 hatten Klagen von Opferverb\u00e4nden Erfolg: Die ESMA wurde als &#8222;Teil des kulturellen Erbes der Nation&#8220; f\u00fcr sch\u00fctzenswert erkl\u00e4rt. Heute ist sie eine Gedenkst\u00e4tte. Mit Kirchners \u00e4nderte sich der politische Kurs: Seine Zwangsumschuldung f\u00fchrte Argentinien nach dem Zusammenbruch der Wirtschaft 2001 allm\u00e4hlich aus der Krise.<\/p>\n<p>Die moralische Legitimit\u00e4t seiner Regierung jedoch lag, trotz aller Korruption, Selbstherrlichkeit und Skandale (auch international) vor allem darin, dass er die juristische Straffreiheit f\u00fcr Folterer und M\u00f6rder aus den Reihen der Milit\u00e4rs beendete. Seither sind in Argentinien hunderte von Prozessen gegen ehemalige T\u00e4ter aus der Zeit der Diktatur anh\u00e4ngig. Es war also m\u00f6glich, sich anderen Seiten der Vergangenheit zuzuwenden.<\/p>\n<p>Zum anderen jedoch positionierte sich Kirchner demonstrativ und medienwirksam auf Seiten der fr\u00fcheren Linken. Er berief ehemalige Guerillak\u00e4mpfer oder deren Sympathisanten auf wichtige Staatsposten und nannte sich \u00f6ffentlich stolz einen Ex-Montonero &#8211; einen unbewaffneten freilich.<\/p>\n<p>Diese erinnerungspolitische Umgewichtung gefiel beileibe nicht jedem. Mehr noch: Als 2006 die Neuauflage des ber\u00fchmten Nunca-M\u00e1s-Berichts \u00fcber die Verbrechen der Junta ver\u00f6ffentlicht wurde, tilgte man jene Passage aus dem Vorwort, die in der Erstauflage von 1984 davon gesprochen hatte, w\u00e4hrend der 70er Jahre sei die argentinische Bev\u00f6lkerung &#8211; selbst schuldlos &#8211; von zwei &#8222;D\u00e4monen&#8220; gepeinigt worden: dem Milit\u00e4r und der gewaltbereiten Linken. Diese &#8222;Theorie der zwei D\u00e4monen&#8220; war mit Recht jahrzehntelang (vor allem) von der politischen Linken als unzul\u00e4ssige Gleichsetzung von Staatsterrorismus und Guerillaaktivit\u00e4ten bek\u00e4mpft worden.<\/p>\n<p>Sie hatte eine kritische Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit nicht eben gef\u00f6rdert. Nun aber schien linksrevolution\u00e4re Gewalt f\u00fcr die politische Entwicklung der 70er Jahre bis hin zur Diktatur gar keine Rolle mehr zu spielen.<\/p>\n<h3>Eine &#8222;Selbstreinigung&#8220; der autorit\u00e4ren Linken?<\/h3>\n<p>Die Diskussion \u00fcber Rolle, Legitimit\u00e4t und Konsequenzen des bewaffneten Kampfes w\u00e4hrend der 1960er und 70er Jahre erfasste (und erfasst noch immer) in Argentinien weite Bereiche des \u00f6ffentlichen Lebens: Fernsehen, Presse, Theater, Literatur und vor allem der Dokumentarfilm nehmen sich des Themas an. Filme wie &#8222;Cazadores de Utop\u00edas&#8220; [&#8218;Utopienj\u00e4ger&#8216;] oder &#8222;Papa Iv\u00e1n&#8220; [&#8218;Papa Ivan&#8216;] sorgten, obwohl sie eigentlich nur in kleinen Programmkinos liefen, f\u00fcr Aufsehen und wurden hei\u00df diskutiert.<\/p>\n<p>Idealisierungen seliger Jugendzeiten oder eines selbstlosen Engagements f\u00fcr eine bessere Welt stehen scharfen Anklagen und Distanzierungen gegen\u00fcber. Auff\u00e4llig allerdings ist, dass (noch) vor allem die ehemals linkspolitisch Aktiven selber die Debatte zu dominieren scheinen. In wissenschaftlich hochwertigen Zeitschriften wie &#8222;Lucha armada en la Argentina&#8220; [&#8218;Bewaffneter Kampf in Argentinien&#8216;] schreiben ehemalige Montoneros oder Mitglieder und Sympathisanten des ERP, die eine wissenschaftliche Laufbahn eingeschlagen haben und zum Teil &#8211; wie Pilar Calveiro &#8211; durch die H\u00f6lle der Foltergef\u00e4ngnisse der Diktatur gegangen sind. Die Debatte wirkt wie eine Art Selbstreinigung, eine Katharsis und \u00f6ffentlich-kritische Aufarbeitung der eigenen, gewaltt\u00e4tigen Vergangenheit.<\/p>\n<p>Sie erscheint als Gegenentwurf zum jahrzehntelangen Vertuschen der Verbrechen auf Seiten der politischen Rechte.<\/p>\n<p>Aber ist dieser Eindruck zutreffend?<\/p>\n<h3>Die Wiederkehr des EGP<\/h3>\n<p>2004 war das Gespenst des EGP auf einmal wieder da &#8211; in Gestalt eines zweiteiligen Interviews in der linksintellektuellen Zeitschrift <i>La Intemperie<\/i>.<\/p>\n<p>Juan H\u00e9ctor Jouv\u00e9 hatte sein Engagement in der Guerilla nur deswegen \u00fcberlebt, weil er dem Milit\u00e4r Tage vor dem kl\u00e4glichen Hungertod seiner Kameraden in die H\u00e4nde gefallen war.<\/p>\n<p>Seine Schilderung der Ereignisse ist z\u00f6gerlich, l\u00fcckenhaft, stockend. Aber sie gen\u00fcgte, um einen Sturm auszul\u00f6sen: Der EGP sei, so Jouv\u00e9, bis ins Detail eine fast schon kindische Kopie der Guerilla Fidel Castros gewesen &#8211; ein Sandkastenspiel mit t\u00f6dlichem Ausgang.<\/p>\n<p>Die Exekutionen von Rotblat und Groswald seinen willk\u00fcrlich gewesen und h\u00e4tten die Falschen getroffen: Als die Guerilla aufflog, sei sie bereits von der Polizei unterwandert gewesen. Guevara habe den EGP eigentlich nur als Trainingslager f\u00fcr seine k\u00fcnftige Guerilla in Bolivien begriffen.<\/p>\n<p>Jouv\u00e9 warf ganz offen die Frage nach der Legitimit\u00e4t des bewaffneten Kampfes auf und zog eine bittere Bilanz: &#8222;Ich bin mir sicher, dass der argentinische Geheimdienst immer die gewaltbereite Linke gef\u00fcttert und gelockt hat. Er hat ihr etwas zum spielen gegeben, damit er sie dann schlagen konnte. Nicht nur, damit er sie dann schlagen konnte. Sondern, damit die Gewalt immer \u00fcber die Politik dominierte.&#8220;<\/p>\n<p>Im Dezember des gleichen Jahres schickte der Dichter und Philosoph Oscar del Barco einen offenen Brief an die Redaktion von La Intemperie.<\/p>\n<p>Er gab zu, w\u00e4hrend der 60er Jahre mit dem EGP sympathisiert zu haben: &#8222;Wir m\u00fcssen anerkennen, dass wir alle, die wir auf die eine oder andere Weise mit den Montoneros, dem ERP, der FAR oder sonst einer bewaffneten Organisation sympathisiert oder uns direkt oder indirekt an ihr beteiligt haben, verantwortlich sind f\u00fcr ihre Aktionen. [&#8230;] Es gibt kein &#8218;Ideal&#8216;, dass den Tod eines Menschen rechtfertigt [&#8230;]. Das Prinzip, auf dem jede menschliche Gemeinschaft aufruht, lautet: &#8218;Du sollst nicht t\u00f6ten&#8216;. [&#8230;] Immer erkl\u00e4ren sich die M\u00f6rder der einen oder anderen Seite f\u00fcr gerecht, f\u00fcr gut, f\u00fcr Boten der Erl\u00f6sung. Aber wenn man nicht t\u00f6ten soll und doch t\u00f6tet, so ist der, der t\u00f6tet, ein M\u00f6rder. Der, der sich am Mord beteiligt, ist ein M\u00f6rder. Und der, der die M\u00f6rder unterst\u00fctzt, und sei es nur mit seiner Sympathie, ist auch ein M\u00f6rder. Solange wir nicht die Verantwortung aufbringen, das Verbrechen zu erkennen, wird das Verbrechen gegenw\u00e4rtig bleiben. Mehr noch: Ich glaube, dass das Scheitern der revolution\u00e4ren Bewegungen, die Millionen von Toten in Russland, Rum\u00e4nien, Jugoslawien, China, Korea, Kuba usw. produziert haben, zum Teil damit zu erkl\u00e4ren ist, dass diese Bewegungen verbrecherisch handelten. Die sogenannten Revolution\u00e4re wurden zu Serienm\u00f6rdern, von Lenin, Trotzki, Stalin und Mao bis zu Fidel Castro und Ernesto Guevara. Ich wei\u00df nicht, ob es m\u00f6glich ist, eine neue Gesellschaft zu schaffen. Aber ich wei\u00df, dass es nicht m\u00f6glich ist mit Verbrechen und Konzentrationslagern. [&#8230;] Wenn ich dies sage, so will ich damit nicht andeuten, dass alles gleich sei. Der Mord allerdings, wer auch immer ihn begeht, ist immer gleich.&#8220;<\/p>\n<p>Wenig \u00fcberraschend, hatte dieses Schreiben ein Nachspiel. Jos\u00e9 Pablo Feinman, Ex-Montonero und Argentiniens bekanntester Fernsehphilosoph, spottete in einer \u00f6ffentlichen Vorlesung \u00fcber Del Barcos &#8222;mystischen Moralismus&#8220; und konterte das biblische Gebot &#8222;Du sollst nicht t\u00f6ten&#8220; mit der lapidaren Bemerkung: &#8222;Gewalt wird es immer geben&#8220;. Carlos Keshishi\u00e1n warf Del Barco in La Intemperie vor, der Rechten zuzuarbeiten, und erkl\u00e4rte jede politische Auseinandersetzung, bei der unvers\u00f6hnliche Positionen aufeinander prallten, zu einem &#8222;Krieg&#8220;.<\/p>\n<p>Luis Rodeiro dagegen begr\u00fc\u00dfte als einer von vielen Del Barcos Vorsto\u00df und schrieb, m\u00f6glicherweise habe die argentini-sche Linke noch immer nicht den Unterschied zwischen einer Diskussion und einem Dialog gelernt. Die Debatte um den bewaffneten Kampf biete die M\u00f6glichkeit, von alten, dogmatischen Positionen abzur\u00fccken.<\/p>\n<p>Die Auseinandersetzung nahm schlie\u00dflich ein solches Ausma\u00df an, dass ihre Beitr\u00e4ge 2008 in einem dicken Buch ver\u00f6ffentlicht werden konnten: &#8222;No matar. Sobre la responsabilidad&#8220; [&#8218;Nicht t\u00f6ten. \u00dcber die Verantwortung&#8216;].<\/p>\n<h3>&#8222;No matar&#8220; oder die Verweigerung von Verantwortung<\/h3>\n<p>Die in &#8222;No matar&#8220; versammelten Beitr\u00e4ge jedoch sind ein eindrucksvolles Dokument f\u00fcr die Verweigerung von Verantwortung. Der Anspruch der ehemaligen oder aktuellen Parteig\u00e4nger der autorit\u00e4ren Linken, als einzige fundiert \u00fcber ihre Vergangenheit sprechen zu k\u00f6nnen, l\u00e4sst die Debatte von vorne herein ins Leere laufen.<\/p>\n<p>Das Problem wird &#8211; aus gutem Grund &#8211; in den Raum unverbindlicher Abstraktionen und philosophischer Prinzipien verschoben. Keine intellektuelle Krafthuberei kann verbergen, dass keiner der Diskutanten es riskieren m\u00f6chte, m\u00f6gliche eigene Schuldverstrickungen einzugestehen, die ein gerichtliches Nachspiel haben k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Auch Oscar del Barcos &#8222;mea culpa&#8220; erinnert eher an \u00f6ffentliche Entschuldigungen der katholischen Kirche f\u00fcr vergangene Schandtaten. Es ist denkbar unverbindlich. An keiner Stelle wird zum Beispiel deutlich, wie Del Barcos Unterst\u00fctzung f\u00fcr den EGP im Jahre 1963 tats\u00e4chlich aussah. Der hohe Ton verdeckt eigene Verantwortung. Stattdessen fordert Del Barco in seinem offenen Brief den argentinischen Dichter Juan Gelman, auch er ein ehemaliger Parteig\u00e4nger der bewaffneten Linken, auf, sich &#8222;seiner Verantwortung zu stellen&#8220;. Er selber mag dies ganz offensichtlich nicht tun. Die auff\u00e4llige Unverbindlichkeit der Schuldgest\u00e4ndnisse in &#8222;No matar&#8220; l\u00e4sst einen anderen Aspekt der Debatte umso st\u00e4rker ins Licht treten: n\u00e4mlich den moralischen. Im Grunde dient &#8211; bis heute jedenfalls &#8211; die Debatte vor allem der moralischen &#8222;Aufh\u00fcbschung&#8220; der argentinischen Linksintelligenz.<\/p>\n<p>Der Streit bleibt weitgehend &#8222;in der Familie&#8220;. So wird die hohe moralische Gesinnung ihrer Mitglieder unterstrichen &#8211; und niemand muss f\u00fcrchten, mit Fragen konfrontiert zu werden, die die ansprechende Fassade zerkratzen k\u00f6nnten. Die moralische Legitimit\u00e4t des fr\u00fcheren, wiewohl irregeleiteten Engagements wird durch die scheinbare Bereitschaft, sich den S\u00fcnden der eigenen Vergangenheit \u00f6ffentlich zu stellen, nachtr\u00e4glich beglaubigt. Die scheinbare Selbstreinigung der argentinischen Linken ist in Wahrheit der Versuch, eine m\u00f6glicherweise bedrohliche Dynamik der Debatte zu kontrollieren. Und noch etwas f\u00e4llt auf, wenn man die Beitr\u00e4ge von &#8222;No matar&#8220; gr\u00fcndlich liest: Die (selbst)kritische Distanzierung vom Guevarismus geht nicht einher mit einer politischen (Neu)Orientierung an anderen, weniger autorit\u00e4ren oder gewaltt\u00e4tigen Formen des zivilen Widerstands (z.B. des Zapatismus). Dies ist umso augenf\u00e4lliger, als sich in Lateinamerika (zum Beispiel in Brasilien) weniger medial exponierte Basisgruppen sehr wohl auf derartige Widerstandsformen beziehen und diese produktiv nutzen. Auch im Politischen ist die Debatte also (bisher) denkbar unverbindlich geblieben.<\/p>\n<p>Sie offenbart au\u00dferdem die altbekannten politischen Engstirnigkeiten. Der Anspruch auf exklusiven Besitz unhintergehbarer politischer Wahrheiten, der nicht unwesentlich f\u00fcr die gewaltsame Zuspitzung der Konflikte w\u00e4hrend der 60er und 70er Jahre verantwortlich war, ist nicht Gegenstand der Kritik.<\/p>\n<p>Politische Graut\u00f6ne sind auch heute noch die Sache der autorit\u00e4ren Linken nicht. So reduziert sich der politische Gehalt der Debatte meist auf folgenden Satz: &#8222;In Ordnung. Unser fr\u00fcheres Engagement war falsch. Daf\u00fcr ist vern\u00fcnftiges Engagement heute \u00fcberhaupt nicht mehr m\u00f6glich&#8220;. Menems Obelisk &#8211; zu Beginn des 21. Jahrhunderts von Linken wie Oscar del Barco, Jos\u00e9 Pablo Feinman und anderen in den Seiten eines linksintellektuellen Feuilletons errichtet. Eine paradoxe Situation.<\/p>\n<p>Es bleibt abzuwarten, wie die Debatte sich weiter entwickeln wird. Eines jedoch steht bereits fest: In keiner Diskussion der Welt, die sich mit politischer Gewalt auseinandersetzt, darf es den ehemaligen AkteurInnen und ihren SympathisantInnen allein \u00fcberlassen bleiben, dar\u00fcber zu befinden, ob ihr Handeln politisch und moralisch gerechtfertigt war. Eine solche Diskussion muss frei und offen gef\u00fchrt werden, frei auch und vor allem von politischen Vertr\u00e4glichkeiten. Sonst k\u00f6nnte man sie genauso gut bleiben lassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Vorgeschichte des EGP Gegr\u00fcndet worden war der EGP neun Monate zuvor von einer Legende der intellektuellen Linken Lateinamerikas: dem argentinischen Journalisten Jorge Ricardo Masetti. 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