{"id":13390,"date":"2014-04-01T00:00:38","date_gmt":"2014-03-31T22:00:38","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13390"},"modified":"2021-04-12T12:06:55","modified_gmt":"2021-04-12T10:06:55","slug":"staatsfetischismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/04\/staatsfetischismus\/","title":{"rendered":"&#8222;Staatsfetischismus&#8220;"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Dass Staat und Kapital zwei Seiten derselben, abzuschaffenden Medaille sind, ist in einer sich radikal geb\u00e4rdenden Linken Konsens, wenn auch zumeist nur begriffslose Phrase. Obgleich sich die Kritik des Kapitals viel zu h\u00e4ufig noch in einer Kritik an Kapitalisten oder der blo\u00dfen Verteilung des Reichtums ersch\u00f6pft, haben mittlerweile verschiedene, an Marx ankn\u00fcpfende Theoriestr\u00e4nge, insbesondere Frankfurter (Kritische Theorie) und N\u00fcrnberger (Wertkritik) Provenienz, sein Fetischkonzept ins Zentrum der Kapitalismuskritik ger\u00fcckt. Kerngedanke dieses von Marx als Waren-, Geld- und Kapitalfetisch eingef\u00fchrten Begriffs ist das Gerinnen sozialer Beziehungen zu verfestigten Formen, die sich den eigentlichen Urhebern gegen\u00fcber verselbstst\u00e4ndigen und deren Inhalt sich verkehrt darstellt und damit verh\u00fcllt wird.<br \/>\nWenn nun davon ausgegangen wird, dass das Prinzip des Fetischismus nicht notwendig an die von Marx aufgezeigte \u00f6konomische Bestimmung gekoppelt ist, dann stellt sich die Frage, ob und inwieweit der Begriff andere soziale Verh\u00e4ltnisse in der kapitalistischen Gesellschaft analysieren kann. Dieser Aufgabe stellt sich Alexander Neupert in seiner nun ver\u00f6ffentlichen Dissertation \u00fcber den &#8222;Staatsfetischismus. Rekonstruktion eines umstrittenen Begriffs&#8220;. Dabei geht es ihm nicht darum, die Marxsche Staatskritik, die nur aus vielen einzelnen Fragmenten besteht, zu rekonstruieren, sondern den Begriff des Staatsfetischismus anhand unterschiedlicher, an Marx ankn\u00fcpfender Theorien darzustellen. Denn Marx selbst hat den Begriff selbst nicht benutzt. Neupert unterscheidet daher drei Wege dieser Begriffsentfaltung: Die blo\u00dfe \u00dcbertragung des Fetischbegriffs auf den Staat; die Erg\u00e4nzung, das hei\u00dft, es wird aufgezeigt, dass &#8222;der Fetischismus der \u00f6konomischen Formen notwendig von einem Fetischismus der politischen Formen erg\u00e4nzt wird&#8220; (Neupert 2013: 11) und die Implikation, die darauf hinauszielt, darzulegen, dass der Begriff Staatsfetisch in der Marxschen Kritik implizit angelegt sei. Mit diesen Vorannahmen versucht Neupert die Leitfragen zu kl\u00e4ren: &#8222;Was sind die Formbestimmungen des modernen Staates, die dessen Fetischcharakter begr\u00fcnden sollen? Welchen Erkenntnisgewinn bietet die Verwendung des Begriffs Staatsfetischismus und welche Forschungsfragen ergeben sich daraus? Worin bestehen die Intentionen, Argumente und Schlussfolgerungen der TheoretikerInnen, die den Begriff des Staatsfetischismus verwenden?&#8220; (ebd.: 9 f.) Die Formbestimmung sollte hierbei noch mal gesondert betont werden. Ihm geht es nicht darum, die konkrete politische Ausgestaltung des Inhalts zu thematisieren, sondern um die kategoriale Kritik der Form des Staates, deren praktische Konsequenz die Abschaffung von Staat und Kapital und keineswegs die scheinemanzipatorische Beteiligung an den bestehenden politischen Institutionen ist.<br \/>\nDiese Rekonstruktion des Begriffs geschieht dabei entlang unterschiedlicher Str\u00e4nge, die sich alle mehr oder weniger unter dem Label westlicher Marxismus und deren Nachfolger b\u00fcndeln lassen. Anarchistische Staatskritiken werden an keiner Stelle gesondert diskutiert.<br \/>\nGrob eingeteilt werden diese Theorien in drei Zeitepochen, um auch der Entwicklung des Begriffs Rechnung zu tragen. Ein erster Block widmet sich der &#8222;Kritik am Rechtsstaat ab 1917&#8220;, dessen historischer Kontext vor allem der Aufstieg und Niedergang des liberalen Staates ist. Diskutiert werden die informellen Begr\u00fcnder des westlichen Marxismus Georg Luk\u00e1cs und Eugen Paschukanis, sowie Vertreter der Frankfurter Schule und deren Auseinandersetzung mit dem NS-Staat.<br \/>\nDer zweite Teil behandelt den (fordistischen) Sozialstaat, wie er in der Staatsableitungsdebatte in den 1970er Jahren kritisiert wurde. Johannes Agnoli wird in diesem Kontext als Vorl\u00e4ufer diskutiert. Die gr\u00f6\u00dfte Bandbreite bietet die &#8222;Kritik am Nationalstaat ab 1981&#8220;. Hier werden die Ans\u00e4tze des Wertkritikers Robert Kurz und des Postoperaisten John Holloway, sowie die Staatstheorie von Joachim Hirsch als auch die antideutsche Fetischkritik behandelt. Jeder Strang wird separat diskutiert. Diese Vorgehensweise bietet den Vorteil, die einzelnen Kapitel auch getrennt voneinander durcharbeiten zu k\u00f6nnen, zumal sie oft auch als allgemeine Einf\u00fchrung in diese Theorierichtung mit Fokus auf den Staat gelesen werden k\u00f6nnen. Im Umkehrschluss steht damit nat\u00fcrlich die allgemeine Begriffsentfaltung im Schatten der besonderen Staatsfetischbegriffe. Aber ein eigener, ausgearbeiteter Staatsfetischbegriff ist letztlich auch nicht Neuperts Ziel, sondern die Rekonstruktion verschiedener Ans\u00e4tze. Und die gelingt ihm hervorragend.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass Staat und Kapital zwei Seiten derselben, abzuschaffenden Medaille sind, ist in einer sich radikal geb\u00e4rdenden Linken Konsens, wenn auch zumeist nur begriffslose Phrase. 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